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Zurück aus der Versenkung

Mary Lou Lord
David Judson Clemmons

Frankfurt, Dreikönigskeller/ Bielefeld, Forum
04.04.2004/ 07.04.2004

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Mary Lou Lord
Wenn wir ganz ehrlich sind: Wirklich damit gerechnet, dass Mary Lou Lord jemals in Deutschland auf der Bühne stehen würde, hatten wir nicht mehr. Zu sehr schien sie nach ihrem hierzulande leider kaum beachteten 1998er Majordebüt "Got No Shadow" in der Versenkung verschwunden zu sein, zu sehr mit Familie und ihrem Klamotten-Laden Retro Vixen daheim in Beverly, Massachusetts, beschäftigt zu sein, um überhaupt noch einen Gedanken an eine Europatournee zu verschwenden. An einem Sonntag im April war es dann allerdings doch so weit - das erste Deutschland-Konzert Mary Lous überhaupt stand auf dem Programm.
Sechs Zuschauer und ein 60-Minuten-Auftritt, so lautete ihre Prognose für diesen Abend noch am Nachmittag, doch als sie um kurz nach halb zehn in das lauschige Kellergewölbe des Dreikönigskellers hinabstieg, war dieser recht ansehnlich gefüllt, und noch nicht einmal Mary Lous Sorge, ausschließlich vor "Fremden" spielen zu müssen, bewahrheitete sich. Neben einigen Überfans aus Frankreich hatten sich nämlich auch der Webmaster ihrer Website und ein alter Freund aus Boston eingefunden. Nach dem traditionellen Beginn mit ihrem "Theme Song" namens "Western Union Desperate" brachte die Singer / Songwriterin, die als Straßenmusikerin in Boston angefangen hatte, zunächst einmal die Songs ihres brandneuen Albums "Baby Blue", widmete "Stars Burn Out" (ursprünglich von Mary Lous Mentor Nick Saloman aka The Bevis Frond über Jimi Hendrix geschrieben) passenderweise nicht nur Jimi, sondern auch Kurt Cobain und Elliott Smith, bewies mit "Long Way From Tupelo", dass sie zwar lieber die Songs anderer spielt, die Stücke aus ihrer eigenen Feder allerdings keineswegs schlecht sind, und kehrte mit "Farming It Out" ihre Folk-Vorlieben in den Vordergrund. Danach nahm das Konzert dann eine Wendung von einem sehr guten zu einem geradezu sensationellen Auftritt, als Mary Lou einen Zettel mit vielen ziemlich abwegigen Songwünschen, den ihr einer der eingangs erwähnten Bekannten vor dem Konzert zugesteckt hatte, hervorkramte, besagten Wisch mit den Worten "This is the setlist" vor sich legte und begann, jede Menge Raritäten zu spielen, die sie a) höchst selten bei ihren Clubshows, sondern - wenn überhaupt - nur auf der Straße und b) ganz sicher nie alle an einem Abend im Programm hat. Die wunderbare Dire-Straits-Nummer "Romeo & Juliet" zum Beispiel, Elliott Smiths großartiges "St. Ides Heaven" (das übrigens auch Spinanes-Sängerin Rebecca Gates öfter bei ihren Soloshows spielt), The Clashs "Straight To Hell" und eine wirklich atemberaubende Version von Bruce Springsteens "Thunder Road". Doch längst nicht alle Highlights waren Coverversionen. Mit "Some Jingle Jangle Morning" und "Camden Town Rain" hatte Mary Lou vor dreizehn Jahren ihre Liaison mit Kurt Cobain aufgearbeitet, und in der Woche seines zehnten Todestages gewannen beide Songs neu an Bedeutung. Besonders letztere Nummer wurde von Mary Lou in Frankfurt ganz besonders intensiv vorgetragen. Als sie mit dem neuen Stück "Ron" und mit "He'd Be A Diamond" ein weiteres Mal die außergewöhnlichen Songwriterfähigkeiten Nick Salomans unter Beweis stellte und mit einem weiteren Wunsch (dem Young / Stills-Klassiker "Long May You Run") das Mainset beendete, hatte Mary Lou bereits knapp zwei Stunden auf der Bühne gestanden, doch damit war immer noch nicht Schluss. Sichtlich überrascht / erfreut, dass sich im Publikum doch zahlreiche Leute befanden, die nicht nur zufällig den Weg in den Dreikönigskeller gefunden hatten, erfüllte sie mit Daniel Johnstons "Speeding Motorcyle" (nebst einer netten Story, wie das Stück zum Werbesong für das US-Kaufhaus Target wurde) noch schnell einen Wunsch, um sich dann mit "This Kind Of Girl" (einem verlorenen Klassiker von Matt Keating) und dem phänomenalen "Cinderella Backstreet" des früh verstorbenen Rockets-From-The-Tombs-Gründers Peter Laughner zu verabschieden. Es war weit nach Mitternacht, als das Publikum restlos fasziniert den kleinen Kellerclub verließ, und auch wenn das den meisten mangels Vergleichsmöglichkeiten nicht bewusst gewesen sein dürfte: Sie hatten nicht nur eines der längsten, sondern wohl auch eines der besten Mary-Lou-Konzerte überhaupt gesehen.
Drei Tage später - Mary Lou hatte zwischendurch einen eher durchwachsenen Auftritt in Berlin und eine sehr gute, entspannte Show zusammen mit der schwedischen Ein-Mann-Band Home Of The Lame auf der Hamburger Reeperbahn gespielt - stand dann bereits das letzte Konzert der ersten, aber hoffentlich nicht letzten Deutschland-Tournee Mary Lous an. Dass es nicht unbedingt der rauschende Abschied sein würde, den sich die Amerikanerin ohne Frage verdient hätte, zeichnete sich schon beim Supportact ab. David Judson Clemmons, ehemals Kopf der Band Jud und in den letzten Jahren mit der Band The Fullbliss unterwegs, stieß mit seinen tief emotionalen und nicht selten etwas vertrackten Solonummern (darunter einige Stücke, die von seinen zwei Umzügen von L.A. nach Berlin handelten) auf ein sehr reserviertes Publikum, das leider auch bei Mary Lous Set kaum richtig auftaute. Was nicht heißt, dass die Show schlecht gewesen wäre, denn Mary Lou ließ sich ob des schnarchnasigen Publikums die Freude nicht verderben ("Ich bin einen so weiten Weg gekommen - ich werde hier heute meinen Spaß haben, mit oder ohne euch!") und zauberte auch noch eine ganze Reihe obskurer Songs aus dem Hut, die sie in Frankfurt trotz des über zweistündigen 35-Song-Marathon-Sets noch nicht gespielt hatte. Das tolle "43" vom "Baby Blue"-Album (das von ihr und Nick Saloman als Antwortsong auf die Big-Star-Hymne "13" konzipiert worden war) zum Beispiel, das grandiose Cowboy-Cover "Please Be With Me" (das Highlight von Mary Lous erstem Album-Tape, "Real"), eine Gänsehautversion von Elliott Smiths "The Biggest Lie" und sogar zwei Songs, die selbst eingefleischte Mary Lou Fans so von ihr noch nicht gehört hatten: Das in erster Linie von Shawn Colvin bekannt gemachte "Satin Sheets" und einen Song, den Mary Lou als "eine Nummer, die ich eigentlich nicht wirklich kenne" ankündigte: "I Still Miss Someone" von Johnny Cash nämlich, und auch wenn sie nichts weiter dazu sagte, darf man ob der geradezu gespenstischen textlichen Parallelen doch davon ausgehen, dass sie diese Nummer nicht ganz zufällig am zehnten Jahrestag von Kurt Cobains Selbstmord spielte. Ein ergreifender Moment. Mit dem selten gespielten "Wall Of Death" von Richard Thompson und einer weiteren superben Version von "Thunder Road" ließ sie den Abend nach rund 80 Minuten dann ausklingen. Von ihren eigenen Leistungen als Sängerin und Gitarristin hält Mary Lou bekanntlich nicht sehr viel, wir dagegen hoffen inständig, dass sie bald wieder in Deutschland zu Gast sein wird, denn solche Auftritte wie in Bielefeld und vor allem in Frankfurt muss ihr erst einmal jemand nachmachen!

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Surfempfehlung:
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www.maryloulord.com
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-

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