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Schlachtfest

Yeah Yeah Yeahs
The Blood Brothers/ Standstill/ Pretty Girls Make Graves/ Tigerbeat

Köln, Bürgerhaus Stollwerck
15.08.2003

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Yeah Yeah Yeahs
"Monsters Of Spex" - das Thema des Abends hätte treffender nicht gewählt sein können. Denn wahrlich monstermäßiges gab es bei diesem Popkomm-Showcase im Bürgerhaus Stollwerck zu bewundern. Die Macher des Abends hatte die erste Riege der momentan angesagtesten Nihilistenkapellen geladen und sich eine an Dramatik kaum noch zu überbietende Dramaturgie überlegt, die da lautete: Lauter - Schneller - Mord und Totschlag.
Dabei fing alles noch recht sortiert an. Tigerbeat aus Hamburg wissen ja schon seit einiger Zeit mit ihrer Variante des Maximum Rhythm & Blues zu überzeugen. Im Vergleich zu dem, was dann noch folgen sollte, waren der angeblueste, mit souligen Swamp-Elementen verquickte explosive Rock'n'Roll, den Frehn und Co. da vorlegten, noch zweifelsohne das Bodenständigste, das man bei diesem Festival zu hören bekommen sollte. Das besondere Schmankerl lieferte wie stets Keyboarder Fever, der mit seinem Fender Rhodes und analogen Synthesizer für interessante Akzente sorgte. Übrigens waren Tigerbeat neben den Yeah Yeah Yeahs die zweite Band an diesem Abend ohne Bass. Hier wie dort fiel dies indes weder auf noch ins Gewicht.

Pretty Girls Make Graves aus Seattle, die gerade mit den Blood Brothers auf Tour waren, nutzten die Gelegenheit, ein wenig Werbung für die Veröffentlichung ihres anstehenden Albums "The New Romance" zu machen. So richtig romantisch waren die komplexen, vertrackten, beinahe neurotischen und mit vielen Haken, Ösen, Wendungen, Stops und sonstigen Feinheiten durchsetzten Up-Tempo-Songs dann aber doch nicht. Sängerin Andrea Zollo war offensichtlich immer noch erfreut über den positiven Zuspruch, den die Band auf der laufenden Tour erfahren hatte, lief gut gelaunt auf der Bühne hin und her und hämmerte ihre feministisch angehauchten Agit-Prop-Parolen im mittlerweile zum Markenzeichen gewordenen hektischen Stakkato heraus. Das war insofern nicht verwunderlich, als dass die ganze Band bemüht erschien, alle Tracks so schnell und hektisch wie möglich zu präsentieren. Und das erforderte schon einiges an Talent, denn die nach einem Smiths-Song benannte Band ist nicht eben für lineare Punk-Songs bekannt. Ganz im Gegenteil: Auf "The New Romance" überzeugen sie vielmehr durch stilistische Vielseitigkeit und bemerkenswert abwechslungsreiche Songs - bestes Beispiel der auch hier vorgestellte, am Rande des alternativen Art-Rock entlangbalancierende Track "This Is Our Emergency". Und so überzeugten dann besonders Drummer Nick Dewitt als polyrhythmischer Motor der Band und Gitarrist Jay als wahrlich virtuoser Gitarrentechniker, der die wildesten Licks in halsbrecherischer Manier aus seinem Instrument zwirbelte. Dazu, die mitgebrachten Keyboards einzusetzen, kam er indes nur ansatzweise, denn bereits kurz nachdem er an die Tasten gewechselt hatte, wurde der Band der Saft abgedreht. Schade eigentlich, denn da wäre noch mehr drin gewesen.

Standstill aus Barcelona verfolgten dann einen gänzlich anderen Ansatz. Die Band, die auf der letzten E.P. "The Last Kiss" mit einem gänzlich akustischen Werk auf sich aufmerksam gemacht hatte, ließ nichts anbrennen. Sänger Enric turnte wie ein Spargeltarzan auf der Bühne herum, schrie sich die Seele aus dem Leib und tat vor allen Dingen eines nicht: Still stehen. Seine Mannen waren in der Zwischenzeit damit beschäftigt, epische und dank allerlei spaciger Effekte auf den Gitarren vor allen Dingen psychedelischen Ausflüge in die weite Welt des No-Nonsense-Hardcore zu wagen. Das mitgebrachte Keyboard wurde eigentlich nur für einige Intros hergenommen, während Enric dann für einen Track tatsächlich auch die akustische Gitarre hervorholte. Natürlich gab es aber auch an dieser Stelle keine Unplugged-Einlage - dafür sind Standstill auch nach acht Jahren im Business irgendwie immer noch zu zornig.

Mittlerweile hatten sich die Stagediver auch eingesprungen und als dann die Blood Brothers aus Seattle vor die dampfende Menge traten, gab es wahrlich kein Halten mehr. Nicht umsonst gelten die Jungs als kompromissloseste, musikalisch wagemutigste, aber auch brutalste und ergo konsequenteste Band auf dem Hardcore Sektor. Eigentlich haben die Blood Brothers nur ein Stück - und dieses dient dazu, eine Bresche in alle Erwartungshaltungen zu schlagen, jegliche Gegenwehr bereits im Keim zu ersticken und auszuloten, wie weit man denn eigentlich gehen kann. Obwohl die Jungs im Dialog mit dem Publikum durchaus sanfte Töne anzuschlagen wussten ("Ihr seid wirklich süß") gab es showtechnisch keinerlei Erbarmen. Während die beiden "Sänger" am vordersten Bühnenrand in spastische Bewegungen verfielen und unisono oder gegeneinander die surrealen Lyrics ("I fed its limp indifferent walls tales of an ark haunted with the five howls; I tied a nervous noose of piano wire and wrapped it around the mocking throat of the past") herausbrüllten, waren die drei Musiker des Konglomerats bemüht, möglichst alles in den Schatten zu stellen, was vorher eine Band schon mal in puncto Aggressivität und Power versucht hatte. Mit Ausnahme von einigen bewusst antithetischen Momenten, in denen so etwas wie Strukturen oder Melodien angetäuscht wurden, gab es nur das volle Brett. Anders als auf dem vom Limp Bizkit Produzenten Ross Robinson hochpolierten Album "Burn, Piano Island, Burn" war hier natürlich kein Platz für Feinheiten. Statt dessen nahmen die Blood Brothers das Publikum mit auf ihre musikalische Höllenfahrt ohne Handbremse und sorgten dafür, dass der Pegel aus Schweiß, Testosteron und Adrenalin beständig an der Grenze zum Überkochen gehalten wurde. Außer der Tatsache, dass die Band inhaltlich keine Botschaft zu haben scheint, überraschte auch noch, dass das Konzert NICHT das lauteste des Abends war. Egal wie man zu dieser Art von Musik nun stehen mag: Man muss doch attestieren, dass die Blood Brothers ziemlich einzigartig dastehen.

Das konnte man von den Yeah Yeah Yeahs nicht unbedingt behaupten. Zu schamlos bedient dieses Trio die Erwartungshaltungen des Publikums, als dass man hier von wirklich originärem Schaffen sprechen könnte. Indes: So lange es dermaßen gekonnt und effektiv dargeboten wurde wie in diesem Fall, störte dies nun wirklich niemanden. Die Yeah Yeah Yeahs sind vor allen Dingen erst mal cool. Ohne erkennen zu lassen, ob ihm das nun Spaß machte oder nicht, spielte Nick Zinner seine bauchigen Breitwand Gitarren durch zwei relativ kleine, aber am jeweiligen Ende der Bühne aufgebauten Verstärker - wodurch sich ein satter Stereo-Sound einstellte. Drummer Brian Chase scheint sich auf den ersten Blick eher unauffällig einzubringen - wenn es drauf ankommt, ist er indes schon in der Lage, den einen oder anderen Wirbelsturm zu entfachen. Das ist aber alles Nebensache wenn Karen O. die Bühne betritt und mit ihren betont theatralischen Posen alle Blicke auf sich zieht. Ihr scheint die z.T. parodistische und z.T. provokative Performance indes tatsächlich Spaß zu machen und jedesmal dann, wenn der Applaus besonders aufbrandet, huscht ein schämisches Grinsen über das wirr geschminkte Gesicht. Auch wenn das Programm aus erdigem, schmutzigen Rock'n'Roll zu bestehen scheint: Der dramatische Effekt gehört bei den Yeah Yeah Yeahs zweifelsohne gleichberechtigt zur Show. Musikalisch kam die Sache live deutlich dünnblütiger rüber als auf der CD "Fever To Tell". Da kann man mal sehen, was gedoppelte Gitarren ausmachen, wenn man nicht über einen natürlichen Fundus verfügt, womit man dieses Manko dann im Live-Spiel ausgleichen kann (wie das z.B. bei Jack White der Fall ist). Da halfen auch einige eingespielte Samples nicht wirklich weiter. Unter dem Strich wurden die Yeah Yeah Yeahs indes gefeiert, wie es ihrem Status als Kultband entspricht. Insofern bildete ihr Set dann auch den würdigen und krönenden Abschluss eines der letzten Popkomm Konzertes auf Kölner Boden.

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Surfempfehlung:
www.yeahyeahyeahs.com
www.thebloodbrothers.com
www.prettygirlsmakegraves.com
www.tigerbeat.de
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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