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ATARI TEENAGE RIOT
 
Blind Date mit Alec Empire
Atari Teenage Riot
Als die Digital Hardcore-Pioniere Atari Teenage Riot in den frühen 90ern auf der Bildfläche auftauchten, blies ihnen kräftiger Gegenwind ins Gesicht. Die Mischung aus brachialem Elektronik-Sound und ausgeprägter politischer Botschaft irritierte damals viele, und trotz dreier hochkarätiger Alben und prominenter Fürsprecher wie Trent Reznor von Nine Inch Nails (der ATR zu gemeinsamen Tourneen einlud) oder die Beastie Boys (auf deren Grand Royal-Label ATR eine Zeit lang in den USA veröffentlichten) kam das Berliner Trio über Kultstatus nie hinaus, bevor es 1999 aufgrund bandinterner Probleme implodierte. Mehr als ein Jahrzehnt später scheint die Zeit nicht nur reif für den Sound von ATR, die Nachwirkungen der Finanzkrise haben das Publikum auch für die Inhalte der Band sensibilisiert. Zwölf Jahre nach der Auflösung von Atari Teenage Riot gibt es deshalb nun ein neues Lebenszeichen von Alec Empire und Co. "Is This Hyperreal?" heißt das exzellente vierte Werk der Band, bei der inzwischen Hanin Elias durch Nic Endo am Mikro abgelöst wurde und CX Kidtronik den verstorbenen Carl Crack ersetzt. Musikalisch mag die Bandbreite etwas größer geworden sein, weniger Durchschlagskraft besitzen ATR aber deshalb noch lange nicht. Gaesteliste.de funktionierte ein Handy zum Ghettoblaster um und traf sich mit Alec Empire zum Blind Date.
*The Kills "Satellite" ("Blood Pressures", Domino, 2011)

Das Endergebnis mag anders klingen, aber irgendwie könnte man The Kills und ATR letztlich doch für Seelenverwandte halten.

Alec (nachdem er sich auf die Sprünge helfen lassen musste): The Kills? Ich kenne von der neuen Platte nur ein paar Stücke! Ganz witzig ist, dass es in den USA einige Reviews gegeben hat, in denen unsere Platte mit The Kills verglichen wurde - vor allem die Vocals. Ich finde den Namen ganz cool, eigentlich noch am besten von den "The"-Bands, ich finde auch die Idee ganz cool, dass die beiden was zusammen machen, aber die Musik hat mich ehrlich gesagt noch nie so richtig umgehauen. Ich habe immer das Gefühl, dass da noch der richtige Song fehlt. Jon Spencer Blues Explosion wären auch ein Beispiel dafür. Ich habe den Sound immer gemocht, aber wenn ich jetzt sagen sollte, welcher ihrer Songs der absolute Oberknaller ist, dann würde mir keiner sofort einfallen.

*Wilson Pickett "Mustang Sally" ("Live In Germany 1968", Crypt Records, 2009)

Eine Wahnsinns-Aufnahme des WDR, die über die Jahre Kultstatus erlangt hat. Inzwischen gibt es eine Vinyl-only-Veröffentlichung des Soundtracks auf Crypt davon.

Alec: Wilson Pickett! Guck mal, ich kriege eine Gänsehaut, obwohl du mir das nur über ein Handy vorspielst! Der Mitschnitt ist mit das Beste, was es gibt! Da spielen ja viele Sachen eine Rolle. Zunächst mal die Performance an sich, aber auch, wie es gefilmt ist - unglaublich! Soundmäßig ist das genau das, was ich gut finde: Wie die Stimme sich anhört, wie die Band sich anhört... Die Energie, der Druck ist komplett eingefangen! Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich das erstmals mit Tim Warren, der Crypt gemacht hat, gesehen habe. Das muss 1993 oder 94 gewesen sein. Wir saßen bei ihm im Wohnzimmer, und als er mir das gezeigt hat, dachte ich: "Das kann nicht wahr sein! Ich fall um!"

*Crystal Castles "Celestia" ("Crystal Castles II", Fiction, 2010)

Das Duo aus Toronto ist schon des Öfteren mit ATR verglichen worden.

Alec (nach wenigen Sekunden): Das kenn ich doch! Aber was ist das? Das sind Crystal Castles? Ein komisches Thema (lacht). Eine totale Hipster-Band! Das ist ein bisschen so wie mit The Kills: Als ich damals die erste 7" auf Merok gehört habe, dachte ich: "Wow, da kommt bestimmt noch total viel hinterher!" Viele denken, ich müsste die Band total hassen: "Die haben doch alles bei euch geklaut!" Das habe ich nie so ganz verstanden. Okay, Electro mit verzerrten Frauen-Vocals erinnert natürlich jeden immer sofort an Atari, weil wir das wahrscheinlich wirklich als Erste gemacht haben, aber trotzdem finde ich, dass der Vergleich ein wenig hinkt. Ich finde, dass Crystal Castles eine Band sind, die ihre Generation gut beschreibt. Es geht nicht wirklich um was (das ist jetzt gar nicht negativ gemeint), und es gibt eine bestimmte Einsamkeit, die ich da durchhöre. Alle sind vernetzt, alle wollen schnell dabei sein, aber letztlich sind doch alle allein. Das ist zwar nicht neu, aber das ist inzwischen sehr extrem geworden. Vermutlich findet die Musik auch deshalb Anklang, weil die Band einen bestimmten Nerv trifft. Nur fühle ich mich halt nicht so, deshalb treffen sie den Nerv bei mir eben nicht!

*Theoretical Girls "You Got Me" ("New York Noise (Compliation)", Souljazz, 2003)

Recht obskure, aber dennoch wichtige Vertreter der No-Wave-Bewegung der späten 70er, die bis heute in Bands wie Sonic Youth nachhallt.

Alec: Den Track kenne ich. Von der Band gibt's nicht viele andere Sachen, oder? Ist super! No Wave ist total wichtig für das, was wir machen, auch wenn das den Leuten vielleicht nicht so bewusst ist. Das hier hat eine bestimmte Energie, die ich total gut finde - und die nicht unbedingt bei großen Festivals funktioniert (lacht). Mir gefällt die Spannung und wie sie gehalten wird. Gut finde ich an der Musik vor allem die Herangehensweise, beispielsweise bei diesem Track hier den Rhythmus einfach so stehen zu lassen und den Mut aufzubringen, den Leuten nicht zu geben, was sie jetzt gerade haben wollen. No Wave ist ein schönes Beispiel für eine kleine Szene, die letztlich total wichtig gewesen ist. Brian Eno hat da ja auch viele Sachen gefunden. Eine Musikszene insgesamt muss sich solche Experimente leisten, denn wenn alle nur auf Profit aus wären, würden solche Impulse verloren gehen. Das wäre schade, denn ohne Bands wie diese hätten vielleicht selbst Depeche Mode nicht so geklungen, wie sie es ein paar Jahre später getan haben.

*Depeche Mode "A Photograph Of You" ("A Broken Frame", Mute, 1982)

Ein Paradebeispiel dafür, wie man Experimentelles und Pop wirkungsvoll vereinen kann.

Alec: Das kenne ich! Der Track ist total gut, ein ganz früher! Ich bin zwar kein großer Depeche Mode-Fan, fand bei der Band aber immer beeindruckend, welch gute Songs sie schreibt, und das hier ist ein gutes Beispiel. An der Basslinie hat man sich vielleicht inzwischen sattgehört, aber trotzdem bleibt es noch ein guter Song. Bei vielen anderen Bands, die diese Formel benutzen - denn das hier ist ja das Modell für ganz viele Elektronik-Sachen der letzten zehn Jahre -, fehlen einfach die Ideen. Deshalb muss man Depeche Mode schon Respekt entgegenbringen.

*Bob Dylan "The Times They Are A-Changin'" ("The Times They Are A-Changin'", Columbia, 1964)

Zum Schluss noch ein Schwenk vom politischen Gewissen ATRs zu dem Mann, der "Musik mit Botschaft" geprägt hat wie kein Zweiter.

Alec: Der Song ist ein schönes Beispiel dafür, wie Musik - bzw. vor allem eine bestimmte Aufnahme - Informationen zur Stimmung einer gewissen Zeit speichern kann. In mancher Hinsicht war diese Musik ganz wichtig für das, was ich später gemacht habe, weil ich gemerkt habe, wie bedeutsam es ist, dass die Stimme viel rüberbringt. Viele Elektronik-Leute legen darauf keinen großen Wert. Für mich war die Stimme immer das Wichtigste. Egal, was du auch mit Sounds machst - der Mensch hört immer zuerst auf die Stimme. Früher haben mich die Leute gehasst, weil ich zu Bob Dylan gestanden habe (lacht). Ich fand ihn halt total gut! Er war eine Symbolfigur wie Jimi Hendrix. Auch den finde ich total gut, denn ohne ihn hätte es die Art von Noise, wie wir ihn machen, nie gegeben.

Weitere Infos:
www.atari-teenage-riot.com
de.wikipedia.org/wiki/Atari_Teenage_Riot
www.facebook.com/Atari.Teenage.Riot.ACTIVATE
twitter.com/atr_official
atari-teenage-riot.tumblr.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Pressefreigabe-
Atari Teenage Riot
Aktueller Tonträger:
Is This Hyperreal?
(DHR/Rough Trade)




Atari Teenage Riot

 
 

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