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BALLADS OF THE BOOK
 
Supporting Your Local Poet - A Joint Effort

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Ballads Of The Book
Es gab einmal das Gerücht, Roddy Woomble, Frontmann der unsererseits mehr als geschätzten Idlewild, würde ein Solo-Album veröffentlichen. Im Zuge der Recherchen zu diesem wundervollen Projekt konnte man auf ein Vorhaben mit dem Titel "Ballads Of The Book" stoßen. Es sei eines der schönsten Projekte der letzten Jahre, hört man heute von offizieller Seite, mit so viel Hingabe und Liebe, wie es nur noch selten vorkomme. Doch was genau verbirgt sich dahinter, und wie kam es eigentlich dazu? Dürfen wir vielleicht um eine Minute Aufmerksamkeit bitten, oder vielleicht gleich um einige?

Vor fünf Jahren kam ein wegweisendes Album ebenjener unsererseits mehr als geschätzten Idlewild mit dem Titel "The Remote Part" heraus. Es endet mit dem Gedicht "Scottish Fiction", das Edwin George Morgan für diese Platte schrieb und das er auch selbst spricht. Im vorausgegangenen Winter hatten Idlewild den schottischen Dichter kontaktiert, weil sie ein Konzeptalbum zum Thema "Scottish Fiction" planten. Die Wahl fiel nicht zufällig auf Morgan, verehrte Roddy Woomble ihn doch, seit er zu seinem fünfzehnten Geburtstag von seiner Mutter einen Gedichtband des ersten Nationaldichters (The Scots Makar) geschenkt bekam. Kunstformen miteinander zu verbinden, ist überdies nichts Ungewöhnliches für Morgan, auch in einem aktuellen Werk ("Beyond The Sun") tat er dies, indem er Gedichte zu den zehn, wie von der Zeitung The Herald ermittelt, beliebtesten Gemälden der Schotten verfasste.

Ballads Of The Book
Als Woomble später Zeuge wurde, wie der Dichter seinen Worten Leben einhauchte und über die Betonung zu einem besseren Verständnis von Werk und Schöpfer führte, sah er sich in seiner Auffassung bestätigt, dass auch Musik Worten zu neuen Bedeutungsebenen verhelfen kann. Er schrieb Morgan von diesen Parallelen, der wiederum fasste Woombles Gedanken zusammen. Das Resultat ist das Gedicht "Scottish Fiction" - voilà: die perfekte Verschmelzung der künstlerischen Überzeugungen zweier Männer. So rezitierte schließlich der eine das Gedicht, während der andere mit seinen Wegbegleitern eine Musik hinzufügte, die die Kraft der Worte noch verstärkte. "You will not shake us off above or below/Scottish friction/Scottish fiction."

Idlewild hatten nun ein neues Motto: "Support your local poet", das sie fortan in die Welt trugen. "The Remote Part" wurde seitens Presse und Publikum gleichermaßen gut angenommen und auch der Nachfolger "Warnings/Promises" wurde erfolgreich. Woomble publizierte im letzten Sommer das Folk-Album "My Secret Is My Silence", ganz bewusst unter eigenem Namen. Im Zuge dessen sickerten erste Meldungen über die vertonte Lyrikanthologie (mit vollem Titel "Ballads Of The Book - A Joint Effort") durch, zu der es im Vorfeld der Veröffentlichung ein Konzert in Glasgow geben würde. Dies sollte im Rahmen des traditionellen Festivals Celtic Connections geschehen.

Also wurde am 30. Januar 2007 zu "The Ballads Of The Book Launch Concert" geladen, als "album of collaborations" angekündigt. In der vornehmen Strathclyde Suite, einem nicht übergroßen Veranstaltungssaal der Glasgow Royal Concert Hall, richtete unser Glasgower Lieblingslabel Chemikal Underground diesen sehr besonderen Abend aus, um das Projekt einer ersten Öffentlichkeit vorzustellen. Heimlicher Gastgeber oder ungenannter Schirmherr waren dennoch Idlewild. So spielten sie auch als Erste und waren so dezent, wie es einem guten Gastgeber eben ziemt, erst recht einem heimlichen, und fast hätte man sie nicht wiedererkannt. Sie begannen regelrecht scheu mit ihrem Überhit "You Held The World In Your Arms" in einer akustischen Version, für deren Zerbrechlichkeit, aber auch folkige Aura nicht zuletzt die mitgebrachten zusätzlichen Musiker sorgten. Klargestellt also, dass Idlewild sich dem doch eher konservativen Rahmen dieses altehrwürdigen Festivals angemessen und zurückhaltend präsentieren würden. Wir mussten allerdings ein wenig um unsere Fassung ringen, als der nächste Song einsetzte, nach Sekunden als "I Came In From The Mountain" aus "My Secret Is My Silence" identifiziert. An anderer Stelle für seine einladende Kraft gepriesen, jetzt endlich, endlich live! "The Weight Of Years", der Idlewild'sche Beitrag zu "Ballads Of The Book", war selbstredend mit Spannung erwartet. Als Schlusspunkt das friedvolle "Goodnight" vom damals noch aktuellen Idlewild-Album "Warnings/Promises" anzubieten, war nur eines: perfekt. Denn Idlewild zogen sich zurück, wie es ein guter Gastgeber oder ein heimlicher Schirmherr eben tut, und überließen die Bühne und den Abend ihren zahlreichen Gästen.

Zu diesen zählte zunächst Mike Heron, der ab Mitte der 60er Jahre mit The Incredible String Band Großes vollbrachte. Hier trat er mit seiner Tochter Georgia Seddon auf, deren Stück "We Are The Stars" neben dem "Ballads"-Opener "Song For Irena" von John Burnside Platz fand und deutlich weicher als die drei Lieder ihres Vaters wirkte.

James Yorkston war bis dato als Autor eigener Stücke zwar aufgefallen, aber die erstaunlichen Live-Qualitäten dieses Musikers sollten ein erstes absolutes Highlight des Abends werden. Mit Mundharmonika und Akustikgitarre begann er mit "Surf Song". Die Melodieführung durch diese warme Stimme, begleitet von der Akustikgitarre, musste den Zuhörer sofort in ihren Bann ziehen, untermalt durch die langgezogenen Töne des Akkordeons und des mintfarbenen Kontrabasses. "Shipwreckers", gleichfalls vom Album "Just Beyond The River", wurde zweistimmig vorgetragen, eigentlich ein Midtempo-Stück, aber insgesamt beklemmend und mit einem Crescendo, für das die Anlage in der Strathclyde Suite wohl nicht mehr ausgerichtet war. Yorkston bedankte sich für die Einladung und zollte den Musikern, mit denen er sich die Bühne an diesem Abend teilen sollte, aufrichtigen Respekt und bewies Humor: "Normally, I am stuck with these two jokers... This is probably the closest we get to Live Aid." Zweistimmig mit Akkordeonbegleitung ging es weiter mit "Blue Bleezin' Blind Drunk", und man fragte sich, kann das Herz noch schwerer werden? Zum Abschluss Bill Duncans "A Calvinist Narrowly Avoids Pleasure" und Yorkston wies darauf hin: "If you think about buying this record, don't be put off by this song." Wie schon bei Mike Heron stach der Beitrag zur Compilation ganz deutlich heraus. Nicht nur musikalisch fiel die Veränderung auf, auch die Art der Darbietung war verändert: Plötzlich hüpfte der Mann mit der schwarzen Wollmütze und tanzte beinahe, winkte zum Abschied, bedankte sich, wünschte eine gute Nacht, lachte und entließ die Menschen in die Pause.

Das Publikum war sehr durchmischt, was jedoch nicht weiter verwunderte: Indie traf auf Hochkultur. Interessant und auffällig übrigens, wie selbstverständlich sich die teilnehmenden Künstler während der Auftritte ihrer Kollegen in der Nähe des Mischpultes aufhielten und den anderen zuhörten. Alasdair Roberts begrüßte zum zweiten Teil des Abends auch den im Publikum anwesenden Robin Robertson, Autor des von ihm zu interpretierenden Textes. Er hoffte, ebendiesen Text richtig wiederzugeben, und wirkte entsprechend konzentriert, fast nervös, als er die simple, keltisch anmutende Melodie zu "The Leaving" anstimmte. In aller Ruhe noch "Riddle Me This" und "Waxwing" vom brandneuen Album "The Amber Gatherers", auf dem er den Track "The Cruel War" seinem Mitstreiter Robin Robertson gewidmet hat. Live spielte er ihn an diesem Abend für Dolly Parton, allerdings wollte er ihm nicht so keltisch gelingen, wie er sich dies selbst für das Celtic-Connections-Festival gewünscht hätte. Lange Stimmpausen nahm sich der Mann aus Callander, der so unauffällig wirkte mit seinem dunklen Pullover und dem Seitenscheitel. Seine Gitarre schickte derweil Lichtreflexionen durch den Raum.

Karine Polwart übernahm mit "Daisy" von ihrem aktuellen Album "Scribbled In Chalk". Im Anschluss erzählte sie ausführlich von Thomas und seiner Liebe zur Elfenkönigin aus dem noch unveröffentlichten "The Tongue That Cannot Lie" - in breitestem schottischen Akzent. Dieses Instrument, das sie dort einsetzte, entpuppte sich als Shruti Box, ein Begleitinstrument der indischen Musik. Nicht erst "WaterLily", zu dem sie durch das Buch "Cold Night Lullaby" von Colin Mackay inspiriert wurde, brachte die Zuschauer vollends auf ihre Seite. "The Good Years", mit dem kurzen Text von Edwin Morgan, trugen Karine Polwart, ihr Bruder Steven und Inge Thompson dreistimmig vor und beendeten es in einem wunderbaren Kanon, der die Menschen im Publikum restlos begeisterte und nach "mehr davon" geradezu lechzen ließ.

Zum Schluss jedoch Aereogramme. War das nicht eigentlich eine Metalband? Die treten im Rahmen des Celtic Connections auf? Ja, exakt. Zum Einstieg hatten sie "If You Love Me You'd Destroy Me" von Hal Duncan mitgebracht, ein wunderbares Sonett über die Liebe und ihre Widrigkeiten. Das Schlagzeug mutete SEHR LAUT an, mochte es auch daran liegen, dass man so viel Lautstärke zumindest an diesem frühlingshaften Abend nicht mehr gewohnt war. Jedenfalls doch recht überraschend, so viel an Sound so plötzlich um die Ohren gehauen zu bekommen: Percussion, Drums, Bass, Synthetisches und eine warme Stimme, die dennoch in ihrer Eindringlichkeit durch den Raum schwebte. "Barriers" fand Gitarreneinsatz, fast walzrig, war jedoch leider so übersteuert, dass die Lyrics kaum noch zu verstehen waren, bis die meist bärtigen Männer mit langen Haaren und natürlich Craig B. den Refrain durch den Saal donnerten. Das war wohl zu viel für einige, denn sie verließen die Veranstaltung recht zahlreich. Aereogramme nahmen es mit Humor und gestanden es ihnen mit dem Hinweis auf das Akustikset zu. "Conscious Life For Coma Boy" als weiterer Ausblick auf das wenig später erscheinende Album "My Heart Has A Wish That You Would Not Go" wurde dann konsequenterweise noch lauter und poppiger und gewaltiger. Martin Scott tat sein Übriges dazu. Die tragischerweise mittlerweile aufgelösten Aereogramme hatten sich für ihr Finale und das des Abends noch etwas Besonderes überlegt. Sie würden "something extremely inappropriate" tun und bedienten sich des Werkes der Incredible (diesmal) Folk Band Slayer, indem sie "God Hates Us All" spielten, ein "cover in our unique way". Ja, so könnte man das bezeichnen. Craig B. entschuldigte sich, er könne nicht so schnell Heavy Metal spielen, sie hätten sich überlegt, sie spielen das mal so auf dem Celtic Connections. Derartig verlangsamt noch gewaltiger, untermauert durch die Drum-Akrobatik Martin Scotts - alles schwoll an, in den Raum mochte kein Sound mehr passen. Jedenfalls setzten sie einen Schlusspunkt. Von uns auf den Auftritt angesprochen, lautete ihr Fazit: "Strange". Andersartig. Ja, aber bereichernd!

Ballads Of The Book
Wenige Tage später ergab sich für uns die Möglichkeit, Roddy Woomble und Rod Jones zu treffen, als sie in Köln ihr aktuelles Album "Make Another World" der Presse vorstellen wollten. Dringlicher waren uns die Fragen zu "My Secret Is My Silence" und "Ballads Of The Book". Ein müder Mr. Woomble wachte spätestens auf, als er diese Stichworte hörte. Idlewild selbst bezeichnete er als nur einen kleinen Teil, er sprach zunächst eher zurückhaltend von einem "'The Ballads Of The Book' thing - we were just a small part of that cause it was this much bigger thing, and it's a big Scottish phenomenon at the moment". Als er dann jedoch erfuhr, dass wir im Januar nach Glasgow gereist waren, fragte er vorsichtig: "It was interesting, wasn't it?". Vielleicht ermuntert durch leuchtende Augen und ein breites Grinsen unsererseits erzählte er gerne und bereitwillig von einer "Ballads Of The Book"-Nacht im Rahmen des alljährlichen Triptych-Festivals, auf dem mehr oder minder alle Beteiligten auftreten würden, doch dazu später.

"Es dauerte ungefähr eineinhalb Jahre ab dem Zeitpunkt, an dem Edwin Morgan mir Texte schickte und wir begannen, an ihnen zu arbeiten und sie in Songs zu übersetzen", erzählte er zur Entstehungsgeschichte. "Dann habe ich die Idee an befreundete Sänger und Bands herangetragen. Sie waren davon so angetan, dass wir viele Schriftsteller für das Projekt gewinnen konnten. Irgendwann kam der Punkt, an dem die Organisation für mich allein zu viel wurde, also übernahmen Chemikal Underground. Sie sind eh viel besser darin, das alles auf die Reihe zu bekommen, weil sie viel mehr Erfahrung in der Arbeit mit Bands haben. Als sie dazustießen, ging alles wesentlich schneller voran. Aber insgesamt brauchten wir ungefähr eineinhalb Jahre bis zur Vollendung der Platte. Dann ist sie endlich erschienen und sorgte für ziemlich viel Wirbel in Großbritannien, aber ganz besonders natürlich in Schottland. Schottland ist ja vor allem für zwei Kunstformen bekannt: Musik und Literatur. Jetzt ist es, als sei die Barriere niedergerissen worden. Die Abgrenzung zwischen Hoch- und Popkultur existiert plötzlich nicht mehr. Alle ziehen am gleichen Strang und machen einfach etwas zusammen."

Ob es denn in seinem Sinne vollendet sei? "Es ist ja eher so, dass ich nur die Idee hatte, das zu machen. Wir haben damit angefangen und andere Künstler dafür begeistert. Aber erst Chemikal Underground haben es geschafft, dass daraus schließlich ein Album wurde. Ich weiß auch gar nicht, wie man so etwas macht. Das ist nicht MEIN Ding, ich bin nur ein Teil des Ganzen, wie alle anderen auch. Ob ich den Stein ins Rollen gebracht habe oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Es ist gut, darüber zu sprechen, denn ich begreife jetzt diesen ganzen Prozess. Nein, ich sehe es nicht als MEIN Album an, ich bin wirklich nur ein kleiner Teil davon."

Eine "ballad" ist ja ein gefühlsbetonter Popsong. Klar. Eine "ballad" ist aber auch eine erzählende Dichtung ohne festgelegte Länge oder striktes Reimschema, dafür mit metrischer Struktur. Sie ist eine Erzählung, deren Geschichte als Lied oder doch von Musik begleitet vorgetragen werden soll. Scotland's National Bard Robert Burns, aber auch Sir Walter Scott und Francis James Child etwa zählen zu den großen Sammlern von "ballads". Und Chemikal Underground reihen sich mit "Ballads Of The Book" nun - unterstützt von Idlewild, Edwin Morgan sowie Don Paterson - in diese Tradition ein, mit einem Ergebnis, von dem man sich eigentlich am besten selbst überzeugt. Ein jeder wird wohl den ein oder anderen Künstler kennen und schätzen, von hier aus kann man schließlich eine Entdeckungsreise in die schottische Musik wie Literatur der Gegenwart wagen. Und man sollte es tun. Dies versuchten auch Idlewild zu erklären, als sie "The Weight Of Years" auf ihrer eigenen Tournee im April als Zugabe darbrachten und sich fast in Erklärungsnot sahen.

Ballads Of The Book
Eine Woche nach dem bemerkenswerten Auftritt Idlewilds im Kölner Prime Club erreichten wir unter wirren Umständen schließlich und endlich Glasgow. Das Tramway Theatre muss man aber auch erst einmal finden. Wir geben gerne eine Wegbeschreibung! Am Merch-Stand lag sie also: Die Anthologie in ihrer vollendeten Variante! Zack. Gekauft. Dann eingetaucht in die Atmosphäre, die Roddy Woomble eine Woche zuvor bei unserem kurzen Gespräch nach dem Konzert in Köln vorausgesehen hatte: "Ich bin mir sicher, das wird ein guter Tag!"

Das Tramway Theatre, ein ehemaliges Straßenbahndepot, mit seiner großen Halle, in der die Rockbands auftreten werden, seiner kleinen Nebenbühne, auf der die eher akustisch-orientierten Künstler spielen werden, den kleinen, an diesem Tag unfassbar heißen Studios unter dem Dach, die für Dichterlesungen reserviert sind, einem Café, in dem die Musiker, die gerade nicht auf der Bühne stehen, Platten auflegen, und einem großzügigen Garten mit sattgrünem Rasen, auf dem man in den knapp bemessenen Konzertpausen das wunderbar sonnige Wetter genießen kann, präsentiert sich von der ersten Sekunde an als der ideale Ort für dieses Festival der etwas anderen Art.

Während in der Etage über uns Rodge Glass, Schriftsteller und Musiker gleichermaßen, das Festival mit seiner Lesung eröffnet - seine Band Burnt Island ist dann auch die einzige nicht auf dem Album vertretene, die dennoch an diesem Tag ein kurzes Set spielt -, dringen aus der großen Halle Soundfetzen von "Girl", einer der schönsten, weil untypischsten Nummern des "Ballads Of The Book"-Albums, an unser Ohr. Norman Blake, verstärkt durch drei seiner ehemaligen oder aktuellen Teenage-Fanclub-Mitstreiter und einen "Stargast", The-Pearlfishers-Frontmann David Scott, ist beim Soundcheck. Leider dauert der fast ebenso lange wie sein eigentlicher Auftritt. Angekündigt für eine halbe Stunde, steht Blake kaum zehn Minuten auf der Bühne, bevor er sich mit den Seinen "für den Rest des Tages hinter die Bühne zum Trinken" zurückzieht, wie er - selbstverständlich breit grinsend - das Publikum informiert. Neben dem "Ballads Of The Book"-Beitrag "Girl" spielen Blake und Co. noch eine Nummer, die kalifornische Sommergefühle heraufbeschwört, nämlich eine lupenreine Coverversion des Cabin-Crew-Songs "She Ain't A Yacht", inklusive dreistimmiger Harmonien, authentischem Surf-Feeling und jeder Menge Spaß vor und auf der Bühne.

Im Fotograben tummeln sich derweil nicht nur die Knipser mit ihren Digitalkameras, unter ihnen befindet sich auch die auf dem Flyer als "resident artist in action" angekündigte Illustratorin Jenny Soep. Die schottische Künstlerin hält das Geschehen auf der Bühne in spontanen Zeichnungen fest, indem sie das Gesehene, das Gehörte, vor allem aber die Atmosphäre durch verschiedene, nebeneinander angewandte Techniken zum Ausdruck bringt und auf die Leinwand bannt. Wenige Minuten nach den einzelnen Auftritten kann man ihre eindrucksvollen Werke, die durch die hinzugefügten Wortfetzen gewissermaßen Foto und Review mit einem Schlag ersetzen, bereits in der oberen Etage an der Ausstellungswand (und später auf ihrer Website) bewundern und mit den eigenen Eindrücken vergleichen.

Während sich die Zeichnerin durch den Blake'schen Kurzauftritt besonders herausgefordert sieht, gibt er uns die Chance, die Lesung von Hal Duncan (sein Werk "Vellum" erschien unlängst in deutscher Übersetzung) zu erleben - alle weiteren (Robin Robertson, Alan Bissett, Bill Duncan) finden leider ohne uns statt, da die etwas übermotivierte Security peinlich genau darauf achtet, nicht mehr als 50 Zuschauer pro Lesung ins Studio zu lassen. Duncan, eigentlich eher im Science-Fiction-Genre zu Hause, steuert zu "Ballads Of The Book" das von Aereogramme vertonte "If You Love Me You'd Destroy Me" bei und liest an diesem Nachmittag seine in der Kleinstauflage von 26 Stück erschienenen "Sonnets For Orpheus". Oder besser: Er interpretiert sie, denn er wirkt eigentlich weniger wie ein lesender Schriftsteller, eher wie ein Schauspieler auf der Bühne, der völlig in seinem Text aufgeht. Zwar zittern seine Hände so stark, dass er kaum sein Manuskript halten kann, doch sein Vortrag ist bestimmt, selbstsicher, mitreißend. Er selbst beschreibt die Reaktionen auf seine Lesung in seinem Weblog als "fucking cool". Dem ist nichts hinzuzufügen.

Danach entgeht uns den Auftritt der Idlewild-Protégées Foxface im großen Saal, denn wir eilen hinüber zur Akustikbühne, wo Mike Heron - wie schon im Januar - gemeinsam mit seiner Tochter Georgia Seddon auftritt, um mit Akustikgitarre, Piano, Glockenspiel oder afrikanischer Trommel Lo-Fi-Folksongs zum Besten zu geben, die leider nicht immer das Niveau erreichen, das vor "The Hangman's Beautiful Daughter" vor knapp 40 Jahren zu einer musikalisch wegweisenden Platte machte.

Auch der alten Schule verpflichtet ist die Band, die im Anschluss auf der Hauptbühne steht: Die Trashcan Sinatras steuern mit "Half An Apple" nicht nur einen der schönsten Songs zum "Ballads Of The Book"-Album bei, nein, sie beweisen im Tramway Theatre auch, dass die Art des radiotauglichen, Go-Betweens-inspirierten Gitarrenpops, auf den die Band seit nunmehr 20 Jahren setzt, zeitloser ist als von manchen angenommen. Vielleicht kommt der Eindruck auch daher, dass viele der Songs, die Francis Reader - der selbst auf der Bühne seine Oberstudienrat-Brille trägt - und seine Mitstreiter an diesem Abend spielen, seltsam vertraut klingen, dabei besteht das Set fast ausschließlich aus neuen, unveröffentlichten Nummern wie dem Syd-Barrett-Tribute "Oranges" oder dem wohl nicht zufällig als letztes Stück gespielten Ohrwurm "Astronomy".

Auf der kleinen Bühne ist parallel Alasdair Roberts angekündigt, leider ist der Saal so voll, dass wir an der Tür abgewiesen werden. Ein Schicksal, das übrigens auch Roddy W. ereilt - vor der Security sind anscheinend an diesem Sonntag alle gleich. Dennoch bleibt uns Mister Roberts in besonderer Erinnerung. Bei seinem DJ-Set im Café lehnt er, der Folkie, nämlich nicht nur lässig an der Wand, er liest sogar Zeitung, während die von ihm aufgelegten Scheiben auf dem Plattenteller rotieren!

Emma Pollocks Auftritt unterstreicht, dass sie The Delgados sicherlich ob des Wunsches nach musikalischer Neuausrichtung verlassen hat. In identischer Besetzung mit zwei Gitarren, Bass, Keyboards und Schlagzeug (Emmas Ehemann Paul Savage darf sich hier viel mehr als zuvor bei den Delgados druckvoll in den Vordergrund spielen) und auch musikalisch ähnlich (gut), stellt sie dem heimischen Publikum die Songs ihres Solo-Erstlings "Watch The Fireworks", der im September erscheint, vor. Vor allem die Single "Adrenaline" weiß zu gefallen, erinnert das Piano doch anfangs noch fast an John Cale ("Paris 1919"), um sich dann auf Delgado-Terrain zu begeben und als Hymne von fast Coldplay'schem Format zu enden, keinen Deut schlechter als ihr beachtliches Delgados-Oeuvre dann auch der Schlusssong "The Optimist". Das Herzstück ihres Sets ist aber natürlich ihr "Ballads"-Beitrag "Jesus On The Cross", das etwas wackelig klingt, aber wer auf Verspieler wie am Ende des Songs mit einem solch ansteckenden Lachen reagiert wie Emma, hat das Publikum dennoch auf seiner Seite. "Ich habe Miss Welch nie getroffen", sagt sie über die Texterin des Songs, "aber ich habe über verschiedene Kanäle erfahren, dass sie mit dem Ergebnis sehr zufrieden ist." Und warum auch nicht? Sehr zufrieden ist Emma als Chefin von Chemikal Underground auch mit dem Festivaltag. Sie habe zwar mit der Organisation nichts zu tun gehabt, sei aber trotzdem sehr glücklich, dass sich so viele Menschen für das ambitionierte Projekt interessieren, lässt sie uns wissen.

Karine Polwart entpuppt sich danach praktisch als Idealbesetzung für das Festival, sind ihre Songs doch allesamt entweder Balladen und/oder von Büchern inspiriert. Ihren Songwriter-Folk, bei dem stets ein Hauch der 80er-Jahre mitschwingt, trägt sie übrigens im Sitzen vor, "denn ich bin zu fett, um aufzustehen", wie sie schmunzelnd anmerkt, worauf sich ihr Bruder und Gitarrist Steven dazu veranlasst sieht, für die Zuschauer in den hinteren Reihen erklärend hinzuzufügen: "Weil sie schwanger ist". Ihr Programm ähnelt dem vom Januar und wird ähnlich begeistert aufgenommen. Dennoch bedankt sich Polwart ausdrücklich bei den Zuhörern dafür, dass sie nicht zeitgleich drüben in der großen Halle King Creosote lauschen, "denn das hätte ich gemacht, wenn ich die Chance gehabt hätte". Am Ende steht ihr "Ballads"-Song, verbunden mit einem herzlichen Dank an Roddy Woomble und Glückwünschen (und einem gemeinsam mit den Zuschauern dargebotenen Geburtstagsständchen) für Edwin Morgan, der zwei Tage zuvor seinen 87. Geburtstag gefeiert hatte. Ein (heimliches) Highlight.

Grandios danach James Yorkston: Der covert auf seinem neuen Raritäten-Album "Roaring The Gospel" Tim Buckley und erinnert auch in Glasgow bisweilen an diesen großen, oft missverstandenen Barden. Sein Vortrag gleich vom ersten Song an hochkonzentriert, steht er kaum einen Moment still, wuselt zwischen seinen beiden Begleitern an Akkordeon und Kontrabass auf der Bühne umher, umklammert seine Gitarre wie eine Geliebte und verliert dennoch die Situation nicht aus den Augen. "Fuck, yeah" entfährt es einem hingerissenen Zuschauer in den vorderen Reihen - Yorkston quittiert dies sofort mit einem wissenden Lächeln. Pausen hat sein Programm zunächst kaum, die Songs sind sparsam instrumentiert, offenbaren aber erst genau dadurch ihre wahre Größe. Nach vier Liedern wendet er sich mit einem schüchternen "Hello Glasgow" erstmals ans Publikum, nur um danach mit "Moving Up Country, Roaring The Gospel" wieder die Musik sprechen zu lassen. Ein Dylan-würdiges Mundharmonika-Intro trifft dabei auf an Belle And Sebastian erinnernde Strophen.

Bei seinem "Ballads"-Beitrag "A Calvinist Narrowly Avoids Pleasure" vergisst er eine Strophe trotz des auf dem Tisch neben im bereitliegenden Songtextes, aber ähnlich wie Emma Pollock quittiert er dies nur mit einem sympathischen Lachen. Immerhin ist damit der Knoten geplatzt, und Yorkston wird geradezu redselig. Erzählt von seinem allerersten Glasgow-Auftritt mit John Martyn auf der Renfrew Ferry und von seiner persönlichen Stalkerin: "In den sechs Stunden, bevor ich hierher kam, erreichten mich drei Mails von einer Frau in England, die mir ihren Körper anbot. Ich habe noch nicht geantwortet denn… das ist ja schon ein wenig durchgeknallt!" Nach dem absoluten Highlight seines 45-minütigen Auftritts "The Brussels Rambler" kommt er zu dem Schluss: "This is a good gig". Wir dagegen meinen: Es war mehr als das - der Höhepunkt des an ausgezeichneten Auftritten wahrlich nicht armen Festivaltages!

Aidan Moffat, der auf "Ballads Of The Book" die herzergreifende Ode Ian Rankins an den schottischen "Sixth Stone" Ian Stewart vertont, war ursprünglich für eine Lesung vorgesehen, bevor er gebeten wurde, doch auf der Akustikbühne aufzutreten: "Anstatt euch meine Werke vorzulesen, werde ich sie euch nun also vorsingen", erklärt er lakonisch zu Beginn seines kurzen Auftritts, und genau das tut er dann auch. Seine kurzen, gewohnt scharfzüngig-humorvollen Texte, deren vielleicht bester um die Beziehung von Danny und Sandy aus "Grease" kreist (übrigens lediglich, damit er "Danny" auf "fanny" reimen kann!), untermalt er - natürlich ohne eine Miene zu verziehen - mit Klängen des Uralt-Keyboards, das auf seinen Knien ruhend aussieht wie ein Spielzeuginstrument. Wenn es sich dabei nicht nur um "Atmo" handelt, benötigt Moffat selten mehr als zwei Akkorde, nämlich "F und G, falls sich jemand fragt, welche es genau sind!" Kleiner Aufwand, große Wirkung: das Publikum ist hingerissen!

Im großen Saal ist nach den uns leider entgangenen Auftritten von King Creosote und Sons And Daughters alles bereit für das große Finale. Das gehört Idlewild - und die fünf Musiker genießen den Auftritt von der ersten Sekunde an. Dass sie sich nicht so vornehm zurückhalten würden wie noch im Januar bei den "Celtic Connections", war klar, dass sie aber auch im Vergleich zum Auftritt in Köln wenige Tage zuvor wie ausgewechselt erscheinen würden - und das, obwohl die Songs, abgesehen von der Reihenfolge, fast identisch sind -, hatten wir nicht erwartet. Rod Jones verbringt wie aufgedreht einen Großteil der Show damit, auf den Monitorboxen am Bühnenrand herumzutänzeln, auch Gareth Russell und Allan Stewart sind kaum zu bremsen und sogar Roddy Woomble, der sich selbst im engen Prime Club wann immer möglich in die hinterste Ecke verzogen hatte, den Mikroständer wie ein Schutzschild vor sich haltend, sucht oft an der Bühnenkante den Kontakt mit dem Publikum und wirkt plötzlich gar nicht mehr so schüchtern, wie wir ihn sonst kennen. Doch die Setlist passt dazu: Mit "Love Steals Us From Loneliness", "You Held The World In Your Arms" und "No Emotion" stehen gleich drei Singles am Anfang, die neuen Songs (oder die "moderaten Hits", wie Woomble sie in einem Zwiegespräch mit dem Publikum bezeichnet) machen heute nur knapp ein Drittel des Programms aus. Schließlich geht es an diesem Abend nicht darum, ein neues Album zu promoten, sondern den Erfolg von "Ballads Of The Book" zu feiern, und genau das tun Idlewild. Am Ende des regulären Sets steht - natürlich! - "In Remote Part/Scottish Fiction", doch während noch Edwin Morgans Worte durch den Saal hallen, verlangt das Publikum nach mehr. Schließlich fehlt noch der Idlewild-Beitrag zu "Ballads Of The Book". Das wundervolle "The Weight Of Years", mit Drummer Colin Newton am Akkordeon und Jones an der Akustikgitarre, lässt ein mitreißendes, energiegeladenes Set sanft ausklingen. Ein perfekteres Ende kann es nicht geben. "One of my favourite days of the year so far", schreibt er einige Wochen später in seinem Online-Tagebuch über diese herrliche Veranstaltung im Tramway Theatre.

Und vielleicht ist dieser Sonntag ja mehr als nur das rauschende Fest zum "Ballads Of The Book"-Projekt, sondern hat auch etwas Wegweisendes. "Wir werden sehen, wo Idlewild Ende des Jahres stehen, ob wir weiter laute Songs machen wollen oder vielleicht doch lieber ruhigere", wagte Woomble bei unserem Gespräch im Februar einen vorsichtigen Ausblick. "Aber ich plane nicht gerne zu weit im Voraus, ich lebe lieber von Tag zu Tag." Nichts ist also festgelegt, alles fließt, und das hat Idlewild schließlich dorthin gebracht, wo die Band nun steht. Was mit "The Remote Part" vor fünf Jahren seinen Anfang nahm, findet nun einen Höhepunkt mit "Ballads Of The Book" und möglicherweise lässt sich die Idee sogar noch weiterspinnen. Call it confusion in the best way possible!


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Weitere Infos:
www.chemikal.co.uk
www.triptychfestival.com
www.celticconnections.com
www.jennysoep.com
www.idlewild.co.uk
www.edwinmorgan.com
www.halduncan.com
www.emmapollock.com
www. jamesyorkston.co.uk
www.aidanmoffat.co.uk
Interview: -Stephanie Schorre & Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Jenny Soep (Illustrationen)-
Ballads Of The Book
Aktueller Tonträger:
Ballads Of The Book - A Joint Effort
(Chemikal Underground/Rough Trade)




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