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MY BRIGHTEST DIAMOND
 
Flucht zum Pluto
My Brightest Diamond
Im Falle von Shara Worden - bzw. ihrem Projekt My Brightest Diamond - ist wirklich einmal der ansonsten inflationär überbewertete Begriff "Ausnahmekünstlerin" angebracht. Einfach deshalb, weil sich die Frau eben nicht in irgendeinem Genre tummelt und dort Außerordentliches vollbringt, sondern weil sie sich ihre musikalische Welt zu ganz eigenen Bedingungen zusammenbastelt. Zwar spielt Shara Gitarre und singt zuweilen auch mal einen Song am Piano - das ist es dann aber auch schon mit den Vergleichen zu anderen "Songwriterinnen". Shara erhebt den Anspruch auf größeres: Klassik, Jazz, Avantgarde - auch das darf es geben neben Indie-Rock, Blues und einer eigenartigen Affinität zu den Strukturen des klassischen Hardrock (Led Zeppelin). Und war ihrem - immerhin bemerkenswerten - Debüt "Bring Me The Workhorse" noch anzumerken, dass hier eine Menge Gehirnschmalz auf dem Reißbrett verteilt werden musste, bis das Ergebnis zu Tage kam, wirkt das neue Werk, "A Thousand Shark's Teeth" geradezu mühelos und leichtfüßig. Und das, obwohl es noch wesentlich komplexer geriet als das Debüt, dabei ein ganzes Orchester verwaltet werden musste und das Ergebnis dennoch zugänglicher, greifbarer, schlüssiger klingt als die Songs auf "Workhorse".
Dabei ist "Shark's Teeth" keineswegs ein impulsiver Schnellschuss, wie uns Shara verrät: "Ich nahm bereits 2004 mehrere Sessions mit einem Streichquartett auf - noch bevor ich begann, die Aufnahmen für unsere erste Scheibe 'Bring Me The Workhorse' anzugehen", erzählt sie, "Acht der Stücke auf 'Shark's Teeth' waren Teil dieser Sessions - so dass die Songs insgesamt über einen Zeitraum von sechs Jahren geschrieben wurden. Ursprünglich hatte ich vor, das Material nur mit Streichern aufzubereiten, aber ich war unzufrieden mit diesen nackten Arrangements. So begann ich, mehr und mehr Instrumente aufzunehmen - eine Gitarre hier, eine Pauke dort und eine kleine Beat Box da - und plötzlich hatte ich ein großes Durcheinander. Mit der Zeit realisierte ich, dass ich diese ursprünglichen Aufnahmen einstampfen und eine zusammenhängendere, zeitnähere Produktion anstreben müsste. Es gab da einen Zeitpunkt, an dem mir klar wurde, dass es wichtiger war, eine Scheibe aufzunehmen, zu der ich einen Bezug in der Gegenwart hatte, als den ursprünglichen Ideen treu zu bleiben. 'Goodbye Forever' ist der einzige Song, den wir aus den ursprünglichen Sessions beibehielten. Es ist einfach schön, dass etwas von den alten Aufnahmen dabei ist, weil es doch einfach ein langer Prozess war. Wir werden freie Downloads von sechs Originalaufnehmen mit den ersten 10.000 CDs anbieten. Hoffentlich ist das halbwegs interessant zu hören, wie weit entfernt oder wie nahe das Album an den ursprünglichen Streicher-Aufnahmen dran ist." Wenn Shara "wir" sagt, dann klingt das doch mehr nach einer kollaborativen Anstrengung als nach einem Ego-Trip, nicht wahr? "Ja, es arbeiteten ca. 20 Musiker an der Scheibe mit und die Kontrolle, die ich ausübte, variierte doch mehr oder weniger stark. Es reichte vom detaillierten Aufschreiben der Arrangements über das zusammenstellen gesampelter Improvisationen bis dahin, gar keine Kontrolle über Drums und Bass zu haben. Ich mag diese unterschiedlichen Grade der Interaktion mit den Musikern. Als Produzent geht es mir dann darum, ein System zu entwickeln, bei dem ich ziemlich neurotisch an bestimmten Aspekten hänge und auf der anderen Seite die Kontrolle total aufgebe. Ich denke, dass meine Musik eine Zusammenarbeit aller Beteiligten darstellt. Sie ist ein Produkt der Beziehungen der Musiker untereinander und eine Momentaufnahme eines bestimmten Momentes in Zeit und Raum."
Wie entstehen denn Songs wie diese - die ja doch recht komplex sind. Womit fängt z.B. die Komponistin Shara Worden an? "Ich denke oft an irgendetwas", führt Shara aus, "eine Idee, ein Gefühl, ein Bild, eine bestimmte musikalische Geste - und zwar für eine Weile, einige Stunden, einige Monate - das kommt wirklich darauf an. Und dann schreibe ich den Song. Es fühlt sich eher an, als verarbeite man etwas in seinem Bauch und gebiert es dann. Ich hatte einmal Angst, dass ich eventuell nicht mehr schreiben könnte, wenn ich es nicht die ganze Zeit über täte - aber das ist nie passiert. Es gab mal eine Zeit, da habe ich aus Prinzip jede Woche einen Song geschrieben - aber so entstanden die neuen Songs keineswegs. Wie gesagt: Ich hatte acht alte Songs, aber nachdem ich letztes Jahr lange Zeit auf Tour war, stellte ich doch fest, dass es einen Unterschied gibt, wenn man etwas live spielt oder im heimischen Schlafzimmer komponiert. Es kam mir so vor, als wollten die neuen Songs gar nicht live gespielt werden, so introvertiert kamen sie mir vor. Also schrieb ich 'Inside A Boy', 'Ice And The Storm' und 'From The Top Of The World', um diese Dynamik auszugleichen." Geht es in Sharas Texten darum, bestimmte Rollen oder Charaktere zu erschaffen? "Für mich sind die Texte ziemlich persönlich, auch wenn sie am Rande der Phantasie entlang schlingern. Es geht meistens um die Idee, dass wir alle ziemlich groß oder klein sind - so wie Alice, die wächst und schrumpft. Der Fokus liegt manchmal auf dem Banalen oder den simplen Freuden des Lebens. Manchmal geht es aber auch um größere Zusammenhänge oder darum, wie man sich auf dem Dach der Welt fühl oder wenn jemand, den man liebt, sich zum Pluto davon gemacht hat. Da gibt es natürlich auch andere Charaktere in meinen Geschichten. Aber deine Frage ist eher wie eine Traumdeutung: Gibt es wirklich andere Charaktere in unseren Träumen, oder sind diese anderen Charaktere nur Repräsentationen von Teilen unserer selbst?" Und was ist dabei die größte Herausforderung als Komponistin? "Brücken", antwortet Shara, "die architektonischen Zwischenstücke, die eine musikalische Idee mit der nächsten verbinden."

Wonach sucht dabei die Komponistin Shara Worden? "Ah - das ist schwer zu sagen", überlegt Shara, "ich könnte darauf irgendwie klinisch antworten und über das Verhältnis von Melodie, Rhythmus oder Texten sprechen. Aber so eine klinische Analyse vermittelt ja nicht, inwieweit dich ein Song berührt oder nicht. Es ist ja nicht die Komplexität oder Simplizität eines Songs, die diesen für dich anziehend erscheinen lässt. Das ist ein bisschen wie die Frage, ob du Möhren magst oder nicht. Dabei spielt der persönliche Geschmack natürlich eine große Rolle. Einige Songs berühren aufgrund des sozialen Umfeldes oder der Zeit, in der sie geschrieben wurden. Sie spiegeln die Kultur wider oder definieren sie sogar. Das finde ich interessant. Einen Song zu bewerten hat viel mehr mit der Umgebung, persönlichen Erlebnissen, kulturellen oder ästhetischen Dingen zu tun als mit einer musikalischen Formel." Wäre Shara Worden beleidigt, wenn man ihre Musik mit einem Labyrinth vergliche, in dem man sich aber gerne verläuft? "Nein, das finde ich sogar ziemlich cool", meint sie, "hast du den Film 'Labyrinth' mit David Bowie gesehen? Der rockt! Ach - Musik: Meine Droge, meine Glückseligkeit, meine Liebe und mein Folterknecht. Musik ist die Kraft, die uns zusammenbringt. Musik bringt Mauern zum Einsturz. Es ist zugleich eine Wissenschaft, wie ein Geheimnis, eine Heilkraft, ein Aufzug und eine Fluchtmöglichkeit." Was ist denn bei der ganzen Musiziererei zwingend notwendig? "Notwendig ist, dass Musik von jedermann gemacht werden kann und dass sie nicht von der Regierung kontrolliert wird und auch jedermann zugänglich ist." Wie sieht sich Shara als Sängerin - und was möchte sie als Sängerin erreichen? "Als Sängerin möchte ich mich mehr öffnen und freier werden", verrät sie, "es ist einfach, sich eine bestimmte Emotion vorzustellen und zu versuchen, diese irgendwie zu manipulieren. Aber die größten Sänger scheinen dies irgendwie zu vernachlässigen und erlauben stattdessen einfach, was sein muss. Es geht nicht darum, wie jemand anderes zu klingen, sondern einfach der Stimme zu erlauben, die Sounds zu machen, die sie machen möchte, und nicht im Wege zu stehen."

Was ist Shara beim neuen Album das Wichtigste? "Ich suchte nach einer Balance zwischen den Streichern, den Drums und mir selber", führt sie aus, "diese Suche war mir sehr wichtig. Ich habe nichts direkt erfunden, aber ich denke für mich selber. Ich habe viel über das Arrangieren gelernt und ich bin den Leuten dankbar, die mit mir all die Jahre zusammengearbeitet haben." Bei ihren Live-Auftritten und auch auf den Publicity-Shots und auf den Plattencovern überrascht Shara Worden durch ausgefallene Outfits, Frisuren und Posen. Wie wichtig ist Stil und Mode für My Brightest Diamond? "Also ich liebe Bilder, die dich an drei Dinge gleichzeitig denken lassen", erklärt Shara, "oh - das könnte eine Irokesen-Frisur oder ein Vogelnest oder Ozean-Welle sein. Diese Art von Ding. Das ist Kunst für mich - wenn es darum geht, die Phantasie anzuregen, Magie zu erzeugen oder ein banales Objekt so aufzubereiten, dass wir uns damit beschäftigen. Ich mag den Gedanken, für unsere Performances einen einzigartigen Rahmen zu schaffen. Schließlich ermöglicht die Atmosphäre, in der wir Musik erleben, erst eine Verbindung zu bekommen - oder auch nicht." Welches sind die Pläne für die Zukunft? "Wie Prince so schön sagt: 'Ich sah die Zukunft und sie wird sein.' Ich arbeitete mit Tim Fite auf dessen neuer Scheibe 'Fair Ain't Fair' und er hat mir den Gefallen erwidert, indem er meinen Song 'Black And Costaud' remixte und darauf mitspielte. Ich habe auch mit Son Lux (Anticon) auf einem Stück namens 'I Had A Pearl' zusammengearbeitet - was wirklich sehr interessant war, da es hier um ein gleichberechtigtes vermatschen von organischen und elektronischen Arrangements ging. Ich habe ein wenig auf einem Sufjan Stevens-Song mitgesungen, den er für eine 'Red Hot And Indie'-Kompilation für ein Aids-Benefit herausbringen will und ich arbeitete mit der Indie-Kammermusik-Gruppe Clogs auf deren Scheibe mit, die hoffentlich im Herbst erscheinen wird. Ach ja: Den Song 'Bass Player' basierte ich lose auf meinem Freund Jon Rogers, der in meiner alten Band Awry spielte. Der hat übrigens gerade eine neue Scheibe namens 'The Aviary' veröffentlicht." Abschließend sei wieder unsere Standard-Frage erlaubt, was für Musiker dasjenige ist, das am meisten Spaß macht und dasjenige, das am meisten nervt. "Das Internet und das Internet!", ist Sharas Antwort. Man sieht also: Shara Worden geht mit der Zeit und der Mode - aber auf ihre ganz eigene Art und Weise. Wer nach einer Art von Musik sucht, die eigenständig ist, ohne sich von der Realität zu lösen, der ist bei My Brightest Diamond definitiv an der allerersten Adresse.
Weitere Infos:
www.mybrightestdiamond.com
www.myspace.com/mybrightestdiamond
en.wikipedia.org/wiki/My_Brightest_Diamond
www.last.fm/music/My+Brightest+Diamond
Interview: -Ullrich Maurer-
Foto: -Pressefreigabe-
My Brightest Diamond
Aktueller Tonträger:
A Thousand Shark's Teeth
(Asthmatic Kitty/Cargo)




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