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TARA ANGELL
 
Gefallene Engel
Tara Angell
Tara Angell ist eine jener Musikerinnen, ohne die nicht einmal mehr die Independent Szene funktionieren könnte (geschweige denn der "weiße Musikmarkt" mit seinen gecasteten Playback-Püppchen): Seit Jahren bereits krebst Tara im Underground herum, schreibt Songs, veräußerte wesentliche Teile ihres Besitzes, um Demos aufnehmen zu können und machte sich mit Live-Auftritten einen Namen - zumindest in New York und unter Kollegen. Jetzt "endlich" erscheint "Come Down", ihr offizielles Debüt-Album, das von niemand geringerem produziert wurde als Joseph Arthur, dem Weltmeister des Selbstsamplens (wobei er sich diesbezüglich hier doch sehr zurück hält). Das Ergebnis - live eingespielt in Jospehs Studio in NYC - ist ein faszinierendes Beispiel dafür, wie man mit vergleichsweise geringem Aufwand, dem richtigen Gespür und einer charaktervollen Protagonistin wie Tara Angell eine äußerst organische, in sich logische Scheibe einspielen kann, die einen ganz eigenen Charakter hat. Taras sehr spezielle Variante einer Art düsteren Gothic-Americana mit Velvet Underground-Note hat sich schon als ganz heißer Geheimtipp bei denen etabliert, die das Werk bereits hören konnten. Dabei hilft es natürlich durchaus, dass Tara eine Stimme hat, die nicht unangenehm an die von Marianne Faithfull erinnert, und dass Joseph offensichtlich genau verstanden hat, was sie von ihm wollte.
"Nun, 'Come Down' ist mein erstes Album", erzählt Tara, "es ist so, dass ich schon seit einiger Zeit Songs schreibe und Musik spiele. Ich arbeitete als Kellnerin in New York und ich hatte ein paar Demos aufgenommen. Dann fand ich einen Manager - bzw. er fand mich. Als er mich ansprach, beschlossen wir, eine Scheibe aufzunehmen. Das brauchte natürlich eine gewisse Zeit. Als das aber erst mal passiert war, so um Ende 2001, da meinte ich, dass ich gerne Joseph Arthur als Produzenten hätte. Ich hatte nämlich seine eigene Musik gehört und irgendetwas sagte mir, dass das der richtige Mann wäre. Wir haben also Joseph kontaktiert und er ist zu einem meiner Auftritte gekommen. Er mochte, was ich tat und wir waren ein paar Tage später im Studio. Vorher kannte ich Joseph gar nicht persönlich." Nun ist das Ganze dabei keineswegs so unglaublich, wie es klingt, denn Taras Art, ihre Geschichten mittels atmosphärisch verwobener, melancholisch-düsterer Balladen zu erzählen, ist dem, was Joseph selber macht, gar nicht ein Mal so unähnlich. Das Album hat diesen warmen, organischen Sound. War das, was Tara wollte, oder war das Josephs Einfluss zu verdanken? "Nun, es war definitiv eine Zusammenarbeit", schränkt Tara ein, "ich denke, dass wir darin übereinstimmten, dass es so sein müsste. Wir haben das Album in dreieinhalb Tagen aufgenommen und in anderthalb Tagen gemischt. Der Grund warum wir letztlich zusammenarbeiteten war der, dass wir beide dieselbe Vorstellung davon hatten, was wir wollten. Wir wollten es live einspielen, die Fehlerchen drinlassen, es sehr real klingen lassen. Wir haben zwar eine Menge Takes aufgenommen, bevor wir etwas auswählten - das war es aber auch schon. Das meiste ist live eingespielt und bereits am ersten Tag aufgenommen worden. Und übrigens alles mit elektrischen Gitarren - obwohl ich manchmal ja durchaus auch akustisch spiele." Was hat denn Joseph beigetragen? Er hat ja z.B. eine riesige Sammlung von Effektgeräten und Gadgets... "Nun, in diese Richtung wollten wir ja gar nicht gehen", meint Tara, "wir haben natürlich ein paar Keyboards und analoge Gerätschaften verwendet und es waren ja auch durchaus ein paar Spielzeuge vorhanden. Aber das war nicht der Hauptzweck. Ein wenig davon hörst du auch auf Songs wie 'Uneven', wo es ein paar rückwärts laufende Gitarrenloops gibt. Aber wie gesagt: Darum ging es nicht." Das heißt: Die Songs waren bereits fertig, als es ins Studio ging? "Ja, ich habe für mich selber eine Menge Vorproduktion geleistet, ich hatte ein ziemlich genaues Bild von dem, was ich machen wollte."
Woher nimmt Tara denn die Inspiration für ihre Stories - die, wie die Musik selbst, auch immer ein wenig schwermütig und bedeutungsschwanger sind. Es heißt zum Beispiel, sie ließe sich von Schriftstellern wie Faulkner inspirieren, was ja nicht so oft vorkommt "Meinst du? Nun ja. Ich muss zunächst einmal sagen, dass mir das Songwriting am allerwichtigsten ist. Wichtiger noch als das Auftreten, das Singen, das Gitarre-Spielen. Es ist nun aber so, dass ich meine Stücke ewig lange editiere und daran herumbastele. Einige dieser Songs entstanden tatsächlich im Verlauf von Monaten. Ich habe Stapel um Stapel von Papier mit Schnipseln herumliegen und immer wenn es mir danach ist und ich Zeit habe, dann nehme ich mir dieses Zeug vor und versuche, es zusammenzusetzen. Ich experimentiere herum und versuche, etwas daraus zu machen. Und dann ist es so, dass ich mir auch ständig Notizen mache. Ich habe also ständig einen Stift bei mir und schreibe Dinge auf. Das sind kleine Gedanken - niemals ein ganzer Song." Daher resultiert wohl auch, dass Tara keine typische Geschichtenerzählerin ist, nicht wahr? "Nun, ich weiß nicht. Was ist denn eine typische Story? Ich finde, es ist eine sehr große Herausforderung, mit der geringstmöglichen Anzahl an Worten auszukommen, wenn es darum geht, um eine Idee auszudrücken. Wortschwälle sind mir ein Graus." Was also Antifolk schon mal ausschließt. Was heißt denn "die Songs editieren"? "Nun, es sind meistens die Texte", erläutert Tara, "aber manchmal habe ich auch einfach eine Melodie im Kopf. Dann gehe ich wieder zu meinen Papierstapeln und versuche, mich auf einen Song zu konzentrieren und die Ideen darin unterzubringen. Nun steht aber eine ganze Menge Müll auf der Seite stehen, die ich gerade vor mir habe. Das streiche ich dann aus und schreibe vielleicht etwas Neues, was dazu passt. Es ist nämlich so, dass, wenn ich diese Notizen aufschreibe, ich mich nicht auf Zusammenhänge oder Songs konzentriere, sondern bloß Ideen festhalte. Das ist der Prozess, den ich als 'Editieren' bezeichne." Woran erkennt man denn dann, dass ein Song fertig ist? "Nun", lacht Tara, "im Prinzip dann, wenn er aus irgendwelchen Gründen fertig sein muss. Ein wenig Druck kann da nichts schaden. Es ist ganz schön schwierig. Ich habe so viel mehr unfertige als fertige Songs. Ich glaube, ich brauche eine Deadline. Das ist aber für mich wirklich das Schwierigste überhaupt. Manchmal verändern sich die Songs ja auch noch in ihrem späteren Leben, wenn ich sie live spiele - und das ist dann auch cool."
Tara Angell
Was bedeutet denn der Titel des Albums, "Come Down"? "Nun, man kann es interpretieren, wie man möchte", erinnert sich Tara, "als wir im Studio waren, war es Joseph, der sagte, dies sei die optimale Scheibe zum 'runterkommen'. Wovon er sprach, war die Assoziation zu Drogen - von einem Trip 'runterkommen. Aber ich glaube, dass man es nicht wörtlich nehmen sollte. Man kann ja auch ohne Drogen 'runterkommen’ - z.B. nach einer durchgemachten Nacht um drei Uhr Morgens." Könnte es denn auch sein, dass mit dem Titel ein Engel gemeint ist? Denn auch Engel können ja vom Himmel "herunterkommen" und angesichts Taras Namen wäre das doch ein netter Gag. "Nun ja, unmöglich wäre das nicht", lacht Tara, "obwohl ich da sicher nicht dran gedacht habe. Aber siehst du: Das ist der Grund, warum ich nicht gerne meine Texte und Titel analysiere. Jeder kann etwas anderes da hinein interpretieren - und das ist auch gut so. Die Interpretationen anderer sind meistens so viel besser als meine eigenen." Aber noch mal zurück zu den Einflüssen. "Nun das ist kein bewusster Prozess. Wenn ich zum Beispiel feststelle, dass ich zu viele depressive Songs schreibe, überlege ich mich zwar, einmal etwas anderes zu machen, aber ich setze mich nicht vorher hin und sage mir ich will diese und jene Art von Song schreiben. Als ich jünger war, fühlte ich mich zu Folk-Künstlern wie Dylan oder Joni Mitchell hingezogen. Also fing ich damit an, folkige Songs zu schreiben. Heutzutage fühle ich mich aber eher von Filmen inspiriert. Wenn ich einen tollen Film sehe, dann möchte ich gleich einen Song schreiben, der genauso gut ist. Oder ich werde auch von Büchern inspiriert oder sogar vom Theater." Wie funktioniert das denn? "Nun, diese Inspiration ist wie Adrenalin für mich. Es ist die Art, wie ich mich fühle, wenn ich einen Film gesehen oder ein Buch gelesen habe, die mich anregt, einen Song zu schreiben. Dabei geht es gar nicht darum, was ich gerade gesehen oder gelesen habe: Ich möchte einfach genauso gut sein, wie das, was ich gerade erlebt habe - wenn ich das so sagen darf." Was ist denn die Funktion des Songs "Bitch Please" - ein Stück mit einem bitterbösen, ironischen Text und offensichtlich einer Party im Hintergrund. "Nun, an dieser Stelle wollten wir etwas machen, das ein wenig heiterer war, als der Rest", erklärt Tara," wir stellten dann doch fest, dass der Rest ein wenig schwermütig und heavy war. Es war Josephs Idee, diese Party-Atmosphäre über den Song zu legen, wo man im Hintergrund sich unterhaltende Leute hören kann. Ich glaube, Velvet Underground haben so etwas mal gemacht. Nachdem ich das gesagt habe, muss ich aber gleich hinzufügen, dass es nicht unsere Absicht war, eine VU-Scheibe zu machen. Es ging hier bloß um eine weitere Ebene, ein wenig Textur. Wenn ich irgendwie klingen wollte, dann eher nach den Rolling Stones..." Auf Taras Website gibt es einen Link zu einem anderen New Yorker Songwriter, David Poe - was hat es denn damit auf sich? "Oh, David und ich sind gute Freunde", erklärt Tara - und berichtet nicht ohne Stolz, "wir haben zusammengespielt, eine Benefizveranstaltung zusammen gemacht, bei der wir für Senator Kerry Geld gesammelt haben. Dabei sind über 7 000 Dollar zusammengekommen." Womit dann ja auch noch klar ist, wo Tara Angell politisch steht. Die Kombination Tara Angell / Joseph Arthur hat sich als wahrer Glücksfall erwiesen, denn daraus ist mit "Come Down" eine der spannendsten Songwriter-Scheiben der letzten Zeit geworden. Hoffentlich wird man von Tara Angell auch in Zukunft noch viel hören.
Weitere Infos:
www.taraangell.com
www.rykodisc-media.com/taraangell/
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Pressefreigaben-
Tara Angell
Aktueller Tonträger:
Come Down
(Rykodisc/Rough Trade)




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