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Sozialer Druck

Orange Blossom Special 8 - 1. Teil

Beverungen, Glitterhouse-Villa
28.05.2004/ 29.05.2004

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Orange Blossom Special 8
"Ihr könnt ja mal versuchen, so ein Festival zu organisieren", meinte Konzertmeister Rembert Stiewe zum Publikum, als wieder einmal lautstark (und ergebnislos) ein höherer Neil Young-Pegel gefordert wurde, "aber meint ihr, ihr bekämt so ein Wetter hin?" Und in der Tat: Das diesjährige OBS würde in die Annalen der Festivalhistorie als das bislang einzige eingehen, das ganz ohne Regen auskam. Stattdessen wurden dem (übrigens bei fast jedem Auftritt nahezu vollzählig anwesenden) Publikum an drei wunderschön sommerlichen Tagen 16 erlesene Acts präsentiert. 16 deswegen, weil die Ricochets aus Norwegen kurzfristig wegen eines Todesfalls in der Familie eines Bandmitgliedes abgesagt hatten. Zwar hätte gerne Markus Rill dafür am Samstag nochmals gespielt, da jedoch dessen Musikanten andere Verpflichtungen hatten, mussten Coydog (ebenfalls aus Norwegen) nochmals ran. Man mag es zwar kaum glauben, weil es ja doch irgendwie unglaubwürdig klingt: Aber das war schon die einzige programmtechnische Unstimmigkeit - ansonsten lief alles wie am Schnürchen.
Doch der Reihe nach: Nachdem sich die Tore am Freitag um 17 Uhr geöffnet hatten, war es zu Konzertbeginn bereits erstaunlich gut gefüllt. Das lag zugegebenermaßen daran, dass die Beverunger Jugend den Weg auf das zu diesem Zeitpunkt noch kostenlose Gelände gefunden hatte, und dort dann mehr oder minder ihr Unwesen trieb, wie sich im Nachhinein herausstellen sollte. Diejenigen, die wegen der Musik gekommen waren, bekamen bereits drei "ordentliche" Acts geboten. Anders als in vergangenen Jahren, hatte man nämlich keine Witzkapellen eingeladen, sondern z.B. mit dem OBS-Veteranen Markus Rill einen soliden Rock-Act, der den Fans bereits tüchtig einheizte und auch die angesprochene "Jugendbewegung" mit in Gang brachte. Jan Pecher & Band durften als "lokale, blutjunge Singer-/Songwriter-Hoffnung" die ganze Sache anleiern, bevor dann mit Coydog eine Band die Bühne betrat, die bereits schon lange davon geträumt hatte, hier einmal auftreten zu dürfen. Ursprünglich starteten Per Ivar Martinsen und Ben Basgard als Duo - was bislang als Hauptargument gegen einen Auftritt gesprochen hatte. Jetzt aber hatten die beiden eine komplette Band dabei (inkl. eines linkshändigen Bassisten und eines Akkordeon spielenden Drummers) und legten einen soliden Rock-Sound mit hin. Im Vergleich zu anderen norwegischen Acts haben Coydog noch eine Portion mehr Americana getankt, was dazu führte, dass die Jungs - bis auf Pers fast bärbeißige Grummelstimme - so recht keine eigene Note aufzuweisen hatten. Das war aber zu diesem Zeitpunkt eher egal, da das Publikum noch frisch und aufnahmebereit war und auch nicht auf Experimente angewiesen schien. "Ihr seid ein schönes Publikum", meinte Per, der sich vor Begeisterung gar nicht einbekommen konnte AUF und nicht - wie sonst - VOR der Bühne zu stehen, "ihr seht fast ein bisschen schwedisch aus." Aus dem Munde eines Norwegers, das muss man wissen, ist dies als Lob zu verstehen.

Markus Rill wusste ja bereits, wie man die OBS-Fans in den Griff bekommt: Mit einer gesunden Mischung aus Rock-Songs und akustisch orientierten Tracks, die schon möglichst amerikanisch klingen sollten. Das ist für den Mann, der lange Zeit in Austin lebte und seine letzte CD in Nashville einspielte, ja kein Problem. Vor allen Dingen waren es aber Markus unkomplizierte Art, seine gewiss internatioanl konkurrenzfähigen Stücke (von denen übrigens die relaxteren wie "Hobo Dream" am besten gefielen) und seine mittlerweile sehr gut aufeinander eingespielte Band, die seinen Auftritt zu einer runden Sache werden ließen. Der Mann, der wie ein lebendes Reibeisen klingt, wenn er anfängt zu singen, rundete sein Programm mit einer Coverversion von "Folsom Prison Blues" und einem erstaunlich leichtfüßigen "Waiting Around To Die" ab - weil es kein OBS ohne Songs von Townes Van Zandt geben sollte, wie er meinte. Im Anschluss an den offiziellen Musikteil des ersten Abends übte sich dann noch Reinhard als DJ Captain Trip an den Turntables, während obendrein dazu erstmalig Video-Projektionen auf der großen Leinwand vor der Glitterhouse-Villa flimmerten. Diesen Teil der Abendunterhaltung sollte man indes vielleicht noch einmal überdenken. Zwar war ja die Idee lieb und nett und gut gemeint - aber so richtig funktionieren tat es nicht. Erstens will man ja als Zuschauer eher lieber die Band sehen, die gerade spielt, zweitens waren die Projektionen, die aus graphischen Mustern und an den anderen beiden Tagen aus verfremdeten Einspielungen von der Bühne bestanden, nicht sooo toll und drittens war die Beschallung im hinteren Teil des Geländes - wohl aufgrund der Probleme mit dem ruheliebenden Nachbarn - so stark zurückgefahren, dass sich hier kaum noch jemand für das interessierte, was im vorderen Teil des Geländes vor sich ging (ergo auch nicht für die Projektionen). Wenn nächstes Jahr wieder so etwas läuft, sollte man statt dessen doch lieber Bilder von der Bühne übertragen - das würde mehr Sinn machen.

So weit so gut: Der nächste Tag offenbarte dann erst im Detail, was später noch passiert war. Rembert eröffnete den Reigen mit einer Standpauke für diejenigen, die am Abend zuvor die Foto-Tafeln mit den Aufnahmen der letzten OBS-Festivals entwendet (und zum Glück dann wieder zurückgebracht hatten). Wenn man so etwas beobachte, meinte er, möge man doch bitte sozialen Druck ausüben, indem man seinen Unwillen bekunde. Der Bühnenmanager und frühere Sozialpädagoge John Parker hingegen hatte seine ganz eigene Meinung zu diesem Thema: "Das liegt nur daran, dass die jungen Leute nicht wissen, was sie tun sollen", meinte er fachmännisch, "es gibt nichts Gefährlicheres als junge Leute, die sich langweilen." Nun, John weiß ja, wovon er spricht - in jeder Beziehung. Das Programm des Samstags war dann wieder mal sehr didaktisch aufgebaut. Zunächst einmal betraten Jackie Leven und sein Keyboarder Michael Cosgrave sehr gemächlich die Bühne. Wer Jackie kennt, der weiß ja, dass er kein Mann der lauten Töne ist und so spielte dieser dann auch heuer eine Mischung wunderschön atmosphärischer, leicht elegischer Balladen, die er mit seinen unnachahmlichen, aus dem Leben gegriffenen Stories unterlegte. Diese an dieser Stelle wiedergeben zu wollen wäre allerdings ebenso unsinnig wie unmöglich wie peinlich. Jackie spielte Songs aus seiner ganzen Karriere - auch älteres Material wie "Single Father" (wozu eine seiner Stories ganz hervorragend passte). Dazu zauberte Michael Cosgrave atmosphärische Klangteppiche, perlende Keyboard-Glissandi und federnde Basslinien. "Es ist erstaunlich, dass ein so gewaltiger Mann so sanfte Töne erzeugen kann", meinte ein Fan nach Jackies Auftritt. Der Legende nach soll der Whiskypegel im Backstage-Bereich nachher zwar rapide gesunken sein, das sind aber kleine Unannehmlichkeiten, die man als Veranstalter in Kauf nehmen muss.

Mountaineer ist nun die neue Band von Henning Wandhoff - des ehemaligen Fink-Drummers. "So eine schöne Band - so schöne Musik", kündigte Rembert das Set des Quintetts an. Und recht hatte er. Mittels einer originellen Variante des eh schon selten bedachten "Americana-Samba-Genres" zauberten Henning & Co. ein absolut friedliches, sommerliches, leichtfüßiges Set dahin. Nicht umsonst heißt die aktuelle CD also "Sunny Day". Unterstützen ließ sich Henning dabei übrigens ausschließlich von Damen, was zu diversen gemischten Harmoniegesängen führte, die sehr schön zu der sanftmütigen Mountaineer-Musik passten (Die Bassistin hatte obendrein noch Geburtstag und bekam von Rembert einen Teil der Bühnendekoration als symbolisches Geschenk überreicht.). Zuletzt gab's noch ein neues Stück "ohne Schluss", wie Henning meinte, bei dem das Publikum dann ein Zeichen geben sollte, wann es Zeit wäre, aufzuhören. Darauf achteten jedoch andere genauer: Der Zeitplan ist die heilige Kuh des OBS, die wegen solcher Witzchen gewiss nicht hingeschlachtet wird.

Michael Weston King schließlich, ist sowas wie der ultimative OBS-Veteran: Nach seinem letzten Auftritt beim OBS-Festival '98 hatte er nämlich mit seiner damaligen Band, The Good Sons, einen folgenschweren Unfall, der seine Karriere ziemlich nachhaltig negativ beeinflusste. Doch Unkraut vergeht nicht, und so war es dem Mann mit dem Golfhütchen dann offensichtlich eine besondere Genugtuung, nach langer Zeit wieder auf der Bühne des OBS stehen zu dürfen. Seine neue Band, The Decent Men - benannt nach dem Titel seiner letzten CD -, beinhaltete unter anderem auch Jackie Leven als Gitarristen und Michael Cosgrave, der neben den Keyboards hier auch Trompete spielte. Das kam überraschend, da sich Michael diesbezüglich immer zögerlich geäußert hatte, machte indes Sinn. Bei Stücken wie dem majestätischen "Decent Man" z.B. kam eine geradezu feierliche Stimmung auf. Hinzu kam, dass Michael & Co. - insbesondere Jackie an der Leadgitarre (die an seinem mächtigen Körper zuweilen wie ein bloßes Accessoire wirkte) - mächtig Druck machten. Sehr viel besser hat man Michael Weston King noch nicht gesehen. Sein Auftritt war definitiv das erste Highlight des Festivals. Witzigerweise spielte auch Michael "Waiting Around To Die" - was aber in seinem Fall besonders Sinn macht, da er gut mit Townes Van Zandt befreundet war. Ein weiterer Höhepunkt seines Sets war sicherlich die jazzig dargebotene Version von Neil Youngs "Love In Mind". Somit gab Michael den Leuten im Prinzip, was sie wollten, wirkte dabei aber dennoch unbewusst erziehend.

Zwischenzeitlich war auch Neal Casal, der mittlerweile nicht mehr überraschende Überraschungsgast eingetroffen und hatte sich auch innerhalb kürzester Zeit mit allen anwesenden Damen bekannt gemacht (wobei hier eh kaum Gegenwehr zu erwarten gewesen wäre). Da auch die Creekdippers schon da waren und sich auf ihren Auftritt vorbereiteten, war man sich sehr schnell einig, dass Neal hier doch mal schnell einen Gastauftritt absolvieren könne. Neal veröffentlicht demnächst eine CD mit Cover-Versionen ("Return In Kind") und war über dieses Thema mit Victoria Williams (die ja auch eine solche ("Sings Some Ol' Songs") herausgebracht hatte) ins Gespräch gekommen. Allerdings war Victoria nicht so besonders gut drauf: Ihr Lieblingshund, Joe, war soeben verstorben - und zudem hatte sie dieses vorher auch noch geträumt. Letztlich geriet der Auftritt der Creekdippers aber doch sehr sortiert und gelungen. Nun gut: Edgar Heckmann lief zwar davon, als Victoria anfing zu singen - das will aber weiter nichts heißen. Mark Olson hatte sich viel Mühe mit der Setlist gegeben (worüber sich besonders Bassist Isaac Russell freute, der tatsächlich alle Stücke kannte) und so ging es denn mit "December's Child" auch geradezu vorbildlich los. Im Folgenden wechselte Mark munter die Instrumente (Gitarre, Piano, Dulcimer), während die Band konzentriert und vergleichsweise tight dazu groovte und auch Victorias impulsive Ausbrüche eher im Rahmen blieben. Das Sympathische an den Creekdippers ist ja, dass keine Show wie die andere ist, weil einfach alles aus dem Moment (und dem Bauch heraus) entschieden wird. Wenn es dann aber mal läuft - so wie hier -, sind die Creekdippers immer auch für großartige Momente gut. Das einzig verwunderliche war, dass Mark so gar nicht großartig auf die neue Creekdippers-Scheibe "Political Manifest" einging (obwohl er vorher noch eine diesbezügliche Pressekonferenz gegeben hatte). Nun, immerhin ist diese jetzt offiziell bei Glitterhouse zu haben. Mit "Black Eyed Moses" - einem Song über einen weiteren Hund - verabschiedeten sich die Creekdippers in den Sonnenuntergang.

Hugo Race, der danach dran war - OBS-Urgestein von '98 -, war nicht etwa schlecht gelaunt, nur weil er so aussah: Der wortkarge Australier und dessen Band True Spirit, zu der neben Ur-Kumpel und Drummer extraordinaire Chris Hughes dieses mal auch die Keyboarderin Marta Collica gehörte, nehmen ihre Musik nur außerordentlich ernst. Vergleicht man das, was Hugo heutzutage macht, mit dem, was man auf dem letzten OBS-Auftritt zu hören bekam, so muss man dem Mann dann doch attestieren, dass er zwischenzeitlich sehr viel mehr Wert auf griffige Strukturen legt. Zwar ist sein Swamp-Groove-Blues-Psycho-Rock mit "atmosphärisch" immer noch treffend und am Besten umschrieben, jedoch gibt es heutzutage sehr viel mehr erkennbare Songs und auch eine gewisse Rock-Dynamik zu verzeichnen - im GH-Info treffend mit "Wumms" umschrieben. Das liegt daran, dass sich Hugo heute nicht mehr sträubt, in konventionellen Strukturen zu denken (auch wenn sich seine Elaborate immer noch keineswegs konventionell anhören) und mittlerweile ein wahrer Meister in der subtilen Art des Selbst-Samplens geworden ist. Wo früher seine diesbezüglichen Bemühungen oft in bloße psychedelische Klangwolken ausarteten, so nutzt er diese heute, um bewusste rhythmische Impulse zu setzen, die von Chris Hughes gerne aufgegriffen und umgewandelt werden. Das Piano- (und Fingerzymbel-) Spiel von Martha rundete das ganze Bild erfreulich ab. Mit diesem Sound konnten auch gediegene Rockfans etwas anfangen. "Keep It On" schließlich widmete Hugo dann der Glitterhouse-Crew, der er ja auch so Einiges zu verdanken hat.

Savoy Grand schließlich sind ja mit Sicherheit die einzige Band, bei der es nicht weiter von Belang ist, wenn sich der Drummer ein Bein gebrochen hat - wie hier zu beobachten. Die Jungs um Graham Langley - von Rembert wieder als "Kings Of Thunder" angekündigt - sind ja auch keine Frischlinge des OBS-Zirkus. Dennoch überraschten sie hier so manchen. "Die waren uns zu laut", meinten nachher nämlich einige Fans, die von den mächtigen Soundwänden, die da zuweilen von der Bühne heruntergeschoben wurden, verunsichert worden waren. Zwar mögen sich Langley & Co. musikalisch immer noch kaum fortbewegen (die meisten der Herren sah man zuweilen gar abwartend auf der Bühne herumsitzen, während Langley und Kollege Kieran O'Riordan ihre drei Ton-Pro-Minute Exegese zelebrierten), aber dröhnen können sie wahrlich mit den Besten der Branche. Kein Wunder also, dass ausgerechnet bei der Band, die eigentlich als versöhnlicher und leiser Abschluss eingeplant gewesen war, ein Monitor platzte (nun ja, beinahe, jedenfalls). Musikalisch gab's vorwiegend Zeugs von der "Lost Horizon EP" (darunter auch die - allerdings hakelig intonierte - Piano Ballade "Life By The Roadside") und auch neues Material. Untermalt wurde das dann von den bereits angesprochenen dramatischen Videoprojektionen, die jedoch das Geschehen auf der Bühne (bzw. in den Boxen) nur unzureichend illustrieren konnten. Danach ging's - dank des ebenfalls bereits erwähnten Nachbarn - eher in's Bettchen. Die eigentlich OBS-typische Anschluss-Disko vermisste dabei sicherlich nicht nur Edgar Heckmann misslich...


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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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