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Unerkannt durch's Elfenland

Schtimm

Wesel, Karo
02.10.2004

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Schtimm
Aus welcher Stadt Schtimm, die geheimnisvollste Band Norwegens, denn kommen, möchten wir wissen. Irgendetwas muss man ja schließlich über eine Band wissen, deren Mitglieder sich weigern, ihre Namen preiszugeben, die mit Sovietsternen in ihrem Artwork hantieren und die russische Namen wie "Mrakoslav Vragosh" in ihren Titeln führen ohne des russischen mächtig zu sein. "Also, ich komme gar nicht aus einer Stadt", meint Sängerin B. verschwörerisch, "das ist vielmehr ein kleiner Ort jenseits des Polarkreises. Hast du Twin Peaks gesehen? Dann musst du dir die Landschaft dort ungefähr so vorstellen. Nur dass es dort noch kälter ist. Unsere Basis ist jetzt aber Trondheim." Nun gut: Trondheim ist näher an Oslo und Bergen (dem anderen musikalischen Zentrum des Landes) dran als am verwunschenen Polarkreis - dennoch: Wirklich bodenständig sind Schtimm keineswegs - und live schon mal gar nicht.
Das kann man schon am Bühnenaufbau erkennen: Kerzenständer, umfunktionierte Wohnzimmerlampen, Plüschdrapierungen an den Instrumenten und das Blumenmotiv des Covers der neuen, zweiten CD, "Featuring..." bilden einen heimeliges, gemütliches Backdrop für den Schtimm-Auftritt. Wer glaubte, die Schtimm-Stücke von den beiden CDs her zu kennen, der musste zunächst einmal umdenken. Die Band, die zu Beginn ihrer Karriere auch schon einmal Kopfhörer an das Publikum verteilt hatte, um den angedachten Klangkörper optimal zu implementieren, legt keinen Wert darauf, das, was auf Konserve festgehalten ist, 1:1 zu reproduzieren. Schtimm sind wahre Meister darin, ihre Songs auf der Bühne nachzuempfinden. Dort - auf der Bühne - hat auch z.B. eher Sängerin B. die Hosen an als Bandleader E. Das heißt: Um der Wahrheit die Ehre zu geben, trägt sie eigentlich ein schickes rotes Kleid (mit eingearbeitetem "Schtimm-Stern"), singt dafür aber fast bei jedem Stück und dirigiert die anderen Musiker mittels eines Glockenspiels, exaltierter Bewegungen und gelegentlicher Ansagen (teilweise mit einem wenig Deutsch) durch das Programm. Und dieses überrascht dann mit einer doch ganz anderen Ausrichtung als auf den Scheiben. Natürlich musste auf die Gäste des zweiten Albums "Featuring..." ebenso verzichtet werden, wie auf Streicher oder Chöre - das war ja klar. Nicht verzichtet wurde indes auf die spezielle Schtimm-Philosophie, dass nämlich der Song in der Summe wichtiger ist, als der Musiker als solches. So gab es weder großartige Soli, noch klar verteilte Lead-Positionen. Auch der Rhythmus-Gedanke wird bei der Live-Performance eher umgedeutet. Schlagzeug wird nur gelegentlich gespielt. Ganz im Gegenteil: Zuweilen steht Drummer P. einfach auf und spielt akustische Gitarre (merkwürdigerweise bei schnelleren Stücken). Oder er tut gar nix. E., der Songwriter und Sänger spielt am liebsten Bass - aber eher wie eine Gitarre und Multi-Instrumentalist Æ (B. bittet ausdrücklich darum, dieses Zeichen zu verwenden, das "a" ausgesprochen wird). Wechselt nonchalant zwischen seinen Gitarren und einem analogen Keyboard-Monster hin und her, das hauptsächlich durch ein verzerrtes E-Piano besticht, das ganz wunderlichen Kram produziert. Ach ja: Und ein Stück wird gar zur Elektro-Tekkno Harddisk-Einspielung vorgetragen. Nein - stilistisch irgendwo einzupacken sind Schtimm wahrlich nicht.

Insgesamt kommen die rätselhalften Song-Epen also eher ruhig und entspannt 'rüber - etwa so in der Art des Stückes "The World's Strongest Man" von "Featuring...". Die meisten Songs verzaubert B. mit ihrer elfenhaften Stimme, die aber trotz aller hingehauchten ätherischen Bestandteile zum Glück ein Mal nicht an Björk erinnert - auch wenn das immer wieder behauptet wird. (Was übrigens durchaus eine pikante Note hat, auf die aber nicht eingegangen werden kann, ohne die Tarnung von Schtimm offenzulegen) Ab und an gibt's dazu - neben dem bereits erwähnten und durchaus stilbildenden Glockenspiel - noch Seifenblasen. Schtimm geben sich also durchaus Mühe, dem Publikum auch optisch etwas an Unterhaltung zu bieten. Und fast, so scheint es, wäre diese Musik auch etwas für Kinder. Nicht nur wegen Songtiteln wie "...and Balloons For The Children", sondern auch wegen der wunderbar friedliebenden, ein wenig naiven Art, in der hier Songgebilde hervorgezaubert werden. Die andere Seite von Schtimm - die der Rockband, die auch mal loslegen kann - wird an diesem Abend nur angekratzt. Allerdings mit Erfolg. Beim zur Zugabe gegebenen, zupackenden "Idiot Song" gelingt es B. sogar, das Publikum zum Mitsingen anzuregen. Schade nur, dass dann, nach etwas einer Stunde, bereits alles wieder vorbei ist. Schtimm sind ein durchaus empfehlenswertes Live-Ereignis und eine dieser wunderbar unkonventionellen Bands, wie sie offensichtlich nur Länder hervorbringen können, die fünfmal so lang wie breit sind...

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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