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Konzert-Bericht
 
Solo für's Publikum

Feist

Köln, Stadtgarten
06.11.2004

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Feist
Also von Dramatik versteht sie etwas, die gute Leslie Feist aus Kanada. Nachdem der Stadtgarten sich zugegeben zunächst nur sehr zögerlich, dann aber stetig gefüllt hatte, ließ man das Publikum doch lieber noch eine halbe Stunde warten, bevor dann kurz vor neun die Band die Bühne betrat. Ihre drei französischen Mitstreiter waren in schwarze Jumpsuits gekleidet und saßen im dunkeln, während die Chefin ganz in weiß gewandet zwischen mehreren effektvoll austarierten Spotlights herumtanzte. Der Bühnenaufbau deutete dann schon an, dass man sich hier auf eine Show abseits der üblichen Rock'n'Roll-Schemata einrichten musste.
Auf der linken Seite stand eine dicke fette Hammond Orgel, auf der rechten ein Stühlchen, an dem u.a. nonchalant eine Posaune baumelte und am Schlagzeug waren u.a. Bongos montiert. Leslies Gitarrenverstärker hatte ungefähr Schuhkartongröße und einen Bass suchte man vergeblich. Ebenso wie etwa eine akustische Gitarre: Leslie bevorzugt stattdessen riesige antike Jazzgitarren - und outete sich dann en passant auch als ziemlich variantenreiche und kompetente Gitarristin. Aber natürlich war niemand gekommen, um Feist Gitarre spielen zu sehen, sondern eher um ihrer einzigartigen Stimme zu lauschen. Im Interview hatte Leslie ja bereits erzählt, dass sie mit ihrer ehemaligen Zimmergenossin Peaches und ihrem Partner in Crime Gonzales eine eigene Art zu singen erfunden habe, die sie "Jahi" nennen. Das meint eine ganz spezifische, durchaus seelenvolle, aber keinesfalls gekünstelte Art zu singen - die gleichzeitig viel Raum für Interpretationen lässt. (Eine Technik, die zweifelsohne gegen den artifiziellen, technisch korrekten, aber absolut seelenlosen Gesang gerichtet ist, der etwa in den Casting-Shows als höchstes Gut gepredigt wird) Dieses führte sie beim Konzert im Stadtgarten dann auch in Perfektion vor. Trotz aller musikalischen Finessen, die sich im Folgenden auftaten, stand natürlich immer Feists Organ im Mittelpunkt. Doch damit nicht genug: Wer immer sagt, man könne nichts Neues mehr machen, der hat mit Sicherheit noch kein Feist-Konzert gesehen. Dabei überraschte Feist aber weniger durch musikalische Innovationen, sondern durch geschickte Kombinationen von frei verfügbaren Zutaten. So war dieses z.B. eine der seltenen Gelegenheiten, bei denen es - synchronisierte Gitarre-Posaunen oder Gitarren-Melodica Soli geboten gab, oder wo der Basslauf zu einem Disco Track ("Inside And Out" in einer exaltierten Zugaben-Version) von einer Hammond-Orgel kam. Es waren Kleinigkeiten wie diese, die das Konzert in der Summe zu etwas Besonderem werden ließen. Hierzu gehörte auch der kontrollierte, aber ungemein effektive Einsatz eines Live-Samplers, mittels dessen sich Leslie mitreißende Backing-Chöre selber zusammenschachtelte - oder aber auch die perfekt gesetzten, sparsamen Harmonie-Vocals der drei Pariser Musikanten. Und zuweilen musste auch das Publikum ran: Der Aufforderung, ein "Solo für Viele" zu spielen (ein Witz, den sie angeblich an diesem Abend zum letzten Mal verwenden wollte), kamen die Fans dann auch nur allzu gerne in Form einer Kakophonie aus Pfeif-, Grunz-, und Gröllauten, Fingerschnippen, Klatschen und Fußstampfen nach.

Das Publikum war dabei überhaupt der Traum eines jeden Künstlers: Es war nämlich ziemlich paritätisch besetzt mit gereiftem Fachpublikum, jungen Mädels, die Feist gerade als Leitmotiv entdeckt haben und der Füllmasse, die letztlich über den Erfolg eines jeden Live-Acts entscheidet: Pärchen. Und so kam es dann zupass, dass Feist es sichtlich und auf charmante und ungezwungene Weise darauf anlegte, das Publikum bei ihrer ersten Show mit Band in Deutschland auch mit einzubeziehen. "Könnt ihr uns vielleicht noch ein Wort auf Deutsch beibringen?", fragte sie zum Beispiel ins Rund - woraufhin ausgerechnet das Wort "Zugabe" zurückgerufen wurde. "Sugabe?", fragte sie zurück, nachdem man ihr erklärt hatte, was das bedeutete, "warum sollte ich denn ausgerechnet das sagen?" - "Das ist nur, damit du weißt, was wir meinen", kam die Antwort aus dem Publikum zurück. Das war im vergleich der oft holprigen, spröden oder ungelenken Art vieler anderen Performing Artists dann doch sehr erfrischend. Musikalisch kennt Feist schlicht keine Grenzen. Obwohl sie eher dazu tendiert, ihre Songs im Ansatz als klassische Jazz-Balladen auszulegen (oder "Slow-Dance", wie sie es formulierte um das Publikum (vergeblich) eben dazu zu animieren), darf man sich als Zuhörer zu keiner Sekunde in Sicherheit wiegen. Immer kann es passieren, dass etwa ein interessantes Solo, ein spinnerter Soundeffekt oder auch nur rhythmisches Gerassel mit allerlei Haushaltsgeräten für Überraschungen sorgt. Langweilig ist etwas anderes. Beispiele hierfür war z.B. ihr eigenes Stück "Gatekeeper", "Secret Heart", ein Track ihres Landsmannes Ron Sexmith, oder aber die echte Jazz-Ballade "Foolproof" - hier mit satter Orgel unterlegt. Natürlich kamen vorwiegend die Stücke des offiziellen Debüt-Albums "Let It Die" zum Einsatz (von einer früheren, selbst verlegten CD "Monarch" ist Feist heutzutage nicht mehr so begeistert), aber dieses Programm wurde aufgefüllt mit vielen Extras, die eben nicht auf "Let It Die" zu finden sind. Wodurch dann noch mal offensichtlich wurde, dass die Scheibe nicht nur subjektiv einfach zu kurz ist. Dazu gehörte zum Beispiel die Nina Simone Hommage "Sea Line Woman" und auch eigene Tracks, die noch einmal Feists erstaunliche stilistische Bandbreite demonstrierten. Ansonsten wurden auch die "Let It Die" Stücke so weit wie möglich verbogen: "Leisure Suit" geriet dabei zum Beispiel fast zu einer "Leisure Suite" und der Titeltrack kam wesentlich gelöster rüber als auf Konserve. Die CD, so schien es, hielt dabei bestenfalls als Leitfaden her. (Und das eher unbeholfene "Tout Doucement" blieb dabei auch erwartungsgemäß außen vor) Nachdem sich das mit dem Animieren des Publikums ein wenig zäh anließ, nahm Leslie bei den Zugaben die Sache selber in die Hand, stellte die Gitarre beiseite, ließ die Haare wehen und tanzte in bester Musical-Manier am Bühnenrand herum.

Die letzte Zugabe war dann noch ein Verweis auf ihre zahlreichen Nebenbeschäftigungen: Ein Track namens "Violin" von ihrem Broken Social Scene-Kollegen Apostle Of Hustle. Fazit: Ob mit eigenen Stücken oder mit sorgsam umgedeuteten Cover-Versionen: Leslie Feist überzeugte als ideenreiche Performerin, Intepretin, als Arrangeurin, Sängerin und Gitarristin auf ganzer Linie - und das mit einem ganz eigenen Stil, der so ziemlich allen Erwartungshaltungen zuwiderläuft, die man etwa einem angesagten Pop-Act gegenüber haben könnte. Wenn so etwas möglich ist, darf man den Glauben an das Gute in der Musik also doch noch nicht ganz ad acta legen. Bleibt nur eine Frage: Warum hatte sich Feist die Lettern "SEED" auf die Finder der linke Hand geschrieben?

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Surfempfehlung:
feistmusic.artistes.universalmusic.fr
www.universal-rock.de/artist_start.php?artistID=35560
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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