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PHILLIP BOA AND THE VOODOOCLUB
 
Der Songschreiber
Phillip Boa And The Voodooclub
Phillip Boa ist aus der deutschen Musik-Szene einfach nicht wegzudenken - seit nunmehr 18 Jahren beschert er uns mit seinem Voodooclub - oder auch als Voodoocult - seine durchdachten und teilweise auch vertrackten Songs, man weiß nie so unbedingt, was er als nächstes machen wird. Die Unberechenbarkeit war immer eine spannende Zutat in seiner Karriere. "C 90" heißt das fantastische neue Album, die Angst vor der Melodie hat Boa abgelegt, Pia Lund ist wieder dabei, ebenso Alison Galea von den befreundeten Beangrowers. An den Reglern behilflich waren Olaf O.P.A.L. (Notwist, Sterne, Miles, etc.), Phil Vinall (Placebo, Radiohead, etc.) und Michael Ilbert (Cardigans, Tocotronic, etc.). Bei so einem Line-Up kann nichts schief gehen, und es ist auch nichts schief gegangen.
Die Songs und auch die Aufnahmen an sich versprühen sehr viel Spaß und kommen sehr entspannt aus den Boxen... Boa: "Ich habe eigentlich im Studio immer Spaß. Es ist in Deutschland nicht immer so einfach, 18 Jahre lang so ein Pop / Rock Dasein zu führen und trotzdem nach Anerkennung zu streben. Das ist nicht so einfach und ich glaube, das größte Problem mache ich mir einfach selbst, weil ich ja auch ein bisschen paranoid bin. Das letzte Album, 'The Red', war z.B. ein Konzept-Album - das Konzept war, sich selbst anzugreifen, zu zerstören und radikal zu klingen, und das Stück auszukoppeln, das garantiert kein Mensch im Radio spielt. Das war ein wichtiges Statement für mich. Das klingt jetzt nach weniger Spaß, es war eine andere Art von Spaß, es war ein sehr durchdachter, rationaler Spaß. Auf dem neuen Album war das anders - der andere Spaß war getan und wir haben wieder gearbeitet wie früher. Nicht soviel gedacht, einfach nur gespielt, und weniger Angst vor Melodien gehabt..." Hm, dieselbe Aussage hatte er vor drei Jahren auch zum "My Private War"-Album gemacht. Boa: "Ich habe das bestimmt gesagt, und auch bestimmt so gemeint. Ob ich es erreicht habe, weiß ich nicht, vielleicht zum Teil. Die Grundhaltung damals war eine andere - die Grundhaltung damals war von mir, ich bin jetzt - damals - 15 Jahre dabei, ich möchte so'n Dasein eines Elder Statesman, eines Gentleman führen, der seinen Ruhm ein bisschen verwaltet, wie etwa Paul Weller, Lou Reed oder Leonard Cohen. Die Grundhaltung hat sich jetzt verändert. Diesmal bekenne ich mich mehr dazu, nicht berufsjugendlich zu sein, aber einfach so zu sein wie früher, wie ein Kind, wie ein junger Mensch mit Musik spielt, Songs zu schreiben und nicht soviel zu denken. Das ist der Unterschied." Auf dem Weg zum Interview ist der Gaesteliste.de-Korrespondent über eine Zeitungs-Schlagzeile gestolpert: "Rock-Fossil Achim Reichel auf Jubiläums-Tournee" Gibt es die Angst, auch mal als Rock- oder Avantgarde-Fossil abgestempelt zu werden? Boa: "Diese Dinge kommen manchmal. Beispielsweise im neuen Visions - die Frau hat mich interviewt und hat halt nichts dergleichen im Interview anklingen lassen, aber die Überschrift des Artikels ist: 'Ja, wundert euch nicht, den gibt es auch immer noch!' Das ist ja dann dasselbe wie Rock-Fossil oder so. Das sind dann die Artikel, die mich darüber nachdenken lassen, ob ich nicht Schluss machen sollte, neue Alben zu veröffentlichen. Es gibt natürlich massig Material, auch Remixe oder andere Projekte, die man noch machen könnte. Aber am nächsten Tag denke ich dann, lässt du dich jetzt von dieser Person so beeinflussen, das ist ja dann doch etwas schwach. Wenn man mich am falschen Tag erwischt, dann beeinflusst mich das negativ, sowas ärgert mich auch, das lese ich nicht gerne. Zum Teil stimmt es ja auch irgendwie. Aber wie z.B. die Spex damit umgegangen ist, das fand' ich sehr positiv - dort stand gegen Ende des Artikels, dass man es vielleicht in diesem Lande noch gar nicht kennt, dass jemand länger als die normale Halbwertszeit eines deutschen Popstars auch noch cool sein kann. Oder so ähnlich. Das hat mir gut gefallen. Irgendwie komme ich daher und mir gefällt es da auch wieder die Anerkennung zu bekommen, die ich natürlich auch gerne haben möchte."
Phillip Boa And The Voodooclub
Apropos Halbwertszeit von Popstars - wie fühlt man sich denn als Teil eines Konzerns, bei dem die Instant Popsuperstars gemacht werden? Boa: "Ich bin auf dem Label RCA, ich sehe mich ja nicht als deutscher Künstler. Da gibt es die Foo Fighters, Strokes, Kings Of Leon, Cooper Temple Clause, alles super, neue, gute Bands, die sind auf dem selben Label, RCA. Ich bin sogar auf RCA Victor, der einzige deutsche Künstler, der momentan auf dem Label ist, ansonsten noch eine schwedische und eine englische Band, Morrissey war mit einer Solo-Platte auf RCA Victor, so sehe ich das. Das gehört natürlich zum BMG-Konzern, aber Universal und Motor veröffentlichen auch Chris De Burgh. BMG hält sich - und so sollte es auch sein - ein paar coole Künstler, und ich habe den Vorteil, dass mir niemand reinredet. Seitdem ich bei BMG bin, habe ich totale künstlerische Freiheit, ebenso beim Marketing, ich muss noch nichtmal viel verkaufen, und so lässt es sich gut leben! So sollte jedes Major-Label in Deutschland sich mind. 20 tolle Bands halten, die sie so produzieren lassen, dass es Sinn macht, also nicht so teuer und mit weniger aufgeblasenem Marketing, keine dämlichen 50 000 Euro Videos, kein Geld dafür ausgeben, um sie z.B. bei Viva reinzukaufen, dann können diese Bands auch existieren. Das ist meiner Meinung nach die Zukunft. Der Rest kann auf Indie- oder Internet-Labels veröffentlicht werden. Das ist die Zukunft, das sind die neuen Strukturen, die hoffentlich nach diesem Desaster, das zur Zeit stattfindet, dann entstehen. Aber das muss man erstmal in die Köpfe reinbekommen. Ich habe immer irgendwelche Bands gehabt, die meine Verträge bezahlt haben - wer es früher war, habe ich vergessen, irgendwann waren es die Ärzte und Rammstein, heute sind es...wer auch immer...nicht unbedingt besser geworden der Geschmack...passt in die Zeit...Universal, Motor, Sony, die haben alle ihre Popstar-Formate, klar. Die haben alle ihren peinlichen Momente..." Stimmt es denn nicht trotzdem traurig, dass jemand wie Jeanette Biedermann in einer Jury sitzen und darüber entscheiden darf, wer gut und wer schlecht ist? Boa: "Ach, darüber braucht man gar nicht nachzudenken, das ist Verschwendung von Gehirnzellen..."
Phillip Boa And The Voodooclub
Gibt es denn nach den vielen Jahren des kreativen Schaffens überhaupt noch etwas, das man sehr gerne nochmal gemacht haben möchte? Irgendwelche musikalischen Visionen, die noch nicht umgesetzt werden konnten? Boa: "Hm, als nächstes jetzt, ob es ein neues Album oder Best-Of mit unveröffentlichten Liedern werden wird, weiß ich noch nicht. Mir schwebt immer noch vor, nochmal so einen Übersong zu schreiben, wie 'And Then She Kissed Her' z.B. einer war. Das ist ein Song über Heimweh und der funktioniert einfach. Das Heimweh oder die Sehnsucht darin hörst du, das funktioniert und ist gut transportiert. Das möchte ich gerne noch einmal schaffen. Da kann ich mir auch drei Jahre Zeit lassen. Da habe ich jetzt hier auch ein bisschen Angst vor gehabt, vor so einem Übersong, weil er ja wirlich sehr melodiös ist. Sowas melodiöses kann auch negativ enden. Das muss man ja gut machen, mit Stil, und das ist nicht einfach. Da hat man erstmal Ängste, die habe ich bei dem neuen Album weniger gehabt. Ansonsten würde ich gerne noch ein paar Elektronik-Themen machen, oder mal irgendwo gastieren oder so, Texte für jemanden schreiben oder darauf singen. Oder an meinem Archiv arbeiten. Aber so die Herausforderung als Musiker, was ich noch nicht gemacht hätte, das gibt's eigentlich nicht, denn ich sehe da nichts Neues, weder in der Elektronik-Szene noch in der Rock-Szene. Das ist jetzt auch nicht negativ gemeint, das ist jetzt eher technisch nüchtern analysiert. Aber Songs zu schreiben, das macht mir am meisten Spaß - ich sehe mich schon heute so als Songwriter und da ist das neue Album glaube ich schon sehr gut gelungen." Auf dem neuen Album ist auch wieder Pia Lund dabei - war denn damals beim Songschreiben für "C 90" schon klar, dass sie wieder dabei sein würde? Boa: "Nein, am Anfang nicht, aber dann klangen einige Lieder so, dass ihre Stimme da sehr gut passen würde. Z.B. bei 'Down' oder bei diesem Film-Soundtrack-Teil bei 'Slipstream', das klang schon sehr danach, dass sie darauf singen musste!" Also spielt schon die Verteilung der Stimmen beim Songschreiben eine große Rolle - so nach dem Motto "Das ist ein Pia-Song", "Das ist ein Alison-Song", "Das ist ein Song, auf dem beide singen"... Boa: "Ja, das ist genau so. Das sind, glaube ich, auch die Dinge, die ich gut kann - mir etwas vorzustellen, wie etwas später dann zu klingen hat."

Egal, wie erfolgreich oder auch nicht die jeweils aktuelle Veröffentlichung von Phillip Boa auch war, eine Konstante in seiner Karriere waren stets die Live-Shows, die auch immer sehr gut besucht waren. Das kommt nicht von ungefähr, schließlich sind Boa und seine Band erstklassige Live-Musiker. In der letzten Zeit häuften sich einige besondere Konzerte, bei denen verschiedene Bands komplette Alben von Anfang bis Ende in der Original Reihenfolge durchgespielt haben - besonders eindrucksvoll hierbei waren z.B. die Trilogy-Shows von The Cure, bei denen ganze drei Alben nahezu am Stück durchgespielt worden sind. Wäre das etwas für Phillip Boa? Material gäbe es ja zu Genüge. Boa: "Ich kann 'Hair' spielen, das ist ein wichtiges Album - das wird zumindest auch immer wieder in den Magazinen erwähnt, dass es eins der besten Alben aus Deutschland sei. Aber das ist so kompliziert zu spielen, das ist fast unmöglich, das ist das Problem. Die neue könnte man machen, die erste oder zweite, dann 'Boaphenia' oder so. Das hört sich gut an, aber die einzuproben, das wäre unendlich viel Arbeit!"

Weitere Infos:
www.phillipboa.de
www.boamania.de
www.pialund.de
www.phillipboa.com
www.voodoophenia.de
www.united-fanpages.de
Interview: -David Bluhm-
Fotos: -Pressefreigaben-
Phillip Boa And The Voodooclub
Aktueller Tonträger:
C 90
(RCA Victor/BMG)


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