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Fuck & Shit & alle machen mit

Peaches

Köln, Gebäude 9
24.09.2003

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Peaches
Also, dass man nicht jede Materialschlacht mitmachen muss, ist schon klar. Aber so ganz ohne alles? Das, was Peaches im Gebäude 9 hatte aufbauen lassen, war jedenfalls die leerste Bühne seit David Byrne mit seinem Ghetto-Blaster "Stop Making Sense" eröffnet hatte... Das hatte aber alles seine Gründe: Außer zwei schrotzigen Poser-Gitarren, einem Mikro, wenig Kleidung und sich selbst, braucht Peaches nämlich nichts, um die Massen mitzureißen. Doch: Platz. Das körperlich eher zierliche Energiebündel stand nämlich keine Sekunde lang still, sondern tobte wie ein Derwisch am Bühnenrand entlang und belästigte die willigen Zuschauer mit obszönen Gesten und jeder Menge kanalisierter Frauenpower. Man lernte eine ganze Menge bei diesem Konzert: Wie man Bananen richtig isst, dass man aus Müllsäcken prima Catwoman-Bondage-Kostüme basteln kann, dass andauerndes Stroboskop-Gewitter in Kombination mit kontinuierlichem Trockeneisnebel nicht nur alle Nervenzellen, sondern auch die Elektronik digitaler Kameras zum Kollaps bringt und dass man nicht persönlich anwesend sein muss, um eine Konzerthalle zum Toben zu bringen.
Der Reihe nach: Das solide Gebäude 9 war bis zum Bersten gefüllt mit einer Fangemeinschaft, die diesen Namen tatsächlich noch verdient. Es herrschte eine fanatische, militante, ja religiöse Begeisterung vor, die Peaches nur noch abzuschöpfen brauchte - wozu ihr bloßes Erscheinen ausreichte. Eines war klar: Egal ob Männlein oder Weiblein, man war gekommen, der Göttin der Provokation zu huldigen - um jeden Preis. Und so wogte und tobte die Masse dann von der ersten Sekunde an in einer unglaublichen Extase vor der Bühne auf und ab, dass es die reine Freude war. Peaches Musik - und das wissen alle - ist bloßer, altmodischer, ehrlich gemeinter Trash. Nicht umsonst pries die Hohepriesterin z.B. die Cramps und nicht umsonst lief zum Schluss ein Joan Jet Sample. Wer Subtilität bei Peaches sucht, der sucht vergebens. Ebenso wie Melodien oder Balladen. Hier gibt es nur eines: Wortgewordene Provokation en gros. Mit einer Einschränkung: "I'm not a Rapper" heißt es ganz richtig in einem Peaches Track. Peaches Performance ist eine Mischung aus Schreien, Grölen und Sprechgesang. Wie mit dem Holzhammer drischt sie dabei ihre Parolen unters Volk: "Shake Yer Dix, Shake Yer Tits" - heißt es ca. 500 Mal bis es auch wirklich jeder begriffen hat. Dennoch läuft sich dieser Gag weniger nervig tot, als man das vielleicht vermuten könnte, denn Peaches ist eine hervorragende Performerin: Alles ist dermaßen überzogen, einstudiert und aufgeblasen, dass jedes Klischee immer noch erfreulich kurzweilig breitgetreten wird. Schon als Peaches mit blonder Perücke und Glitzer-Gitarre die Bühne betrat, und mit coolen Posen ein paar rüde Riffs zu den gnadenlosen Elektro-Beats, die 99% des musikalischen Parts ausmachten, unters Volk streute, war klar: So ganz ernst nehmen darf man das alles nicht. Aber Selbstironie ist ja schließlich ein Teil des Programmes: Aus der Selbstironie erwächst Selbstbewusstsein und hieraus die Provokation: "I Don't Give A Shit" heißt nicht nur so, sondern ist vor allen Dingen auch so gemeint.
Unterstützen ließ sich Peaches von zwei lasziven Go-Go-Girls, die in allerlei lustigen Verkleidungen (darunter die angesprochenen Catwoman-Kostüme) allerlei schmutzige Sachen auf der Bühne veranstalten. Jedenfalls das, was man in den USA für schmutzige Sachen hält. Die FSK hätte diese Show wohl mit einer Altersfreigabe zwischen 12 und 16 versehen. Der mitgebrachte "XXX" Umhang war da schon notwendig, um die subversiven Intentionen auch deutlich zu illustrieren. Natürlich bildeten die Songs des neuen Album "Fatherfucker" das Rückgrat der Show. "Are you Farserfackers?" frug Peaches mit französischem Akzent aus dem Off - und fügte ein energisches "Merde!" hinzu, nachdem das nonverbale Grunzen des Publikums als positiver Bescheid gewertet werden durfte. Und dann ging's weiter mit gymnastischen Verrenkungen und der Frage, wie viele Panties man denn wohl übereinander bzw. untereinander tragen kann, ohne dabei gleich mollig zu wirken. Eine andere Frage allerdings stand bis fast zuletzt um Raum: Wie würde Peaches wohl das Problem lösen, dass auf dem besten Stück ihrer Scheibe, "Kick It", immerhin Altmeister Iggy Pop mitmacht? Ganz einfach: Sie hatte ihn dabei. Zwar nur als Rück-Projektion auf einer flugs herbeigeschafften Leinwand, aber immerhin. Das war so gut gemacht, dass dieser Track zum Höhepunkt der Show geriet. Nicht, dass das zu spüren gewesen wäre, denn ab einem bestimmten Zeitpunkt war die Stimmung auf einem hysterischen Level angelang, der sich einfach nicht mehr steigern ließ, sondern kontinuierlich bis zum Ende durchgereicht war. Zur Zugabe ließ Peaches sich dann noch Nahrungsmittel ("Keine Zigaretten oder Kaugummis bitte") auf die Bühne werfen und verabreichte diese dann auf z.T. experimentelle Art und Weise einem zugedröhnten Jüngling aus dem Auditorium. Zuguterletzt durfte noch ein Mädel aus dem Publikum auf die Bühne und einen Song mitsingen. Peaches - und das war die Erkenntnis des Abends - hätte vermutlich auch die ganze Zeit über bloß Kunststücke mit Obst machen brauchen und wäre trotzdem frenetisch gefeiert worden. Fazit: Peaches rocks!

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Surfempfehlung:
www.peachesrocks.com
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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