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MARISSA NADLER
 
The Ghostwriter
Marissa Nadler
Moderne Folk-Heroinen gibt es ja so einige. Eigenartig dabei ist dann eigentlich nur, dass viele davon es nicht so wirklich schaffen, dem Genre irgendwelche eigenen Aspekte abzugewinnen, sondern oft in den Traditionen und Klischees verharren - und sich somit eher als Interpretinnen verstehen. Nicht so Marissa Nadler. Nachdem ihr Debüt-Album "Songs III: Bird On The Water" noch eher in die klassische Folk-Richtung deutete (eine Frau und ihre Gitarre), weitet sie ihr Klangbild auf den neuen Werk, "Little Hells", geradezu dramatisch aus. So mogelt sich nicht nur gelegentlich eine komplette Band ins Geschehen, sondern es gibt auch jede Menge psychedelisch verfremdeter Momente und sogar eine Prise Rock. Dabei kommt Melissas Musik gleichermaßen versöhnlich wie mit einem Unterton von Gefahr und Düsternis daher.
Was aber sind dabei die besungenen "kleinen Höllen"? "Also den Titelsong habe ich eigentlich total 'Stream Of Consciousness-mäßig' geschrieben", erzählt Marissa, "damals dachte ich noch, das wäre quasi ein 'Wegwerf-Song'. Der Begriff 'kleine Höllen' kam mir dabei einfach so in den Sinn. Ich habe lange damit gekämpft, wie ich das Album nennen sollte. Zunächst sollte es 'Ghosts & Lovers' heißen. Aber dann dachte ich, dass das zu förmlich war und zu viele Liebhaber implizierte. 'Little Hells' setzte sich aber irgendwie fest. Ich habe danach gegoogelt - man weiß ja nie - und es gab nur ein Ergebnis: 'Little Hells' sind Erdbeben, die durch Geysire mit kochendem Wasser verursacht werden. Ich dachte, dass das doch irgendwie dem kreativen Impuls, einen Song schreiben zu wollen, ähnel... so eine Art Explosionsgefährlichkeit." Wie gesagt, sind Marissas Songs auch immer düster. Ist das ein bewusster Prozess? "Meine Musik mag versöhnlich im Ton sein und beruhigend und sanft klingen", erklärt Marissa, "aber inhaltlich geht es doch oft desolat und nüchtern zu. Mir ist dies bewusst und also ist es auch ein bewusster Prozess. Ich frage mich aber, wie sich meine Musik ändern wird, wenn ich mich wieder mal verliebe und glücklich werde. Um ehrlich zu sein, liegt es mir fern, Melancholie zu romantisieren, aber irgendwie ist das ursprünglich in mir drin." Betrachtet sich Marissa überhaupt selbst als Folk-Sängerin? "Nein ", wehrt sie ab, "ich sehe mich nicht als Folksängerin, weil ich keine Botschaften in meinen Songs transportiere. Ich bin eine Songwriterin." Heißt das, dass Marissa auch die Arrangements für ihre Stücke selbst erarbeitet? "Nein, das war bei 'Little Hells' eher eine Gruppenleistung und ein wenig improvisiert", verrät sie, "alle, die beteiligt waren, haben Ideen einfließen lassen. Wenn ich einen Song schreibe, was ich alleine - weit im Vorfeld vor dem Aufnahmeprozess - mache, dann erarbeite ich die Gitarren-Parts und die Gesangsmelodie, bevor ich am Ende die Texte forme. Dann schicke ich die Demos - die ich selbst aufnehme - zu den Musikern und diese machen sich Gedanken dazu. Wenn wir uns dann im Studio treffen, hat jeder Ideen für die Instrumentierung. Und ich habe bei ziemlich allem mitgemacht."
Dabei hat sich das Klangbild - wie gesagt - erweitert. Was genau war eigentlich der Grund dafür? "Ich wollte etwas Neues ausprobieren und dabei auch Risiken eingehen. Ich war es nämlich leid, eine Folk-Sängerin genannt zu werden, nur weil die akustische Gitarre das Instrument meiner Wahl ist", meint Marissa, "niemand lässt sich gerne in Schubladen stecken, weil einen das schließlich künstlerisch erstickt. Nachdem ich mich entschieden hatte, wer auf der Scheibe mitspielt, entwickelte sich das Ganze wie ein Wasserfall." War das dann auch das Wichtigste beim neuen Album? "Das Risiko-eingehen? Ja, denn ich wollte mich von irgendwelchen Labels lösen", führt Marissa aus, "ich glaube, diese CD ist dann auch nicht Genre-spezifisch - und darauf bin ich auch stolz. Es ist außerdem meine aufrichtigste Songsammlung bisher geworden." Welches ist dabei dann die größte Errungenschaft? "Der Song 'Mary Come Alive' - einfach weil er so verschieden ist von irgendetwas, was ich je gemacht habe." Wie wichtig ist dabei der Sound für Marissa Nadler? Es scheint so, dass Hall und Echo fast so eine große Rolle spielen, wie der Gesang oder die Instrumentierung. "Ja, das ist mir schon sehr wichtig", bestätigt Marissa, "Hall trägt für mich wirklich zur Atmosphäre bei. Mir hilft das dabei, mich einzustimmen, wenn ich singe. Ich glaube, ich habe damit begonnen, so etwas zu verwenden, weil ich meine ersten Songs in Treppenhäusern und Badewannen geschrieben habe, wo es ständig hallte. Ich mag es, wie meine Stimme in Räumen mit einer natürlichen Akustik klingt, die stark verhallt ist. Als ich dann live spielte klang alles trocken, spröde und tot. Seither verwende ich dauernd Hall und Delay. Darüber geriet ich oft mit Soundmixern aneinander - ob du es glaubst oder nicht. Ich fragte nach mehr Hall und sie weigerten sich. Ich kann mir kaum vorstellen, dass jemand einem Mann mehr Hall verweigern würde. Da gibt es diesen doppelten Standard in der Musikindustrie, der wohl ursächlich davon ausgeht, dass Frauen nicht wissen, wovon sie reden..." Da liegt Marissa wohl ein bisschen falsch: Soundmischer haben generell ganz spezielle Vorstellungen davon, was richtig und falsch ist und lassen sich da - vollkommen geschlechtsunabhängig - auf keine Diskussionen ein. Doch es gibt ja eine Lösung für ein solches Problem: "Ja, ich habe heutzutage mein eigenes Effektpedal und brauche keinen mehr nach Hall zu fragen. Und heute ist es auch mein erklärtes Ziel, alles über Sound-Technik zu lernen."
Marissa Nadler
Was ist denn Marissas Definition von guter Musik? "Ach, das ist eine verrückte Frage", meint sie, "ich weiß, was ich mag und ich weiß, was andere Leute mögen. Oft mögen Leute unterschiedliche Musik. Geschmack ist Geschmack und ist von Person zu Person verschieden. Was mir gut erscheint, ist für jemand anderen nicht gut. Ich versuche, mir das zu merken, weißt du?" Was muss ein guter Song denn haben? "In meiner Stilrichtung würde ich sagen, dass eine gute Gesangsmelodie das wichtigste Element ist. Bei anderen Genre wäre das vielleicht anders - aber generell liebe ich Melodien." Was war die musikalische Inspiration für das neue Album? "Als ich diese Scheibe schrieb, war ich - ehrlich gesagt - ziemlich deprimiert und hörte gar keine Musik", gesteht Marissa, "meine Inspirationsquelle war also irgendwie mein Gemütszustand. Songwriting kommt mir ziemlich natürlich vor. Ich nehme mir eine Gitarre und schreibe einen Song. Sobald mir eine Gesangsmelodie einfällt, wird ein Song geboren. Die Themen erscheinen wie aus dem Nichts und ich versuche dem Flow zu folgen. Manchmal fühlt sich das wirklich an, als würde ein Geist von meinem Körper Besitz ergreifen und die Stories für mich schreiben - wie z.B. 'Mary Come Alive' und 'Box Of Cedar'. Meine Texte sind wie ein Spinnweben, das man zerreißen muss. Es gibt schon Stories, aber keine offensichtlichen oder linearen. Wenn man genau hinhört, kann man sie entdecken. Aber sie sind mehr wie Gemälde, die einen Moment oder ein Gefühl einfangen." Welche Pläne hat Marissa Nadler für die Zukunft? "Ich wünsche mir, dass David Lynch meine Musik in einem seiner Filme verwendet", schlägt sie vor, "ich würde auch gerne weniger touren und mich - wie Kate Bush - in einem viktorianischen Haus verstecken, in dem ich Songs schreibe. So weit bin ich aber noch nicht. Zwar bin ich eigentlich hermetisch veranlagt, aber ich habe die letzten fünf Jahre wie ein Road Warrior getourt. Das hat - auch mental - seine Spuren hinterlassen. Heutzutage ist es ein wenig einfacher, weil ich in besseren Clubs spiele und man mir auch mal hilft (z.B. in der Londoner U-Bahn nicht die Treppe runterzufallen). Aber es ist immer noch ein anstrengendes Leben. Ich möchte aber weiter machen und bis ans Lebensende Songs schreiben. Ich hoffe, nicht eines Tages auf einem Sofa liegen zu müssen."
Weitere Infos:
www.marissanadler.com
www.myspace.com/songsoftheend
www.lastfm.de/music/Marissa+Nadler
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Pressefreigaben-
Marissa Nadler
Aktueller Tonträger:
Little Hells
(Kemado/Rough Trade)




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