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MY MORNING JACKET
 
Alles zurück auf Anfang
My Morning Jacket
Überraschung! Hatten wir beim letzten Album der Band aus Kentucky noch geschrieben, dass sich ihre Entwicklung eher in Nuancen vollzieht (und der Titel ihres letzten Albums, "It Still Moves", deshalb je nach Sichtweise augenzwinkernd gemeint bzw. clever gewählt war), sind die Dinge bei Mastermind Jim James und den Seinen in den letzten Jahren ungewohnt stark in Bewegung gekommen. Nicht nur, dass ihnen das 2003er Majordebüt den erhofften Popularitätsschub verschaffte, auch das Line-Up der Band änderte sich. Mit Johnny Quaid und Danny Cash verließen gleich zwei Mitglieder die Band vor den Aufnahmen zum nun auch in Europa erscheinenden vierten Album "Z".
Zunächst war die Ratlosigkeit groß bei Mastermind Jim James, Gitarrist Two-Tone Tommy und Drummer Patrick Hallahan: Sollte man als Trio weitermachen? Vielleicht mit Backingtracks? Oder unter einem neuen Namen? Doch dann luden die drei einige Musiker zum Vorspielen ein, und das Wunder passierte: Gleich die ersten beiden Kandidaten, Carl Broemel (nun der einzige Nicht-Bartträger der Band) und Bo Koster, konnten die drei mit ihrem Können, ihrem Enthusiasmus und nicht zuletzt ihrer detaillierten Kenntnis der bisherigen MMJ-Werke begeistern. Trotzdem war das auf dem Weg zu "Z" nur die halbe Miete. "Obwohl wir früh zwei Musiker gefunden hatten, die scharf darauf waren, ein Teil der Band zu werden, waren wir uns doch nicht sicher, ob es funktionieren würde", sagt Two-Tone Tommy gegenüber Gaesteliste.de. "Erst als wir dann anfingen, ernsthaft für die neue Platte zu proben, fiel die Angst des Versagens von uns ab."

Gleichzeitig ging das Quintett auch beim Songwriting neue Wege. "Alles war anders. Früher, mit John und Danny, haben wir uns alle fünf zusammengesetzt und die Songs gemeinsam erarbeitet. Dieses Mal wussten wir, dass wir wieder bei null anfangen würden, also konnten wir auch die Herangehensweise ändern. Deshalb verbrachten Jim, Patrick und ich einen ganzen Monat zu dritt damit, Schlagzeug und Bass klarzukriegen und an den Rhythmen zu arbeiten. Bevor wir für einen weiteren Monat der Proben Carl und Bo dazuholten, hatten wir das Fundament der Songs also bereits gelegt. Das Schöne daran war, dass wir uns so besser darauf konzentrieren konnten, was die beiden spielten, und sie sich besser mit dem auseinandersetzen konnten, was wir schon erarbeitet hatten."

Glänzte "It Still Moves" noch mit ellenlangen Jams und einer Spielzeit von über 70 Minuten, gibt es dieses Mal außer dem zehnminütigen Schlusssong keine langen Songs auf der Platte, die mit einer Dreiviertelstunde Spielzeit auskommt und mehr auf die Songs denn die Performance konzentriert ist. Trotzdem ist die veränderte Herangehensweise beim Songwriting nicht ausschlaggebend dafür gewesen. Während die Songs des Vorgängers vor den Aufnahmen auf der Bühne erprobt wurden und dort mutierten, nahm das Quintett die neuen Stücke dieses Mal zuerst auf – und ging dann auf Tournee. Und weil eh gerade alles im Fluss war, entschloss sich die Band auch noch, erstmals mit einem Produzenten zusammenzuarbeiten. Am Mischpult saß John Leckie, der bereits seit rund drei Jahrzehnten unzählige Bands produziert und dabei so unterschiedlichen Künstlern wie XTC, The Stone Roses und Radiohead zum richtigen Sound verholfen hat. "John Leckie besuchte uns im Proberaum ungefähr eine Woche, bevor die Aufnahmen losgehen sollten", erinnert sich Tommy. "Das war schon ziemlich seltsam. Wir haben ihm einen Sessel in die Mitte des Zimmers in diesem alten Haus gestellt, und dort saß er dann, während wir ihm die Songs vorspielten, und machte sich Notizen. Dabei sagte er Sachen wie: 'Dieser Teil muss viermal wiederholt werden' oder 'Die Songs sind toll, aber die Demoaufnahmen, die ihr hier gemacht habt, sind grottenschlecht'. Er war unglaublich ehrlich, und das hat uns ziemlich eingeschüchtert, denn wir befürchteten schon, dass ein Produzent unseren Sound ziemlich verändern würde. Bisher hatten wir ja stets alles alleine gemacht. Letzten Endes half er uns allerdings nur dabei, die Qualitätskontrolle sicherzustellen."

Als wir die Band im letzten Mai in Philadelphia live gesehen haben, standen übrigens nicht nur die fünf Bandmitglieder auf der Bühne, My Morning Jacket hatten auch einen 'Dirigenten' dabei... "Der 'Dirigent' war unser Freund Travis, wir nennen ihn Sweet-T. Wir dachten einfach, es wäre eine lustige Idee, ihm einen Frack zu kaufen, eine Perücke aufzusetzen und ihn die gesamte Show dirigieren zu lassen. Wir haben das dann auf einer zweiwöchigen Tour noch einmal gemacht, und auch beim Bonnaroo-Festival. Das war einfach unsere Art, etwas gleichzeitig Lustiges und Verrücktes auszuprobieren." Unsere Interpretation im Review der Show in Philadelphia war, dass der Dirigent die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zog und die Band so "unbeobachteter" auf der Bühne agieren konnte. War das die Idee dahinter? "Es stellte sich heraus, dass dieser Effekt eintrat, aber zu Anfang hatten wir keinen Schimmer, wie und ob das Ganze überhaupt funktionieren würde. Es war allerdings ziemlich cool, weil er so etwas wie ein weiteres Bandmitglied war, auf das du reagieren konntest."

Auf der wegen einer Lungenentzündung von Sänger Jim James leider vorerst verschobenen Europa-Tournee werden wir wohl ohne den sechsten Mann auskommen müssen, aber mit einem Album wie "Z" im Rücken dürfte auch so für großartige Konzerterlebnisse gesorgt sein.

Weitere Infos:
www.mymorningjacket.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Danny Clinch-
My Morning Jacket
Aktueller Tonträger:
Z
(ATO/Red Ink/Rough Trade)




My Morning Jacket

 
 

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