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SEACHANGE
 
Alle für einen, einer für alle...
Seachange
Als die Jungs von Seachange aus Nottingham im Rahmen ihrer von Gaesteliste.de präsentierten Tour auch beim Orange Blossom Festival aufliefen, dort allenthalben gute Laune verbreiteten, sich bei jedem, der das wollte, vorstellten, mit sachlicher Professionalität das Chaos eines schnellen Bühnenwechsel erledigten und im Anschluss einen beeindruckenden Gig hinlegten, der (im Gegensatz z.B. zum durch technische Probleme behafteten Gig zwei Tage vorher in Köln) alle Stärken der durch die Hinzunahme von Multiinstrumentalist Neil Wells (Savoy Grand) zum Sextett gewachsenen Combo allerbestens zur Geltung brachte und sogar den hartgesottensten Americana-Puristen anerkennendes Kopfnicken entlockte - da waren sich alle einig: Die sind aber nett. Und dieses Lob kam auch von den amerikanischen Musikerkollegen, die ja gemeinhin eine Portion lockerer und familiärer agieren als nordenglische Noise-Niks (wie sich Seachange selber auch nennen).
Das ging dann im Folgenden noch munter weiter und allenthalben konnte man irgendwelche Seachange-Mitglieder beim fröhlichen Brüderschaft-Trinken und eMail-Adressen austauschen beobachten. Seachange sind also menschlich relativ easy. Anders als ihre Musik, die nach wie vor recht komplex, ja gar anspruchsvoll ist. Gerade das zweite Werk, "On Fire, With Love" - nach einem Rückzieher des Matador Labels nun verdienter Weise bei Glitterhouse erschienen - setzt da noch mal eins drauf. Nicht nur Neils Eskapaden auf diversesten Instrumenten (u.a. Trompete), sondern auch das Einbeziehen von "Folk-Elementen" und die immer komplexer und wortreicher werdenden Texte Daniels tragen dazu bei. Und dann hat man natürlich den Spaß am Rocken auch noch nicht verloren. Live z.B. sind die Jungs zuweilen mit drei Gitarren gleichzeitig zu Gange. Dennoch: Seachange-Alben setzen sich nicht sofort fest. Es braucht immer eine Weile, mit dem Material warm zu werden. Dass es dann irgendwann "klick" macht und sich die Songs gleich auf mehreren Ebenen erschließen, ist dabei ja schön und gut. Aber woher wissen eigentlich die Jungs selber, ob ihre Stücke was taugen, wenn sie sie einspielen? Die werden ja vermutlich ähnliche Probleme beim Erarbeiten des Materials haben, wie sie der Zuhörer beim Anhören hat, oder? "Nun, das ist eine Mischung aus blindem Selbstvertrauen, Ahnungslosigkeit und unserer abgeschlossenen Seifenblase, in der wir uns aufhalten", scherzt Daniel, während der hinzugekommene Kollege Dave, meint, dass er sich manchmal auch erst an die Stücke - oder Teile davon gewöhnen müsse. "Wir arbeiten so viel mit dem Material, dass es uns irgendwann zur zweiten Natur wird und wir dann gar nicht mehr darüber nachdenken", fügt schließlich Gitarrist Adam hinzu. "Übrigens setzen wir uns ja gar nicht hin, um einen großartigen Song zu schreiben", erläutert Daniel, "mich freut es natürlich, wenn sie nachher jemand mag und niemand will ja einen wirklich schlechten Song schreiben. Aber wir schreiben einfach das, was aus uns rauskommt." - "Und noch etwas: Ich mag es überhaupt nicht, wenn ein Album den Zuhörer beim ersten Durchgang alles offenbart", überlegt Adam, "ein gutes Beispiel ist das Album von den Killers. Ich meine, ich mag es, aber es ist so perfekt produziert, dass es mit der Zeit regelrecht langweilig klingt. Das ist irgendwie bedrückend." - "Genau", pflichtet Daniel bei, "ich will auch nicht von einer Scheibe erschlagen werden. Man sollte dem Zuhörer auch eine Chance geben und nicht mit einer Hochglanz-Produktion bevormunden." Ist das heutzutage nicht wagemutig? "Mag sein", meint Daniel, "aber es gibt doch eine Menge Bands, die so was machen. Das sind natürlich weniger Mainstream-Bands, aber das sind wir ja auch nicht." - "Das ist auch der Grund warum wir bei Glitterhouse sind", fügt Dave hinzu, "weil man dort weniger darüber nachdenkt, ob man MTV erreicht." Das stimmt, bei Glitterhouse ist man da eher auf den Rockpalast fixiert.
Aber mal anders herum gedacht: Wenn Seachange sich nicht hinsetzen, um großartige Songs zu schreiben: Was IST ihnen denn wichtig? "Puah, das ist schwer zu sagen", kratzt sich Adam am Kopf, "natürlich schreibt Daniel die Texte, aber mein Anspruch ist der, dass ich Musik schreiben möchte, bei der die Band im Mittelpunkt steht und das Interagieren miteinander. Es geht um den kreativen Prozess und alles zusammenzuführen - Musik, Texte und Atmosphäre - so, dass es Sinn macht und funktioniert." - "Ehrlich gesagt ist meine Qualitätskontrolle eigentlich gar nicht so streng", widerspricht Daniel, "wir haben Stapel von Songs herumliegen, die vielleicht nie veröffentlicht werden. Ich meine, ein gewisses Qualitätslevel muss das Material schon haben, aber ich mag Bands wie Guided By Voices, die ihre Songs gleich tonnenweise rauskloppen." - "Wir sind aber Musik-Fans und uns dessen schon bewusst, dass die Welt keine schlechten oder durchschnittlichen Stücke braucht", beeilt sich Dave zu ergänzen. Warum hat es dann mit dem ursprünglich geplanten Doppelalbum nicht geklappt? "Das ist immer noch in der Pipeline", meint Daniel, "wir haben jede Menge Ideen und wollen auch verschiedene Seiten von uns zeigen. Deswegen auch die Folk-Einflüsse auf der neuen Scheibe. Wir wollten eine typische Seachange-Scheibe machen, aber auch andere Facetten zeigen. Aber wir haben kein eigenes Studio und waren deswegen unter Zeitdruck. Am Ende aber zeigt auch das neue Album die oben angesprochenen Qualitäten." Seachange beginnen ihre Sets momentan mit dem Folksong "Anti Story", der zum Beispiel mit einer Ziehharmonika überrascht. "Ja, es ist eine gute Einleitung zu unseren Shows", meint Daniel. "Ja, und die Leute erwarten das nicht", ergänzt Dave, "und außerdem ist es schwierig, den Song an einer anderen Stelle zu plazieren." Was war denn musikalisch überhaupt der Initialzünder der neuen Scheibe. "Rhythmen", antwortet Adam wie aus der Pistole geschossen, "Drums sind unser Antrieb. Und wir verwenden zuweilen ungewöhnliche Gitarrenfiguren, die wie ein Uhrwerk ineinandergreifen. Es ist wirklich schwer zu sagen, was musikalisch der Startpunkt ist. Wir haben meistens alle Bandmitglieder da, wenn wir Songs schreiben und arbeiten mit kontrollierten Jam-Sessions, in denen wir dann zu Ergebnissen kommen." - "Was uns vielleicht noch von anderen Bands abgrenzt ist der Umstand, dass wir alle ziemlich unterschiedliche Charaktere sind", ergänzt Daniel, "wir haben alle unsere eigenen Meinungen, wenn es um Musik und Kunst geht. Und die Diskussionen, die wir über Kunst und unsere Songs führen, sind durchaus ein Antrieb und bringen uns in Richtungen, die wir anstreben." - "Es kommt noch hinzu, dass wir alle Songs schreiben", erzählt Adam, "und es macht Spaß, von Leuten umgeben zu sein, die alle kreativ sind." - "Das Spannende ist, zu beobachten, wie sich die Ideen verselbständigen und wie sich daraus Ergebnisse ergeben", meint Dave. Und wie kommen dann die Texte dazu? "Das ist ganz verschieden", holt Daniel aus, "manchmal schreibe ich Texte einfach so auf. Manchmal habe ich einen Song im Kopf und manchmal ist die Musik schon da. Ich mag es, so zu arbeiten. Festgefahrene Arbeitsweisen sind hinderlich und einengend." Was ist Daniels Stil? Ist es konkrete Poesie, ist es Stream-Of-Consciousness? "Meistens ist es so etwas", räumt Daniel ein, "manchmal geht es genau darum, deinen Geist wandern zu lassen, Spaziergänge zu machen, Themen aufzugreifen und zu behandeln, die dann in Form gebracht werden müssen. Es ist aber nicht einfach so dahergebrabbelt. Ich verwende sehr viel Zeit damit, die Texte auszuarbeiten. Am Anfang war nicht so gut darin, die Texte zu editieren. Es ist aber wie mit jedem Handwerk: Je länger du es machst, desto besser geht es."
Seachange
Wie gesagt heißt einer der Songs "Anti-Story" - ist das nicht eine gut Beschreibung des Stils? "Ja", bestätigt Daniel, "denn ich mag es, dem Hörer Raum für eigene Gedanken zu lassen. Ich mag es z.B. überhaupt nicht, wenn mir jemand sagt, was ich zu denken habe. Insofern ist 'Anti-Story' eine faire Beschreibung dessen, was wir machen." Wie managt Daniel eigentlich diese Texte? "Nun, früher habe ich auch mal improvisiert", gesteht er, "heutzutage mache ich das aber nicht mehr. Ich verwende sehr viel Zeit darauf, diese Texte auszuarbeiten und ich denke viel darüber nach. Irgendwann kann ich sie dann auch auswendig. Es ist ja auch wichtig, dass die Texte im Vortrag an der richtigen Stelle landen. Ach ja, noch was: R.E.M. sind eine meiner Lieblingsbands und die packten ja früher auch die Texte nicht auf die Cover. Und gut verstehen kann man Michael Stipe ja auch nicht. Ich mag das aber, wenn man als Zuhörer da mitarbeiten muss." Warum sind denn die Texte nicht auf dem Cover verewigt. "Also ich mag es, wenn man die Texte gar nicht so richtig verstehen kann, und sich dann selbst seinen Teil dazu denken muss", meint Adam, "das gilt auch für uns. Wenn ich auf Daniels Computer nachschaue, was er geschrieben hat, dann ist das auch manchmal was anderes, als das, was ich zu hören geglaubt habe." - "Es ist ja auch teuer, Texte abzudrucken", gibt Daniel zu bedenken, "wir wollten das Artwork lieber ganz einfach halten. Und wir haben die Texte ja auf unserer Website. Wer sie also nachlesen möchte, der kann das tun." Aber wie gesagt: Man muss ja gar nicht alles verstehen. Und noch ein Tipp: Bei den Live-Konzerten kann man Daniel - einen halbwegs soliden Mix vorausgesetzt - sogar ein wenig besser verstehen als auf den Scheiben. Was ist denn die größte Herausforderung für Seachange? "Das ist der Versuch, eine Balance zwischen unserer Musik und unserem Lebensunterhalt zu finden", sagt Adam, "wir alle würden gerne von unserer Musik leben - aber bis es so weit ist, müssen wir alle arbeiten und das ist bei sechs Leuten schwer zu koordinieren. Die größte Herausforderung ist also einen Job zu finden, den du mit deinem Musikantenleben vereinbaren kannst." - "Dafür gibt es aber auch einen Ausgleich", wirft Daniel ein, "die größte Freude ist nämlich, herumzureisen, live zu spielen und Leute zu treffen. Ich mag diesen Rhythmus - zu reisen und den ganzen Tag auf die Show hinzuarbeiten. Es ist ein großes Privileg, so etwas tun zu können und es ist eine schöne Sache, eine Weile so leben zu können. Es ist großartig." Und damit soll's im September gleich weiter gehen. Dann kommen Seachange wieder auf Tour.
Weitere Infos:
www.seachangemusic.com
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Pressefreigaben-
Seachange
Aktueller Tonträger:
On Fire, With Love
(Glitterhouse/Indigo)




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