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BRISA ROCHÉ
 
Die erlegte Technik
Brisa Roché
Auf die Frage, wie Musiker zu ihrer Berufung gekommen sind, kommen oft Antworten wie "durch die Plattensammlung meiner Eltern" oder (noch öfter) "weil ich früher Bob Dylan gehört habe". Im Falle von Brisa Roché ist die Sache nicht so einfach. "Das ist eine lange Geschichte", warnt die Songwriterin, die zunächst mit ihrem Debüt "Chase" auf dem Jazz-Label Blue Note eine Pop-Scheibe veröffentlichte, die so gar nichts mit Jazz zu tun hatte und nun, mit "Takes" ein mehr als würdiges, folkig-psychedelisches Nachfolge-Werk vorlegt, auf dem sie ihre Songs auf phantasievolle Weise mit anderen Musikanten zusammenschusterte (u.a. mit Nick Zinner von den Yeah Yeah Yeahs).
"Meine Mutter gab mir Gesangsstunden, als ich zwei Jahre alt war", beginnt sie ihre epische Historie, "das waren natürlich keine richtigen Gesangsstunden, aber ich komme aus einer Umgebung, die doch sehr hippie-inspiriert war und die Gesangsstunden waren eher so eine Art spiritueller Erfahrung. Es ging darum, auf spirituelle, physikalische und psychische Weise unsere Körper, die Sounds und unseren Geist zu erfahren. Das ging eine ganze Weile so weiter und dann gingen wir lange auf eine Reise nach Russland und Rumänien. Als wir zurückkehrten, zogen wir in die Berge - ohne Elektrizität. Ich bekam dann meine erste Gitarre. Nun war die Sache so, dass ich als Teenager keineswegs gegen meine Eltern rebellierte, wie das allgemein üblich ist. Diese ganze folkige, hippe Atmosphäre gefiel mir mit 14 oder 15 tatsächlich sehr. Ich liebte Donovan und Joni Mitchell - all diese Musik, die meine Eltern mochten. Alles, was mit Gitarre und Stimme zu tun hatte, gefiel mir. Ich begann also, draußen in den Bergen mit meiner Gitarre zu spielen. 1990, als ich im Alter von 16 aus den Bergen nach Seattle zog, kam ich gerade rechtzeitig zum Grunge-Boom. Das war aber nun nicht mein Ding. Mein Vater starb zu dieser Zeit aufgrund von Alkohol und Drogen-Problemen und ich war davon sehr betroffen und sehr gegen Alkohol und Drogen. Ich schrieb also weiter meine Songs und zog dann nach Paris. Zu dieser Zeit kam 'Drive' von PJ Harvey raus. Das war dann eine Art von Rock-Sound, der auch mir gefiel. Ich hatte bis dahin ja auch Gelegenheit gehabt, in urbaneren Gegenden und Situationen Erfahrungen zu sammeln. Mein Leben war also weniger folky als zuvor. Diese Rock'n'Roll-Seite meiner selbst wollte ich also auch in meiner Musik ausdrücken. Ich zog dann nach Portland in Oregon. Das war damals als Musik-Hochburg quasi das neue Seattle. Ich versuchte dort einige Dinge, stellte Bands zusammen, schrieb weiter Songs, die mehr Emo klangen, als die, die ich vorher geschrieben hatte. Eben in der Art wie PJ Harvey - vermochte aber nicht, meinen Musikern zu vermitteln, was ich eigentlich wollte. Das ging so weit, dass ich dachte, dass es das gewesen sei und meine Gitarre in die Ecke stellte. Ich stellte aber fest, dass ich die Musik dann letztlich doch nicht aufgeben konnte - auch wenn ich bis dahin immer das Gefühl gehabt hatte, dass ich es nicht richtig herausbringen konnte. Ich war einfach zu verletzlich. Aber andererseits musste ich doch immer irgendwie singen. Ich hatte damals diesen Job, bei dem ich mit dem Fahrrad zur Arbeit fuhr und dabei irgendwann begann, Jazz Standards zu singen. Das war lustig, denn ich hatte gar keinen Jazz-Background. Ich musste wohl so amerikanisch sein, dass diese Songs unbewusst zu einem Teil meiner selbst geworden waren. Es war interessant für mich, diesen Aspekt zu erforschen und in die Welt meines Vaters einzutauchen - die zuvor mehr eine verbotene Welt für mich gewesen war; eine Welt der Bars und Jazz-Bands. Ich lernte dann Jazz zu singen. Das war sehr schwierig, denn der Jazz ist - zumindest bei uns und in Paris - eine sehr akademische Angelegenheit mit großem Konkurrenzdruck, wo neue Sänger nicht willkommen sind und niemand bereit ist, dir zu erklären, wie es funktioniert. Ich kämpfte mich aber durch, obwohl meine Freunde sich gelegentlich sogar lustig über mich machten. Es war dann zu dieser Zeit, dass mein Freund Philippe Rigal aus Paris mich fragte, ob ich mit ihm ein kleines, elektronisches Trip-Hop-Projekt machen wollte. Da ich irgendwie raus musste, machte ich mich also wieder auf den Weg nach Paris. Leider hatte mein Freund einen Unfall und brach sich Arme und Beine. Das war dann also nichts. Da saß ich also da ohne Geld und wusste nicht, was ich machen sollte. Zum Glück konnte ich ja Jazz singen. Das war eine Herausforderung und ich begann, live aufzutreten. Da wurde ich wirklich zur Jazzerin mit allen Konsequenzen. Das war für mich wie eine kulturelle, philosophische und intellektuelle Revolution. Es war zwar sehr anstrengend - aber es war zugleich eine Offenbarung. So kam auch das Interesse von Blue Note zustande. Als ich meinen Plattenvertrag bekam, musste ich mit dem Jazz wieder aufhören, weil ich mich ab da wieder um meine eigene Musik kümmern und auch die geschäftlichen Aspekte abdecken musste. Meine erste Scheibe war dann eher ein Statement. Sie hatte nichts mit Jazz zu tun - mal abgesehen von einer Trompete hier und da - sondern war eher eine Art Zwischenschritt. Das Ende eines Abschnittes und der Weg zu einem neuen - wobei damals noch nicht klar war, wohin dieser führen würde. Letztlich führte er aber zu meiner neuen Scheibe, die somit wieder etwas folkiger und psychedelisch geraten ist."
Das ist nun wirklich eine lange Geschichte - beschreibt aber Brisas neues Werk ziemlich gut. Es handelt sich dabei um eine Pop-Scheibe im besten Sinne - wobei sich ihre Stimme ganz anders anhört als jene der üblichen Pop-Sängerinnen. Es gibt Rock-Elemente auf "Takes" aber nicht wirklich Rockmusik. Es gibt jazzige Zwischentöne, aber es ist vornehmlich eine Singer / Songwriter-Scheibe - ohne dass Brisa Geschichten erzählt. Was war denn der musikalische Anspruch in Bezug auf die neuen Tracks? "Nun, ich musste im Vorfeld dem Label erklären, was ich vorhatte - das ist der übliche Weg. Natürlich ist es schwierig, genau das zu machen, was man sich vornimmt. Als ich aber begann, hatte ich wirklich vor, eine Art Beatles-Album mit britischen Elementen und Melodien zu machen. Mit einer Prise Stones, T-Rex oder Donovan. So habe ich meine Idee verkauft. Als ich dann aber zu Hause in Kalifornien meine Demos aufnahm, stellte sich heraus, dass die Stimmung dort so stark war, dass ich wesentlich folkigeres Material schrieb, als ich ursprünglich vorgehabt hatte. Als ich dann in Frankreich die Songs aufnahm, musste ich mir Mühe geben, die melodischen Aspekte wieder einzubringen. Denn ich habe auch noch eine Ader für Krautrock wie Can mit dieser hypnotischen Note. Ich wollte in diese Richtung gehen - so fern das mit einem Plattenvertrag und meinen Ankündigungen dem Label gegenüber möglich war. Die Scheibe sollte schon zusammenhängend sein. Der Trick war also, die Sache nicht allzu strikt anzugehen mit hypnotischen und psychedelischen Elementen und das mit dem Britpop-Gedanken zusammenzubringen. Mit den folkigen Songs ging das am besten. Macht das Sinn?" In gewisser Weise tut es das. Denn die Songs auf "Takes", die sich folkiger Elemente bedienen, funktionieren am Besten in der Weise, wie Brisa sie beschreibt. Wie z.B. der Coming-Of-Age-Track "Whistle", der alles hat, was ein guter Pop-Song braucht, folky ist und obendrein einen hypnotischen Rhythmus bietet. "Weißt du, mit wem ich den zusammen geschrieben habe? Mit Nick Zinner, dem Gitarristen der Yeah Yeah Yeahs. Ich hatte mit Nick im Alter von 18 Jahren in New York zusammen gespielt und ich hatte niemals den Sound seiner Gitarre vergessen. Ich hatte gar keine Ahnung, dass er dieser große Rock-Star geworden war. Egal: Ich hatte das Angebot, Filmmusik zu schreiben und bekam ein Drehbuch in die Hände. Als ich mir überlegte, was man dazu machen könnte, erinnerte ich mich an Nicks Gitarrensound. Der 'Whistle'-Song entstand aus dieser Zusammenarbeit. Das lustige ist, dass der ursprüngliche Text zu diesem Song jetzt auf dem Stück 'Hand On Steel' zu finden ist." Was übrigens daran liegt, wie Brisa Roché Songs schreibt.
Brisa Roché
In den Liner-Note heißt es, dass Brisa alle Songs geschrieben habe, während dann spezifische Musiker als Komponisten aufgelistet werden, während andere als Arrangeure bezeichnet werden. Das Songwriting ist also ein kollaborativer Prozess, an dessen Ende es darum geht, Musik und Texte zusammenzufügen. "Ja, das ist so: Ich habe wirklich viele Texte geschrieben. Wie ich die Scheibe zusammenstellte, habe ich die Texte auch anderen Musikern gegeben und sie gebeten, Vorschläge für Melodien zu machen. Ich selbst habe auch welche geschrieben. Am Ende hatte ich mehrere Melodien und Texte für die Songs. Es ging dann darum, das jeweils passende zusammenzustellen. Das ist zugleich auch die größte Herausforderung für mich als Songwriterin, denn ich habe wesentlich mehr Texte als Musik." Wie entstehen diese - poetischen, assoziativen, metaphernreichen - Texte eigentlich? Sind sie danach ausgewählt, gut zu klingen? "Also weißt du, jetzt könnte ich beleidigt sein - weil ich niemals Worte niemals wegen ihres Klanges aussuchen würde. Ich bin aber ein wenig von der Wirkung von Silben und Rhythmen besessen, das gebe ich zu. Ich bin auch von der Bedeutung der Worte berührt. Es muss auch alles Sinn machen. Ich habe an Projekten gearbeitet, bei denen es wirklich ganz spezifisch um den Sprachrhythmus ging. Die Worte auf meinem neuen Album sind aber sehr viel entspannter, lockerer geraten. Das fühlt sich nicht so schwierig und konzentriert an. Was bei diesen Texten interessant ist, ist, dass die Wahl der Texte von den Umständen abhing. Ich verwende Symbole, die eher maskulin sind. Boote, Messer, Waffen. Alles hat seine spezifische Bedeutung, die ich auch erklären könnte." Gehören dazu auch Farben? Brisa erwähnt in ihren Texten immer wieder die Farben von Augen und Haaren. "Ja, das stimmt wohl. Die Personen, die mich bei dieser Scheibe beeinflussten, waren z.B. der Autor des Drehbuches, das ich erwähnte, er hat nämlich schwarze Haare und Nick Zinner hat auch schwarze Haare - hm und ich auch. Und dann noch was: Ich habe dieses Gedicht von Longfellow gelesen über Hyawatha, hauptsächlich wegen der rhythmischen Aspekte. Hyawatha hat auch schwarze Haare und sein Vater auch. Das ist mir also sehr wichtig. Und es ist auch irgendwie sexy." Das ist ein gutes Stichwort: Das Artwork der CD zeigt - neben unzähligen Selbstportraits - Brisa in allen möglichen Posen jenseits einer vollständigen Bekleidung. Was meint denn das? "Also weißt du, als ich dieses Photo-Session organisiert habe, ist mir gar nicht der Gedanke gekommen, dass man das irgendwie als sexy wahrnehmen würde. Weil es mir ziemlich komisch vorkam. Ich wuchs ja in einer Umgebung auf, in der es ganz normal war, sich nackt zu zeigen. Und das gefällt mir schon ganz gut. Es war ja ein Teil meines Erwachsen-werdens, den ich immer als positiv gesehen habe. Nun lebe ich ja heutzutage in der Stadt - und da kann ich ja nicht nackig herumlaufen. Das ist nun nicht unbedingt ein philosophisches Konzept für mich, aber wenn ich zu Hause bin und an irgendetwas arbeite, dann habe ich meist nur diese komischen Unterhosen an, die man auch dem Cover sieht. Davon habe ich jede Menge - das sind Unterhosen aus den 50ern. Wie dem auch sei: Wenn ich diese anhabe, dann fühle ich mich ziemlich stark und selbstbewusst. Wenn ich ausgehe und High Heels und Make Up trage, dann kann ich mich zwar auch stark fühlen, ich muss mir das aber bewusst machen, weil es mir schon klar ist, dass ich mich so und so verhalten und geben und kleiden muss, weil die Gesellschaft das von mir erwartet. Wenn ich mich privat ohne diese Zwänge gebe, fühle ich mich besser, weil eben nichts von mir erwartet wird. Wenn ich also an irgendetwas arbeite, sei es an einem Gemälde, an einer Skulptur oder Musik oder wenn ich koche, dann bin ich für gewöhnlich nicht wirklich richtig angezogen. Das ist cool und ich fühle mich mit mir und meinem Körper in Harmonie. Nun wollte ich das Cover auch nicht unbedingt so gestalten, dass ich mich ganz nackt zeigte. Und mein Gedanke war der, den technischen Aspekt des Musizierens, die für mich nicht natürlich sind, aber dazu gehören, auch irgendwie darstellen. Und dann bin ich darauf gekommen, mir die Mikros und Kopfhörer und Kabel umzuhängen. Ich habe auf der Scheibe viel mit Pro Tools gearbeitet und das ist quasi ein Symbol für diesen technischen Aspekt. Ein wenig so, als habe ich den animalischen Teil der Technik besiegt und mir die Mikros wie einen Pelz, eine Trophäe um den Hals gehängt." Und was haben die Gemälde zu sagen? "Also das Photo auf dem Cover ist ja auch ein wenig düster und ich wollte nicht, dass es düster wirkte. So also malte ich den gelben Hintergrund mit Aquarell-Farben. Das wollte ich nicht im Computer malen. Es hat sich richtig gut angefühlt das zu tun und kurz darauf hatte ich ein wenig Zeit, weil mein Vertrag mit EMI auslief und ich eine Zeit lang nicht wusste, wie es weitergehen solle. Da begann ich dann zu malen, während ich darauf wartete, was sich ergeben würde. Das war für mich eine Art Befreiungsschlag, mit dem ich mich auch von dem Stress lösen konnte, den eine Plattenproduktion auch mit sich bringt. Hier erwartete ja niemand etwas von mir und es kostete auch nichts und ging schnell. Die Portraits habe ich in sechs Wochen gemalt." Wäre das denn vielleicht auch ein weiteres Standbein? "Ja, seither habe ich weitere Bilder gemalt, die keine Selbstportraits mehr darstellen, sondern eher Tier-Totems, die ich graphisch vereinfacht habe und mit denen ich psychedelisch ein wenig herumspiele. Ich habe sogar eine Ausstellung in Paris." Nun, bei einem offensichtlichen Allround-Gesamtkunstwerk - mit dermaßen vielen Einflüssen, Quellen, Querverbindungen und Eingebungen - wie Brisa Roché erstaunt das nicht wirklich. Oder anders ausgedrückt: Bei Brisa Roché bekommt man immer ein wenig mehr, als man gemeinhin erwartet...
Weitere Infos:
www.myspace.com/brisaroche
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ami Barwell-
Brisa Roché
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(Discograph/Alive)




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