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Midnight Special

Mardi Gras. BB

Köln, Limelight
25.11.2004

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Mardi Gras. BB
Beim Interview erzählte uns Reverend Krug noch, dass die Mardis, die ja in Köln ansonsten Stammgäste im Stadtgarten sind, mal was neues ausprobieren wollten und deswegen das Limelight gebucht hätten. Das Limelight ist ein wunderbares, entkernes, altes Kino mit einer schönen großen Bühne, einer herrlich altmodischen Architektur, ein wenig kalt innendrin vielleicht, aber ansonsten eine wirklich schöne Location - allerdings mit zwei Schönheitsfehlern: Sie liegt am Ende der Welt, so gerade eben noch innerhalb des Regierungsbezirks Köln und deutlich außerhalb der Militärringstraße. "JWD, wie der Berliner sagt", erklärte Doc Wenz die Situation, "janz weit draußen." Das hatte natürlich zur Folge, dass nicht ganz so viele Leute wie gewohnt zum Mardi Gras-Konzert gepilgert waren. Doc übertrieb natürlich mal wieder maßlos, als er meinte: "Ich wünschte, es wäre Nacht oder die Kelly Family käme - dann wären wir nämlich noch 20 Leute mehr." Soooo schlimm war es dann auch wieder nicht.
Der andere Minuspunkt des Limelight ist Mardi-spezifisch: Als langgestreckter Bau ist das Ganze architektonisch so angelegt, dass die Mardis nicht wie gewohnt spielmannszugmäßig durch das Publikum von hinten in den Saal kommen konnten. Deswegen musste die Show ganz banal von der Bühne herunter gestartet werden. Das war aber dann doch zu verschmerzen (zumal sich die Jungs zum Schluss dann nicht lumpen ließen und mit einer ordentlichen Session im Publikum das Konzert beendeten). Zunächst mal zahlt es sich aber aus, wenn man einen DJ im Line Up hat. DJ Mahmut aus Istanbul ("Vielleicht ist er ja die Zukunft von Europa?", stellte Doc Wenz diesen vor) durfte anstelle eines Support-Acts das Publikum beim Eintrudeln unterhalten. Es gab eine wirre, aber coole Mischung obskurer instrumenteller Soul-Scheiben und Soundrack-Auszüge sowie fröhlichen französischen 60s Pop in angenehmer Lautstärke, die man sich tatsächlich gut anhören konnte. Dann aber, ziemlich pünktlich, ging das Licht aus und die Nebelmaschine an. Zu den Klängen der Sounds des aktuellen Mardi-Albums "29 Moonglow" kamen die Jungs in Arbeitskleidung auf die Bühne. Der Untertitel der Scheibe heißt ja "Reason In Revolt Now Thunders" - und um den revolutionären Charakter dieser Tour zu unterstreichen, waren die Mardis dieses Mal wie Proletarier aus den 20ern gekleidet. Inklusive hochgekrempelter Ärmel, Westen und Kommunistenkäppis. Zugegeben: Reverend Krug sah mit seinem Frack und Zylinder eher aus wie ein Leichengräber - aber schließlich stellte Doc ihn ja auch so vor: "Er ist der Vater, der Mutter und der Heilige Geist von Mardi Gras - und er wird diese Welt dereinst mit in sein Grab nehmen." Überhaupt waren die Ansagen von Doc Wenz an diesem Abend mal wieder mal von ausgesucht eloquenter Intelligentheit. Noch etwas Großartiges zur Musik der Mardis sagen zu wollen, hieße Eulen nach Athen tragen - und wieder zurück. Denn die Herren haben mittlerweile ein Niveau erreicht, das jeder Beschreibung spottet. Der Reiz liegt jeweils in der Auswahl der Tracks und der jeweiligen durch die Tagesform diktierten Nuancierung. Die neuen Stücke klingen gar nicht so sehr nach den 20ern wie sie uns das glauben machen wollen, die funkigen Tracks von "Heat" polterten eher als das sie funkten und eine richtige Ballade ist der krachende Blues "I Was Blind" ja nun ebensowenig wie "Down Down Down" ein Samba ist. Was sich hier aber wie eine Kritik anhört, ist als außerordentliches Lob zu verstehen: Die Mardis wechseln heutzutage so dermaßen nonchalant und charmant die Stile und Genres - immer mit den von Doc Wenz angemahnten Brüchen versehen - dass es eine reine Freude ist. Und ganz obendrein ein ganz eigener Stil. Mit üblicher Blaskapellenmucke hat das nicht viel zu tun - und das ist ja z.B. das erklärte Anliegen vom Reverend. Das hängt aber nicht nur von der ungemein tighten Gruppendynamik zusammen, sondern auch mit der Wahl der Mittel: So steuert Doc Wenz an geeigneten Stellen Gitarrenparts- und Soli bei, die jeder Rock oder Blues Band gut zu Gesicht stünden, so steuert DJ Mahmut atmosphärische Soundeffekte bei, mittels derer er zuweilen ganze Orchester - zumindest aber Keyboards - ersetzt, und so ersetzt das Zwei-Mann-Schlagzeug Erwin Ditzner und Drago Von Traben wahlweise Beat-Box, Drum-Set, Spielzeugkasten oder Big Band. Und natürlich wurde jede Gelegenheit genutzt, mittlels Improvisationen und Soli aus dem Schema auszubrechen und musikalisches Entertainment zu betreiben.

Interessant war an diesem Abend noch die Songauswahl. Es ist ja normalerweise üblich, sich auf das aktuelle Album zu konzentrieren. Heuer reicherten die Mardis das Set aber auch mit Perlen aus der Vergangenheit an. So gab es neben "Down Down Down" z.B. auch noch den "Prescrition Blues" vom Debüt "Alligatorsoup" zu hören, Ansonsten war der Teufel ein gern gesehener Gast - oder aber dessen Lehrling, wie in "Devil's Apprentice". Daneben gab es auch Hits, wie z.B. das obligatorische "Kung Fu Fighting" - auch eher polternd als funky - und gegen Ende bei den Zugaben Donovans "Mellow Yellow", das dem Original ja relativ treu bleibt und das sich als Publikumsrenner entpuppte. Gegen Ende der Show waren dann doch alle zufrieden - auch Doc Wenz, der einräumte, das Limelight dann doch zu mögen, auch wenn es so weit vom Schuss liege. Nach der bereits erwähnten Abschlussparty im Publikum klang der Abend dann - vergleichsweise früh gegen kurz nach zehn mit einem weiteren Set von DJ Mahmut aus (um den Kakerlaken-Effekt - das sofortige Zerstreuen des Publikums nach dem Konzert - abzudämpfen, wie Doc Wenz erklärte). Fazit: Auch mit der fünften Scheibe hat sich das Konzept Mardi Gras noch in keinster Weise abgenutzt. Wenn man bedenkt, dass die Mardis live ja viele Sachen von der neuen Scheibe gar nicht spielen konnten (z.B. die mit Bass, Drumkit und Piano eingespielten Jazz und Blues Nummern), dann war diese Show dennoch bemerkenswert kurzweilig und abwechslungsreich gelungen. Und um endlich zum Titel dieser Story zu kommen: Das Cover von "29 Moonglow" zeigt ja einen dynamisch daherbrausenden Zug - einen Midnight Special zum Beispiel - und wie ein solcher rollten die Mardis an diesem Abend daher und nahmen das Publikum mit auf die Reise in die Revolution. Tüüt, tüüt.

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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