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Nonnenschanz und Kaltgetränke

Chumbawamba
Bettina Schelker

Köln, Kantine
03.10.2004

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Chumbawamba
Nun ja, zugegeben: An diesem Abend stand eher der Partycharakter im Vordergrund als das übliche Herumnörgeln an politischen Zu- und Umständen im Zentrum. Trotz des "Tages der Deutschen Einheit", den unsere Lieblingsdemagogen nicht einmal mit einem Wortwitz belegten. Wahrscheinlich lag das einfach an der guten Stimmung in der Kölner Kantine, in die die Chumbas nach dem verunglückten Ausflug in den dann doch zu kleinen Prime-Club vor zwei Jahren wieder zurückgekehrt waren. Sah es zunächst so aus, als bestünde das Publikum nur aus "mitgereiften" Altfans, so mogelten sich zum Konzertbeginn dann doch einige "nachgewachsene" Jungfans in die erste Reihe und sorgten für ausgelassenes Happening-Feeling von den ersten Tönen des altbekannten Schunkelliedes "She's Got All The Friends" an. Doch Moment: Vorab durfte die schweizer Ani DiFranco-Variante Bettina Schelker ihre spröden Liebeslieder vorexerzieren.
Dass Bettina ein bekennender Ani-Fan ist, wird nicht nur durch ihre Art des Gitarrespielens deutlich (das indes weniger brachial ausfällt, als das des großen Vorbildes, da Bettina schlicht mit einem Plektrum anstatt mit fünf künstlichen Fingernägeln spielt) sondern auch dadurch, dass sie Songs der Meisterin coverte. Neben der Songs des soeben erschienenen Debüt-Albums "Willkommen" gab es noch ein "schweizer Volkslied" namens "Durst" ("Versteht ihr das?") sowie einen Song namens "Don't You Step On My Dog", den ein neuseeländischer Freund für sie geschrieben hatte. Im Live-Kontext erscheinen die deutschsprachigen Songs von Bettina Schelker weniger problematisch als auf der Studio-Scheibe, da der ungebrochenen Enthusiasmus, mit dem die Performerin Schelker aufschlägt, dann letztlich doch überzeugt und so einige seltsame Wortwahlen im allgemeinen Aktivismus untergehen. Eher gewöhnungsbedürftig ist dagegen schon der Umstand, dass Bettinas Stimmumfang sich quasi flächendeckend auf einer Tonlage abspielt, so dass der Vortrag dann doch ein wenig penetrant und eintönig wirkt. Letztlich ist dies aber auch eine Geschmacksfrage: So richtig abgeurteilt wurde Bettina Schelker letztlich nicht. Ganz im Gegenteil: Der artige Zuspruch lässt vermuten, dass der eine oder andere Gast auch bei ihrer Solo-Tour im September auftauchen dürfte. Immerhin besetzt Bettina Schelker in der Nische "deutschsprachige akustische Singer-Songwriterin" ja eine momentan ansonsten freie Position.

Nachdem die Chumba-Roadies das umfangreiche Equipment der momentan achtköpfigen Truppe parat gemacht hatten, ging's dann - wie gesagt - gleich in die Vollen. Eines ist mal klar: Was gutgemachte Unterhaltung MIT INHALT betrifft, da sind die Chumbas mittlerweile Weltmeister. Trotz einiger deutlich überzogener Einlagen - man denke nur an die rauchende, saufende Nonne, die Alice Nutter wie stets bei "Bigmouth Strikes Again" gibt - wirkt hier nie etwas peinlich oder überflüssig. Das liegt nur zum einen am unbestreitbar messerscharfen Witz und analytischen Verstand, den die Chumbas drauf haben (auf den vielen Websites konnte man bereits VOR dem Afghanistan-Krieg nachlesen, was Michael Moore erst mit "Fahrenheit 911" den Amis präsentierte (und zwar wesentlich ausführlicher)) - sondern schlicht auch daran, dass die gesamte Band mittlerweile eine gut geölte und messerscharf getimte Maschinerie geworden ist. Immerhin ist es ja nichts Alltägliches, das eine Rockband mit ACHT Sängern agiert, die ganz en passant mittlerweile die perfektesten Harmonien seit den Beach Boys einfließen lassen - was besonders bei a capella-Tracks wie "Nazi" oder akustischen Nummern wie "Homophobia" oder der obskuren Clash-Nummer "Bankrobber" ins Gewicht fällt. Das verstärkte Interesse an akustischem Material führt darüber hinaus dazu, dass es demnächst auch einige rein akustische Chumba-Shows geben wird (siehe www.chumba.com für Details). Auch beeindruckt ungemein, wie nonchalant die verschiedenen Musikanten die Instrumente wechseln, mit Samples und Harddisk-Einspielungen hantieren und alle irgendwann einmal ins Spotlight treten dürfen und so den Eindruck vermitteln, dass da tatsächlich immer noch zunächst eine musikalische Kommune zu Werke geht. Abgesehen von den üblichen Hits wie "Tubthumping", "Timebomb" oder "Enough Is Enough" (vom Publikum enthusiastisch mitgegrölt) waren natürlich die Passagen, die dann etwas Neues boten. So betätigte sich Danbert Nobacon (mit Kinnbärtchen) beim "Bacardi"-Song als Mixer und mischte für eine Zuschauerin einen Cocktail zurecht. Zum alten italienischen Antifa-Klassiker "Ciao Bella" wurden eifrig Zimbeln zusammengeklatscht, bei "Passenger-List" tauchte auf einmal das String-Sample aus The Verves "Bittersweet Symphony" auf und zum "Buy Nothing Song" wurde das Publikum als Rhythmusmaschine missbraucht. Von den neuen Stücken zeichnete sich besonders das in einer halsbrecherischen Disco-Folk-Version dargebotene "On E-Bay" als neuer Superhit aus. Wobei indes ausdrücklich festgehalten werden muss, dass - wie bei allen Chumba-Konzerten - der Reiz in der Mischung lag. Eine "Tournee zur aktuellen Scheibe" gibt's bei Chumbawamba genausowenig wie bloßes Greatest Hits Gedudel. Fazit: Auch wenn es nur eine Zugabe gab (die mit "God's House Ugly" noch mal ein schönes Resümee zog) war dies doch wieder eine nahezu perfekte Chumba-Show, die wieder einmal deutlich machte, da sich Entertainment und politischer Anspruch nicht ausschließen müssen - auch wenn das Pegel (so wie dieses Mal) - ab und an mehr in eine bestimmte Richtung ausschlägt.

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Surfempfehlung:
www.chumba.com
www.chumbawamba.tv
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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