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Konzert-Bericht
 
Mit Saddam in Strip-Club

Sheryl Crow
The Ben Taylor Band

Köln, Live Music Hall
15.12.2003

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Sheryl Crow
Durch einen unglücklichen Umstand musste das Konzert von Sheryl Crow in der von vorneherein eigentlich zu kleinen Live Music Hall stattfinden. Das hatte zweierlei zur Folge: Dass nämlich der Event ziemlich bald ausverkauft war - was vor Ort dann in Kürze zur dort üblichen Sauna-Atmosphäre führte - und dass man Sheryl Crow noch mal in einem fast intimen Rahmen genießen konnte. (Das erste Mal spielte sie in Köln ja anlässlich der Veröffentlichung ihres Debüt-Albums zwei Mal im Luxor (heute Prime Club)). Dennoch war der Unterschied für den Support-Act, die Ben Taylor Band, schon ziemlich extrem: Drei Tage zuvor hatten diese nämlich im fast leeren Underground aufgespielt. Der Masterplan Bens, die Massen zu begeistern und glauben zu lassen, er sei der Headliner, ging dabei fast sogar in Erfüllung. Obwohl er auch dieses Mal zunächst in Trio-Besetzung begann und das dann doch eher beschaulich geriet, war das Publikum sofort ganz Ohr: Gequasselt, wie bei unangeforderten Support-Acts sonst üblich, wurde jedenfalls nicht. Ein gutes Zeichen.
So geriet etwa Taj Mahals "Take A Giant Step" bei diesem Konzert noch eindringlicher und hypnotischer als zuvor im Underground. Als Ben dann seinen neuen Drummer, den 17-jährigen Bradley Ware hinzuholte und seine Hits vortrug ("Day After Day" war auch bei dieser Show ein Höhepunkt), ging das Publikum sogar richtig mit. Auch hier spielte Ben keineswegs nur die Tracks des Albums "Famous Amongst The Barns", sondern auch wieder einige neue Elaborate. Die letzte Nummer - das jazzige "I'll Be Fine Without You" - geriet mit seinem unwiderstehlichen Groove (der über die fette Anlage natürlich wesentlich greifbarer geriet als im Underground) zu einem Selbstläufer: Als Ben und seine Band nämlich gerade zu einer Showeinlage ansetzten, begann plötzlich das Publikum von sich aus mitzuklatschen, was die Musiker zu einer ausgelassenen Improvisation inspirierte, die Ben dann zum Schluss wieder elegant ins Stück zurückdirigierte. Das Set der Ben Taylor Band war insgesamt zwar ein wenig länger als der übliche Support Slot - das jedoch störte wirklich niemanden. Ganz im Gegenteil: Die Ben Taylor Band dürfte sich bei dieser Show eine Menge Fans erspielt haben.

Nach der obligaten Umbaupause ging es dann eher dramatisch weiter: Auf zwei Leinwänden wurden mehr oder minder obskure Videos eingespielt (und wenn das mal nicht passierte, dann wurde mittels einer Live-Kamera das Geschehen vor und auf der Bühne übertragen). Dazu gab's eine ausgefeilte Light-Show mit zahlreichen, computergesteuerten Scheinwerfern, die laufend die Farbe wechseln konnten, sowie eine hinreißend ausschauende und offensichtlich gutgelaunte Protagonistin im engen Lederröckchen. Das zum äußerlichen. Den musikalischen Teil kann man nach wie vor mit der Frage umreißen, warum - zum Donnerwetter - Sheryl Crow nicht endlich mal eine Scheibe wie ihre Konzerte macht? Hier gibt es jedenfalls kein unentschiedenes Herumturnen zwischen radiokompatiblem Mainstream Pop und eher halbgaren Rock-Sounds. Sheryl Crow live ist immer zunächst mal eine mitreißende Rock-Show - auch dann noch, wenn sie mal zur akustischen Gitarre greift. Zwar erzählte Sheryl uns im Interview, dass sie eigentlich ihre Songs auf der Bühne so präsentieren wolle, wie sie das auf Konserve täte - doch (zum Glück) weit gefehlt! Zwar geraten die Crow-Tracks niemals zum selbstverliebten Selbstzweck - wo also herumgegniedelt wird -, aber zum Teil entwickeln (besonders die älteren) Stücke doch ein erstaunliches Eigenleben, das man ihnen aufgrund ihres Alters fast schon nicht mehr zugetraut hätte. Das liegt an einem ganz einfachen Trick: Sheryl spielte die Stücke nämlich einfach immer zwei, drei Clicks langsamer, als man das vielleicht erwartet hätte. "If It Makes You Happy", z.B. oder "Leaving Las Vegas" (das mit einer Anspielung auf "Cologne" und einer improvisierten Passage aus Steve Millers "The Joker" aufgepeppt wurde) erkannte man so beinahe erst zum Refrain hin wieder. Das führte zudem dazu, dass alles recht erdig und relaxt dahergroovte.

A propos grooven: Sheryl spielte bei etwa einem Drittel des Programms Bass - und das auf eine unglaublich bodenständige und satte Art. Da bekam sogar das eher unsägliche "Soak Up The Sun" eine solide Basis - und siehe da: Aus dem belanglosen Pop-Song wurde so etwas wie eine akzeptable Rhythm'n'Blues Nummer. Ein weiterer Griff in die Trick-Kiste war die subtile Umdeutung des Sujets: "Strong Enough" z.B. bekam einen leichten Country Touch (durch Gitarrist Peter Strouds Slide-Gitarre) und mehr als ein Track erhielt - durch die besondere Betonung der Harmonie-Vocals - ganz neue Perspektiven. Zum Beispiel auch das - nach wie vor nicht eben beste - Cat Stevens Stück "The First Cut Is The Deepest". Das Hauptgewicht der Show lag dann ganz eindeutig auf den älteren Klassikern - was aber auch Sinn machte: So geriet das Ganze unterm Strich nämlich tatsächlich zu dem Best-Of-Event, der es letztlich auch sein sollte. Und damit es nicht allzu langweilig wurde, ließ Sheryl einige weniger oft gespielte Tracks mit einfließen - "Difficult Kind" wäre hier z.B. zu nennen oder "A Change Will Do You Good", das mit einem besonders gelungenen Intro zu überzeugen wusste, bei dem Sheryl mit der Akustischen einige sehr ungewöhnliche, düstere Akkorde hinzauberte. Und dann gab es noch die straighten Rocker vom Schlage "Favorite Mistake", die dann tatsächlich nahezu unverändert - aber nicht eben uneffektiv - und gut gelaunt in die Gegend gehauen wurde.

"Wir sind gestern abend in diesem Strip Lokal namens Doll-House gewesen. Das war schon klassisch. Das nächste Stück handelt von einer Stripperin, die ich mal kannte", kündigte Sheryl dann "Sweet Rosalyn" an. Man merkte auch an so etwas: Rock'n'Roll ist bei Sheryl Crow nicht unbedingt eine leere Worthülse, sondern eben doch noch Teil der Lebensanschauung. Wenngleich auf einem recht saturierten Level. Letztlich erschien aber noch alles recht stimmig. Besonders pikant wurde der Abend dann allerdings durch den Zugabenteil: Zunächst einmal durfte Wolfgang Niedecken, der kölsche Don Henley, sein Scherflein beitragen. Der Empfang, der ihm das Publikum bereitete, war dann indes eher lauwarm. Neben vereinzelten Buh-Rufen schlug ihm nämlich eine Welle der Gleichgültigkeit entgegen, die sicher nicht zu den Höhepunkten seiner Laufbahn gehörte. Immerhin gab's dann zumindest "Dead Flowers" in einer akzeptablen Version. (Obwohl es nach wie vor sicher nicht zu den besten Ideen gehört, ausgerechnet Wolfgang Niedecken und Sheryl Crow zu kombinieren - denn deren beide Stimmen haben einfach zu wenig gemein, um damit etwas wirklich Überzeugendes auf die Beine zu stellen.) "Das nächste Stück widme ich Saddam Hussein, wo immer er sich gerade befindet", kündigte Sheryl dann Nick Lowes "What's So Funny About Peace Love & Understanding" an. Das war nun wirklich witzig, denn immerhin war das der Tag, an dem besagter Saddam zum ersten Mal bei einem amerikanischen Friseur gewesen war. Den Abschluss des Abends bildete dann eine scheppernde Version von Led Zeppelins "Rock'n'Roll". Sicherlich hatte man diesen Track schon genauer definiert gehört - und schnelle Stücke spielen kann die Sheryl Crow Band nicht wirklich -, aber was hier zählte war eher der Gedanke. Und der wurde vom Publikum verstanden: "It's been a lonely, lonely, lonely, lonely time - yes it has..." grölte es folglich zum Schluss aus hunderten von begeisterten Kehlen.

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Surfempfehlung:
www.sherylcrow.com
www.bentaylorband.com
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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