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Konzert-Bericht
 
Wikinger im Weltall

Midnight Choir
Bigbang

Bonn, Harmonie
11.09.2003

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Midnight Choir
Inoffiziell (also in Norwegen) haben Bigbang ja soeben ein Live-Doppelalbum veröffentlicht. Da dieses aber bei uns nur über Umwege zu haben sein dürfte, war es ganz günstig, dass die Jungs - in einer Art Neuauflage ihres ersten Deutschland-Auftrittes, den sie ebenfalls mit Midnight Choir absolvierten - anlässlich der Crossroads-Aufzeichnungen des WDR bei uns vorbeischauten, um sich in Erinnerung zu rufen. Das klappte wie immer sehr verlässlich. Das Trio hat sich mit seiner merkwürdigen Mischung aus 60s mäßigem Led Zeppelin Blues Rock und Crosby Stills Nash & Young Harmonien eine selbst für Norweger eigenartige Nische erspielt. Dass die Jungs mehr Energie haben als andere, erklärt Frontmann Oystein Greni ja so, dass es dort wo sie herkommen, so kalt ist, dass man sich das gar nicht vorstellen könne - also müsse man Rock Musik machen, um sich warm zu halten. Und das taten der Skateboard-Freund und seine Mannen dann auch.
Gleich der Opener, "Easy Rider", zeigte, wo's lang ging. Lange, beinahe ausufernde, druckvolle und verspielte Instrumentalpassagen, bei denen allen drei Akteuren breiter Raum gegeben wurde, sich auszuleben wechselten sich ab mit energisch vorgetragenen Rock-Songs - so wie einigen überraschenden Akustik-Einlagen; darunter eine ziemlich beeindruckende Solo-Version des Titeltracks des letzten Albums, "Front Side Rock'n'Roll" (Übrigens: Das ist der Name einer Sprungfigur aus der Skateboard Welt). Zwar wurde die Truppe von einigen technischen Problemen geplagt (der Bass-Verstärker haperte hin und wieder), das machten sie jedoch mit Körpereinsatz wieder wett. Leider teilweise vergeblich, denn das Publikum reagierte bemerkenswert schnarchnasig! "Dieser Song handelt davon, was man denkt, wenn man stirbt", kündigte Oystein dann "Before You Die" an, nur um dann vorsichtshalber zuzufügen, dass es ein fröhlicher Song sei. Die Kernaussage des Tracks ist die, dass er am meisten vermissen würde, nicht mehr Gitarre spielen zu können, wenn er denn mal tot sei. Und das versuchte er dann auch als gespielten Witz auszuleben, indem er den ganzen Abend recht energisch sein Instrument liebkoste. Das war allerdings gar nichts gegen das, was Wurzelmännchen Olaf Olson hinter seinem Drumkit veranstaltete. "Er ist der wahre Wikinger", lobte Oystein seinen barttragenden Hippie-Drummer. Und der freute sich wie ein Schneekönig und haute noch hemmungslos auf seine Trommelfelle. Hätten nicht so viele Teppiche auf der Bühne gelegen, so meinte Oystein, dann hätte man am liebsten noch mehr herumgetanzt. Am besten funktionieren bei Bigbang die Stücke, in denen viel mit Dynamik gearbeitet wird und in denen sich Oysteins Sinn für abenteuerliche Harmoniefolgen mit dem Drang nach vorne in idealer Weise ergänzen. Bei dieser Show waren das z.B. das Frühwerk "Wild Birds", "Welcome To The Mountains" oder das erstaunlich balladeske "Long Distance Man", das Oystein den Kollegen von Midnight Choir widmete, die ja eher für die Vertonung der melancholischen Seite der norwegischen Seele zuständig sind.
Das war anlässlich dieser speziellen Show aber gar nicht mal so angebracht. Nachdem die Bühne von den WDR-Mitarbeitern in eine Art Rosenbestücktes Wohnzimmer umgebaut worden war, betraten Midnight Choir in der aktuellen Besetzung mit Drummer Lee Harris (ehemals Talk Talk) und dem neuen Berliner Bassisten die Bühne. Was aus seinem buddhistischen Vorgänger Ron Olson geworden ist, bleibt zunächst mal nebulös. Jedenfalls wird er bis auf weiteres "außerhalb Norwegens" nicht mehr dabei sein. Egal: Nachdem Paal Flaata die Anwesenden mit dem üblichen freundlichen Lächeln begrüßt hatte, entsprachen die ersten Songs, bei denen Al De Leoner noch am kerzenbeschienenen Piano saß bzw. die akustische Gitarre spielte, noch den Erwartungen, die man in letzter Zeit an ein Midnight Choir-Konzert gestellt hatte. Mit epischen, schwermütigen Tracks vom Kaliber "Lloyd Bridges" wogen die Jungs die Zuschauer (und die an diesem Abend bemerkenswert rücksichtsvoll agierenden Kameraleute) in trügerischer Sicherheit. Dann jedoch packte Al seine elektrische Gitarre aus und plötzlich spielten die Jungs den intergalaktischen Blues - und zwar jenen, den auch schon Pink Floyd zu ihren besten Zeiten nicht besser hinbekommen hätten. Das passte ganz gut zu den Stücken des aktuellen Albums, "Waiting For The Bricks To Fall", die so plötzlich in einem ganz anderen Licht erschienen. "Motherless Child" geriet so z.B. gar zu einer unwirklichen, psychedelischen Klangwolke, in der Paals Stimme strahlte und prahlte wie sonst noch nie. Aber auch ältere Tracks, wie "Mercy In The Street", bei dem Al zu einem seelenvollen Solo-Flug abhob und dabei quasi in Sphären vorstieß, die nie zuvor ein Norweger gesehen hatte, gerieten so zu wahrlich beeindruckenden Rock-Epen, die daran erinnerten, dass die Wurzeln der Band gar nicht so ausschließlich in der Melancholie liegen, wie sie uns das seit "Amsterdam Stranded" gerne weismachen möchten. Natürlich durfte da auch "Sister Of Mercy" mit seinen unbezwingbaren Riffs nicht fehlen, bei dem dann auch Paal zur Elektrischen griff. Einen großen Anteil am Gelingen der Show hatte übrigens Lee Harris, dessen eher empathisches als virtuelles Trommelspiel wirklich hervorragend zu der sehr organischen Energie passte, die Al und Paal an diesem Abend verströmten. Da passte es auch, dass der neue Bassist fast die ganze Show über dem elektrischen Instrument frönte, mit dem Ron ja nicht so gut zurecht kam. Mit dieser Show empfahlen sich Midnight Choir jedenfalls wieder einmal als ausgezeichnete Live Band, die es offensichtlich versteht, sich ganz genau der entsprechenden Situation anzupassen (denn natürlich richtet sich die Crossroads-Serie ja eher an die Rock-Freunde). Ihr Pulver haben die Jungs jedenfalls noch lange nicht verschossen.

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Surfempfehlung:
www.midnightchoir.org
www.smallbang.net
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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