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Konzert-Bericht
 
Abenteuerlich

Rock Adventures
Könen & Becker/ Cord/ Franz Kasper/ Fat Man Boogie

Köln, Bürgerhaus Kalk
22.12.2001

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Franz Kasper
"Rock Adventures" ist ein erklärungsbedürftiges Wortspiel, das sich auf sprachtechnisch abenteuerliche Art der Jahreszeit widmet. Es ist des weiteren so eine Art Nachwuchsförderungsveranstaltung für den rheinischen Raum. Insofern war es auch nicht verwunderlich, daß nicht eben viele Zuschauer den Weg ins unbeliebte linksrheinische Kalk finden konnten. In Zeiten, wo es den Bands nicht mal mehr gelingt, die eigenen Angehörigen zu motivieren, dem musikalen Treiben beizuwohnen (was nicht an den Bands, sondern den bodenständigen Angehörigen liegt), muß man sich - unter kommerziellen Gesichtspunkten - des weiteren tatsächlich fragen, ob das alles noch Sinn macht. Musikalisch und künstlerisch ist das natürlich eine ganz andere Frage. An diesem Abend gab es einen bunten Gemischtwarenladen. Sicherlich auch das ein Grund für das Fernbleiben der Massen. Gerade hierzulande werden die Leute von Vielfalt ja geradezu abgeschreckt. Also: Artigen Beifall den Veranstaltern dieses Events. Diese eröffneten dann auch gleich das Konzert. Könen und Becker sind ziemlich einfach in die Kategorie Singer-Songwriter zu packen. Immerhin verfolgen sie einen interessanten Ansatz: Während Rudi Könen klampft und singt, spielt Becker hierzu einen akustischen Baß. Die Songs zielen irgendwo ins Niemandsland zwischen Anspruch und einer eigenen Identität. Das bleibt aber leider im Ansatz stecken. Da werden die Jungs bei ihrem Bemühen, interessantes Liedgut zu schaffen nämlich, von der ziellosen Frickelei übermannt. Technisch kompetent, aber irgendwie seelenlos plätschern die Songs dahin. Insbesondere die Texte liegen schwer im Magen. Wenn man sich Songs als solche geben möchte, dann möchte man Namen, Orte und Details hören und nicht Floskeln, Aphorismen und Andeutungen - jedenfalls nicht ausschließlich. Wie heißt denn der "Old Bus Driver"? Wo befinden sich die "Two Bridges"? Wohin soll das "Ship" denn fahren? Arbeitet mal ein bißchen daran, Jungs! Man stelle sich z.B. vor, Paul McCartney hätte "Penny Lane" stattdessen "The Bus Station" genannt.
Cord sind dann schließlich eine stramme Power-Schrammel-Pop-Band, die sich um einen ehemaligen Chester-Schlagzeuger versammelt haben. Immerhin mit Druck und guten Songs spielten die Jungs auf. Dies gelang im Abschluß ziemlich hakelig, was die Sache aber immerhin sympathisch machte - und ja auch zu dieser Art von Mucke paßt - besonders dann, wenn der Sänger zur akustischen Gitarre griff. Großes Lob auch für die Wahl der Coverversionen: Einmal Right Said Fred und einmal Elvis Costello's "Alison". Das gefiel. ABER: Wer ein Rockstar sein möchte, der sollte (sofern er keine eigene Fernsehsendung hat) darauf achten, ein wenig anders auszusehen, als die Leute vor der Bühne. Ein wenig Glamour und Charisma hat noch niemandem geschadet. Wir sind hier nicht in England, wo man mit sowas durchkommt, weil sich die Leute sowieso für Musik interessieren. Das machten die beiden nächsten Acts schon besser.

Zunächst mal gab es Franz Kasper's Violin Violence in großer Besetzung (witzigerweise ohne Violine). Strategisch über die ganze Bühne verteilt kam dies einem Jazz Orchester schon ziemlich nahe. Franz lenkte vom Flügel aus mit leichter Hand die ganze Show und überließ hierbei seinen Musikanten auch gerne mal den Mittelpunkt - nicht nur für Soli, sondern überhaupt. So muß das sein: Das war eine Ensemble-Show allererster Güteklasse. Da Franz sich weigert, den üblichen Schemata des Rockbusiness zu folgen, gab es natürlich auch nicht das, was etwa der Plattenkäufer erwartet hätte - sondern ungleich mehr. Die Arrangements, die Kasper und seine Mitstreiter hier aus dem Ärmel zu schütteln schienen, distanzierten sich auf angenehme Weise vom üblichen Rock-Getue (keine Gitarre) und können dennoch nicht ohne weiteres, als "bloßer Jazz" abgetan werden. Das liegt daran, daß Franz anders denkt als andere Musikanten und daß seine Musiker, die, wie Cellist Sebastian Ruin zwischendurch fast entschuldigend meinte, "von der Klassik kommen und deshalb ihre Instrumente stimmen können", das auch verstehen. Leichtfüßig und ohne dabei clever wirken zu möchten brannte die Band ein Feuerwerk verschiedener Stimmungen ab - traumhaft im Zusammenspiel und trotz aller Komplexität niemals akademisch - und nahmen das Publikum dabei kurzerhand als (willige) Geiseln. In dieser Konstellation zählen die Kasperls zu den interessantesten und eigenständigsten Live-Combos überhaupt. Punkt. Hinzu kommt, daß eine geordnete Schar gutgekleideter Menschen auf der Bühne auch optisch was hermacht und auch die äußerst angenehmen Lautstärken wollten gefallen. Zum Schluß gab's dann noch eine Gaudi-Zugabe: Eine obskure Single der Kinks, "Father Christmas", bei der Franz an der Leadgitarre (ausnahmsweise) zeigte, daß er tatsächlich ursprünglich vom Hardrock kommt - was man ihm ansonsten nur schwerlich abnehmen möchte.

Kein Problem hätte man mit dieser Annahme indes beim letzten Act des Abends gehabt. Fat Man Boogie aus Westerburg machen das, was man als moderne Rockmusik bezeichnen möchte. Also die Skateboard-Fraktion nicht vollständig ignorierend aber dennoch in Richtung der ganz großen amerikanischen Vorbilder schielend - was ja nicht schlecht sein muß (Vivid landeten damit ja z.B. einen Industrie-Deal). Es paßt insofern also, daß die FMB Gewinner eines SWR 3 Nachwuchswettbewerbes sind. Im Prinzip sieht so der Traum eines A&R-Menschen aus. So, und nur so sehen die Ingredienzen aus, mit denen man heutzutage einzig und alleine Erfolg haben kann - wenn man in dieser Richtung tätig sein möchte. Natürlich (auch das gehört dazu) sind Fat Man Boogie technisch kompetent, bieten "fette Grooves", coole Keyboard-Sounds und "rocken" natürlich was das Zeug hält. Dabei geraten die Songs artig ordentlich und auch am Vortrag gibt es wenig herumzunörgeln. Sänger Thorsten Jung macht was her auf der Bühne und scheut auch nicht vor der großen, dramatischen Pose zurück (Cord, aufgepaßt!). Dazu spielt die Band recht "tight" zusammen und der Drang zu fulminanten melodiösen Abschlüssen schadet in diesem Kontext auch nicht weiter. So kann das schon was werden mit FMB. Dafür, daß die Band musikalisch so gar kein eigenes Gesicht hat und die Songs eine Halbwertzeit von vielleicht maximal drei Monaten haben (dann gibt's neue, aktuellere Sounds), können die Jungs eigentlich nichts, denn sie machen ja eigentlich alles richtig. Nun ja, auch Robert Johnson hat seine Seele ja an den Teufel verkaufen müssen.

Im Prinzip war dieser Abend eine schöne Idee. Schade nur, daß sich niemand dafür interessierte.

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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