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Slaves to the Soul Rush

Nicolai Dunger
John Alexander Ericson

Köln, Gebäude 9
17.04.2004

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Nicolai Dunger
Also ein wenig gespenstisch war es schon, dass der gute Nicolai Dunger da zur Zugabe auf der akustischen Wandergitarre ausgerechnet ein Stück namens "Country Lane" (von seiner neuen, unsäglich umständlich betitelten CD) spielte. Denn mit seiner Lesebrille und dem angewuschelten Topfhaarschnitt sah er aus bestimmten Winkeln geradezu unheimlich nach John Denver aus. Und dabei ist Nicolai Dunger doch wirklich alles andere als ein John Denver. Ein Van Morrison schon eher oder eine Janis Joplin zum Beispiel - doch der Reihe nach: Nachdem das Publikum über anderthalb Stunden unsäglich zähflüssig eingeträufelt war, nur um sich dann doch eher im nicht mal ansatzweise gefüllten Gebäude 9 zu verlaufen, musste als Anheizer ausgerechnet John Alexander Ericson ran. "Ausgerechnet" deswegen, weil dessen verträumt melancholische, leicht morbide Balladen nun so gar nicht geeignet erschienen, einen wilde Samstag-Nacht-Sause einzuleiten.
Ericson - wie Dunger ebenfalls ein Schwede und einigen vielleicht mit seiner Band The Northern Territories bekannt - trug Songs seines Solo-Debüts vor, das bezeichnenderweise "Songs For Quiet Souls" heißt. Seine Elegien um Vampire und Zyanid tasteten sich an der Grenze des Hörbaren dahin und kamen stimmungsmäßig durchaus dem Nahe, was sich Nicolai auch immer gerne abringt, wenn er akustisch gelaunt ist - wohingegen John allerdings bedeutend straighter singt, als der impulsive Landesvetter. Letztlich war Ericsons Bemühen ja nicht schlecht und redlich, aber in diesem Zusammenhang, an einem eher zähflüssigen Samstag Abend - doch fast vergebens. Er war - so schien es - der richtige Mann am falschen Ort und zur falschen Zeit.

Schließlich betrat aber doch irgendwann Dungers Schwedenkapelle die Bühne. In der Besetzung Gitarre, viele Keyboards & Rhythmusgruppe schien alles wie geschaffen, Dungers Northern-Soul-Variante adäquat umzusetzen. Doch irgendwie kam dann alles ganz anders. Das erste Stück, der grandiose Opener "My Time Is Now" von der neuen Scheibe, funktionierte auch ohne die üppigen Mercury Rev-Arrangements hervorragend: Im Tempo leicht verschleppt bot dieses melodiöse Stück die ideale Basis für Nicolais Vokal-Akrobatik. Anders als bei seinem letzten Besuch im Gebäude 9, den Dunger noch solo absolvierte, ließ er hier nämlich ganz hemmungslos die Sau raus. Wenn Nicolai Dunger öfters mal als der schwedische Van Morrison bezeichnet wird, dann liegt das wohl weniger an seinen Songs, die durchaus ein eigenes Potential und einen eigenen Stil aufzuweisen haben, sondern eher an der ungezügelten Art, mit der Dunger seinen Stimmbändern Auslauf gewährt. Ohne sich um das Versmaß oder die Tonhöhe zu kümmern, gräbt sich Dunger in seine Epen hinein und macht mangelnde Disziplin durch Inbrunst, Lautstärke und Intensität wett. So hätte in etwa der (junge) Van Morrison geklungen, wenn er schon zu Them-Zeiten Musik wie Dunger heute gemacht hätte. Apropos Musik: Nachdem sich die Band sich verdient aber unauffällig durch einige eher balladeske Tracks der neuen Scheibe wie "Tell Me" oder "White Wild Horses" gearbeitet hatte, schlich sich peu a peu ein Groove ein, der soundmäßig frappierend an den von Big Brother & The Holding Company erinnerte. Daran war sicherlich die erbarmungslos einschneidende und trockene Lead-Gitarre des wikingermäßigen Gitarristen Thomas "Tjärran" Tjärnkvist und gelegentlich die jammernde Orgel des Keyboarders Björn Yttling nicht ganz unschuldig. Letztlich führte es aber dazu, dass man Dungers Vortrag im Geiste ständig mit dem Janis Joplins zu vergleichen suchte - was natürlich zu verheerenden Ergebnissen führte.

Richtig in's Lot geriet die Sache dann aber wieder gegen Ende des Konzertes, als die Band sich bei Up-Tempo-Krachern a la "Way Up High" (auch lautstärkemäßig) vollkommen gehen ließ. Wenn Dunger hierbei noch ein wenig mehr gebrüllt hätte - am Bühnenrande balancierend, die Zigarette in der einen Hand, das Mikrophon vor dem hochroten Kopf in der anderen -, dann wäre er zweifelsohne geplatzt. Im Prinzip war das aber eine grotesk-grandiose Tour de Force, die man aus dieser Richtung nicht unbedingt erwartet hätte. Weitere Höhepunkte waren dann das ewig lange "Soul Rush", "Butterflyin' Friend" von "This Cloud Is Learning" oder "Me Ray & JR" von "Tranquil Isolation" - wobei sich Dunger für allzu epische Ausflüge ins Talkin Blues Ambiente sogar ausdrücklich vorab entschuldigte. Zur ersten Zugabe leistete sich der Meister dann mit besagtem "Country Lane" noch einen Witz mit dem Publikum - indem er dieses Stück nämlich im tranigen Call & Response Verfahren abarbeitete. Da war es dann auch egal, wie holprig und improvisiert die Verse auch sein mochten (was nach ca. 10 Minuten dann auch erklärlich erschien). Ein letztes Highlight war dann - wieder mit Band - das wieder soulige "We're Together Like Slaves" - ebenfalls von der neuen Scheibe -, bei dem die Jungs noch mal alles gaben. Dieses Konzert war dann in dem Sinne etwas Besonderes, als dass man hier Musik ein Mal mit einer ganz besonderen, eigenartig heiteren Note präsentiert bekam, die in dieser Form und Ballung und aus dieser Richtung unerwartet aber nicht unwillkommen erschien. Nicolai Dunger, der mit ca. 10 VÖs unter dem Bauch sicherlich zu den produktivsten Songwritern unserer Tage gehört, und den man bislang für einen introvertierten Kauz hätte halten können, zeigte an diesem Abend jedenfalls Facetten seiner selbst, die das Bild in angenehmer Weise und auf bislang nicht geahnte Art abrundeten. Und zum Glück hatte er nichts von seinen Jazz-LPs gespielt...

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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Mehr über Nicolai Dunger:
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