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CORDOVAS
 
Blues ohne Shakespeare
Cordovas
"That Santa Fe Channel", das neue, zweite Album der in Nashville ansässigen Cordovas ist musikalisch "all over the place" geraten. Es gibt vom lockeren Westcoast-Sounds über strukturierte Eastcoast-Professionalität, texanische Heartland-Roots und verspielten Southern-Rock so ziemlich alles, was in der Americana-Musik auf dem Roots-Rock Sektor gut und teuer ist. Kenneth Pattengale von den Milk Carton Kids produzierte das Material so auf eine betont relaxte, zurückhaltende Art als eine musikalische Landkarte der USA - wodurch sich das Ganze zum Beispiel hervorragend als Soundtrack für eine Autofahrt eignet.
"Ja, ich kann diesen Unfall erklären", meint Joe Firstman, der Gründervater und die treibende Kraft der Cordovas, "ich bin in North Carolina an der Eastcoast aufgewachsen und dann aber irgendwann nach Kalifornien gezogen. Ich muss sagen, dass ich das Leben in Kalifornien geradezu anbete. Ich mag die Beach-People, das Valley, das Inland-Empire und die Bay Area im Norden. Ich wollte also immer, dass Kalifornien ein Teil unserer Band ist. Gleichzeitig fand ich aber auch Gefallen an Südstaaten-Musik, seit ich dort lebe. Da wurde mir klar, dass wir einfach die Musik machen mussten, die wir schon kannten und liebten." Das heißt also, dass "That Santa Fe Channel" keineswegs auf eine bestimmte Region beschränkt ist, sondern - im Gegenteil - geradezu eine Art Landkarten-Charakter hat? Denn einerseits singen die Cordovas über das Leben an der Westcoast, wie auch jenes im Süden oder dem an der Ostküste. "Das ist ein interessanter Aspekt, auf den du da gekommen bist", überlegt Joe, "wenn ich etwas darüber sagen sollte, dann wäre das, dass das damit zusammenhängt, wie sich unsere Art Songs zu schreiben geändert hat. Speziell, wenn man im Süden lebt, dann stellt man schnell fest, dass alles um einen herum ziemlich schön - und auf gewisse Art auch ausbalanciert - ist. Eigentlich gibt es ja eine Menge über das man Schreiben könnte. Und was ich meine ist, dass wir und die Jungs jetzt anfangen, ihre Augen ein wenig in dieser Hinsicht zu öffnen." Schreiben die Cordovas denn ihre Songs als Band? "Ja, absolut", bestätigt Joe, "ich bin für alles offen. Wenn du eine Idee hast, dann her damit. Jeder soll sich einbringen und Sachen ausprobieren. Das ist unsere Philosophie."

Das alles erklärt die inhaltlichen Bezüge der neuen Songs und auch den topologischen Aspekt, denn die Stories der Cordovas finden im ganzen Land statt. Das mag auch mit dem Umstand zusammenhängen, dass amerikanische Musiker aufgrund der Größe ihres Landes notgedrungenerweise viel herumreisen und viel darüber schreiben - während britische Songwriter ja eher von der Heimat singen. "Das liegt daran, dass die auf einer verdammten Insel hocken", scherzt Joe, "das ist aber ein interessanter Punkt, den du da aufwirfst, denn obwohl jetzt keiner unserer neuen Songs explizit das Fahren auf der Straße besingt, stellt sich ja doch die Frage, warum Songs so oder so geworden sind oder warum sie von den Themen handeln, von denen sie handeln. Was die Briten betrifft, so schreiben sie oft über Sachen, mit denen wir Amerikaner geboren worden sind - was ein wenig komisch ist. Ich meine Bob Dylan wohnt hunderte von Meilen von ihnen entfernt. Er ist ein solch subtiler Beobachter und elaborierter Zuhörer seiner Umgebung, dass man das aus der Ferne unmöglich emulieren kann. Ich verstehe ja nicht, warum jemand von außerhalb - sagen wir mal Wisconsin oder sogar England - Songs in der Art schreiben wollen, die ich als Südstaatler - womöglich noch mit meinem Akzent, von dem ich eigentlich weg will - schreibe. Aber es erklärt, warum die Songs, die wir als Cordovas schreiben, vom Süden handeln und im Süden spielen und vom Süden geprägt sind - weil das unsere Herkunft widerspiegelt. Ich bin zum Beispiel durch ganz England gefahren und festgestellt habe, dass die Landschaften dort genauso schön sind wie bei uns und wir doch eigentlich auch darüber schreiben könnten. Aber wir kommen auf unsere südliche Thematik zurück, denn diese hat eine Form und eine Herkunft." Das hat ja vielleicht auch mit dem Akzent zu tun? "Technisch gesehen habe ich eigentlich gar keinen Akzent - obwohl viele andere das sicher anders sehen", überlegt Joe, "wenn ich mich mit meinem Cousin aus New York unterhalte, muss ich ihm Sachen zutexten, weil er mich manchmal nicht verstehen kann und meint sogar, dass mein Akzent sogar im Schriftverkehr durchscheint."

Womit wir dann langsam bei den Vorbildern der Cordovas wären, die sich ja auch mit ihrer Herkunft und ihren Lebensumständen im Süden beschäftigen. "Ja, ganz genau, das war ja auch ein Merkmal der alten Blueser", begeistert sich Joe, "wenn Robert Johnson darüber singt, dass die Mama ein Hühnchen auf den Tisch bringt und alle glauben machen will, dass das eine Ente ist, dann geht es natürlich nicht um Hühner oder Enten, sondern darum, dass die Familie so arm und traurig ist und lieber etwas besseres zum Essen hätte." Gehört dazu auch eine Prise Humor? Denn die hatte der alte Robert Johnson ja auch - und dieser Aspekt geht heutzutage im Blues ja eher unter. "Da sagst du was", freut sich Joe, "der Blues ist das, worauf es ankommt und dazu gehört auch der Humor. Wir haben dem Blues aber die klassischen Shakespearischen Sonette und das Liebeslied ausgetrieben und wenden stattdessen genau das an, was du implizierst. Ein kleines Grinsen. Mag sein, dass unsere Charaktere den Blues haben - und eine Geschlechtskrankheit obendrein - und dass sie von der Freundin verlassen worden sind, die das ganze Geld mitgenommen hat, aber das Leben geht weiter und wir haben Shakespeare aus der Rechnung genommen und warum sollte man denn nicht auch darüber ein wenig grinsen?" Um zu dieser Einsicht zu kommen, muss man ein bestimmtes Alter haben, oder? "Ja, denn wenn du 16 bist, ist alles ganz einfach, weil dir da scheinbar die Welt zu Füßen liegt und dir ja gar nicht klar ist, dass du musikalisch nix drauf hast. Wenn du aber 40 bist , musst du dich jeden Tag daran erinnern, 16 zu sein. Man läuft sonst Gefahr, dass man seinen Fokus verliert und dann geht es ums Geld und wenn es ums Geld geht, kann man nicht mehr über den Blues reden."

Die musikalische Vergangenheit ist für Joe Firstman schon sehr wichtig, oder? "Ja, denn wir haben da schon einen gewissen Komplex", räumt Joe ein, "nimm zum Beispiel Toby (Weaver). Der ist jetzt 40 und spielt besser als alle anderen. Ihm hat aber in den USA niemand auf die Schultern geklopft und ihm Hilfe angeboten. Alles, was er erreicht hat, hat er alleine gemacht. Oder nimm mich. Ich hatte es alles: Das Rampenlicht, die Mädels, die Drogen, das Geld - und ich kam einfach nicht damit zu recht und bin ganz unten - auf der Straße - gelandet. Heute mache ich einfach die Sachen, die damals falsch gelaufen sind, genau umgekehrt. Ich wusste aber immer, wie man Musik machte - und der Rest ist dann auch einfach Glück. Lucca (Soria), unseren Gitarristen, der gerade mal 20 ist, habe ich zum Beispiel getroffen, als ich meine eigenen Shows in Des Moines gebucht habe und er dort Support gespielt hatte. Die Cordovas sind insofern glücklich dran, als dass wir uns gefunden haben. Als wir dann jetzt einen Vertrag bekamen, war alles ganz easy - auch deswegen, weil ich schon alles durchgemacht hatte. Wenn heute das Label abfackeln sollte, dann wäre das egal - denn wir könnten ja immer noch zusammen den Blues spielen." Hätte Joe denn einen Tip für junge Leute, die es heutzutage als Musiker versuchen wollen? "Ja", meint er wie aus der Pistole geschossen, "erst mal ist es sinnlos, seine Zeit aufzuteilen. Man muss es mit der ganzen Seele wollen. Vor allen Dingen ist es unsinnig, einen Fernseher zu besitzen. Wenn du ein Musiker sein willst und einen Fernseher zu Hause hast, dann bist du nicht mal in dieser Unterhaltung. Schmeiß als erstes deinen Fernseher raus. Zweitens: Such dir keinen Day-Job! Wenn es bedeutet, auf der Straße leben zu müssen, um deine Musik zu machen, dann ist das eben so. Man findet immer einen Gartenschlauch, mit dem man duschen kann und ein paar Ramen-Nudeln. Genieße das, sei 24 Stunden Musiker und schau, was passiert. Konzentriere dich auf deine Musik und lass dich nicht ablenken! Und du wirst sehen, dass du Hilfe bekommst, dass die Leute dich unterstützen und dass sich dir tatsächlich die Welt öffnet! Wenn du dich hingegen ablenken lässt, glauben die Leute nicht mehr an dich und dann wird dir auch niemand mehr helfen. Niemand interessiert sich schließlich für einen alten, glatzköpfigen Typen. Du musst es packen, wenn du voller Energie und jung bist."

Cordovas
Der ganze Cordovas-Prozess scheint viel mit Übersicht, Empathie und Erfahrung zu tun zu haben. Was ist in diesem Zusammenhang dann eine verbleibende Herausforderung? "Glaubwürdige Songs zu schreiben, die keine Liebeslieder sind", sinniert Joe, "wir maskieren das Ganze recht erfolgreich, indem wir vorgeben, den Blues zu spielen, und wenn wir richtig gut sind, dann klappt das auch ganz gut. Manchmal ist es dann auch richtiger Blues! Wir wollen uns aber ständig herausfordern und das Leben nehmen wie es ist, Gelegenheiten nutzen, uns auf nichts verlassen, was von außen kommt und für alles offen sein. Wir wollen eine Botschaft rüberbringen, an die ich selbst glauben kann." Und welche Botschaft ist das? "Die nächste Scheibe zu planen", überlegt Joe, "das ist das einzige, an das ich glaube. Ich glaube nicht an den nächsten Tag - denn das ist nicht real. Man muss hingegen einen Produzenten finden, ein Studio buchen und so was - und das muss geplant werden. Ich möchte auch gerne mal eine Scheibe an der Westcoast machen - und ich denke, dass das unser 'Revolver'-Album würde."

Die letzte Frage ist eine eher beiläufige: Warum gibt es denn auf der neuen Scheibe gerade mal neun Stücke? Immerhin legen es die Cordovas ja drauf an, auf der Bühne The Grateful Dead in Bezug auf die Länge der Shows zu beerben. "Da musst du (Kenneth) Pattengate fragen", erklärt Joe, "er war der Boss im Studio. Wir hatten die Songs geschrieben und arrangiert - er hat sie aber ausgesucht und aufgenommen." Nun - vielleicht war das auch ganz gut so, denn in einer solch konzentrierten, geradlinigen Form wie auf "That Santa Fe Channel" wird man die Cordovas vermutlich nicht mehr so schnell zu Gehör bekommen.

Weitere Infos:
www.cordovasband.com
www.facebook.com/cordovasband
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-
Cordovas
Aktueller Tonträger:
That Santa Fe Channel
(ATO/Pias Cooperative/Rough Trade)




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