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THE VINCENT BLACK SHADOW
 
Quietsche-Entchen im Dunkeln

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The Vincent Black Shadow
The Vincent Black Shadow - das ist zunächst mal ein cooler Name für eine Band. Wenn dann das Cover noch eine Wanne voller Blut mit einem Quietsche-Entchen darin zeigt, das betreffende Werk - scheinbar augenzwinkernd - "Fears In The Water" heißt und die Band aus Kanada kommt, dem Land mit den zur zeit heißesten Band-Konzepten überhaupt, dann ist die Neugierde geweckt. Wer oder was sind The Vincent Black Shadow? Zunächst mal: Der Name ist der eines Motorrads. Die von Philipp Vincent gebauten Maschinen waren in den 50er und 60er Jahren die Rolls Royce unter den Motorrädern. Die wuchtigen Maschinen wurden nur aus den besten Chromstückerln zusammengeschraubt und die Black Shadow war die Königin dieser Königsklasse. Hunter S. Thompson war ein großer Fan dieser Dinger und bezog sich immer mal wieder auf sie in seinen Schriftstücken. Die Vincent Black Shadow, um die es hier geht, ist hingegen ein Quartett aus Vancouver, das aus den Gebrüdern Rob, Tony und Chris Kirkham und Sängerin (sowie Songtexterin) Cassandra Ford besteht. Ihre Musik, ganz im Stil der momentanen kanadischen Gemengelage, ist dabei - trotz des auf dem Cover, der Bühne und dem Outfit zur Schau getragenen Düstermann-Gehabes - eine aufregende Mischung aus harter Rockmusik, einer Menge Pop und Anleihen aus allen möglichen Stilen, die in der Summe - wie so oft - ein recht eigenständiges Bild ergeben.
Obwohl hier also durchaus Parallelen zu unseren liebgewonnenen kanadischen Helden a la Metric, New Pornographers, Stars o.ä. zu sehen sind, sieht sich die Band selbst nicht als Teil der kanadischen Indie-Szene. Bei dem Versuch nämlich, das Kanadisch-sein irgendwie zu bewerten, läuft man z.B. bei Tony ins offene Messer. "Es gab meiner Meinung nach in letzter Zeit nur eine gute kanadische Band, und das ist Billy Talent. Diese große amerikanische Geste, wie sie Leute wie Avril Lavigne durchziehen, ist nicht mein Ding. Rush hingegen finde ich noch ganz gut - aber die sind ja auch schon etwas älter." Damit ist also klar, wohin The Vincent Black Shadow möchten. Wie aber hat sich dieses Konstrukt gefunden und ergeben? "Es geht uns darum, uns von keinen Grenzen bei dem, was wir tun wollen, behindern zu lassen", erklärt Tony. "Die Sache ist die", erklärt Gitarrist Rob, "wir sind ja alles Brüder und Cassie und ich kannten uns schon seit sechs Jahren. Wir haben als Brüder schon in einer Band gespielt und eine gewisse Chemie war schon mal da. Unser Vater ist ein klassisch ausgebildeter Musiker, der bei den Vancouver-Symphonikern spielt. Er spielt auch Trompete auf 'Road Is Going Nowhere' auf unserer CD. Das coole daran ist, dass unser Vater uns musikalisch aufzog. Wir haben ihm immer beim Musizieren zugeschaut - in der Kirche und so." - "Ja, wohingegen unsere Mutter uns mit dem Mainstream-Radio aufzog", ergänzt Tony, "den Beatles, den Beach Boys, Motown und so. Wir hatten da einen guten Mix, der uns praktisch vorbestimmte, Musiker zu werden." Nun ist aber die Vincent Black Shadow-Mischung alles andere als Klassik oder Mainstream. "Nun ja", lacht Rob, "mein Vater hat natürlich schon versucht, mir Trompete beizubringen. Das hat aber nicht so richtig geklappt. Dann habe ich Klavier gelernt. Danach wurde mir langsam klar, wie Musik funktioniert. Es dauerte allerdings bis ich in der High School zum ersten Mal Nirvana hörte, bis mir bewusst wurde, was ich tun musste. Bei Cassie war es aber total anders, nicht?" - "Ja", antwortet die besagte Cassie, "mir ist die Musik beinahe verleidet worden. Ich lebte nämlich in England in dieser Nonnenschule. Da musste man Musik lernen. Ich musste also Gesangsunterricht, Klavierstunden, Blockflötenunterricht und sogar Xylophon-Stunden nehmen. Diese Nonnen hauten uns immer auf die Finger, wenn wir nicht genug übten. Musik war also für mich zunächst mal nichts, was ich wirklich mochte. Ich musste erst erwachsen werden, um sie wirklich schätzen lernen zu können"
In der Info stand etwas davon, dass Cassandra eine Gesangskarriere in den Philippinen in Aussicht hatte? "Ja, das war eine komische Sache", druckst sie herum, "das kam durch einen Kontakt, den ich hatte, weil ich bei einer Plattenfirma arbeitete, die auch in den Philippinen tätig war. Die hatten mich mal singen gehört und luden mich ein, ihnen mal ein Demo vorzuspielen und etwas einzuspielen. Das Demo, was ich dann mitnahm, waren bereits Aufnahmen von uns dreien hier - auch wenn sie noch anders klangen. Jetzt sind das Vincent Black Shadow-Songs, damals war es aber nur mein kleines Demo-Tape. Immerhin zeigte sich Universal interessiert, haben mich aber ein wenig hingehalten. Sie sagten, dass sie mich genau diese Songs aufnehmen lassen wollten, während sie in Wirklichkeit aber so eine Art Schmusepop wollten - was ja nun gar nicht mein Ding ist." Welche Erfahrungen ließen sich denn aus dieser Geschichte gewinnen? "Der Umstand, dass es mir klar wurde, dass es mir möglich war, solche Gelegenheiten auszuschlagen." Wie ist das denn zu verstehen? "Nun, jeder erzählte mir damals, dass das eine tolle Chance für mich sei, ich mich nur ein wenig verbiegen müsste. Ich habe denen gesagt, dass mir das egal sei und dass ich dabei nicht mitmachen wolle. Darum geht es bei uns allen: Man muss tun, was man tun möchte. Das ist auch der Grund, warum unsere Musik so eklektisch ist. Weil wir nämlich sehr unterschiedliche Geschmäcker haben." Was hat es denn mit dem Düstermann-Image der Band auf sich. "Nun, wenn du dir das Cover anschaust, dann fällt dir ja auch das Quietsche-Entchen auf, nicht wahr?", meint Rob, "Cassandra hat das Artwork gemacht. Der Gedanke war, mit den Erwartungshaltungen der Zuhörer zu spielen. Man erwartet etwas, bekommt aber etwas anderes geboten. Wir springen von Genre zu Genre. Wir haben jetzt nun zwar kein großes Konzept, aber wir machen, was uns Spaß macht." - "Genau, die Scheibe soll Spaß machen", fügt Tony hinzu, "manchmal haben wir uns sogar überlegt, was uns am meisten Spaß macht. Und ich finde auch, dass wir überhaupt kein Düstermann-Image haben. Wenn du was Düsteres suchst, dann schau dir ein Cannibal Corpse-Cover an. Das ist düster. Du wirst es nicht erleben, dass wir einen scheiß Regenbogen mit tanzenden Einhörnern aufs Cover packen. Außerdem: Wo keine Dunkelheit ist, ist auch kein Licht!"

Das passt auch zu den Texten, die Cassandra schreibt: Diese sind auch gleichzeitig düster und auch irgendwo lustig. "Es ist nicht so, dass ich mich hinsetze und mir überlege, etwas amüsant zu machen oder so. So kommt es eben raus - so ähnlich als würdest du eine Geschichte schreiben. Manche Songs sind auch gar nicht komisch. Sie sind sehr ernst gemeint. Es kommt auf die Stimmung an, in der ich bin, wenn ich die Texte schreibe. Denn die Musik ist immer zuerst da." Was hat es denn damit auf sich, dass sich Vincent Black Shadow vorgenommen haben, keine Liebeslieder oder politischen Songs zu schreiben? "Wenn es von irgendetwas zu viel gibt, dann sind das Liebeslieder", erklärt Rob, "die Beach Boys haben da einen tollen Job gemacht und das kapieren wir schon. Die Liebe und der Tod - das sind die großen Mysterien in unserem Leben, nicht wahr? Und warum wir keine politischen Songs betrifft: Da wollen wir direkte Statements wie 'Wir hassen George Bush' vermeiden, einfach auch deswegen, weil wir keine Experten auf dem Gebiet sind. Wir sind nicht die Stimme einer Generation. Uns ist es lieber, wenn die Leute selber ihr Gehirn brauchen und selbst ihre Schlüsse aus unseren Songs ziehen." - "Es gibt eine Menge gute Bands, die das politische Ding durchziehen", gibt Tony zu bedenken, "Bad Religion z.B., die meiner Meinung nach die Nummer eins auf dem Gebiet sind. Dann gibt es noch diese riesigen Pop-Bands wie U2 oder Green Day, die diese nicht so großartigen Statements machen. Solche Acts sollte man lieber ignorieren und statt dessen lieber ausgebildeten Fachleuten wie Bad Religion zuhören, die ihren Job seit den frühen 80ern machen. Wir würden uns da niemals mit denen messen möchten. Wir bieten hingegen gute Unterhaltung an. Und Politik ist ja heutzutage mindestens auch so ein großes Mysterium wie die Liebe oder der Tod, oder?" Nun, da hat er schon irgendwie recht. Liebeslieder sind doch hingegen etwas, mit dem sich jeder identifizieren kann, oder? "Ja, da hast du schon recht", stimmt Cassandra zu, "aber sie interessieren mich nicht. Ich versuche auch gar nicht großartig, sie zu vermeiden, aber so etwas schwirrt mir einfach nicht im Kopf herum." Was schwirrt ihr denn statt dessen im Kopf herum? "Nun, was mich inspiriert sind Bücher, Filme, Comics - auch eine abstrakte Idee, die ich attraktiv finde. Wie z.B. ein köstliches Abendessen. Was immer ein Bild in meinem Kopf entstehen lässt. Oder auch ein Bild, das ich gemalt habe (eines davon findet man auf der Rückseite des Covers), zu dem ich dann einen Text schreiben möchte. Oder umgekehrt; Ich habe einen Text geschrieben und möchte ein Bild dazu malen. Das geht immer hin und her."

The Vincent Black Shadow
Was ist denn die Funktion der Musik für Vincent Black Shadow? "Das ist einfach ein Ventil für unsere Kreativität", meint Rob, "ich liege nachts wach mit Melodien in meinem Kopf und ich kann nicht einschlafen, bis ich da mit mir ins Reine gekommen bin. Jeder hat sein Ventil. Für manche ist das Sport, für manche ist das ihr Job - bei uns ist es eben die Musik. Und am Ende ist es natürlich schön, wenn man andere mit seiner Musik inspiriert." Wie kanalisiert man das dann? "Nun, er bombardiert mich mit dem ganzen Zeug", erklärt Tony, "und dann tue ich mein Bestes, mir ein paar gute Drumbeats und Arrangements einfallen zu lassen und dann tun wir alle zusammen unser Bestes, das Zeug zusammen zu bringen." - "Ja, aber es bedarf auch der Vorbereitung", gibt Rob zu bedenken, "es ist nicht so, dass man einfach in einen Raum geht und beschließt, einen Song zu schreiben. Ich brauche dazu Recherche, höre mir Tonnen von Musik an, überlege mir schon im Vorfeld, wie man etwas machen könnte, was es zu vermeiden gilt und spiele mit den Ideen herum. Ich denke, dass es ein wichtiger Teil des Musiker Seins ist, sich die Musik als solche bewusst zu machen, zu wissen, wie etwas funktioniert." - "Es ist ein wenig wie studieren", ergänzt Tony, "ich verbringe 80% meiner Zeit damit, Musik zu hören und das seit ich sechs Jahre alt war. Es war immer meine liebste Beschäftigung. Und das ist auch meine Motivation, Musiker zu sein: Ein Teil von dem zu sein, was ich immer so geliebt habe und zu dem ich immer aufgeblickt habe. Wenn du mir damals, als ich mit meiner ersten Guns'n Roses-Scheibe herumgerannt bin, erzählt hättest, dass ich eines Tages mal meine eigene Scheibe haben würde, die dann wieder andere Kids kaufen, hätte ich es nicht geglaubt." Wie gesagt, findet bei Vincent Black Shadow musikalisch ja ziemlich alles mögliche statt. Ist das von vorne herein so beabsichtigt und gibt es etwas, vor dem die Band halt machen würde? "Natürlich überlege ich mir vorher, wie etwas klingen soll", erklärt Rob, "z.B. ist 'Don't Go Soft' von dem Film 'The Shining' inspiriert, in dem am Ende eine Ballade aus den 20er Jahren zu hören ist. Und dieses Gefühl wollte ich einfangen." - "Und es ist mein Job, das dann alles zu bremsen", lacht Tony, "damit er nicht irgendetwas macht, was sich zu deutlich an Vorbildern erinnert." - "Ja, das stimmt schon", pflichtet Rob bei, "und ja, es gibt Dinge, vor denen wir halt machen würden. Wir werden uns nicht hinsetzen und einen Country-Song schreiben, nur weil es möglich wäre. Wir müssen auch darauf achten, dass diese Stilmixerei nicht zu einem bloßen Gimmick verkommt. Unseren Stil wollen wir dann schon noch beibehalten." - "Es muss auch immer etwas sein, was wir mögen und es muss mit Rock'n'Roll zu tun haben", betont Tony, "Jazz und Leiern und irischen Folk wirst du bei uns nicht finden. Es gibt auch so genug, was man mit dem Rock'n'Roll machen kann." Man sieht also: Es gibt mehr bei The Vincent Black Shadow mehr zu entdecken, als der bloße Augenschein erahnen lässt. Manchmal muss man eben nur mehr auf die kleinen Quietsche-Entchen achten.

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Weitere Infos:
www.thevincentblackshadow.com
www.myspace.com/tvbs
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Pressefreigaben-
The Vincent Black Shadow
Aktueller Tonträger:
Fears In The Water
(Bodog/edel)




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