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RIVULETS
 
"Ich wollte nie etwas anderes machen!"
Rivulets
Da sind sogar die Experten verblüfft: Seit 15 Jahren veröffentlicht Nathan Amundson nun bereits unter dem Bandnamen Rivulets minimalistisch dahingetupfte Slowcore-Minidramen mit Red-House-Painters-Flair, doch sein fantastisches neues Album namens "I Remember Everything" traf selbst langjährige Fans, Weggefährten und Mitstreiter unvorbereitet. "Als der Eröffnungssong mit bekannter Schwere dahergestolpert kam, dachte ich, ich wüsste, was kommt, doch ich lag falsch. Nach nur zwei Zeilen des zweiten Songs, 'Into The Night', musste ich mich setzen, denn wenn die Platte so weitergehen würde, dann wollte ich dabei sein", schreibt Nathans Seelenverwandter Alan Sparhawk von Low, der vor 12 Jahren auf dem selbstbetitelten Rivulets-Debüt mitgewirkt und die Platte auf seinem Label Chairkickers Music veröffentlicht hatte. Auch Chris Brokaw, der einst mit Codeine praktisch die Blaupause für den Rivulets-Sound erfand und Nathan in der Vergangenheit als Drummer unterstützt hat, ist völlig begeistert: "Ich bin völlig von den Socken und super neidisch auf die Simplizität der Songs. Ich wünschte, ich könnte etwas so Minimalistisches schreiben, das so stark ist!" Gaesteliste.de erwischte Nathan daheim in Denver, Colorado, bei einer Tasse Tee, während im Hintergrund die Psychedelic Furs für die richtige Stimmung sorgten.
Obwohl getragenes Tempo und Melancholie seit jeher Markenzeichen im Rivulets-Universum sind und man schnell auf die Idee kommen könnte, dass Nathan ein eigenbrötlerischer Sauertopf ist, beweist er immer wieder ein Faible für schrägen Humor. So ließ er unlängst Hollywood-Darling Jennifer Lawrence via Twitter wissen, dass er jetzt wieder Single sei, und unsere Frage, was ihn derzeit am glücklichsten macht, beantwortete er mit nur einem Wort: "Antidepressiva!"

Musik war immer schon das Wichtigste im Leben des Amerikaners. An einen Wendepunkt, an dem er sich entschloss, Musiker zu werden, kann er sich zwar nicht erinnern, dafür aber an improvisierte "Konzerte" schon in jungen Jahren. "Als ich ein Kind war, mimte ich zu Songs und Alben, die ich mochte, und bin vor einem Publikum bestehend aus meinen Spielzeugen und Stofftieren aufgetreten. Ich wollte nie etwas anderes machen!" Seitdem hat sich viel getan, im Kern allerdings hat sich laut Nathan nicht viel verändert. Die ersten 15 Jahre Bandgeschichte kann er jedenfalls in zwei kurzen Sätzen zusammenfassen: "Typ schreibt Songs in seinem Schlafzimmer, gründet eine Band, macht Platten und tourt um die Welt. Die Songs schreibt er auch heute noch in seinem Schlafzimmer", sagt er kurz und knapp.

Dennoch betritt er mit "I Remember Everything" Neuland. Die Frage nach dem wichtigsten Einfluss bei der Entstehung der LP kann er dennoch nicht leicht beantworten. "Das ist in der Tat eine schwierige Frage", gesteht er. "Der Aufnahmeprozess war - im Gegensatz zur Arbeit am Vorgänger 'We're Fucked' - ganz leicht und locker, sogar richtig spaßig, ob du es glaubst oder nicht. Es waren einfach einige sehr kreative und produktive Tage, und ich denke, diese Energie kann man auch hören. Wir hatten eine wirklich gute Zeit, als wir diese neue Platte aufnahmen."

Zur besonderen Energie des Albums trägt vor allem auch das erweiterte Instrumentarium bei. Auf Stromgitarren und Bandbegleitung hatte der Amerikaner zwar auch schon in der Vergangenheit hier und da zurückgegriffen, nie aber setzte er diese Elemente mit solch dramatischer Wirkung ein wie auf "I Remember Everything". Der Grund für die Abkehr von einem rein akustischen Sound ist, wie so vieles bei Nathan, sehr simpel. "Lange Zeit habe ich vornehmlich akustische Platten gemacht, weil ich lediglich Akustikgitarren zur Verfügung hatte", sagt er. "Jetzt besitze ich auch Stromgitarren und mehr Effektgeräte und deshalb kann man die nun auch hören."

Rivulets
Als sei es die leichteste Übung, verbindet er klangliche Naturbelassenheit, emotionalen Tiefgang und nicht nur von Chris Brokaw bewunderten Minimalismus beim Songwriting in unglaublich bewegenden Songs, mit denen er die gesamte Bandbreite abdeckt zwischen folkiger Feingliederigkeit ("My Favorite Drug Is Sleep" vereint Nick Drakes Melancholie und die Eingängigkeit von Crosby, Stills, Nash & Young) und bisweilen unbändigen Gefühlsstürmen ("Ride On, Molina" ist eine perfekte Hommage an den verstorbenen Songs: Ohia-Vordenker Jason M.). Fällt es Nathan schlichtweg leicht, so zu schreiben, oder verbringt er womöglich viel Zeit damit, die Songs auf ihren emotionalen und musikalischen Kern zu reduzieren? "Es ist weniger das Reduzieren, sondern mehr das gar nicht erst Hinzufügen", erklärt er. "Mein Können auf der Gitarre ist sehr eingeschränkt, deshalb schreibe ich einfach so, wie ich schreibe, und das ist es dann. Glaube mir, ich würde gerne mit einem Killer-Solo loslegen!"

Auch wenn das neue Album Band-orientierter anmutet als frühere Werke Nathans, sind Rivulets auch heute noch ganz sein Baby. "Ich schreibe immer noch alle Songs, verschicke die eingehenden Bestellungen, arbeite mit Bookingagenturen zusammen, um die Konzerte zu buchen und so weiter", unterstreicht er. "Hier gibt es keinen Manager. Wenn es Rivulets-Geschäfte zu erledigen gibt, bin ich derjenige, der sie tätigt. Die Band bringt bei den Songs allerdings im Großen und Ganzen ihre eigenen Parts ein. Ich gebe ihnen zwar ein wenig Input, aber ich habe meine Mitstreiter ausgewählt, weil ich liebe, was sie tun. Es ist eine große Freude zu sehen, was sie aus dem machen, was ich ihnen gebe."

Passend zur Musik gibt sich Nathan inzwischen auch textlich weniger einsiedlerisch. "Meine Texte sind jetzt geradliniger", glaubt er. "Heute singe ich viel direkter über oder für bestimmte Menschen. Zuvor war 'du' oft eine Kombination einer ganzen Reihe von Leuten oder überhaupt niemand, also ein fiktionaler Charakter." Die textliche und klangliche Öffnung, die Nathan mit "I Remember Everything" erstmals umsetzt, war allerdings schon seit den frühesten Tagen seines Bandprojekts geplant. "Einer der Gründe, warum ich damals den Namen Rivulets ausgewählt habe, war, dass er so umfassend sein konnte - ähnlich wie die Swans, die akustische Platten haben, Industrial-Platten, Ambient-Stücke und so weiter", erläutert er. "Ich dachte, unter einem Name wie Rivulets könnte man über die Jahre eine ganze Reihe Veränderungen unterbringen. Erst jetzt komme ich allerdings dazu, diese ursprüngliche Intention auch in die Tat umzusetzen."

Die neue Offenheit für das Entdecken der Möglichkeiten bedeutet allerdings nicht, dass für Nathan bei "I Remember Everything" das Motto "Anything goes" galt. "Ich habe schon meine kleinen Regeln", verrät er. "Zum Beispiel: Wenn du nicht gerade Stars Of The Lid bist, gibt es keinen Grund, dass dein Album länger als 40 Minuten sein sollte. 40 Minuten sind reichlich Zeit, um mir die besten Songs zu zeigen, die du seit der letzten Veröffentlichung geschrieben hast. Niemand hat 80 verdammte Minuten Zeit, um sich hinzusetzen und ein Album zu hören. Macht's gut, CDs! Gut, dass wir euch los sind!"

Passend dazu erscheint "I Remember Everything" als erstes Rivulets-Album auf Vinyl (weltweit exklusiv beim Oberhausener Boutique-Label Jellyfant) und überhaupt nicht mehr auf CD. Eine große Sache für Nathan? "Das ist schon eine große Sache für mich", bestätigt er. "Seit vielen Jahren fragen mich die Leute - und ich mich selbst -, wann es Rivulets mal auf Vinyl geben würde", sagt er. "Wenn man gut darauf aufpasst, wird man diese Platten noch in 50 oder gar 100 Jahren hören können. Von CDs oder Mp3s kann man das nicht unbedingt sagen. Außerdem bekommt man auf Vinyl das komplette Audiospektrum, sowie es aufgenommen wurde, und keine beschnittene digitale Datei, die man über beschissene Computerboxen abspielt. Das macht einen großen Unterschied! Ich glaube, die Leute sind heute gar nicht mehr gewöhnt, Musik in voller Audioqualität zu hören. Deshalb klingen selbst durchschnittliche Konzerte so gut. Die Schallwellen treffen sich direkt in der Brust. Es gibt nichts Besseres!" Deshalb ist es für Nathan auch eine Herzensangelegenheit, mit seiner Band so schnell wie möglich wieder in Europa auf Tournee zu gehen. Vielleichht hat er dann sogar Chris Brokaw im Schlepptau. Das wäre genauso traumhaft wie "I Remember Everything"!

Weitere Infos:
www.rivulets.net
rivulets.bandcamp.com
soundcloud.com/rivulets
en.wikipedia.org/wiki/Rivulets
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Chelsea E. Morgan-
Rivulets
Aktueller Tonträger:
I Remember Everything
(Jellyfant Schallplatten)




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