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ELBOW
 
Die Tischtennis-Platte
Elbow
Dass Elbow aus Manchester eine großartige Band ist, brauchen wir eigentlich niemanden mehr zu erzählen. Selbst Chris Martin von Coldplay hat offen zugegeben, dass er "Fix You" in enger Anlehnung an Elbows "Grace Under Pressure" geschrieben hat. Feinfühlige, zeitlose Eleganz ist das, was die Songs von Elbow ausmacht, und dies leben sie nach den beiden Alben "Asleep In The Back" und "Cast Of Thousands" auch wieder auf ihrem neuen Werk "Leaders Of The Free World" aus. Es war dann natürlich wieder einmal Zeit, um bei Sänger Guy Garvey und Bassist Pete Turner genauer nachzufragen.
Auf "Leaders" scheint es fast schon mehr als sonst um Plätze, Orte und Straßen aus der engeren Umgebung der Band zu gehen. "Ja, es hat schon sehr viel damit zu tun, zuhause in Manchester zu sein", meint Guy. "Pete und ich leben inzwischen im Stadt-Inneren, und wenn ich morgens auf dem Weg zur Arbeit bin, komme ich an vielen großartigen Gebäuden und eindrucksvollen Plätzen vorbei - sowas bleibt dann natürlich im Gedächtnis und ich schreibe gerne darüber, wie toll diese Stadt und mein Zuhause ist." Also eigentlich genau wie das alte Klischee des Songschreibers, der durch die Straßen zieht und sich Notizen macht. Guy: "Ja, das stimmt schon - z.B. ist der Song 'Great Expections' eine absolute Nostalgie-Nummer, er bezieht sich auf Bury, einem kleinen Vorort von Manchester, dort sind wir aufgewachsen und dort hatte ich ein Techtelmechtel als ich 20 Jahre alt war. Es hat also viel damit zu tun, wo man zuhause ist und wo man sich wohlfühlt." Als Band ist man naturgemäß viel unterwegs - erkennt man die Stadt denn direkt wieder, wenn man nach einer langen Tour wieder zurückkehrt? Guy: "Natürlich entdeckt man viele neue Gebäude, die meisten davon sind hässlich - aber die werden sowieso die nächsten 15-20 Jahre nicht überstehen. Es hat mehr damit zu tun, welchen Einfluss die neuen Gebäude auf Stadt haben, es ist alles viel lebhafter geworden, es gibt mehr Bars! Und es leben mehr Leute im Stadt-Inneren, es ist nicht nur ein Arbeits-Platz, es passiert viel mehr, es gibt mehr Festivals und viele neue Bands und andere Künstler erscheinen. Die Stadt zieht großartige Menschen an - natürlich zieht sie auch die 'falschen' Leute an, die z.B. alles auf Kosten der Einwohner kommerzialisieren wollen. Es gab da z.B. so einen schönen viktorianischen Garten mit Springbrunnen in der Stadt-Mitte - in der Mittagspause kamen die Leute aus ihren Büros und verbrachten dort im Park ihre freie Zeit. Inzwischen wurde der Park komplett umgestaltet, man hat dort diese modernen Springbrunnen installiert, und alles wirkt eher hässlich. Aber: Es kommen trotzdem zig Familien an den heißen Tagen in die Stadt-Mitte, die Kids spielen dann im Springbrunnen und haben riesigen Spaß. Dadurch hat diese Veränderung doch noch etwas gutes." Und ist die Stimmung nach den Attentaten in London immer noch so entspannt? Guy: "Diese Attentate haben eine Furcht hervorgebracht, die ich aber schon lange vorher gespürt hatte - es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, wann so etwas passieren würde. Aber meine größte Furcht ist nicht die, dass weitere Attentate folgen könnten, sondern vielmehr der Hass, der gegenüber der Moslem-Gemeinschaft entstehen könnte. Mehr als jemals zuvor müssen sich die Leute eine Meinung bilden, und die Attentate dürfen auf keinen Fall die Anti-Terror-Gesetze rechtfertigen, die die Regierung jetzt versucht durchzusetzen. Die Leute sollten nicht dem ID-Card-Plan zustimmen, oder auch nicht diesen Gesetzen nach dem Motto 'Wir sperren jeden ohne Grund ein' - das alles möchte Blair ja gerne umsetzen, bloß weil auch er Angst hat. Sicher war auch er sehr bestürzt über den Tod der Menschen - für ein solches Monster halte ich ihn dann doch nicht -, aber ich bin mir sicher, dass er zur gleichen Zeit seine verdammten Hände gerieben hat, denn jetzt hatte er endlich einen Grund, um schwierige Gesetz-Entwürfe durchzusetzen. Man darf nicht vergessen, dass diese Attentate passiert sind, weil unser Land wahllos unschuldige Menschen angegriffen hat. Dies ist ein illegaler und unmoralischer Krieg, mit dem die britischen Menschen nichts zu tun haben wollten. Aber unsere 'gewählten' Führer sind losgezogen und haben es unserer Zustimmung durchgezogen."
Ist es dann vielleicht in diesen Tagen fast schon so etwas wie eine gewisse Pflicht des Texteschreibers, den Leuten von etwas anderem als ihre täglichen Sorgen zu erzählen, so dass sie ein wenig Abstand davon gewinnen können - oder sollte man dann erst recht über die schlimmen Dinge schreiben? Guy: "Meine Verantwortung ist die, dass ich Texte zu der Musik schreibe, die wir fünf uns hart erarbeiten. Die Jungs erschaffen auf der gleichen Seite die Musik, die meine Empfindungen unterstreichen. Ich sehe keinen Unterschied darin, einen bestimmten Bass-Sound oder eine bestimmte Text-Zeile zu finden, um Gefühle zu transportieren. Das sind letztendlich nur verschiedene Werkzeuge, um auf den wahren Kern der Emotion zu stoßen. Und in den Textem geht es darum, was immer mir gerade im Kopf herumschwirrt. Auf der Platte singe ich z.B. über eine Beziehung, die während der Aufnahme-Session gescheitert ist. Dann gibt es Songs, in denen ich Manchester abfeiere. Und dann gibt es da natürlich auch noch 'Leaders Of The Free World' - wir haben uns sehr darüber amüsiert, als wir erfahren haben, wie der amerikanische Präsident angekündigt wird, wenn er einen Raum betritt: 'Please be upstanding for the commander-in-chief and leader of the free world, President of the United States, George Bush!' Nach so einer Rede erwartet man eigentlich einen 5-Meter-Riesen, der mit einem Feuerball in den Raum kracht. Das ist absolut lächerlich!"

An das neue Album ist die Band diesmal anders herangegangen, man wollte vor allem nicht wieder so eine harte Zeit durchleben, wie sie bei "Cast Of Thousands" vorzufinden war - Leute wurden krank, die Stimmung war teilweise auf dem Nullpunkt. Also wurde alles auf Anfang gesetzt, man ging sogar fast schon so weit, dass man sich das Songschreiben neu erlernen musste. Was aber auch eine gute Chance ist, sich nicht zu wiederholen. Guy: "Genau so war es bei allen Elbow-Platten. Man will sich ja immer weiterentwickeln, Dinge verändern, das Offensichtliche vermeiden. Aber nicht bis zu dem Punkt, unbedingt das Gegenteil machen zu müssen - das wirkt dann schließlich nur noch bemüht und schwierig. Es gibt aber nichts besseres, als eine schöne Überraschung. Es gibt auch keine besonderen Regeln innerhalb von Elbow, man überwacht sich selbst. Da gibt es keine Sprüche wie 'Hey, du bringst dich nicht genug ein!' - du fühlst von selbst, wenn du nicht richtig bei der Sache bist und korrigierst das selbständig. Das passiert uns allen von Zeit zu Zeit." - Pete: "Die Art und Weise, wie wir arbeiten, ist auch sehr spaßig - natürlich gibt es Tage, an denen man daran zweifelt, warum man jetzt ausgerechnet dies oder jenes macht, aber mich persönlich treibt vor allem die Angst an, etwas Tolles zu verpassen! Wenn etwas Großartiges passiert ist, und ich war nicht dabei, dann fühle ich mich miserabel!" - Guy: "Craig, unser Keyboarder, hat das Studio so gut wie gar nicht verlassen, denn er hat die ganze Programmierung mit ProTools gemacht. Richard, unser Drummer, weiß genau, wie man die Mikrofone am besten aufstellt und anschließt. Die beiden sind ein großartiges Duo für die Produktion. Ich habe einen kleinen Nebenraum, in dem ich meine Texte schreibe - ich arbeite auch mehr zuhause als die anderen, denn manchmal brauche ich für die Texte einfach ein wenig mehr Abgeschiedenheit. Ich bin mir sicher, dass die anderen gedacht haben, dass ich mir während meiner Arbeit zuhause einen runtergeholt oder Columbo geschaut habe. Aber wenn man dann mit den fertigen Texten zurückkommt, war das schon in Ordnung! Und ja, ich kann mir einen runterholen, Columbo sehen und dabei Texte schreiben, alles gleichzeitig! [allgemeines Gelächter]"

Elbow
Auch die Örtlichkeiten wurden diesmal sorgfältiger ausgewält. Guy: "Wir wollten diesmal auf jeden Fall nicht zu weit weg von Zuhause aufnehmen. Wir haben uns dann in den Big Room in den Blueprint Studios eingenistet, in Salford." - Pete: "Als wir zum ersten Mal dort waren, dachte ich, dass es viel zu groß für uns wäre - das waren fast schon Fußball-Feld-Dimensionen! Aber wir haben schnell unsere Gerätschaften dort großzügig verteilt, und auch eine Tischtennis-Platte gekauft!" - Guy: "Ja, und im Spiel gegen Pete habe ich insgesamt rund 200 englische Pfund verloren! Er ist auch der Champion - wir waren alle auf einem änhlichen Level, aber er ist schon sowas wie Yoda, der ist einfach überall am Tisch! Ping-Pong-Pete! Turner, The Returner! Wir hatten auch unser eigenes Zähl-System. Wenn es z.B. 2:2 stand, hieß es 'Desmond' [Tutu], 5:4 war 'Michelle' [Pfeiffer - ausgesprochen natürlich mit Akzent: 'Pfeiffor'], 10:10 - 'Die Abenteuer von' [Tintin]." Wenn wir schon bei schlechten Wortspielen sind: "Leaders Of The Free World" ist die Tischtennis-Platte von Elbow. Aber eine Gewinner-Platte.
Weitere Infos:
www.elbow.co.uk
de.v2music.com/site/act.asp?ID=1
Interview: -David Bluhm-
Fotos: -Pressefreigaben-
Elbow
Aktueller Tonträger:
Leaders Of The Free World
(V2/Rough Trade)




Elbow

 
 

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