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SOPHIA
 
Therapie
Sophia
Eine neue Sophia-Scheibe ist auch immer so etwas wie ein musikalischer Zustandsbericht über die Gemütslage von Robin Proper-Sheppard. Man darf halt nie vergessen, dass das Projekt Sophia damals ins Leben gerufen wurde, damit Robin den Tod seines Freundes Jimmy Fernandez verarbeiten konnte. Zunächst als Trilogie geplant, entwickelte sich Sophia dann aber - nicht zuletzt aufgrund des für Robin überraschenden Erfolges - zu einer festen Konstante. Das Konzept wurde dann auch dahingehend ausgeweitet, dass Robin seine persönlichen Miseren und den Tod seiner Mutter thematisierte. Eigentlich, so hätte man denken können, sei das Thema dann mit dem letzten Album "Technology Won't Save Us" abgearbeitet gewesen. Als dann die Promoterin das neue Album, "There Are No Goodbyes" als "besonders traurig" ankündigte, war klar, dass Robin mit seiner Therapie noch lange nicht fertig ist. Rein musikalisch ist das neue Werk recht einfach zu begreifen. Es gibt nur klassische Sophia-Tracks - mehr balladeske als rockige -, aber ohne Extreme oder Experimente wie auf den letzten beiden Alben. Die Frage ist dann nur: Was genau thematisiert Robin denn eigentlich auf dem neuen Album?
"Nun, zunächst mal muss ich sagen, dass ich dieses Mal auf dem neuen Album sehr viel alleine gemacht habe", gesteht Robin, "natürlich spielt Jeff mit und Will und ein paar Jungs von Dark Captain My Captain. Adam Franklin sollte eigentlich auf mehr Stücken mitspielen, aber er ist nur auf 'Signs' dabei. Der Grund, warum ich wieder so viel alleine mit Jeff gemacht gabe, ist der, dass ich mich so unsicher mit dem neuen Material fühlte." Schon wieder? "Ja, aber anders als beim letzten Mal gab es dieses Mal keine kreative Krise, sondern es war dieses Mal fundamentaler, weil es um die Umstände meines Lebens ging. Oft schämte ich mich sogar dafür, was ich da ausdrückte. Deswegen nahm ich viele Vocals zu Hause auf, weil ich nicht mal vor meinem Techniker singen wollte. Jeff kennt mein Leben ja ziemlich gut, und sogar vor ihm schämte ich mich. Neil Cliner von Dark Captain My Captain spielte Klarinette auf einem der Songs und ich entschuldigte mich bei ihm, bevor ich ihm den Song vorspielte, weil ich nicht wollte, dass er das durchleben sollte, was ich durchlebte, als ich ihn aufnahm. Das ist schwer zu erklären, aber einiges von den neuen Songs nahm mich dermaßen mit, dass ich mich schämte, dies mit den anderen zu teilen." Das ist umso seltsamer, als das sich ausgerechnet auf dieser Scheibe ein Duett findet. Wie kam das denn zustande? "Das stellt für mich einen wirklich schönen Moment dar", erklärt Robin, "kennst Du eine Band namens Goya Dress? Astrid Williamson war die Frau hinter Goya Dress. Sie ist eine alte Flamme von mir. Wir sind eine lange Zeit ausgegangen und es war eine wirklich ernsthafte Beziehung. Aber wie das manchmal so ist: Sie ist eine Musikerin, ich bin ein Musiker und wir konnten nie lange zusammen in einem Raum sein. Ziemlich ähnlich wie bei der Mutter meiner Tochter. Aber wir sind immer noch gute Freunde - wenn wir denn zusammen sein können. Ich unterhielt mich mit Jeff über die Möglichkeit, ein Duett zu machen, wusste aber, dass ich diesen sehr persönlichen Text nicht einfach irgendjemand geben könnte. Ich unterhielt mich mit Astrid darüber und sagte, dass ich wirklich jemanden finden müsse, der mich versteht und an mich glaubt, jemanden, der mich um meiner selbst willen mag. Da sagte sie, 'Aber Robin, du weißt doch, dass ich dich mag'. Sie hat mich während des ganzen Albums unterstützt und als wir den Song aufnahmen, war das ein verdammt schöner Moment. So wie bei Johnny Cash und June Carter, weißt du. Wir haben zusammen am Text gearbeitet. Ich hatte zwar den Text schon geschrieben, aber Astrid bremste mich ein wenig - weil ich noch härter gegen mich selbst sein wollte. Sie sagte, dass ich diese Dinge nicht sagen könne, weil sie erstens nicht stimmen und sie zweitens nicht zulassen wolle, dass ich sie sagte. Sie hat an mich geglaubt und ich denke, dass man das auch hören kann."
Sophia
Was hat Robin denn musikalisch inspiriert? Wie angedeutet, ist das neue Werk relativ unkompliziert und leicht zugänglich. "Also ich ich habe das ganze überhaupt nicht anders behandelt als die anderen Alben", gesteht Robin, "um ehrlich zu sein, sind die letzten Jahre meines Lebens emotional so schwierig für mich gewesen, dass ich mich einfach nur ausdrücken wollte. Ich kämpfte mit der ganzen Sache und ich ich habe noch nie eine Scheibe wie diese gemacht, obwohl ich mein ganzes Leben lang schon in diesem Geschäft bin. Für mich war einfach alles neu. Ein Stück wie 'Signs' ist z.B. eigentlich überhaupt nicht anders als andere Sophia-Songs. Wir mussten es aber 15 Mal aufnehmen, bis wir zu der Version kamen, die du jetzt auf dem Album hörst. Jeff sagte mir nachher, dass er Angst hatte, dass wir den Song überhaupt fertig bringen könnten, weil ich mich da so reingesteigert habe. Einfach weil es in diesem Song um Zustände ging, die noch anhalten und nicht - wie früher - in der Vergangenheit liegen." Das seltsame ist nur, dass die neuen Songs weniger zerrissen klingen, als viel früheres Material. Kann es sich hier - vielleicht unbewusst - um eine musikalische Auflösung handeln? "Nein, absolut nicht", bestreitet Robin vehement, "obwohl ich mir wünschte, dass es so wäre und du damit ein wichtiges Thema ansprichst. Aber wenn man das umdreht: Weil ich keine Lösungen für mich in meinem Leben hatte, habe ich mich musikalisch überhaupt nicht so hereingesteigert wie auf anderen Alben. Ich bin immer ehrlich mit meiner Musik gewesen und habe nie versucht, etwas zu verstecken. Aber auf den anderen Alben habe ich mich immer mit Themen aus der Vergangenheit beschäftigt, zu denen ich zumindest ein wenig Distanz hatte. Diese fehlte dieses Mal vollständig." Das heißt, das neue Album ist "aktueller" als die anderen und beschreibt Prozesse, die noch anhalten? "Genau, deswegen ist es auch sehr schwer, das neue Material vorzutragen. Es war mir wichtig, die Songs fertig zu stellen - aber ich konnte sie mir zunächst nicht anhören. Ich rief sogar mein Label an und meinte, dass wir die neuen Songs wohl umsonst weggeben müssten, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass sich jemand so etwas anhören würde. Wenn du nun sagst, dass das Album so schlüssig klingt, dann ist das schon eigenartig für mich. Das einzige meiner Alben, das ich bislang wirklich mochte, ist das Live-Album 'De Nachten', weil das einen Moment in meinem Leben darstellte. So langsam kommt mir das bei den neuen Songs auch ein wenig vor - je länger ich mich damit beschäftige. Aber: Es werden keine Fragen beantwortet und nichts aufgelöst. Ich bin jetzt lediglich stolz darauf, dass ich auf dieser Scheibe so offen war. Mag sein, dass es diejenige ist, die am wenigsten gemocht wird, aber ich hoffe, dass wenigstens ein paar Leute schätzen werde, was hier passiert ist. Ich kann das Album nicht erklären, weil ich es nicht verstehe. Ich verstehe die Erfahrungen und Absichten - aber nicht, welche Auswirkungen es auf mein Leben haben wird - weil sich nichts verändert hat. Und das ist die Scheiße dabei. Es gibt keine Distanz zu dem neuen Material."

Das ist also ein andauernder, aktueller Schnappschuss aus Robins Leben? "Ja, denn 'De Nachten' war ein Live-Album und dieses ist ein Live-Album, verstehst du? Es beschreibt das Leben, das ich lebe." Wäre es da nicht besser, es ein "Life-Album" zu nennen? "Ja", pflichtet Robin zu, "alle bisherigen Alben waren über mein Leben - und dieses ist mein Leben. Ich werde immer gefragt, ob mir meine Musik hilft, und in gewisser Weise tut sie das auch. Aber wenn man sich mit Dingen in der Vergangenheit beschäftigt, ist der Effekt nicht so groß. Dieses Album hilft mir in gewisser Weise jetzt sogar in meiner jetzigen Situation. Denn was ich hier vorstelle, bin ich, aber es gibt so wenig Hoffnung in diesen Songs. Und wenn ich mir das jetzt anhöre, dann realisiere ich, dass ich vielleicht doch nicht so ein schlechter Kerl bin." Nun kokettiert Robin doch immer mit diesem Image - auch auf der Bühne. "Aber wieso das denn? Was ich auf der Bühne darstelle, ist nicht mal 10% des Grades an Verachtung, die ich selbst für mich übrig habe. Und das kann ich mit aller Aufrichtigkeit sagen. Ich kann mich wirklich zuweilen nicht leiden." Hm - das ist aber schwer zu glauben. "Warum denn nicht? Ich glaube, die Leute können sich einfach nicht vorstellen, wie das ist, wenn man einen Song singt und dabei zu der Erkenntnis kommt, dass man der mieseste Typ der Welt ist. Das ist auch der Grund, warum manchmal einfach ein Song nicht klappt und ich ihn abbrechen muss. Ich denke einfach, dass manche Leute nicht akzeptieren können, wenn sich jemand so fühlt." Ist es nicht eher so, dass sie es einfach nicht glauben? "Mag sein - aber warum ist das so?", fragt sich Robin, "ist es vielleicht ein allgemeines Misstrauen der Menschlichkeit gegenüber? Warum sollten sie es nicht glauben?" Weil es so stark ist. "Nun gut - aber das ist nicht mein Fehler. Was die Leute vielleicht wirklich nicht verstehen, ist, wie wichtig es mir ist, dieses während meiner Konzerte aufzufangen. Weil das die Momente sind, mit denen ich diese Situationen für mich selbst beleuchte."

Sophia
Okay - kürzen wir das hier mal ab. Robin hat ja nun glaubhaft dargestellt, dass diese Situationen bei Konzerten keine aufgesetzten Gimmicks darstellen. Vielleicht lässt dieses dann ja auch manches Konzert im Rückblick in einem anderen Licht erscheinen? Und was seine neue Scheibe betrifft: So schlimm, wie es sich vielleicht angesichts dieses Gespräches darstellt, ist das Ganze gar nicht. Ganz im Gegenteil: Das neue Werk ist das geschlossenste und schlüssigste seit Jahren. Rein musikalisch wird es vielleicht sogar ein Mal als die ideale Sophia-Scheibe in die Geschichte eingehen - denn es gibt so einiges zu entdecken (die Streicher, eine Klarinette, E-Bow-Gitarren, Lapsteel und einiges mehr). Robin wird mit der Scheibe wenigstens zwei Mal auf Tour gehen (zunächst mit einem Streicherquartett, dann mit Band) so dass sich genügend Gelegenheiten finden lassen sollten, das hier gesagte ins Verhältnis zu setzen.
Weitere Infos:
www.sophiamusic.net
de.wikipedia.org/wiki/Sophia_(Band)
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-
Sophia
Aktueller Tonträger:
There Are No Goodbyes
(CitySlang/Universal)




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