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CHUCK PROPHET
 
Kubistischer Blues und leichte Wunder
Chuck Prophet
Sommer 2005, 22 Uhr, The Fez Club, New York City - seit ungefähr einer Stunde sollten die Türen für ein Konzert von Chuck Prophet geöffnet sein; doch sie sind es nicht, weil Chuck schlicht nicht da ist. Nach einer Weile schließlich kommt ein klappriger Tourbus um die Ecke und ein unbekümmerter Chuck steigt aus. Die wartenden Fans atmen erleichtert auf. Chuck geht auf diese zu, einen Glimmstengel in der Hand, und meint: "He Leute, alles klar. Weiß jemand von euch, wo man hier parken kann?" Was in New York City natürlich niemand weiß. Chuck Prophet, so lehrt es uns diese kleine Geschichte, macht keine großartigen Pläne. (Bei den Aufnahmen zu seinem neuen Album, "Soap And Water", soll er es so sogar auf 27 Knöllchen gebracht haben.) So haben seine Scheiben denn auch immer etwas Unberechenbares. Man weiß nie, was ein neues Chuck Prophet-Album schließlich bieten wird.
Das neue Werk ist da keine Ausnahme. Es gibt hier Rock, Soul, Blues eine Prise Funk, leicht altmodischen Pop und einen Kinderchor. Was das mit Seife und Wasser zu tun haben soll, wie der Titeltrack besagt, will Chuck nicht so recht erklären - meint sogar, das spräche für sich. Es ist jedenfalls ein Song, in dem er verschiedene Assoziationen aneinander reiht. Hat die Technik, verschiedene, nicht zusammengehörende Bilder miteinander zu verknüpfen, etwas mit der Ginsberg-Methode der freien Assoziation zu tun? "Wenn du das sagst, dann stimme ich dir zu", meint Chuck, "ich weiß zwar nicht, was das ist, sage aber 'Ja'. Ich weiß ja, was Ginsberg gemacht hat und wie er seinen eigenen Blues dekonstruiert hat - aber davon bin ich nicht beeinflusst, man kann es aber vergleichen. Für mich ist es eher ein kubistischer Blues-Ansatz. Ich hatte mir zunächst ein Duett mit einer Frauenstimme in einem Lautsprecher und der Männerstimme in dem anderen vorgestellt - das hat aber nicht so funktioniert. Es sollte mehr Avantgarde sein, endete dann aber doch eher traditionell." Eine Person, von der sich Chuck Prophet bei den Aufnahmen zum neuen Album aber tatsächlich inspiriert fühlte, ist Alex Chilton. "Ich denke, Alex war immer ein Überlebenskünstler", erklärt Chuck dieses, "er hat niemals Kompromisse bei dem gemacht, was er getan hat. Manche denken sogar, er ist ein wenig pervers. Darum hat er sich aber nie gekümmert und stattdessen großartige Kunst gemacht. Ich habe Alex oft spielen gesehen und es fühlt sich für mich an, als sei er auf dieser Scheibe sogar irgendwie anwesend. Ich betrachte ihn auch als musikalische Inspiration. Ich mag alle seine Scheiben - die die er mit Alan Vega gemacht hat, die Big Star-Sachen. Ich mag, wie er spanischen Soul auseinander nimmt, wie er drei Minuten Rock auseinander nimmt und zu seinem eigenen Ding macht. Er ist einfach der Größte."
Chuck probierte auf "Soap And Water" offensichtlich auch Dinge in dieser Art. So gibt es z.B. Stücke wie den "Freckle", die sich um ein einziges Riff drehen. Was ist denn daran so verlockend? "Nun, als Musiker tendierst du dazu, eine Art geschlossenen Kreis zu schaffen. Es ist schwieriger Linear zu arbeiten. Und ich fühlte, dass dieser Song einfach nicht mehr Akkorde brauchte." Ist es für Chuck eigentlich schwierig, Songs zu schreiben? "Ich denke, dass mir die Musik leichter zugänglich ist und ich länger an den Texten arbeiten muss", erklärt er, "aber manchmal ist die Musik sehr einfach, sehr simpel - und dann helfen gute Texte, das Ganze aufzuwerten." Oder ein Kinderchor, wie er sich auf der neuen Scheibe findet. Was hat es denn damit auf sich? "Nun, ich wollte dieses Mal einen Chor verwenden, hatte aber meine Bedenken, weil ich das schon öfters versucht hatte und nicht sehr glücklich dabei war. Dabei ist mir aufgefallen, dass diese Chorsänger immer einen großen Wert darauf legen, zu demonstrieren, wie gut sie singen können. Brad Jones, der Produzent, schlug deswegen einen Kinderchor vor. Und dabei habe ich festgestellt, dass die Kinder gar nicht erst versuchen, irgendwie zu klingen, sondern sie singen einfach. Wohl deswegen, weil ihnen nicht bewusst ist, was sie tun. Ich wollte nämlich etwas Reines, Pures. Die Stimmen der Kinder beeinflussten dabei die Bedeutung der Songs und gab ihnen eine ganz eigene Dynamik." Was haben denn die Kinder zu der Musik gesagt? "Nun, ich habe ihnen das Material vorgespielt", erzählt Chuck, "eines der Kinder hat dann den Dirigenten gefragt, wann ich anfangen würde zu singen, weil ich doch eher spräche. Da habe ich ihm dann gesagt, dass ich doch schon sänge und dass es mehr nicht geben würde. Das hat sie ganz schön verwirrt."

Chuck Prophet ist ein großer Film-Fan. Deswegen interessiert es natürlich, über welchen Film er in dem Song "Would You Love Me" singt. "Das war 'The Passion Of The Christ' von Mel Gibson", berichtet er, "das war, als würde man sich Pornographie anschauen und zwar schlechte Pornographie. Man beobachtete da, wie Jesus in Stücke gerissen wurde. Das war sehr traurig. Ich meine, die Sache hat man doch nach zwei Minuten kapiert, warum musste Gibson das denn eine Viertel Stunde lang zeigen? Warum ich das als Einleitung für meinen Song genommen habe, weiß ich aber auch nicht. Der Erzählstrang beginnt einfach in einem Kino, wo der Charakter an jemand anderen denkt." Chuck beschrieb uns seine Art Songs zu schreiben einmal als "Skywriting". Das bedeutet quasi in den Himmel zu blicken, einen Gedanken zu verfolgen, eigene Erlebnisse einzubinden und dann mal zu sehen, wohin das Ganze führt. "Genau - und 'Would You Love Me' war wahrscheinlich genau so ein Moment", stimmt er zu. Ist es eigentlich schwierig die gefundenen Fragmente dann in Form zu bringen? "Ja, denn meistens habe ich zu viele Strophen und muss einen Song kürzen", gesteht Chuck. Neben seinen eigenen Scheiben produziert Chuck ja auch öfter Alben für Kollegen. So unter anderem zuletzt mit Kelly Willis. "Ja, das war eine schwere Geburt", erzählt Chuck, "ich hatte schon mal für Kelly gespielt und kannte sie daher. Sie hatte mich gebeten, die neue Scheibe zu produzieren. Eigentlich wollte sie eine Scheibe mit Cover-Versionen aufnehmen, weil sie dachte, dass sie keine Songs mehr schreiben könne. Wir haben uns dann getroffen und wir konnten uns gerade mal auf einen Song einigen. Das sah nach einem langen Prozess aus. Dann erwähnte sie aber, dass sie eine Idee für einen Song habe und dann haben wir zusammen einen Song geschrieben. Und das war der Startpunkt." Eine Cover-Version blieb aber doch übrig: Der Iggy Pop-Song "Success" - was verbindet den denn mit einer Sängerin aus dem Country-Umfeld? "Also ich wollte ja gerade kein typisches Country-Album mit Kelly machen", erklärt Chuck, "Kellys Geschichte ist ja stark von dem Umstand beeinflusst, dass sie von der Industrie verpflichtet wurde, dort aber nie erfolgreich war. Auf gewisse Art ist Kelly aber als Person und Mutter für mich sehr viel erfolgreicher. Heutzutage weiß sie die Ironie, einen Song wie 'Success' zu singen, durchaus zu schätzen. Ich denke, dass Kelly mit sich im Reinen ist."

Chuck Prophet
Chuck ist ja einer der Songwriter, die gerne mit anderen zusammenarbeiten. Das ist durchaus nicht selbstverständlich, da viele Songwriter regelrechte Eigenbrötler sind. Was fasziniert ihn denn an dieser Arbeitsweise? "Das ist fast wie ein Teil meines sozialen Lebens", führt Chuck aus, "mein Freund, Dan Penn, hat es ein Mal auf den Punkt gebracht: Wenn sich zwei Leute in einem Raum befinden, ist es leichter, ein Wunder zu bewirken. Das ist der Grund." Chuck sagte, dass er bei der neuen Scheibe einen anderen Ansatz bei den Aufnahmen verfolgte, als sonst üblich. Was meint er damit? "In der Vergangenheit habe ich öfter mit Beats und Loops gearbeitet und Sachen von hinten aufgezäumt, zu Hause aufgenommen und mit Sachen herumexperimentiert. Ich habe vieles ausprobiert. Dieses Mal haben wir zu fünft einfach live im Studio aufgenommen - mit minimalen Overdubs." Das Live spielen hat bei Chuck ja stets einen großen Raum eingenommen, nicht? "Ja, ich liebe das Live-Spielen über alles", verrät er, "das einzige, was ich dabei nicht mag, ist das schwere Equipment über enge Treppen hochzuschleppen." Welche Bedeutung hatte denn die Green On Red Re-Union für Chuck Prophet? "Das war eine nette Erfahrung", erklärt er, "es war, als sei die ganze Motorrad-Bande wieder zusammengekommen. Wir haben zwar noch nicht über das Thema gesprochen, aber ich würde das noch mal machen." Welche musikalischen Träume hat Chuck Prophet denn ansonsten noch? "Ich würde gerne in der Zukunft mal ein Musical schreiben. Es müsste gar keine Chuck Prophet-Scheibe sein, aber ich wäre gerne involviert in einem Musical, in dem man verschiedene Charaktere auf die Reise schicken könnte. Ein wenig so wie ein Theaterstück mit Dialog, aber auch mit Songs, so wie bei 'Hair'."
Weitere Infos:
www.myspace.com/chuckprophetofficial
www.chuckprophet.com
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Pressefreigaben-
Chuck Prophet
Aktueller Tonträger:
Soap And Water
(Cooking Vinyl/Indigo)




Chuck Prophet

 
 

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