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BRIGHT EYES
 
Seelenklau auf dem Flughafen
Bright Eyes
Also für jemanden, der bei Fans und Journaille gleichermaßen als unberechenbares, emotionales Sensibelchen gilt, macht Conor Oberst an diesem Tag einen vergleichsweise stabilen, ja heiteren und gelassenen Eindruck. Demonstrativ eine Flasche Wasser umklammernd - was nach dem volltrunkenen Desaster bei seinem letzten Besuch im Köln definitiv ein gutes Zeichen ist - und verhalten grinsend, scheint er für jede Schandtat bereit zu sein. Nun ist es aber ja auch so, dass sich jemand, der sich mit erfundenen toten Brüdern beschäftigt, der sich in obskuren Hörspielen selbst parodieren lässt oder wie in diesem Fall, ganze CDs über Städte voller Esoteriker und Geisterjäger macht, ja auch gewiss eine - wie auch immer geartete - humorvolle Ader haben und vielleicht ja gar nicht der depressive Charakter sein muss, den viele hinter seiner z.T. grüblerischen Fassade vermuten. Mal sehen. Das neue Album mit Namen "Cassadaga" bietet auch so genug Gesprächsstoff. Hier hat der schon seit langem als Songwriter-Wunderkind gefeierte Oberst sein bisheriges Meisterstück geschaffen.
Unterstützt von den mittlerweile zwei anderen festen Bright Eyes-Mitgliedern, Produzent Mike Mogis und Multitalent Nate Walcott, der hier für die epischen, fantasievollen Streicher- und Orchester-Arrangements verantwortlich zeichnete, lief Oberst als Songwriter zu Höchstformen auf und lieferte mit einer Sammlung von bislang 18 (inkl. der vorab erschienenen "Four Winds"-EP) hochkarätigen Country-Folk-Pop-Songs zweifelsohne seine bislang beste Arbeit ab. "Cassadaga" ist eine Stadt in der Nähe von Orlando, Florida, in der sich eine Gemeinschaft von Esoterikern die Aufgabe gestellt hat, nach Geisterstimmen und spirituellen Erscheinungen zu forschen. Typisch Conor Oberst also - oder? "Es gibt dort professionelle Medien, Leute, die sich mit übernatürlichen Dingen beschäftigen, Hexen, Mystiker usw.", erläutert er, "es ist nicht unbedingt ein Thema, das sich durch die Scheibe zieht. Es ist nur so, dass, nachdem ich dort gewesen war, von einer bestimmten Friedfertigkeit erfüllt war. Da dachte ich mir, dass 'Cassadaga' doch ein feiner Titel wäre." Gab es denn einen bestimmten Masterplan für die neue Scheibe? "Nein, es gab keinen Masterplan. Wir haben einfach die Songs aufgenommen und sie so gut klingen lassen, wie es uns möglich war", erzählt Conor, "dann war die Reihenfolge der Stücke recht wichtig. Man will ja nicht den falschen Song - etwa den letzten - an den Anfang stellen. Ich weiß gar nicht mehr, mit welchem Song wir begonnen haben, nur dass es in New York war. Es war Winter und wir haben in einem Studio in Chelsea aufgenommen, dann sind wir nach Portland, Oregon, gezogen, anschließend nach Nebraska. Da war es bereits Sommer und wir haben dort aufgenommen, bevor wir unser altes Studio demontiert haben. Danach haben wir in Los Angeles und Chicago gearbeitet. Wir haben leider nicht mehr komplett in unserem alten Studio aufnehmen können, das abgerissen wurde - das war der Grund dafür. Mir kam das entgegen, weil ich so zwischen den einzelnen Aufnahmen Zeit hatte, über die Songs nachzudenken und immer wieder neue Stimmungen aufnehmen konnte. Alle unsere anderen Scheiben haben wir in einem Rutsch aufgenommen, da war das mal etwas Neues. Wir haben sogar einige der neuen Songs mehrmals aufgenommen, was wir bislang noch nie gemacht haben."

War die "Four Winds"-EP vielleicht eine Aufwärm-Sache? "Nein, das sind nur Songs, die nicht wirklich auf die CD passten", verneint Conor, "nicht, dass ich sie nicht mag oder so, aber die sind etwas direkter und klingen anders als die Sachen auf der CD." Hatten denn die verschiedenen Umgebungen und Bedingungen, unter denen die Scheibe entstand, einen Einfluss auf die Musik? "Ich denke schon", meint Conor, "die Umgebung, der Raum, in dem du arbeitest und das Equipment beeinflussen dich natürlich schon. Und dann ist es ist ja etwas anderes, wenn du in New York in den Schneesturm rausgehst oder barfuß in Los Angeles." Dafür klingt die Scheibe aber doch recht schlüssig und rund - und das nicht nur der Orchester-Arrangements wegen. "Das liegt daran, dass wir das Material alles zusammen an einem Ort gemischt haben und dass alles schön zusammenpasste. Wir haben das Material bewusst selbst gemischt, weil das Mike Mogis' Job ist, den er ja professionell macht. Ich verstehe zwar, dass andere vielleicht mit einer unvoreingenommen, dritten Partei beim Mischen arbeiten - aber das haben wir noch nie gemacht. Es ist ja auch Mikes Leidenschaft." Kommen wir noch mal zu den Orchester-Arrangements. Gehörten die gleich zum Konzept? "Nun, unser dritter Mann, Nate Walcott, schrieb die Bläser und Streicher-Arrangements. Ich habe ihm die Songs als Demo gegeben und er hat sich dann etwas dazu einfallen lassen. Wir haben dann seine Vorschläge diskutiert und sind dann mit Mike zusammen etwas ausgearbeitet. Dann kam dieser aufregende Tag in Los Angeles, wo wir uns mit einem 50-köpfigen Orchester zusammengesetzt haben. Wir hatten Glück, dass wir mit Suzy Katama zusammenarbeiten konnten. Sie ist eine sehr kompetente Dirigentin und hat mit allen möglichen Acts von Prince über Justin Timberlake bis Elliott Smith zusammengearbeitet. Sie hat Nates Arrangements korrekturgelesen, denn er hat das ja vorher noch nicht gemacht. Natürlich war das fast ein wenig furchteinflößend mit so vielen Leuten zusammenzuarbeiten, aber Nate hatte sich ja krank gearbeitet und Suzy war sehr nett und dann das Material von 50 Leuten gespielt zu hören, war schon irgendwie bewusstseinserweiternd!"

Bright Eyes
Sind die Songs bereits mit dem Orchester im Hinterkopf entstanden? "Einige schon", meint Conor, "Ich wusste, dass ich Streicher auf einigen Songs haben wollte, wie z.B. 'Make A Plan To Love Me'. Bei anderen hatte ich quasi Teile freigelassen, die Nate dann füllte. Wieder andere hatten sich einfach so entwickelt." Wieviel Input haben denn die Musiker überhaupt? "Ich denke, es kommt auf die Leute an", meint Conor, "manche Leute bieten sich einfach für bestimmte Sounds oder Stile an und dann versuchen wir es mit denen. Andere sind unsere Freunde, mit denen wir einfach deswegen zusammenspielen wollen, weil wir mögen, was sie tun." Auf dieser Scheibe sind das z.B. Ben Kweller, Gillian Welch, David Rawlings, Janet Weiss, M. Ward, Maria Taylor, Rachel Yamagata, Jason Boesel und John McIntire. Auch so ein Vorteil, wenn man durch die halben USA reist, um eine Scheibe aufzunehmen. Was ist denn denn für den Songwriter Conor Oberst die größte Herausforderung? Conor überlegt recht lange und meint dann, dass er gar nicht sagen könne, was die größte Herausforderung ist. "Es geht für mich eher darum, darauf zu warten, dass von selber etwas passiert", erklärt er dann, "ich bin nicht einer dieser Songwriter, die stundenlang herum sitzen und Songs überarbeiten, um sie perfekt zu machen. Bei mir ist es eher so: Entweder ist da ein Song oder eben nicht. Und das ist dann okay." Was löst denn das Bedürfnis aus, einen Song überhaupt schreiben zu wollen? Maria Taylor erzählte uns z.B. die Entstehungsgeschichte des gemeinsamen Songs "Ballad Of Sean Foley", bei dem Maria und Conor einen Song für ihren gemeinsamen Freund Sean Foley schrieben (der übrigens bei dem Interview grinsend im Hintergrund stand). Ist das ein typischer Auslöser für einen Conor Oberst-Songs? "Weniger", weicht er aus, "weil wir uns hier zusammengesetzt haben und gemeinsam überlegten, über etwas schreiben zu wollen, was uns beiden am Herzen liegt. Meist ist es so, dass einfach eine Zeile auftaucht, auf der ich dann aufbaue." Heißt das, dass Conor Oberst mit einem Notizbuch herumläuft und sich alles aufschreibt, was ihm einfällt? "So wie das hier?", meint er schmunzelnd und kramt einen Zettel heraus, auf dem er dann Notizen macht. Leider werden wir hier nicht Zeuge der Entstehung eines Bright Eyes-Songs, sondern eines originären Conor Oberst-Witzes - denn er schreibt auf den Zettel den Titel des Songs "Coat Check Dream Song" - einfach weil wir ihn gebeten haben, dieses doch recht mystisch anmutende Werk ein wenig zu erläutern. "Wovon singe ich denn da?", überlegt er, "von einem Kinderchor. Hast du schon mal einen Kinderchor gehört? Der klingt zwar sehr süß, aber tut auch in den Ohren wehr. All die kleinen Quiek-Stimmen. Der erste Tag im Mai - das ist wie 'Mayday, Mayday, das Flugzeug stürzt ab'. Aufblasbare Gefühle, so groß wie die Parade bei Macy's, die an meinen Sinnen zerren - ich denke, das ist ein Gefühl wie ein Adrenalinstoß oder eine Panik-Attacke, wenn man high ist. Alles was künstlich ist und dein Hirn anregt. Als flöge man mit einem Ballon davon. Ein Stein auf dem anderen - daran misst sich der Mensch. Das ist offensichtlich. Planeten sind eingelassene Diamanten - wie auf einem Ring, wie ein Heiligenschein. Die Corsage der Ewigkeit. Das war es auch schon." Hm - und das ist alles geträumt? "Nein, aber es klingt wie ein Traum, nicht?", meint Conor, "oder wie in einem Mutterbauch oder unter Wasser. Ich denke, das ist eher assoziativ und macht nur in dem Song Sinn - wie in einem Traum. Wenn man aufwacht, dann macht der ja auch nicht mehr viel Sinn. Ich habe auch versucht, das musikalisch umzusetzen, indem ich die Stimmen verschachtelt habe. Es sollte hypnotisch wirken."
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Ein wenig so, wie die Stimmen im Intro zu dem Song "Clairaudients" - denn natürlich gibt es auch auf dieser Scheibe wieder ein Hörspiel. In dem Fall geht es um Leute, die Geisterstimmen jagen. "Ja, da sprechen verschiedene Leute", erklärt Conor, "ich habe ziemlich viele Aufnahmen mit Geisterjägern gemacht und wir haben meine Stimme herausgenommen. Das war ziemlich spannend. Geisterstimmen habe ich dabei auch gehört..." Wenn die Spiritualität für Conor wichtig ist, dann doch bestimmt auch das Herumreisen, oder? Nicht umsonst hat er doch wohl einen Song namens "Another Traveling Song" geschrieben. "Das ist doch ein großer Teil meines Lebens", bestätigt Conor, "seit ich ein Teenager bin, reise ich in Autos durch das Land. Ich weiß nicht, wie oft ich durch die USA gefahren bin. Ich war in jedem Staat außer Hawaii. Da will ich aber auch noch hin." Noch ein interessantes Thema greift Conor auf "Cassadaga" auf. Da singt er über einen Soul-Sänger in einer Session-Band - einer Berufsgruppe derer sich noch nicht viele Künstler angenommen haben. Hatte er da jemanden bestimmtes im Sinn? "Nein, es geht auch mehr um die grundsätzliche Idee von allen Leuten, die in ihrer Situation durch die Umstände eingeengt sind. Wenn sie sich in einer anderen Position befänden, könnten sie vermutlich aufblühen. In dem Song geht es um Frustrationen, Kompromisse und das Überleben angesichts des Nicht-Lebens." Kompromisse muss Conor Oberst offensichtlich nicht mehr machen: Welche musikalischen Träume hat denn jemand noch, der soeben eine Scheibe mit 50 Orchestermusikern und einer Reihe hochkarätiger musikalischer Freunde aufgenommen hat? "Wir denken daran, eine Scheibe mit ein paar weiteren Freunden zu machen, mit denen wir auch getourt sind. M. Ward z.B. oder Jim James von My Morning Jacket. In dieser Kombination wollen wir auch ein Studio-Projekt aufnehmen. Es ist mir wichtig, mit anderen Leuten zusammenzuarbeiten. So behält man nämlich das Interesse an der Musik." Ist das auch das, was am meisten Spaß macht? "Das, was am meisten Spaß macht, ist tatsächlich das Gefühl, wenn spontan etwas Kreatives zwischen ein paar Leuten abläuft. Das ist so großartig, dieser Moment. Das ist das Beste. Ich liebe den Gedanken, dass man zusammen so viel mehr erreichen kann, als alleine." Und was ist das Schlimmste für Conor? "All das warten auf Flughäfen und in Hotels", grummelt er, "als Musiker ist es immer wundervoll, wenn man jede Nacht auftreten kann. Wofür wir eigentlich bezahlt werden, sind all die anderen Dinge, die man zwischendurch machen muss. Herumzureisen, Interviews zu geben - all diese Sachen. Und Flughäfen hasse ich wirklich am meisten. Das sind schreckliche Orte, die mir die Seele stehlen." Conor Oberst ist mit "Cassadaga" zunächst mal auf dem Zenith des Songwritertums angekommen - aber seine musikalische Reise geht mit Sicherheit weiter. Es ist nur die Frage, wohin. Wollen wir also hoffen, dass er nicht allzu lange auf Flughäfen herumhängen muss...
Weitere Infos:
www.thisisbrighteyes.com
www.saddle-creek.com/bands/brighteyes/
www.myspace.com/brighteyes
www.brighteyesmusic.de
Interview: -Ullrich Maurer & Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Ullrich Maurer-
Bright Eyes
Aktueller Tonträger:
Cassadaga
(Polydor/Universal)




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