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Als uns Tom Barman das letzte Mal Rede und Antwort stand - vor fast zehn Jahren anlässlich der Veröffentlichung der CD "In A Bar, Under The Sea" - da hatte er eine musikalische Vision: Er wollte mit einem Schlagzeuger und einem Streichquartett auftreten und funkige Musik spielen. "Das soll ich gesagt haben?", fragt ein gutgelaunter Tom - nun anlässlich des lange erwarteten neuen dEUS-Albums "Pocket Revolution". "Mann, daran kann ich mich gar nicht erinnern. Es ist aber eine großartige Idee, die durchaus von mir sein könnte. Da ist aber leider dann nichts draus geworden." Nun, die Zeiten ändern sich, die Visionen ändern sich, die Musiker ändern sich. dEUS 2005 sind natürlich nicht mehr dieselbe Band wie vor zehn Jahren. Zwar wird durch die Präsenz von Tom Barman eine gewisse Kontinuität gewährleistet, aber ansonsten ist doch ziemlich alles anders geworden. Davon konnte man sich schon beim letztjährigen Haldern-Festival überzeugen, wo dEUS einen gelungenen Test-Gig - u.a. mit dem Material der neuen Scheibe absolvierten. Natürlich interessiert es, warum es so lange mit der neuen Scheibe gedauert hat? Die letzte, "Ideal Crash", liegt ja nun auch schon ein paar Jährchen zurück.
"Nun, es gab ein paar Wechsel im Line-Up", meint Tom fast beiläufig, "aber das ist ja normal bei uns. Es ist übrigens nicht so schlimm wie es scheint: Die ganzen Namen im Line-Up stammen von den Streichern und den Sängerinnen. Aber es war auch schwer, diese Scheibe fertigzustellen. Wenn man eine fünfjährige Pause hat, dann ist es schwer, wieder in die Gänge zu kommen. Das habe ich ein wenig unterschätzt. Wir mussten nämlich erst wieder eine Richtung finden." Das erklärt aber doch keine satten fünf Jahre? "Nun, es war emotional auch eine ziemlich schwere Zeit für mich", rückt Tom dann doch mit dem wahren Grund heraus, "ich bin aber sehr froh, dass ich das jetzt überwunden habe und wieder neu anfangen kann." Auch überwunden zu sein scheint die Kluft zwischen den ehemaligen Freunden und Partnern und späteren Kontrahenten Tom Barman und Stef Kamil Carlens. Stef singt auf zwei der neuen Stücke mit. "Ja, auf 'Pocket Revolution' und 'Sun Ra'", bestätigt Tom, "wir sehen uns gelegentlich immer mal wieder und ehrlich gesagt, habe ich ihn bereits, bevor für mich der Ärger losging, gefragt, ob wir nicht mal wieder was zusammen machen sollten. Wir haben zwar nicht zusammen geschrieben, aber wir verstehen uns auch, ohne uns großartig zu unterhalten. Und unsere Stimmen passen gut zusammen. Es war also eine schöne Sache." Gut zu wissen - denn die Streitigkeiten zwischen Tom und Stef waren von außerhalb nie so recht nachzuvollziehen. Wie hat sich Tom denn die Zeit vertrieben, als er nicht an dem neuen Material arbeitete? "Ich habe einen Film gemacht - einen belgischen Spielfilm, 'Anyway The Wind Blows', der 24 Stunden im Leben von acht Leuten zeigt. Ich bin damit ziemlich viel rumgereist. Leider hat's der Film nicht bis Deutschland geschafft. Dann habe ich eine CD mit Magnus gemacht, CJ Bolland, eine eher elektronische Sache - und einige Theater-Shows."
Und wie ist dann das Material zur neuen Scheibe zustande gekommen? "Die Grundidee war, dass ich mal versuchen wollte, etwas Live-ähnliches zu machen", erläutert Tom, "nicht wie bei 'Ideal Crash', was ja doch ziemlich konstruiert war. Und dann wollte ich einfach gute Songs schreiben. Für mich scheint es obendrein, dass das Material nach meiner Meinung sogar einen bluesigen Charakter hat - was nicht geplant war, aber sich so entwickelt hat. Und zum Schluss haben wir natürlich doch wieder das eine oder andere hinzugefügt. Ich konnte es halt nicht lassen. Es kommt halt auf die Mischung an. Man muss aufpassen, dass man sich nicht festfährt." Das hat man dEUS ja noch nie vorwerfen können. Nur scheint heutzutage der Songwriter Tom Barman schlicht selbstsicherer zu sein als früher. Ein Beispiel: Wo früher die dEUS-Experimente fast beständig in Kakophonie und Noise ausarteten, finden sich heute intelligente Strukturen, die ganz neue Song-Teile beinhalten - Melodien, Instrumental-Passagen, Chöre etc. "Ich denke gar nicht über so etwas nach", überlegt Tom, "es ist für mich immer wichtig, die Geschichte zu erzählen und das zu tun, was dazu nötig ist. Es ist aber schön, dass du das erwähnst, denn natürlich ist es so, dass ich mir Mühe gebe beim Songwriting. Ich versuche nicht bewusst, eine neue musikalische Struktur oder Sprache zu finden, aber es ist doch so, dass wir es immer noch mögen zu experimentieren. Ein Song braucht dabei gar nicht mal einen Refrain. Unser alter Song 'Roses' hatte gar keinen. Es ist aber so, dass der Krach und das Chaos heute nicht mehr so wichtig ist. Man wird ja auch älter und braucht nicht mehr extra eigenartige Sachen hinzuzufügen, um etwas interessant zu machen. Da mache ich mir lieber die Mühe, eine dritte oder vierte Harmonie oder eine Melodie einzufügen - was viel schwieriger, aber auch lohnender ist." Die erste Zeile des Titeltracks beschreibt die Sache eigentlich ganz gut: "There's no rules here" - es ist also alles möglich. "Ja, das gilt sowohl für die Musik wie auch für das Leben als solches", philosophiert Tom, "es gibt natürlich Regeln im Leben. Manchmal wird dir aber bewusst, dass du zum Sklaven dieser Regeln geworden bist und dich dann fragst, woher diese Regeln denn überhaupt stammen und du hinterfragst dann auch die Regeln selber. Darum ging es mir. Natürlich auch in der Musik. Das ist ja das Tolle daran, wenn du in einer Band bist. Dann kannst du Regeln in Frage stellen und Dinge erfinden. Deswegen bin ich auch so gegen Puristen, die NUR nach den Regeln leben und denken, dass die Regeln die Bibel seien. Dem kann ich nicht beipflichten." Was versteht Tom Barman denn unter "Blues"? "Nun keinen klassischen Blues, sondern unseren Blues", schränkt er ein, "eher die Idee des Blues. Für mich war es ja, wie gesagt, eine schlimme Zeit. Ich denke, in zwei Jahren muss ich mehr über diese Zeit schreiben. Das Erstaunliche ist, ist dass das neue Material dann aber doch nicht depressiv geworden ist. Aber ein wenig Blues findet sich schon. Es fiel mir nicht schwer, Blues zu singen. Es war so, dass ich die ganze Zeit gearbeitet hatte ohne mir eine Auszeit zu nehmen und meine Beziehungen zu pflegen. Und irgendwann habe ich dann die Tür ins Gesicht bekommen. Und da hilft es natürlich, Songs darüber zu schreiben." Da spielt ja sicher auch das Antwerpener Wetter mit hinein, nicht wahr? Das erklärte uns z.B. Stef anlässlich seiner letzten Scheibe. "Nun, jedenfalls hast du keine Ausrede, nicht zu arbeiten", bestätigt Tom indirekt, "es gibt viel schlechtes Wetter und viel graue Himmel. Wenn es das ist, was er meint. Natürlich beeinflusst die Umgebung das Songwriting - aber doch nicht so stark. 'Ideal Crash' haben wir zum Beispiel unter gleißender Sonne von Spanien geschrieben und das hörst du ja auch nicht, oder?"
dEUS
Was hat sich denn für den Musiker Tom Barman im Laufe der Zeit verändert? "Ich denke, dass es mir heutzutage mehr um eine klare Linie beim Songwriting geht - speziell bei den Texten", überlegt Tom, "es ist mir heute wichtiger, einen Song über einen konkreten Anlass zu schreiben als zum Beispiel eine Kombination von Gefühlen. 'Ideal Crash' war eine Scheibe, die eigentlich nur ein 'Stream Of Consciousness' war. Das funktioniert zwar als Album, aber auf der neuen Scheibe gibt es konkrete Stories. Was du hörst, ist das, worum es geht. Ich habe ein Liebeslied, eine Mordgeschichte, einen Song, in dem ich wünsche, dass es meiner Schwester besser geht - diese Dinge haben sich vielleicht in den letzten Jahren verändert. Es ist eine gewisse Art von Simplizität, die ich suche - und auch ein wenig Soul. Etwas, was unterschwellig da ist, was ausgegraben werden muss, was ich aber nicht selbst hinzufüge. Das ist schwer zu beschreiben und noch schwieriger zu finden - das macht es aber gerade interessant für mich." Das spiegelt sich auch musikalisch wider. Der Opener, "Bad Timing" zum Beispiel, ist ein klassisches dEUS-Drama: Endlos lang, sich ständig steigernd und mit kleinen Elementen, wie schrägen E-Bow-Gitarren unterlegt, die dem ganzen erst die rechte Stimmung verpassen. "Nun, ich hoffe, dass dieser Song dich in das Album hineinsaugt", meint Tom, "für uns war das eine Art Wunder, weil dieser Song zunächst langsam war und sich dann langsam steigerte und in etwa den sieben Minuten entstand, die du jetzt auf der Scheibe hörst. Das ist es, warum du Musik machst: Wenn solche Dinge passieren, wenn etwas entsteht, was größer ist als die Summe seiner Teile, größer als die Leute, die es erschaffen. Dieser Song gibt mir etwas - jedes Mal wenn ich ihn spiele. Ich möchte nicht weiter darüber reden, aber dieser Song ist mir sehr wichtig. Es ist übrigens ein guter Song zum Autofahren in der Nacht." Die ganze CD funktioniert ganz gut im Auto. "Nun, das Auto ist mein Lieblingsort, um Musik zu hören", wirft Tom ein, "ich habe zwar selbst keinen Führerschein, aber ich fahre ständig mit Freunden im Auto. Ich mag es deswegen, weil man sich in Bewegung befindet, aber dennoch an einem privaten Ort." Warum heißt das neue Album denn eigentlich "Pocket Revolution"? Ist das nicht ein Widerspruch? "Nun 'Ideal Crash' ist ja auch ein Widerspruch", gibt Tom zu bedenken, "das machen wir ja immer mal wieder gerne. Es ist eine Tradition. Und es passt gut zu dem Cover-Artwork. Es ist das Bild eines Comic-Künstlers. Was mir vorschwebte, war ein gebrauchtes Raumschiff und dieses Bild passte dazu. Dazu passt dann wiederum die Rückseite des Covers - was dann das Innere des Raumschiffes sein könnte." Nun gut, das kann man so sehen. Andererseits ist es aber doch so, dass diese neue dEUS-Scheibe die bislang bodenständigste geworden ist. Es scheint, als seien dEUS nun dort angekommen, wo sie seit Beginn ihrer wunderlichen Reise immer hin wollten...
Weitere Infos:
www.deus.be
de.v2music.com/site/act.asp?ID=435
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Alex Salinas-
dEUS
Aktueller Tonträger:
Pocket Revolution
(V2/Rough Trade)




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