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ANTIMATTER
 
Unteilbare kreative Vision
Antimatter
Auf "Fear Of A Unique Identity", dem ersten Antimatter-Studioalbum seit über vier Jahren, beschreitet Mick Moss Wege, die dem einen neu, ihm selbst hingegen altbewährt erscheinen. Unstrittig erscheint zunächst wenigstens, dass sich Antimatter 2012 laut ihrem Label erstmals als Band (u.a. mit der lettischen Sängerin Vic Anselmo) und nicht mehr nur als Two bzw. später One Man Show präsentieren - was u.a. Live-Auftritte künftig erleichtern sollte. In jedem Falle genug Anlässe für einen Austausch mit Mick.
GL.de: Mick, bei unserem letzten Gespräch zu "Alternative Matter"-Zeiten hattest du bereits das neue Projekt angekündigt, es sollte "Wide Awake In The Concrete Asylum" heißen und sich mit "the sadistic roles people inflict on themselves in urban environments" beschäftigen. Was außer dem Namen von Stück 7 ist davon bei "Fear..." übrig geblieben?

Vom Konzept her absolut alles - ich hatte nur zwei Alternativen beim Albumtitel und habe mich schließlich für "Fear..." entschieden. So sehr mir "Wide..." auch gefiel, es behielt doch immer etwas hölzernes - jedenfalls als Klammer für das ganze Album. Mit "Fear..." bin ich jetzt sehr glücklich, es scheint mir das Konzept am besten einzufangen.

GL.de: Apropos Konzept - welche Bedeutung haben "Urban Environments" und Rollen spielen für dich?

Ich war immer fasziniert davon, Menschen zu beobachten. Und da ich nun in einer städtischen Umgebung lebe, bekomme ich eine ganze Menge davon zu studieren. Wenn Leute etwas machen, das mir merkwürdig vorkommt, frage ich mich immer "Warum hat er/sie das nur getan?" Das Album bildet einige Hypothesen über bestimmte Aspekte menschlichen Verhaltens in Städten und generell. Ich bin überzeugt davon, dass die meisten von uns Kompromisse zwischen der eigenen einzigartigen Identität oder Charakter und dem eingehen, was er/sie selbst als den akzeptierten Standard sieht. Dieser Abstriche werden automatisch gemacht, um negative Aufmerksamkeit zu vermeiden. Und natürlich ist hirnlose Angepasstheit immer dann gefährlich, wenn der normierende Standard bösartig ist. Ich habe schon so viele Menschen dabei beobachtet, wie sie die von ihnen selbst wahrgenommenen Grenzen zwischen sich selbst und dem Kollektiv, der Gesellschaft verwischen. Da draußen wird unglaublich viel geschauspielert.

GL.de: Dennoch: Jeder Webmaster oder SEO-Spezialist und jeder Web 2.0-affine fängt heutzutage beim Thema Uniqueness an zu sabbern: Unique (Mobile) Users, Unique Content, das sind die Währungen, die heute zählen.

Bei der "Unique Identity", die ich meine, geht es eben nicht um "Zählvolk", sondern um das wahre Ich eines Menschen, so wie er es selbst einschätzt. Im Gegensatz zu der Wahrnehmung der kollektiven Masse.

GL.de: Dein Label schrieb: "Auf "Fear..." beschreitet Mick Moss einen Weg, der in Hinblick auf sein Schaffen der letzten Jahre der einzig logische zu sein scheint. Er findet zu den elektronischen Klängen der Antimatter-Frühphase zurück, ohne von der rock-orientierten Linie abzuweichen, die er auf "Leaving Eden" (2007) eingeführt hat." Empfindest du das auch so mit der Logik? Hätte es nicht zahllose andere Wege gegeben - etwa völlig akustisch. Oder ganz "trippy"?

Antimatter ist ohnehin ständing im Fluss. Das nächste Album wird definitiv wieder eine andere Herangehensweise haben. Ich habe vor, in meinem Leben Musik so gut ich kann zu erforschen. Ich kann nicht verstehen, warum manche Bands ihr Leben lang an der einmal gefundenen Formel kleben. Obwohl, verstehen kann ich's irgendwie schon. Aber das hat meiner Meinung nach nichts mit einer künstlerischen Entscheidung zu tun, sondern ist der Versuch, einer etablierte Fanbase mit dem immer wieder reproduzierten Produkt das Geld aus der Tasche zu ziehen. Ich selbst möchte so viele musikalische Türen wie möglich öffnen. Und was die Fans angeht - die sollten inzwischen an ständigen Wechsel gewohnt sein. Tatsächlich habe ich die Musik für das nächste Album "The Judas Table" schon fast fertig geschrieben. Ich hoffe, dass es Ende 2013 oder 2014 veröffentlicht wird und es wird - was für eine Überraschung - wieder einen Schritt in eine ganz neue Richtung darstellen.

GL.de: Ich war davon überrascht, wie zugänglich das neue Material ist...

Ich habe immer zugängliche Songs geschrieben. Wenn du bis zum ersten Album zurückgehst: Stücke wie "The Last Laugh", "Saviour" oder "Over Your Shoulder" sind sämtlich sehr zugänglich. "Leaving Eden" ist ein zugängliches Album. Allerdings haben Antimatter-Kompositionen neben dieser Zugänglichkeit auch diese Dunkelheit an sich, eine Aussage und eine gewisse Kunstfertigkeit.

GL.de: Mhmmm... Obowohl ich Antimatter von Beginn an kenne und schätze, ist mir eine starke Ähnlichkeit zu Dan Swanös Arbeiten (u.a. Nightingale, Edge Of Sanity) und vor allem seinem Gesang bei den "The Breathing Shadow"-Alben erst bei deinem aktuellen Album aufgefallen. Ist das für dich nachvollziehbar?

Ich kann wirklich wenig dazu sagen, weil ich diese Musik einfach nicht kenne. Ich habe Dan vor zehn Jahren kurz gesehen, als wir beide bei einem kleineren Festival spielten, aber habe damals nicht intensiv hingehört. Und seither auch nicht.

GL.de: Loops und programmierte Sequenzer erzeugen ja oft eine kühle Atmosphäre. "Fear..." vermittelt mir persönlich zwar gelegentlich den Eindruck von Ödnis und punktuell von Verzweiflung - aber nie in kalter, abgehobener Manier, sondern quasi emphatisch, warm.

Wenn ich Musik schreibe oder spiele, bin ich immer auf der Suche nach einem bestimmten Bauchgefühl. Wenn sich das auf die Zuhörer überträgt, habe ich meinen Job gut gemacht. Wenn du Wärme beim Zuhören empfindest, könnte das allerdings auch mit der Arbeit von Produzent Al Groves and Maor Appelbaum, der das Album abgemischt hat, zu tun haben.

GL.de: Antimatter entstand, als du und Duncan Patterson (ex-Anathema, Ion) herausfanden, dass ihr euch damals aus verschiedenen Ausgangspositionen in die gleiche musikalische Richtung bewegtet. Du hast diesen Kreativpartner allerdings relativ früh verloren. Jetzt scheinst du erstmals eine richtige Band am Start zu haben. Geht es dabei nur um Live-Auftritte oder um mehr?

Ich habe niemals eine richtige Band für Antimatter-Alben, sondern arbeite mit diversen Session-Musikern. Tatsächlich kann ich mir inzwischen nicht mal mehr vorstellen, meine kreative Vision mit anderen zu teilen, das würde nicht funktionieren, denke ich. Schon meine Texte sind sehr persönlich und ich sehe nicht, wie ich hier mit jemand kooperieren könnte. Bei der Musik sieht es kaum anders aus: Wenn ich etwas aus Leidenschaft geschrieben habe, würde ich es hassen, die Musik oder das Veto von jemand anderem dazu akzeptieren zu müssen. So sieht es nun mal aus! Mir reicht es für meine Arbeit in meinem Heimstudio völlig, einen Schlagzeug-Rhythmus abzurufen. Damit kann ich ein Stück entstehen lassen und arrangieren. Andere Musiker sind nur erforderlich, um die Parts zu spielen, die ich vorher für sie geschrieben habe. Bleibt noch das Thema der Live-Band... In der Tat habe ich mir ein volles Band Line-up gewünscht, um von dem Zwang zu (Solo-) Akustik-Shows wegzukommen, die ich die letzten zehn Jahre gespielt habe. Das hat in der Zeit mit Duncan angefangen, war damals auch eine gute Idee, hat sich inzwischen aber für mich totgelaufen.

GL.de: Bitte erzähl uns trotzdem ein wenig über Deine neuen Mitmusiker - wie bist du beispielsweise auf Vic Anselmo gestoßen?

Ich habe jeden der Session-Musiker nach seinen Fähigkeiten ausgesucht. Colin Fromont ist ein besonders talentierter Schlagzeuger. Ich habe ihn 2007 das erste mal spielen sehen, als seine Band Averse Vorgruppe von Antimatter in Lille war. Er spielte damals Cajón, ein Instrument, das ich bei ihm zum ersten Mal gehört habe. Etwas später habe ich ihr erstes Album auf meinem eigenen Label, Music In Stone, veröffentlicht. Es ist eine Freude, mit Colin zu arbeiten. Auch Vic habe ich 2007 kennengelernt: Und unter ähnlichen Umständen, da sie unser Support Act in Lettland war. Sie hypnotisierte das Publikum nur mit ihrer Akustikgitarre und ihrer Markenzeichen-Stimme. Als ich jetzt weiblichen Gesang brauchte, wusste ich, dass sie die Richtige sein würde. Auch Violinist David Hall ist in der aktuellen Live-Besetzung. Er hat seinen Parts eine keltische Wendung gegeben - großartige Arbeit!

GL.de: Spielst du die Lead-Gitarre beim Titelstück? Ich bin beeindruckt von der Energie, die das vergleichsweise langsame Solo verströmt - und seine brennende Traurigkeit. Die Glissandi erinnern (mich) sogar ein wenig an David Gilmours beste Soli: reduziert und dennoch majestätisch.

Danke. Ja, ich spiele auf dem ganze Album Lead-Gitarre (wie übrigens auch auf den ersten beiden Alben und einigen Stücken auf "Leaving Eden"). Über die Jahre habe ich meinen eigenen Stil entwickelt. Da ich mich nie wirklich hinsetze und Solieren übe, kommt mein Spiel wohl mehr aus dem Herzen als aus dem Kopf.

GL.de: Auch beim offiziellen Video zu "Uniformed And Black" scheint es um das zentrale Thema zu gehen - (un)freiwillige Selbstuniformierung und Selbstzensur?

Stimmt. Von allen bisherigen Antimatter-Veröffentlichungen scheint mir "Fear..." am meisten mit starken Bildern zu arbeiten. Viele der enthaltenen Themen kehren sowohl in den Texten, im Artwork und im Video wieder. Konzeptionell gesehen sind die Charaktere im Video auch die auf dem Album-Cover. Alle nutzen die Metapher von verbundenen Augen und Knebel für Zensur. Der Song schien mir schon aufgrund seiner Kompaktheit und seiner Hookline ideal für ein noch vor dem Album veröffentlichtes Video.

GL.de: Wie fiel die Wahl auf die Filmmacher Nicolas Giraldon, Mehdi Messouci und Grégoire Orio?

Ehrlich gesagt wurde es spät und ich musste eine schnelle Entscheidung treffen. Ich hatte schon zwei Promo-Videos von diesem Team gesehen und wusste, dass Nicolas' Portfolio phantastische Arbeiten enthält. Mehdi kannte ich sogar persönlich, weil er 2003 bei einigen Gigs Keyboard für uns gespielt hatte. Für mich wurde das Video surrealistisch, als ich eine Szene sah, die sich bislang immer nur in meinem Kopf abgespielt hatte.

GL.de:"Fear..." erscheint in mehreren Versionen. Was zeichnet die nur in 1.000 Exemplaren aufgelegte Ltd. Artbook 2CD/DVD Version aus?

Das Artbook enthält neben dem Album eine Bonus-CD, ein Promo-Video und ein Buch, um sich ganz in das Thema zu versenken.

GL.de: Du bist auch mit dem aktuellen Album bei Prophecy Productions geblieben. Was zeichnet dieses deutsche Label für dich aus?

Wir haben eine gute Arbeitsbeziehung. Prophecy waren wirklich von Anfang an dabei und haben auch in schweren Zeiten zu Antimatter gestanden. Es sind enthusiastische, hart arbeitende Leute, die ein gutes Netzwerk haben. Ihr Geschäftsmodell ist bewährt und expandiert - was könnte ich mehr verlangen?

GL.de: Du erwähntest "Music In Stone". Wie läuft es da? Wen veröffentlicht dein Label noch?

Da ist es momentan recht still. Es gibt ein paar Veröffentlichungen, die über iTunes vertrieben werden und im Moment möchte ich auch nicht mehr. Ich habe kürzlich eine ganz üble Erfahrung machen müssen, in deren Verlauf ich persönlich um Tausende von Pfund betrogen wurde.

GL.de: Gibt es weitere musikalische Projekte - was ist aus The Beautified Project geworden?

Die Zusammenarbeit war toll. Sie baten mich vor ein paar Jahren, auf ihrem Song "Broken Smile" zu singen. Das habe ich gerne getan, da ich durch die Arbeit an "Alternative Matter" schon eine ganze Weile kein neues Material gesungen hatte. Die Single erschien und war für sechs Wochen auf Platz 1 in den armenischen Charts. Ganz nett, oder?

Weitere Infos:
www.antimatteronline.com
antimatter.free.fr/musicinstone
www.facebook.com/antimatteronline
www.myspace.com/antimatterband
www.last.fm/music/Antimatter
de.wikipedia.org/wiki/Antimatter
de.wikipedia.org/wiki/Cajón
www.youtube.com/watch?v=ruus3hG0bQ0
antimatter.prophecy.de
Interview: -Klaus Reckert-
Foto: -Pressefreigabe-
Antimatter
Aktueller Tonträger:
Fear Of A Unique Identity
(Prophecy/Soulfood)




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