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PEGGY SUE
 
Alles andere als todunglücklich

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Peggy Sue
Wer auf dem weiten Feld des Indierock nach den interessantesten Platten der letzten Monate sucht, kommt an "Acrobats" von Peggy Sue nicht vorbei. So dicht die Atmosphäre ist, die das britische Trio auf seinem zweiten Album kreiert, so kompromisslos ist die Herangehensweise. Klassische Refrains sind ebenso Mangelware wie eingängige Hooks, dafür spielen die beiden Sängerinnen und Gitarristinnen Katy Young und Rosa Slade sowie Drummer Olly Joyce - im Gegensatz zum eher folky gehaltenen 2010er-Debüt "Fossils And Other Phantoms" - gekonnt mit der Dynamik ihres unbeschönigten, deutlich elektrifizierten Sounds, doch die harschen Gitarren finden ihr perfektes Gegengewicht in deutlich akzentuiertem, oft mehrstimmigem Gesang. Der Kollege Ullrich Maurer verglich das Klangbild in seiner Rezension mit den Throwing Muses, andere Rezensenten erkannten eine Nähe zu PJ Harvey, alle aber waren sie tief beindruckt von der Band aus Brighton, die nach ersten Konzerten in unseren Breiten letzten Herbst nun im März erneut zu uns auf Tour kommt.
Bitterkalt ist es in Paris. So kalt sogar, dass Rosa selbst bei unserem Gespräch kaum ihre wärmende Mütze absetzen will. Wir haben es uns in einem kleinen Café schräg gegenüber vom Fleche D'or gemütlich gemacht, wo Peggy Sue - erweitert um einen zusätzlichen Tourbassisten - an diesem Abend das französische Publikum restlos begeistern werden, obwohl sie "nur" Support der sensationellen Wild Flag sind. Im Programm sind dabei praktisch ausschließlich oft neu arrangierte "Acrobats"-Songs und das, obwohl den beiden regulären Alben seit 2006 eine ganze Reihe von DIY-Veröffentlichungen und EPs vorausgegangen ist und es den Briten an Material wahrlich nicht mangelt. "Wir mögen die Stücke von 'Acrobats' einfach immer noch sehr gerne", lautet Katys simple Erklärung. "In der Vergangenheit war das durchaus anders, da waren wir oft sehr ungeduldig und haben ständig neue Songs geschrieben. Dieses Mal sind wir in dieser Hinsicht zurückhaltender und haben sehr darauf geachtet, dass wir uns live auf die 'Acrobats'-Songs konzentrieren, denn wir haben nicht das Gefühl, sie bereits 'aufgebraucht' zu haben."

Textlich wurden die Stücke der aktuellen Platte zwar auch von den Konzerten und dem damit einhergehenden Reisen, die dem Erstling folgten, inspiriert, trotzdem halten sich Peggy Sue auch weiterhin an die "großen Themen", wie Rosa sie nennt: Das Leben im Allgemeinen und die Liebe im Speziellen. "Der größte Unterschied zur ersten Platte ist sicherlich, dass uns ob der Reaktionen bewusst wurde, dass sich die Leute mit unseren Songs hinsetzen und sie interpretieren werden", glaubt sie. "Das ist wunderbar, denn es ist sehr wichtig, Songs zu deiner persönlichen Angelegenheit zu machen, aber das führte uns auch vor Augen, dass wir in den Texten eine eigene Persönlichkeit aufbauen können und sein können, wer immer wir wollen. Das hatte zur Folge, dass wir in den neuen Songs vielleicht etwas zorniger herüberkommen, oder wenn nicht zorniger, auf jeden Fall aber kräftiger." Katy, die die Texte als "Katharsis" beschreibt, fügt hinzu: "Wir haben außerdem versucht, dieses Mal etwas positiver zu klingen. Viele Reaktionen auf unser erstes Album waren sehr wohlwollend, aber wir wurden oft als todunglücklich dargestellt. Ohne dass wir das beim Schreiben wirklich thematisiert haben, war es unterschwellig schon unser Ziel, diesen Eindruck etwas geradezurücken. Dieses Mal steckt, wie Rosa schon sagte, hoffentlich mehr Kraft, mehr Stärke in den Texten." Dass die Platte musikalisch solch eine dichte Atmosphäre und bisweilen eine so große Wucht besitzt, dass gerade Nicht-Muttersprachler womöglich so sehr von der Musik gefangen genommen werden, dass sie die sprachlichen Nuancen der Songs gar nicht voll wahrnehmen, sieht Katy als Kompliment: "Texte kann man schließlich falsch interpretieren, bei der Musik ist das nur schwerlich möglich. Sie klingt, wie sie klingt!"

Unterstützt wurden Peggy Sue bei "Acrobats" von Produzent John Parish, nicht erst seit seiner Zusammenarbeit mit PJ Harvey eine Legende und ein Mann, der nicht nur klanglich gut zu dem Trio passt, sondern auch ähnliche Ideen mit seiner Arbeit verbindet. "Für John ist Produktion eine Kunstform, nicht nur eine Methode, Songs auf Band zu bannen", glaubt Olly, und Rosa ergänzt: "Wir haben John sehr bewusst ausgesucht, denn wir sind große Bewunderer all seiner Arbeiten. Als wir die Songs schrieben, klangen sie so, als würde er gut dazu passen. Und so war es dann ja auch!" Auch Katy ist voll des Lobes für den seelenverwandten Kollaborateur. "Die Zusammenarbeit mit John war unglaublich", sagt sie. "Jedoch hatten wir selbst eine ziemlich klare Vorstellung davon, wie die Platte klingen sollte, und praktisch alle Parts waren bereits fertig, bevor wir ins Studio gegangen sind. Johns Verdienst war es allerdings, unsere Gedanken und Ideen in tatsächliche Sounds umzusetzen. Wenn wir sagten, dass etwas 'knackig' klingen sollte, wusste er genau, was zu tun war, um dorthin zu gelangen." - "Es ist immer wieder spannend zu sehen, wie ein Produzent das 'übersetzt', was du sagst", fährt Olly fort. "Oft passiert es ja, dass du deine Vorstellungen mit Worten beschreibst, die keine echte Bedeutung in der 'Produktionssprache' haben, und manchmal ist es dann so, dass der Produzent etwas umsetzt und du denkst: 'Das ist nicht das, was ich eigentlich meinte, aber das klingt auch toll!'" Im Laufe der Zeit verlief die Kommunikation zwischen Band und Produzent aber zusehends reibungsloser. "Im Laufe des Aufnahmeprozesses entwickelt man langsam mit dem engsten Kreis der fünf, sechs Leute, die an einer Platte arbeiten, eine eigene Sprache", erklärt Rosa. "Das ist wie ein Dialekt, den sonst niemand versteht. Eine Freundin von mir nimmt zum Beispiel gerade eine Platte auf, und sie und ihre Band benutzen ständig bestimmte Formulierungen, um die Musik zu beschreiben, aber wenn ich das höre, kann ich nur fragen: 'Was soll das überhaupt heißen? Das hat doch keine Bedeutung, außerhalb des Zirkels der fünf Personen, die an eurer Platte arbeiten!'"

Obwohl "Acrobats" digital aufgenommen und lediglich auf einem analogen Board abgemischt wurde, sind Peggy Sue große Fans des althergebrachten Aufnahmeprozesses, bei dem auf Tape anstatt auf der Festplatte mitgeschnitten wird. "Analoge Aufnahmen haben unglaublich viele Vorteile", ist sich Katy sicher. "Die Tatsache, dass du dadurch in deinen Möglichkeiten eingeschränkt bist, ist toll. Du kannst letztlich zwischen vielleicht drei Möglichkeiten wählen und siehst dich nicht diesem Wust von Alternativen gegenüber." Das Ergebnis, so fügt sie noch hinzu, sei dadurch ehrlicher und unperfekter im positivsten Sinne - und genau das macht den Reiz von Peggy Sue aus.

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Weitere Infos:
www.peggywho.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Pressefreigabe-
Peggy Sue
Aktueller Tonträger:
Acrobats
(Wichita Recordings/Pias/Rough Trade)


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