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ANNA BURCH
 
Mit Tunnelblick zur Klarheit
Anna Burch
Wer glaubt, der klassische Indiepop sei tot, wird von Anna Burch eines Besseren belehrt! Ein Jahrzehnt lang unterstützte sie die Americana-Haudegen Frontier Ruckus als Harmoniesängerin, jetzt wagt die Singer/Songwriterin aus Detroit endlich den Schritt aufs Solo-Parkett. Auf ihrem hinreißenden Erstling "Quit The Curse" scheint ihre Liebe zu Carole Kings Girl-Group-Pop der 60er-Jahre nun genauso durch wie ihr Faible für den Lo-Fi-Charme des zuckersüßen Rumpel-Indiepop, wie ihn die unvergessenen The Softies in den 90ern zelebriert haben, ohne dass ihre gerne etwas verspielt anmutenden Lieder nur ein Abziehbild ihrer offensichtlichen Vorbilder sind. Annas heimlicher Trumpf sind vor allem die Texte, mit denen sie den durchweg sonnigen Melodien mehr Ecken und Kanten entgegenstellt als ihre Idole, wenn sie in der perfekten Balance aus Melancholie und Euphorie die Launen des menschlichen Miteinanders mit betont unverblümten Worten beschreibt. Im September kommt sie erstmals auf Headline-Tournee zu uns, wir trafen sie vor ihrem ersten Deutschland-Konzert als Solistin Mitte Mai beim feinen Dortmunder Etepetete Festival.
GL.de: Anna, heute sind es eher 20-Jährige, die mit viel Enthusiasmus, aber oft auch ein bisschen blauäugig Debütalben machen. Du dagegen hast dir viel Zeit genommen. Gab es einen Wendepunkt, an dem du wusstest, dass die Zeit reif für dich ist?

Anna: Ich habe eine Weile damit zu kämpfen gehabt, meine Nische zu finden. Ich habe mein Masterstudium in Angriff genommen, weil ich dachte, das würde viele meiner Fragen beantworten und mir den Weg weisen. Aber nachdem ich ein einjähriges Programm, gewissermaßen einen Testlauf, absolviert hatte, wurde mir bewusst, dass ich meine akademische Laufbahn nicht weiterverfolgen wollte, und ich fiel in ein existenzialistisches Loch. Nach einer Weile wurde mir klar, dass ich mich wieder der Musik zuwenden wollte. Das ergab sich auf ganz natürliche Art und Weise, und dabei hat mir sicherlich eine Arbeitsweise geholfen, die ich mir im Studium angeeignet hatte: der Tunnelblick, das Sich-Fokussieren auf ein ganz bestimmtes Projekt. Ich traf die Entscheidung, umzuziehen und mich in einer neuen Szene umzuschauen und mich dort wieder mehr unter Musiker zu mischen. Ich habe mich völlig neu ausgerichtet, und dann hat es einfach klick gemacht.

GL.de: War das Studium eine Art Sicherheitsnetz für dich, ein Plan B, falls es mit der Musik nicht so klappt wie erhofft?

Anna: Nein, nicht wirklich. Als ich meinen Bachelor abschloss, fing ich gerade an, richtig viel mit Frontier Ruckus auf Tournee zu sein, aber ich merkte schnell, dass das nicht mein Ding war. Stattdessen habe ich mich auf das konzentriert, was ich gut konnte, und weil ich immer gerne gelernt und studiert habe, hatte ich das Gefühl, dass ich auf dem Gebiet einfach Ernst machen sollte. Es war also weniger ein Plan B, sondern eher ein Versuch, meinen Weg zu finden.

GL.de: Also keine alternativen Karrierepläne? Was könntest du dir vorstellen, abseits der Musik zu machen?

Anna: Oh, keine Ahnung. Vermutlich würde ich Englischlehrerin im Ausland werden, um mich erst einmal zu orientierten, oder mir eine archivarische Tätigkeit suchen. Ich denke darüber nicht allzu oft nach, denn im Moment setze ich alles auf die Musik.

GL.de: Wie hast du nach Jahren als Begleitmusikerin den Absprung ins Rampenlicht geschafft?

Anna: Ich bin inzwischen einfach davon überzeugt, dass ich in der Lage bin, meine eigenen Songs zu schreiben. Viele Jahre war genau das der Knackpunkt: Ich habe lange geglaubt, dass ich nicht den nötigen kreativen Antrieb habe. Jahrelang habe ich versucht, eigene Songs zu schreiben, aber sie waren mir immer unglaublich peinlich und nichts davon wollte ich mit der Öffentlichkeit teilen. Deshalb war es für mich viel einfacher, mich der Band von jemand anders anzuschließen, der von seinen Fähigkeiten absolut überzeugt war und dessen Lieder ich mochte. Ganz zu Anfang habe ich versucht, bei Frontier Ruckus meine kreativen Ideen einzubringen, aber ich war irgendwie blockiert. Ich hatte einfach nicht die Disziplin, mich hinzusetzen und es wirklich durchzuziehen.

GL.de: Du hast bereits erwähnt, dass es eine Weile gedauert hat, bis du die Songs für dein Solodebüt zusammenhattest. Gab es ein bestimmtes Lied, das dir gezeigt hat, dass du auf dem richtigen Weg bist?

Anna: "Belle Isle" war der erste Song, den ich für die Platte geschrieben habe, und er ist gewissermaßen der Ausreißer des Albums. Das war nicht der Song, bei dem ich das Gefühl hatte, meinen Stil gefunden zu haben, aber als ich "2 Cool 2 Care" schrieb, merkte ich, wie sehr der Song nach mir klang. Das war die Nummer, die mich am meisten mit Stolz erfüllt hat, nachdem ich sie geschrieben hatte. Es fühlte sich wirklich wie eine echte Errungenschaft an!

GL.de: In einer Zeit, in der viele Künstler mit mittelmäßigen Kopien ihrer Vorbilder den Erfolg suchen, ist es dir gelungen, dich von der Vergangenheit inspirieren zu lassen und deine Songs trotzdem aufregend und brandneu klingen zu lassen. Wie hast du das bloß angestellt?

Anna: Vielleicht war es einfach Anfängerglück? Das macht mich etwas nervös, denn ich möchte nicht, dass meine zweite Platte eine gewaltige Herausforderung wird, denn ich bin ganz heiß darauf, an neuen Sachen zu arbeiten. Ich denke einfach, aufgrund der Tatsache, dass ich so lange gewartet habe, dass ich schon als Kind immer Musik um mich hatte, weil meine Mutter Pianistin war, und dass ich lange in anderen Bands gespielt habe, gab es eine Menge Material, das langsam aufkeimen konnte und am Ende zu etwas verschmolzen ist, auf das ich sehr stolz bin. Gleichzeitig war es mir bei dieser ersten Platte sehr wichtig, mich nicht zu sehr festzulegen. Ich wollte Gitarrenmusik machen, die poppig und gleichzeitig auch irgendwie cool ist, aber abgesehen davon wollte ich mich nicht zu sehr auf ein ganz bestimmtes Vorbild beziehen. Ich habe es vermieden, den Stil anderer Künstler zu sehr zu sezieren. Niemand arbeitet in einem Vakuum, aber soweit es ging, habe ich mir keine Gedanken darum gemacht, woher die Ideen kamen (lacht)!

GL.de: Die Art von klassischem Zwei-Gitarren-Bass-Schlagzeug-Indiepop, die deine Musik im weitesten Sinne ist, ist heute leider sehr selten geworden. Katie von Schleicher meinte letztens, dass sie ja den Wunsch versteht, sich als Künstler ständig weiterzuentwickeln, aber warum bloß muss immer ein Synthesizer dabei sein?

Anna (lachend): Das ist ein tolles Zitat, Katie ist cool! Für meine erste Platte war es mir wichtig, eine überschaubare Soundlandschaft und Ästhetik zu haben. Letztlich haben wir das Album im Apartment eines Freundes aufgenommen, deshalb hatte ich nie das Gefühl, dass wir in puncto Instrumentierung besonders ambitioniert sein konnten. Ich bin mit dem Klavier aufgewachsen und ich würde bei einem späteren Projekt liebend gerne Keyboards verwenden, aber für diese Platte wollte ich mich wirklich auf das Nötigste beschränken. Es sollte die Art von Album sein, das ich auch live gut umsetzen kann, ohne dass es zu kompliziert wird. Außerdem lässt mir die Platte so auch noch ein wenig Luft, um zu wachsen, ohne mich gleich vollkommen neu erfinden zu müssen.

GL.de: Auch textlich ist deine Platte wohltuend anders. Während viele andere heute gerne auf betont impressionistische Texte zurückgreifen, herrscht in deinen Liedern eine beeindruckende Klarheit und Besonnenheit. Wie kam es dazu?

Anna: Bei all meinen vergeblichen Songwriting-Versuchen fühlte ich mich immer geradezu heuchlerisch, wenn ich Texte schreiben wollte, die tiefgründig oder poetisch waren. Selbst wenn ich echte Gefühle transportieren wollte, fühlte es sich nie echt an. Ich wollte sie auf eine Art kommunizieren, die mich als seriöse Künstlerin erscheinen lassen würde, aber das kriegte ich nicht so recht hin. Ich wusste, dass ich so geradeheraus wie möglich sein und blumige Sprache vermeiden wollte, weil ich erkannt habe, dass ich keine Poetin bin. Ich wollte für keine meiner Zeilen die üblichen literarischen Hilfsmittel verwenden, denn mein Ziel war völlig unmittelbarer Pop.

GL.de: Es sind aber nicht nur Erfahrungen aus erster Hand, die du verarbeitest, oder?

Anna: Oh, doch! Das Ganze ist fast journalistisch. Was soll ich sagen? Ich habe ein seltsames Jahr hinter mir (lacht)! Es war in vieler Hinsicht ein schwieriges Jahr, aber das Songschreiben hat mir geholfen, mir über vieles klar zu werden, und deshalb war es wohl nötig, dass ich das alles durchgemacht habe: Anfangsschwierigkeiten - im Songwriting wie auch persönlich (lacht)!

GL.de: Im September spielst du wieder in Deutschland. Wie sieht denn der perfekte Auftrittsort für dich aus?

Anna: Natürlich sollte es mein Ziel sein, irgendwann einmal in Theatern aufzutreten, aber eigentlich ist mir der Austausch mit dem Publikum viel zu wichtig, um das wirklich anzupeilen. Ich mag es nicht, wenn das Ganze zu einseitig wird. Mir gefällt es, das Murmeln der Leute zu spüren und sie in Bewegung zu sehen. Was ich damit sagen will: Es wäre nicht unbedingt ideal für mich, vor einer großen Menge aufzutreten. Besser für mich wäre ein schöner Raum für vielleicht 200 Leute - 400 wären bestimmt auch nicht schlecht! - mit einem warmen, vollen Sound, guter Beleuchtung, einem gemütlichen Rückzugsort abseits des Publikums und einem gut ausgeleuchteten Platz für das Merchandise. Natürlich ist echte Gastfreundschaft immer ein Plus - auf dem Gebiet ist man in Europa Amerika um Längen voraus.

GL.de: Du bist dieses Jahr unglaublich viel auf Tour. Hast du bestimmte Tricks, um das Ganze ein wenig erträglicher für dich zu gestalten?

Anna: Oh! Ich glaube, ich habe gerade einen richtig guten Trick gefunden: eine Tourmanagerin zu haben (lacht)! Es ist das erste Mal, dass ich mit einer unterwegs bin, und es ist richtig toll. Ich habe es sogar letztens geschafft, mal ein Buch bis zu Ende zu lesen! Als ich nur Begleitmusikerin war, hatte ich oft die Chance, mich ein wenig in den Städten umzuschauen, aber seit ich solo unterwegs bin, sind meine Tourneen deutlich stressiger geworden, weil ich alles allein unter Kontrolle halten musste, ständig am Telefon war, um Absprachen mit den Venues und meinen Leuten zu treffen, und dann auch noch mein Merch selbst verkauft habe und mich um die Übernachtungen kümmern musste. Deshalb ist eine Tourmanagerin definitiv ein guter Kniff. Abgesehen davon hilft mir ein wenig Sport, einfach mal ein bisschen Stretching! Außerdem hatten wir in den letzten Tagen viele Health-Food-Snacks. Natürlich hilft es auch, mal Pausen vom Trinken und vom Spät-Aufbleiben einzulegen. Das ist gar nicht so leicht, denn das Partymachen und die Drinks, die Gastfreundschaft ganz allgemein, fühlen sich manchmal fast wie Teil der Gage an. Bisweilen ist es schwierig, aber du musst einfach versuchen, auch auf Tour so gesund wie möglich zu leben!

GL.de: Wie suchst du die Leute aus, mit denen du auf der Bühne zusammenarbeitest? Das größte Können als Musiker hilft ja nichts, wenn man die restlichen 23 Stunden des Tages nicht mit den Menschen auskommt!

Anna: Nun, ich stelle immer wieder fest, dass sich die Leute, mit denen ich gerne auf Tour sein würde, nicht in dem Maße binden können, wie ich das tun muss. Deshalb ist es schon eine ziemliche Herausforderung, verschiedene Kombinationen der Band für bestimmte Tourneeabschnitte zusammenzubekommen. Rein finanziell macht es wenig Sinn, mehrmals pro Jahr Musiker aus den Staaten nach Europa einzufliegen. Ich spiele dieses Jahr drei Europa-Tourneen, und deshalb bin ich gerade dabei, eine Band hier drüben zusammenzustellen. Ich sag dir dann beim nächsten Mal, wie das funktioniert hat (lacht)! Ich glaube nicht, dass ich je DIE BAND haben werde. Die Leute, mit denen ich momentan spiele, stellen das stabilste Line-up dar. Sie alle leben in Detroit und sind eigentlich gar keine Profimusiker, die ihr Leben auf Tour verbringen. Natürlich hätte ich gerne eine Band-Besetzung, auf die ich wirklich zählen kann, aber auf dem Level, auf dem ich mich derzeit befinde, muss ich nehmen, was ich kriegen kann. Ich habe keine Angst, das zuzugeben. Es ist ja nicht so, dass Indierock dieser Tage so glamourös wäre, dass ich irgendjemand etwas vorgaukeln müsste!

GL.de: Letzte Frage: Hast du schon Pläne abseits der Tourneen, die dir noch bevorstehen?

Anna: Ich denke, irgendwann im Herbst wird es etwas ruhiger werden, und dann werde ich mich ernsthaft an neue Musik heranwagen. Das ist ziemlich aufregend! Ich freue mich allerdings auch auf all die anstehenden Konzerte, es ist nicht so, dass ich mich davor fürchte. Ich habe momentan eine richtig gute Zeit!

Weitere Infos:
annaburchmusic.com
www.facebook.com/annaisaburch
annaburch.bandcamp.com
twitter.com/annaisaburch
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Elene Usdin-
Anna Burch
Aktueller Tonträger:
Quit The Curse
(Heavenly/Pias Cooperative/Rough Trade)




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