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TIMESBOLD
 
Die melancholischen Händefresser
Timesbold
Einen Riesenschritt nach vorne macht die New Yorker (genauer: Brooklyner) Combo Timesbold auf ihrer zweiten Scheibe. Hielt sich das Namenlose Debüt-Album noch ziemlich zurück, was erkennbare Songstrukturen oder ausgeformte Arrangements betrifft, und ergo ein wenig im Schwall der allgemeinen Slow-Core-Welle untergegangen ist, so ist der Zweitling namens "Eye Eye" dagegen geradezu eine Americana-Operette geworden. Mit viel musikalischem Gusto und jeder Menge verrückter Ideen arbeiten sich Songwriter Jason Merritt (der auch unter dem Pseudonym Whip bekannt ist) durch ein kunterbuntes Universum schräger Song-Ideen, die in ihrer kirmesartigen Unbeschwertheit und der sympathisch unsteten Machart zuweilen an die Großen des Genres wie z.B. Will Oldham erinnern. Unter anderem auch deswegen, weil Jason selber auch mit brüchiger Stimme seine z.T. doch wunderlichen Textphantasien vorträgt.
Das Cover der Scheibe zeigt im Stil einer Kinderzeichnung einen kleinen Kerl, der seine Hände aufisst. Was geht denn hier ab, und was hat das bitteschön mit der Musik zu tun? "Was hat das mit der Musik zu tun? Nun, ich möchte das das eine Art Rätsel bleibt", antwortet Jason, "nur so viel: Die Hände sind ja ein wichtiger Teil des Körpers, mit dem du vieles machst. Wenn du nun Dinge tust, die falsch oder verboten sind, kann es eine Lösung sein, die Hände zu entfernen." Entfernen? Auge um Auge, Hand um Hand quasi? Das hat ja geradezu biblische Dimensionen. "Ja, das stimmt - obwohl ich das so noch gar nicht gesehen habe", räumt Jason ein. Aber zurück zum Titel der CD: Wofür steht "Eye Eye"? "Das ist ein Wortspiel", verrät Jason, "es ist ja unsere zweite CD - deswegen zwei mal 'Eye'. Jemand meinte, dass ihn das Ganze auch an Piraten erinnere. Und dann gibt es ja noch diesen Ausspruch, wenn etwas ganz arg ist - 'Eieiei'..." Was die Sache ja immer noch nicht hinreichend erklärt. Wenn wir aber schon bei Körperteilen und biblischen Bezügen sind: Ist nicht das Auge das, womit man den Rest sieht?!? Hat Jason etwas gesehen, was ihn zu der ganzen Sache inspirierte? "Ja, das stimmt", räumt er ein, "natürlich sieht man mit den Augen - das kann schon eine Rolle gespielt haben. Ich vermeide es aber lieber, allzu deutlich zu werden." Das merkt man schon. Auch Jasons Texte sind ähnlich aufgebaut. Fast poetisch winden sich seine Wortgeflechte sozusagen um das Thema herum und kommen oft genug - gleich eines Reigens - wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurück. "Ja, das ist richtig", stimmt Jason zu, "und das mit dem Reigen ist ein guter Vergleich. Du meinst 'Bone Song', nicht wahr? Ich mag es halt, dass die Worte gut klingen, ich mag einfache Dinge und ich versuche, persönliche Dinge einfließen zu lassen. Allerdings ist die Welt ein ziemlich düsterer Ort und deswegen gibt es bei mir auch keine fröhlichen Sachen."
Timesbold
Damit scheint er ähnlich zu arbeiten, wie eben z.B. auch Will Oldham. Wird er denn auch "von den Worten überwältigt" (so beschrieb uns Will Oldham mal seine Kompositionsarbeit). "Ich habe von Will Oldham gehört, kenne aber seine Musik nicht besonders gut", meint Jason, "und es ist bei mir auch kein überwältigen von Worten, sondern ein Stück Arbeit, bis ein Text so klingt, wie ich ihn brauche. Es ging in dem Fall auch darum, die Texte den musikalischen Gegebenheiten anzupassen." Die ja auf "Eye Eye" ganz anders sind, als noch auf dem Debüt, nicht wahr? "Ja, denn die Titel auf dem Debütalbum waren eher als Solo-Stücke entstanden", gibt Jason zu, "wie du ja vielleicht weißt, arbeite ich unter dem Namen 'Whip' auch als Solo-Künstler ["Atheist Love Songs To God" heißt seine Scheibe]. Natürlich schreibe ich zu diesem Zweck Songs, die simpler sind, und die sich ohne großen Aufwand auch live umsetzen lassen." Was mit den aufwendig orchestrierten Tracks der neuen CD ja nicht ganz so einfach sein dürfte, oder? "Wir arbeiten daran", schmunzelt Jason, "was immer wir live umsetzen können, tun wir auch. So überlegen wir z.B., eine Harfe mit auf Tour zu bringen, weil jemand von uns die spielen kann. Und ich werde zukünftig auch sicher mehr singende Säge spielen. Der Reiz liegt ja immer darin, möglichst ungewöhnliche Sounds zu kombinieren." So wie Brian Wilson, der ja auch verschiedene vorhandene Instrumente kombinierte, so dass dann ganz eigene, undefinierbare und neue Sounds entstanden? "Ja, so könnte man das sehen", sagt Jason, "wir verwenden so viel Instrumente wie möglich: Mellotron, die Säge, Theremin, Banjos, Streicher, Blasorgeln. Was ich noch sagen wollte, ist, dass die neuen Stücke sehr viel mehr eine gemeinsame Anstrengung war, als die der ersten Scheibe. Wir waren eigentlich immer schon mehr als ein Trio, als das wir auf der ersten CD ausgewiesen wurden. Die anderen sind jetzt eben fest in der Band." Das hört man dann auch heraus, denn die Stücke scheinen aus vielen verschiedenen Einzelteilen zusammengesetzt zu sein. "Das liegt daran, dass alle unsere Musiker einen ganz verschiedenen Background haben. Einer hört gerne Hip Hop und ist ein DJ, einer mag Country Musik, einer hat eine klassische Ausbildung..." Das geht ja sogar so weit, dass auf dem bezeichnend betitelten Track "All Blues" eine Passage aus Gustav Mahlers Auferstehungs-Symphonie eingebaut ist. "Willst du wissen, warum?", fragt Jason unnötigerweise, "na ja, da hatte ich meine depressive Phase. Ich tendiere ja sowieso zu eher melancholischen Songs. In dem Fall war es aber so, dass die anderen meinten, dass man das nicht so lassen könne und das Mahler-Stück dann dazu dient, eine Art positiven Ausgleich für meine Musik zu bieten." Das hört sich ja ziemlich mach Basisdemokratie an. Jedenfalls sind Timesbold für die Idee, sich vom Songwriter mit seinen Musikern zum Musikerkollegium zu wandeln, zu beglückwünschen. Das Ergebnis jedenfalls ist - um beim Glitterhouse-Slang zu bleiben - "alleroberstes Qualitätsnirvana". Demnächst auch auf unseren Bühnen zu bewundern (u.a. beim Orange Blossom Festival).
Weitere Infos:
www.timesbold.com
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Pressefreigaben-
Timesbold
Aktueller Tonträger:
Eye Eye
(Glitterhouse/Indigo)




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