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Tonträger-Review
 
Bob Dylan - Tempest

Bob Dylan - Tempest
Columbia/Sony Music
Format: CD

Mit dem Meisterwerk "Time Out Of Mind" hatte Bob Dylan vor 15 Jahren seinen dritten Frühling eingeläutet, mit "Love And Theft" gelang es ihm vier Jahre später sogar, sich musikalisch neu zu positionieren, indem er seinen bekannten Einflüssen aus Blues, Folk, Country und Rock noch Rockabilly- und Swing-Anleihen hinzufügte. Mit den nachfolgenden Werken "Modern Times" (2006) und "Together Through Life" (2009) machte er dann allerdings nicht viel mehr, als das neuerwachte Interesse und den damit zurückgekehrten kommerziellen Erfolg stilvoll zu verwalten.

Jetzt erscheint sein 35. Studioalbum, und es ist ein Album geworden, das deutlich ambitionierter ist als die beiden Vorgänger - und erfreulicherweise auch wesentlich besser in praktisch jeder Hinsicht. Echte Hits fehlen zwar, aber als Album funktioniert das Werk in seiner Gesamtheit so gut wie keines seit "Time Out Of Mind". Weder vom zusammengepferchten "Modern Times"-Sound noch von dem herrlich ungehobelten "Together Through Life"-Rumpeln ist auf "Tempest" etwas zu spüren. Offenbar ist mit Charlie Sexton auch die Spielfreude in Dylans Band zurückgekehrt, denn abgesehen von seinem neuen alten Leadgitarristen wirken auf dem Album praktisch die gleichen Musiker mit wie auf den vorangegangenen beiden Platten. Außerdem leistete sich Dylan den Luxus, mit Scott Litt einen Grammy-prämierten Produzenten als Tontechniker (!) zu beschäftigen, während er selbst als Produzent fungierte - mit hörbarem Erfolg. Standen zuletzt vergleichsweise simpel gestrickte Chicago-Blues-Songs ohne große klangliche Variation im Mittelpunkt des Interesses, sind dieses Mal die ruhigeren Momente die unbestrittenen Highlights. In Songs wie "Scarlet Town" oder "Tin Angel" hallen Großtaten à la "Not Dark Yet" oder "Cross The Green Mountain" wider, das 14-minütige Titelstück, das um den Untergang der Titanic kreist, ist im Grunde sogar ein echter Folk-Song, und selbst wenn simple, laute Gitarren-Riffs den Takt vorgeben, ist das Ergebnis packend wie bei "Narrow Way". Der heimliche Höhepunkt des Albums ist dagegen "Pay In Blood", das mit seiner Pseudo-80er-Jahre-Produktion nicht nur vollkommen aus dem Rahmen fällt, sondern auch von Dylan mit ungemeinem, ja, unerwartetem Verve gesungen wird. Schade nur, dass ausgerechnet bei diesem Stück seine Stimme so rau klingt, während er bei den anderen Stücken gesanglich geradezu überraschend gut aufgelegt ist.

Doch nicht nur klanglich ist das Album abwechslungsreicher und "musikalischer" als Dylans letzte Veröffentlichungen, auch textlich versteht er endlich wieder zu fesseln. Zwar leiht er sich auch dieses Mal einige Zeilen bei anderen Autoren, doch die leidenschaftliche Bitterkeit, mit der er ein rabenschwarzes Bild von der trostlosen Jetztzeit malt und praktisch in jedem einzelnen Lied das Thema Tod streift, sorgt dafür, dass sich der inzwischen 71-Jährige so scharfzüngig präsentiert wie schon sehr lange nicht mehr. Ob dies wirklich Dylans letzte Platte sein wird - dass Shakespeares letztes Werk "The Tempest" hieß, mag man kaum für einen Zufall halten -, muss die Zeit zeigen, aber wenn es seine letzte wäre: Einen besseren Abschied als dieses Album könnte er sich kaum wünschen.



-Simon Mahler-




 
 
 

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