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SILVER JEWS
 
Der übende Jude
Silver Jews
Die Silver Jews in den Griff zu bekommen, war ja noch nie so ganz einfach. Eigentlich ist David Berman auch der einzige Silver Jew. Alle anderen - seine Freunde Stephen Malkmus, Mike Fellows, Will Oldham, David Pajo, Duane Denison und viele mehr (darunter auch seine Frau, Cassie, die ehemals als Bassistin bei Pajos Papa M. aufspielte) machen zwar mit und helfen bei jeder Silver Jews-Scheibe aus, aber letztlich haben die ja auch ihr eigenes Ding laufen. Und live auftreten ist ja sowieso nicht David Bermans Sache. Bis jetzt jedenfalls. Denn mit dem neuen Werk, "Tanglewood Numbers", das nun plötzlich vier Jahre nach dem letzten Lebenszeichen "Bright Flight" aufschlägt, soll alles anders werden. Denn, so erzählt uns David, das Schlagwort "Musik als Therapie" sei in seinem Falle kein bloßes Schlagwort, sondern ein Mittel zum Zweck, das ihm letztlich das Leben rettete. Und das nicht nur im übertragenen Sinne.
"Nach 'Bright Flight' wusste ich nicht, was ich mit meinem Leben machen sollte", erklärt David, "ich wusste nicht, ob ich eine neue Scheibe machen sollte oder lieber Gedichte schreiben oder eine Anstellung an der Universität anstreben. Stattdessen machte ich gar nichts. Ich saß ich wie paralysiert herum und wurde verbittert. Aus irgendwelchen Gründen fing ich dann an, live aufzutreten. Da wurde mir klar, dass etwas mit mir nicht stimmte. Ich war zu jenem Zeitpunkt so voller Drogen gepumpt, dass sich meine Persönlichkeit veränderte. Denn, wie du weißt, ist das 'nicht auftreten' immer mein Markenzeichen gewesen. Durch diese Erkenntnis wurde alles noch schlimmer. Das Live-Spielen funktionierte natürlich überhaupt nicht. Ich brach mir sämtliche Knochen und führte mich auf wie ein Trunkenbold. Schließlich unternahm ich einen Selbstmordversuch, indem ich versuchte, mir eine Überdosis zu verpassen. Ich wachte im Krankenhaus auf und da traf ich Cassie und sie überredete mich schließlich, eine Entziehungskur zu machen. Das habe ich dann schließlich auch getan. Vor zwei Jahren war ich dann damit durch. Schließlich nahm ich die Gitarre zur Hand und es gefiel mir, sie zu spielen. Es lag daran, dass ich die elektrische Gitarre ziemliche laut mit einem Effektpedal spielte. Das fand ich aufregend. Es ist nämlich so, dass ich auf Hardrock-Musik stehe. Es war auch das erste Mal, dass ich Gitarre zum Spaß spiele, Vorher hatte ich eine Gitarre nur dann angefasst, wenn ich einen Song schreiben wollte. Ich fühlte mich wie ein kleiner Junge. Das hatte zunächst nichts mit der Musik zu tun, die ich selber mache. Das Beschäftigen mit Metal-Musik triggerte aber in mir diese kleine Einstellungsänderung, die mir erlaubte, das, was ich hatte, intensiver machen zu können. Ich wollte die Dinge klarer aussprechen und so mehr Leute erreichen. Warum ich mehr Leute erreichen will? Nun, ich fühle, dass ich etwas zu bieten habe. Mir ist noch nicht klar, was es ist und was genau ich tun muss, aber mir ist klar, dass ich mich verfügbar machen muss..."

"...In den 90ern gab es eine Menge lauter Leute, die sich irgendwie ausdrückten. In dieser Welt hatte ich aber keine Funktion. Ich wollte immer clevere Sachen mit schwarzem Humor schreiben. Heute will ich die Gelegenheit nutzen, dies damit zu verbinden, etwas Inspirierendes zu machen. Es ist also tatsächlich so, dass ich ein Vorbild sein will. Damit bin ich das genaue Gegenteil der meisten anderen Kollegen. Es geht dabei nicht um meine Geschichte - aber wenn jemand die Einstellung zum Leben kopieren könnte, die ich heutzutage habe, dann hätte ich etwas erreicht, dann könnte ich anderen helfen. Victor Frankel, ein Psychologe, der den Holocaust überlebt hat, ist dabei mein Vorbild. Er hatte eine Methode entwickelt, sich nicht unterkriegen zu lassen. Natürlich habe ich nicht so etwas durchlebt wie Frankel. Aber ich habe doch immerhin so einiges durchlebt. Frankel war für mich der geeigneteste Leitfaden. Andere habe ich nicht gefunden. Wen sollte ich auch nehmen? Robert Downey jr. etwa? Oder Jesus? Das hätte für mich nicht funktioniert. Obwohl ich schon irgendwie die Spiritualität mit einfließen lassen wollte. Ich begann zum Beispiel, diese Synagoge in Nashville zu besuchen. Es ist eine moderne Synagoge mit einer reformierten Gemeinde. Ich war sehr davon beeindruckt, dass diese modernen Leute da diese jahrtausende alten Gesänge sangen, um ihre Kultur am Leben zu erhalten. Ich fragte mich also, ob ich mir vorstellen könnte, ob das ein Weg war, eine neue Bedeutung im Leben zu finden? Ich würde mich heutzutage als so etwas wie einen noch übenden Juden bezeichnen. Früher hatte ich mich offensichtlich nicht genug angestrengt. Heute habe ich aber den Glauben, dass, wenn ich mich entsprechend verhalte, etwas Gutes daraus erwachsen wird. Ich hatte immer geahnt, dass es einen Gott gibt, ich wusste nur nicht ob es einer war, der mich bestrafen wollte. Die einzige Chance. die ich hatte, war also, davon auszugehen, dass es einen Gott gibt, der mich liebt. Wenn das stimmt, und ich diese Erkenntnis vermitteln könnte, dann könnte ich auch meine Existenzangst überwinden. Ich hoffe, dass sich das in meinen Texten auch vermittelt. Es ist ja nicht so, dass ich die Sachen ausbuchstabiere. Aber eine Menge ist dennoch in den Texten zu finden und eröffnet sich mit der Zeit. Ich habe das Album zum Beispiel mit einer Art psychologischem Spannungsbogen aufgebaut. Der erste Song beschreibt ein Bild aus meiner Teenager Zeit, als ich noch zu Punk-Konzerten gegangen bin. So habe ich mich damals gefühlt - als müsse ich dauernd kotzen. Das ist der depressive Ausgangspunkt und steigert sich dann langsam. So ungefähr mit 'Animal Shapes' beginnt das. Dann gibt es einen Song, den ich mit Cassie zusammen geschrieben und gesungen habe und schließlich 'Sleeping Is The Only Love'. Das ist dann der Höhepunkt. Hier sage ich, dass das Leben süßer als jüdischer Wein ist. Ich sage hier wörtlich, dass ich irgendwann herausfand, dass das Leben am Ende doch gut ist. Man könnte nun den Begriff 'Schlafen' als negatives Bild sehen - weil das ja eine Flucht vor dem Leben sein kann - aber für mich bedeutet es eher eine neutrale Aussage. Der Inhalt des Songs und die Musik hingegen sind lebensbejahend..."

"...Der Titel ist also nicht alles. Und dann gibt es am Ende einen Song, in dem ich aussage, dass ich es geschafft habe. Dazwischen gibt es noch das Stück 'The Farmer Hotel', mein Epos. Die Musik hierzu hat Stephen Malkmus gemacht. Es ist so etwas wie eine Antiquität, eine Cartoon-Version von dem, was ich durchlebt habe. Er ist ziemlich witzig, weil ich hier nicht einfach die Geschichte 'von der Gosse zu den Sternen' erzählen wollte. Auch das ist ein neutrales Statement. Ich sage auch hier nicht, dass ich Gott gefunden habe. Ein Atheist ist meiner Meinung nach näher an Gott als ich. Ich verwende für diesen Zustand ein Bild: Ich werfe dieses Seil in den Himmel und manchmal spüre ich, dass am anderen Ende jemand daran zieht. Meistens jedoch fühlt es sich an, als rede ich mit mir selber und das Seil fällt einfach wieder hinunter. Wie gesagt: Ich übe noch. Mein Ziel ist, mir Gott bewusst zu machen. Es ist auf einem praktischen Level einfach ein besseres Leben. Mir ist schon klar, dass ich Gott nicht wirklich finden werde. Aber wir leben momentan in so verwirrenden Zeiten - gerade wir in den USA, wo dieser Typ am Lenkrad noch fast vier Jahre Zeit hat, Schaden anzurichten - dass wir einen Glauben brauchen. Man könnte ja fast Angst davor haben, dass alles auseinander fällt. Es fällt mir schwer daran zu glauben, dass es ein 2070 geben wird, aber ich möchte gerne daran glauben. Ich habe auch ein Rezept entwickelt, das praktisch umzusetzen: Wenn ich einen Impuls verspüre, tue ich das Gegenteil. Das weckt dein Bewusstsein. Es scheint zu funktionieren, denn die Leute interessieren sich plötzlich für das, was ich sage. Auch musikalisch. Ich habe versucht, das alles auch im Titel der Scheibe zum Ausdruck zu bringen. 'Tanglewood Numbers' hat dabei mehrere Bedeutungen. 'Tanglewood' ist der Name einer Straße nahe bei dem Ort, an dem ich lebe und sie ist der Ort, wo ich viele Entscheidungen zu tätigen hatte, die zu dieser Scheibe führte. Ich hatte es mir nämlich zur Aufgabe gemacht, diese Straße entlangzumarschieren und dann auf Antworten für meine Fragen zu hoffen. Das hat ein paar Mal geklappt. Ich habe mir Fragen gestellt, wie z.B.: Wenn ich z.B. 2006 auf Tour gehen sollte, wird das dann wohl gut werden? Ich kam dann am Ende der Straße an und fand ein Feld mit wilden Erdbeeren vor - was ich dann als Bestätigung interpretierte. So ungefähr musst du dir das vorstellen. Die andere Bedeutung ist 'Tanglewood, Massachussetts' - dort gibt es ein großes Klassik-Festival. Wir hatten dieses Mal ja einige Streicher auf der Scheibe, so dass das auch gut passte. Die Nummern im Titel der Scheibe beziehen sich auf die Songs - 'numbers' als Slang für 'Musik-Nummern'. Und außerdem ist es ein Verweis auf das vierte Buch der Tora, das auch Nummern beinhaltet. Die Musik entstand dann nach drei Proben ziemlich spontan. Wichtig dabei war unser Drummer, Brian, der sehr jung ist und noch wenig Erfahrung hat. Er ist meine Idealvorstellung von einem Highschool-Drummer. So jemanden wollte ich immer schon mal in der Band haben - weil er die anderen jünger klingen ließ..."
Silver Jews
"...Also, die Basic-Tracks entstanden in wenigen Tagen. Die Leute, die ich dann noch dazuholte, waren alles enge Freunde. Das aus dem Grund, dass mich die Leute gut kennen sollten, die meine neue Musik spielten. Es war sehr rauh und holprig und es ist der Verdienst des Keyboarders Tony Crows, das alles zusammenzuhalten. Leider konnten wir nicht alles verwenden. Es gab zum Beispiel dieses Solo von Pete Cummings, der in Elvis' 'Pocket Band' mitspielte, als er 14 war. Leider passte es stilistisch gar nicht. Aber ich sehe es so: Du könntest die Tapes einem anderen Produzenten geben und es käme eine vollkommen andere Scheibe dabei heraus. Jetzt, nachdem ich das alles hinter mich gebracht habe, möchte ich auch schnell wieder eine neue Scheibe machen. Jedenfalls wird es keine Pause von vier Jahren mehr geben. Ich arbeite auch bereits an neuem Material. Und dann werde ich alles daran setzen, demnächst tatsächlich live aufzutreten. Ich weiß nicht, ob es für eine ganze Tour reichen wird, aber es wird auf jeden Fall ein paar Auftritte geben. Es ist zwar immer noch so, dass ich das Live-Spielen nicht mag, aber jetzt habe ich ja eine Aufgabe. Ich hoffe doch sehr, dass meine Musik die Fragen, die ich aufwarf, auch veranschaulicht. Denn wie gesagt: Es gibt ja heutzutage so wenig Trost in der Welt und meistens kommt der dann nicht mehr von der Musik, die man hört - wie das früher oft der Fall war. Ich möchte da gerne etwas dran ändern und meinen kleinen Beitrag leisten. Ach ja: Ein Geheimnis wollte ich dir noch verraten: Das Foto, welches du auf der Vorderseite der Scheibe siehst, ist in Memphis entstanden. Das auf der Rückseite zeigt Chattanooga. Nun ist es so, dass Memphis auf der einen Seite von Memphis liegt und Chattanooga auf der anderen. Die Scheibe ist aber gar nicht in Memphis oder Chattanooga entstanden, sondern in Nashville. Die CD mit der Musik ist also quasi in der Mitte eingebettet. Und der Name der Scheibe heißt abgekürzt TN - was für Tennessee steht. Wie gesagt, es ist ein Geheimnis..."

Nein, eine Frage haben wir eigentlich nicht direkt gestellt...

Weitere Infos:
www.silverjews.net
www.dragcity.com/bands/silverjoos.html
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Pressefreigaben-
Silver Jews
Aktueller Tonträger:
Tanglewood Numbers
(Drag City/Rough Trade)




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