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LAMBCHOP
 
Alles kaputt?
Lambchop
Das neue Lambchop-Album heißt schlicht und ergreifend "Damaged". Das Cover zeigt, wie Kurt Wagner erklärt, das Foto eines Huthakens. Nicht, weil es einen bestimmten Sinnzusammenhang gäbe, sondern weil das Covermotiv schlicht und ergreifend alles hätte sein können. Die Texte des neuen Werkes kommen verschlüsselter daher denn je, sind aber - nach Kurts Aussage - die persönlichsten, die er je geschrieben hat. All das bedeutet allerdings weder, dass das (je nach Zählweise) achte oder neunte Werk der Nashviller Musikanten-Vereinigung Lambchop besonders kaputt, sinnfrei oder widersprüchlich daherkommt. Ganz im Gegenteil: Es ist sogar ein besonders typisches Lambchop-Album geworden, denn linear und geradlinig war das was Kurt & Co. machte, schließlich noch nie.
Einen Grund für das oben Beschriebene und warum es in Kurts Kunst einfließt, gibt es aber natürlich trotzdem. "Na ja, nimm die Sache mit dem Covermotiv", erklärt Kurt, "nachdem der Künstler, der das Covermotiv gestalten sollte, nicht zu Potte kam, besuchte ich ihn in seinem Studio und meinte, dass das Covermotiv schließlich alles sein könnte und zeigte auf dieses Hutregal. Am nächsten Tag hatte er daraus dieses Motiv gebastelt. Für mich sieht das aus wie ein Richter-Gemälde und nachdem Gerhard meine Anfragen nicht beantwortet hat, bin ich ganz froh, dass es sich so ergeben hat." Und was ist mit dem Titel des Albums? "Nun ich hätte es ja auch 'Damage' nennen können", erläutert er, "aber ich habe mich für die Vergangenheitsform entschieden und hoffe, dass so deutlich wird, dass die Beschädigungen in der Vergangenheit liegen. Ich suchte nach einem einzelnen Wort, das das ausdrücken könnte, was die Songs alle gemeinsam haben. Ich sehe es als Thema der Scheibe. Ich hatte nämlich eine Grundstimmung oder ein bestimmtes Gefühl, als ich die Songs schrieb und wollte, dass alles zusammenpaßt. Sagen wir mal ein Drama in zehn Akten. Ich wollte, dass das Material düster wird und es wurde ständig düsterer, je länger ich mich damit beschäftigte." Warum? "Nun, so stellten sich die Dinge in meinem Leben zu der Zeit dar. Und zwar auf persönlicher, sozialer und politischer Ebene. Alles schien den Bach runterzugehen." Dazu passt aber die Musik der neuen Songs nicht unbedingt, denn diese klingt im Gegensatz dazu regelrecht friedlich und versöhnlich. "Ja, die Musik ist schön und alles passt zusammen - das soll sie aber auch sein. Meine Lieblingsalben sind von dieser Art, jedoch brauchte es eine Weile, bis wir zu diesem Punkt kommen konnten. Wir mussten erst andere Dinge versuchen. Und es war wichtig, dass wir uns nicht wiederholen und vorhersehbar klangen."
Was war denn die musikalische Triebfeder? "Ich denke, der Katalysator, der letztlich auch dazu führte, dass es melodischer wurde ist der Umstand, dass ich Handys Off Cuba und deren elektronische Spielereien hinzunahm." Hands Off Cuba ist ein DJ-Kollektiv, die die Überleitungen zwischen den einzelnen Stücken mittels der verfremdeten Original-Spuren der Aufnahmen herstellten und einige atmosphärische Szenarien beisteuerten. Das ist aber alles nicht besonders spektakulär und aufdringlich. "Nun, ich musste ja eine Methode finden, das, was sie und was wir machen, miteinander zu verbinden", führt Kurt aus, "offen gestanden habe ich ihnen aber freie Hand gelassen und ihre Rolle in dem Zusammenhang ist ziemlich bedeutsam." Und der Widerspruch zwischen düsteren Texten und friedvoller Musik ist so beabsichtigt? "Na klar, ich wüsste auch gar nicht, wie ich mein Ding anders machen sollte, als durch das Verwenden von Widersprüchen und Kontrasten. So vermittle ich meine Ideen und es ist in dem Sinne effektiver, als dass es meinen Sachen ein längeres Leben verleiht, in dem so mehrere Hördurchgänge für den Zuhörer lohnend erscheinen." Wie stellt sich Kurts Kollaboration mit seinem langjährigen Partner, dem Produzenten Mark Nevers, denn in diesem Zusammenhang dar? "Oh, die ist toll. Er ist heutzutage aber ein schwer beschäftigter Mann", lacht Kurt - zu Recht, denn viele Acts beziehen sich heute auf Mark Nevers (zuletzt Jeb Loy Nichols und Stuart A. Staples), "das ist toll, denn so merken die Leute, was für ein begabter Tontechniker er ist. Ich bin froh, dass er durch unsere Zusammenarbeit zu diesem Status gelangen konnte. Unsere Zusammenarbeit heutzutage ist sogar noch enger als bislang, denn anstatt nach einem Techniker oder Produzenten suchen zu müssen, haben wir da jemanden, auf den wir uns total verlassen können. Jemanden, der für unsere Arbeit unglaublich wichtig ist und jemanden, der uns so gut kennt, wie er das tut." Das führt dann zu dem berühmten "Lambchop-Sound", der heutzutage mehr denn je durch Mark Nevers typische Klangwelten ergänzt wird. Auch wenn jede Scheibe ein wenig anders klingt. Dieses Mal fallen zum Beispiel die eher kammermusikalischen Streicher-Arrangements ins Gewicht. "Sag' bitte nicht kammermusikalisch, denn das würde unserem Anspruch nicht gerecht", warnt Kurt, "der Begriff 'Kammermusik' hat immer so etwas Elitäres, Isoliertes an sich. Ich weiß aber, was du meinst. Offensichtlich verwenden wir immer Streicher, aber dieses Mal wollte ich in Betracht ziehen, dass wir später wieder mit dem Dafo-Streicherquartett aus Polen auf Tour gehen wollen. Die Streicherarrangements sollten also von vorneherein so ausgelegt sein, dass sie dem Dafo-Quartett entgegenkämen. Was aber nicht bedeuten soll, dass es um Kammermusik geht. Lambchop ist immer ein wenig größer. Die Haupt-Expertise der Dafos sind Avantgarde-Stücke polnischer Komponisten wie Penderecki. Dem wollte ich ein wenig entgegenkommen und fand diesen interessanten Typen namens Peter Stopchinski, und der verstand sehr gut, was ich wollte, worum es ging und worauf es ankam. Die Arrangements, die er schrieb, passten dann ausgezeichnet zu meiner Vorstellung."
Lambchop
Wie passen die neuen Texte hier ins Bild. Nicht nur, dass diese inhaltlich düster geraten sind, sie sind auf der anderen Seite z.T. auch regelrecht witzig. Wieder so ein Kurt'scher Widerspruch, nicht wahr? "Ja, genau", bestätigt er, "das ist der Grundgedanke." Wieso gibt es dieses Mal denn so wenig Natur in den Texten? Bislang schrieb Kurt ja immer wieder gerne über Naturphänomene. "Das stimmt wohl", bestätigt Kurt, "denn hier geht es um meine innere Natur, und die ist ziemlich dunkel. Allerdings habe ich gerne die Fenster auf, wenn ich die Scheibe höre. Die beste Art sie zu hören, ist draußen in der Natur - mit dem Wind und den Grillen und den Vögelchen - und dann schließt sich der Kreis wieder." Gibt es denn auch politische Aspekte? Hier findet sich z.B. der Song "The Decline Of Country And Western Civilization" (nach dem Lambchop ihre kürzlich erschienene Oddities-Sammlung benannten). Hier singt Kurt z.B. davon, den berüchtigten Südstaaten-Reitergeneral Nathan Bedford Forrest zu hassen. Ist er selbst eher ein Lincoln Anhänger? "Ja, ich bin ein Lincoln-Mann, denn er ist der einzige Republikaner, den ich mag", lacht Kurt, "man darf das alles nicht zu wörtlich nehmen. Der Ausgangspunkt zu diesem Song ist vielmehr eine Statue von Nathan Bedford Forrest in Nashville. Das seltsame ist, dass diese erst vor zehn Jahren errichtet wurde - meiner Meinung nach um soziale, rassistische Spannungen zu erzeugen. Die Statue ist nicht nur hässlich wegen dessen, wofür Forrest stand, sondern auch als Kunstwerk. Das nahm ich als Ausgangspunkt für diesen Song, der im Folgenden dann aber sehr persönlich wird." Okay - kommen wir nun aber mal zu einem Gegensatz, der auf der neuen Scheibe NICHT vertreten scheint. Normalerweise sind Lambchop ja als eher leise agierende Band bekannt, zuweilen - insbesondere auf Konzerten, aber auch auf den letzten Scheiben - konnte es auch mal ordentlich laut werden. Dieser Aspekt geht dem neuen Werk nun aber wieder ab. Ist es so, dass man - wenn man älter wird - den Krach nicht mehr braucht? "Ich mag den Krach immer noch", meint Kurt trotzig, "das hat gar nichts mit dem Alter zu tun." Das bestätigt auch William Tyler, der junge Gitarrist, der seit einigen Jahren bei Lambchop mitspielt. Kurt hatte ihn mit auf Promo-Tour genommen, da er nicht alle Interviews alleine bewältigen konnte. "Das Lustige ist, dass, wenn wir mal laut spielen, es auch schnell zu viel werden kann", erklärt er z.B., "es wird dann regelrecht hässlich und furchteinflößend. Das ist auch der Grund, warum wir es gerne machen - um die Fans zu erschrecken. Das ist ein weiterer der Widersprüche, mit denen wir arbeiten. Wir würden auch gerne mal ein Black-Metal-Album machen. Das könnten wir mit Sicherheit hinbekommen. Es geht nur darum, die richtigen Instrumente auszuwählen." Ja, schon, aber das neue Werk ist nun mal ruhig. "Es ist aber doch auch geräuschvoller", widerspricht William, "es ist nur nicht so aufdringlich. Und der letzte Song hat doch auch so seine Momente, wo alles aus uns herausbricht." Nun gut - was ist dann der wichtigste musikalische Aspekt des neuen Albums? "Ich denke, es ist wichtig, wie alles zusammenpasst und als Ganzes wirkt", überlegt Kurt, "am liebsten wäre es mir gewesen, wenn überhaupt keine Kapitel auf der Scheibe gewesen wären und man sie am Stück hätte hören müssen. Denn so wollte ich das Album verstanden wissen. Das ist aber heutzutage keine populäre Art, Musik zu verkaufen und deswegen haben wir es gelassen." Auf "Damaged" gibt es einen Song namens "I Would Have Waited Here All Day", den Kurt, auf Bitten von Mark Nevers, ursprünglich für die Soul-Sängerin Candi Staton schreiben sollte. Ist er denn jetzt auch ein Kontrakt-Schreiber? "Das könnte ich wohl sein", schmunzelt Kurt, "denn ich mag es, für jemanden anderes zu singen, weil das klassisches Songwriting im ursprünglichen Sinne ist. Früher waren Songwriter ja nicht auch gleich immer Performer - und diese Vorstellung gefällt mir. Hier ging es sogar darum aus der Perspektive einer Frau zu singen. Das war schon etwas ganz anderes. Und es ist auch sehr befriedigend - allerdings wäre es noch befriedigender, wenn Candi den Song dann auch endlich mal singen würde." Das kann ja noch kommen. Bis dahin gilt es aber, das neue Lambchop-Werk zu ergründen und sich auf die anstehende Tour im Herbst zu freuen, bei der nicht nur das Dafo-Streichquartett, sondern auch Hands Off Cuba mit einem eigenen Set vertreten sein werden.
Weitere Infos:
www.lambchop.net
www.lambchopmusic.com
www.lambchop.info
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Pressefreigaben-
Lambchop
Aktueller Tonträger:
Damaged
(CitySlang/Rough Trade)




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