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KATHARINA FRANCK
 
Die zweite Haut
Katharina Franck
Schon oft haben die Köpfe berühmter Bands erfahren müssen, dass man bei dem Versuch, unter eigenem Namen die musikalische Karriere voranzutreiben, nicht unbedingt auf einen Band-Bonus zählen darf. Deswegen ist das neue Album der ehemaligen Rainbirds-Vorsitzenden Katharina Franck tatsächlich wohl auch als Neuanfang zu bewerten - insbesondere auch deshalb, weil sich ihre zuletzt erschienenen Alben "Hunger" und "Zeitlupenkino" einem anderen Medium zuwandten und sich eher gesprochenen Sprache als dem Song als Mittel zum Zweck widmeten. Das neue Album, "First Take Second Skin", ist dahingegen wieder ein klassisches Songwriter-Album geworden - mit erstaunlich abwechslungsreich arrangierten Stücken irgendwo zwischen Folk, Pop, Beat und Rock im typischen Franck-Stil - vielleicht ohne die Brecht-Weill'schen Anwandlungen der letzten Rainbirds-Scheiben, bei denen Keyboarderin Ulrike Haage ja maßgeblich verantwortlich zeichnete.
Wie ist diese neue Scheibe denn nun entstanden? "Das letzte Album der Rainbirds war ja das Live-Album von '99 und danach war Schluss", resümiert Katharina, "das war zwar nicht geplant - wir hatten ursprünglich nur vor, eine Pause zu machen - hat sich dann aber doch so entwickelt, weil jeder seine eigenen Projekte hatte und unsere Lebenswege sich trennten. Das hat mich dann doch ganz schön geschafft. Ich war ganz schön fertig, weil mir diese Band sehr viel bedeutet hat und es auch meine Band war. Ich habe mich dann zunächst in die Arbeit zu einem Jane Bowles-Hörspiel gestürzt." Jane Bowles ist die enigmatische Frau des "Sheltering Sky"-Authors Paul Bowles und seit jeher ein Idol für Katharina. "Danach habe ich eine Weile gebraucht, um wieder zu mir selbst zu finden. Ich habe auch weiter geschrieben. Die Grundlage des Textes zu dem New York City Marathon-Stück von 'Zeitlupenkino' hatte ich schon zu Rainbirds-Zeiten geschrieben. Mitte und Ende 2000 habe ich begonnen, die Texte mit zwei Musikern zu vertonen. Das war für mich ein Wiedereinstieg in die musikalische Arbeit. Gleichzeitig habe ich angefangen, mit brasilianischen Musikern zusammenzuarbeiten, mit denen ich auch live gespielt habe. Dann gab es 'Zeitlupenkino' bereits - wozu ich aber nur ganz wenige Konzerte gegeben habe. Anschließend, über das ganze Jahr 2003, habe ich Solo-Performances gemacht. Während dieser Zeit habe ich begonnen, Songs für dieses Album zu schreiben. Das hat mich zu der Idee geführt, mir wieder eine Band zu suchen und ein Album wie eben dieses zu machen." So weit so gut. Nun ist aber festzuhalten, dass die Spoken Word-Geschichten stets auf deutsch sind, während Katharinas Songs immer auf englisch daherkommen. Mischformen - wie z.B. das Stück "Holz" auf "Zeitlupenkino" - also Spoken Word mit Songstrukturen - findet sich da eher selten. Was ist der Grund hierfür? "Das erste Album dieser Art, 'Hunger', ist ja entstanden nach der Rainbirds-Scheibe 'In A Different Light'", erinnert sich Katharina, "das war für mich ein bisschen so etwas wie eine Notsituation. Bei 'Different Light' hatte ich nämlich die Texte noch nicht fertig, als wir ins Studio gingen - was ich nicht gewohnt war. Ich fühlte mich da ein wenig ausgepowert. Die Auflösung der ersten Bandbesetzung hatte ich ignoriert, obwohl sie mich betroffen gemacht hatte, und das habe ich ignoriert - was sich dann gerächt hatte. Durch das Schreiben von Texten, die nicht für Songs vorgesehen waren, habe ich mich wieder so ein bisschen aus der Krise herausgearbeitet habe. So ähnlich war das bei 'Zeitlupenkino' auch. Hier kam noch die Angst dazu, dass es vielleicht gar nicht weitergehen könnte. Angst vor einer Blockade. Die Arbeit an den deutschen Texten hat mir immer wieder auf die Beine geholfen und dadurch habe ich mir ja auch immer neue Arbeitsgebiete geschaffen. So habe ich zum Beispiel vom Bayrischen Rundfunk den Auftrag für das Jane Bowles-Hörspiel bekommen und 'Zeitlupenkino' war auch zunächst als Radioproduktion gedacht."
Katharinas Songs entziehen sich ein wenig dem typischen Storytelling-Ansatz, den man oft bei Singer-Songwritern vorfindet - deren Tradition sie sich auch verpflichtet fühlt. Ihre Stücke sind alle recht lang und wortreich und auch die musikalische Struktur ist eher "offen" - was bei einer Scheibe mit viel Akustik-Gitarre wie "First Take Second Skin" natürlich besonders ins Ohr fällt. Wie sieht sie sich denn selber als Songwriterin? "Also da gibt es Unterschiede zwischen Spoken Word und den Songs. Bei den Spoken Word-Geschichten schreibe ich die Texte und die Musik wird wie eine Filmkomposition später hinzugefügt. Deswegen auch die Samples und das Overdub-Verfahren. Und die gesungenen Songs erarbeite ich mir durch Spielen. Während des Spielens entwickelt sich dann der Song und auch die Texte." Und worum geht es auf der Scheibe? Songs wie "Sort Of" (in dem alles in Frage gestellt wird) deuten auf das Gefühl "Zweifel" hin. "Na ja, das ist eine Art Widerspruch, weil die komplette Freiheit oft doch nur eine Illusion ist. Das 'Losgelöst sein' von allem und jedem und gleichzeitig den Kontakt zur Umwelt zu erhalten, das ist eine Illusion - so etwas geht ja nicht. Wir leben ja in einer Welt, in der wir aufgefordert sind, unseren Platz zu suchen. Zum Glück wird uns das nicht immer aufoktroyiert - das kann aber durchaus auch schwierig sein. In 'Sort Of' zum Beispiel, geht es darum, dass ich zwar mich und meine Tricks gut kenne, um mich durch's Leben zu mogeln, dass mir aber andererseits immer wieder bewusst ist, dass mir Regeln und Grenzen auferlegt werden, die es zu überwinden gilt. Oder an denen ich auch mal scheitere." Was ist denn in dem Zusammenhang die Funktion von Katharinas Musik für sie selber? "Für mich?", fragt sie, "in Kontakt zu treten mit meiner Umwelt. Ich will zwar meinen Weg gehen, aber nicht außen stehen. Ich will wissen wo ich bin und dass ich erkennbar für andere Menschen bin. Das ist Neugierde, Offenheit und auch eine Art von Angst-Freiheit. Man soll lebendig bleiben, bei allem, was man macht."
Katharina Franck
Was bedeutet denn der Titel der Scheibe, "First Take Second Skin", in diesem Zusammenhang? Was ist die zweite Haut, von der Katharina hier spricht? "Das soll diese Unmittelbarkeit ausdrücken, von der ich gerade sprach. Das ist natürlich schwierig, da es hier um eine Platte geht, an der ich lange gearbeitet habe. Aber ich habe das Gefühl, damit offen auf das Publikum zugehen zu können. Das Publikum soll dann entscheiden, was es damit anfangen möchte. Ich stelle zwar Behauptungen in den Raum, sage aber nicht: So ist es! Jeder soll sich selbst fragen, ob es wirklich so ist oder auch ganz anders oder auch von Situation zu Situation verschieden. Die zweite Haut ist dabei meine Musik. Ich stecke immer irgendwo ganz eng drin. Ich bin niemand, der sich aus der Ferne mit etwas beschäftigt, sondern immer sehr direkt. Es hat immer etwas mit mir zu tun. Das ist zuweilen auch nervig und ich möchte es loswerden und etwas mal von einer distanzierten Seite betrachten. Was mich dann letztlich aber doch interessiert, ist dann wieder die persönliche Perspektive. Auch wenn es sich um erfundene Charaktere oder improvisierte Passagen handelt. Dann lasse ich mich halt auch mal gehen. Aber ich habe ja Phantasie und kann mich auch in Dinge hineinversetzen, die ich nicht selbst erlebt habe. Ich werde oft mal gefragt, ob ich meine Tagebücher vertone. Aber das sind keineswegs meine Tagebücher. Es ist immer eine künstlerische Umsetzung und Bearbeitung." Katharina Franck bleibt sich also mit dieser neuen Scheibe zweifelsohne treu - auch wenn die Linie von den Rainbirds zu dieser CD unterbrochen scheint. Verwunderlich ist das nicht, denn niemand kann schließlich aus seiner Haut schlüpfen - auch nicht aus der zweiten.
Weitere Infos:
www.katharinafranck.de
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Pressefreigaben-
Katharina Franck
Aktueller Tonträger:
First Take Second Skin
(Skycap/Rough Trade)




Katharina Franck

 
 

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