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METRIC
 
Wände mit Türen
Metric
Seit Emily Haines und Jimmy Shaw Anfang des Jahrtausends das Projekt Metric ins Leben riefen, ist viel passiert. Die kanadische Indie-Szene, zu deren Vorreitern sie seit Beginn zählten, ist förmlich explodiert, Metric sind mit der Zunahme der US-Rhythmusgruppe Joshua Winstead und Joules Scott-Key zur "richtigen" Band geworden, Emily hat mit "The Soft Skeleton" eine viel gelobte Solo-Scheibe veröffentlicht und Jimmy Shaw hat zusammen mit seinem Nachbarn Sebastian Grainger ein eigenes Studio gebaut. Dennoch hätten sich Emily und Jimmy vermutlich damals auch nicht träumen lassen, dass sie ein Mal im Vorprogramm der Rolling Stones im Madison Square Garden auf der Bühne stehen würden, drei Jahre nach dem letzten Lebenszeichen als Band eine ausverkaufte Tour im heimatlichen Kanada absolvieren würden oder aber - nachdem sie einen Major-Vertrag gehabt hatten - ein eigenes Label gründen würden. Und doch ist das alles - und noch viel mehr - passiert.
Und das sind auch die Fantasien in der Art, wie sie auf den neuen Werk besungen werden: Ideen und Gedanken, die zunächst mal unwirklich und eben fantastisch klingen, wie Emily und Jimmy uns erklären. "Blonde sind Fantasien", zitiert Jimmy eine Zeile aus dem Song "Sick Muse", "ich denke, dass der Gedanke dabei war - auch was die Glühbirne auf dem Cover betrifft, dass die Fantasie der Ursprung von allem ist. Der erste Zug, der gebaut wurde, war ein Mal die Fantasie, der Wunschtraum von irgend jemandem. Was uns betrifft, sehen wir das so, dass wir uns in einer Welt befinden, die sich zersetzt und wir alles daran setzen müssen, diesen Prozess umzukehren. Das beginnt mit einer Idee, einer Fantasie, einem Licht im Dunkeln." - "Ja und dass alles, was wir als Realität und Fakt hinnehmen sollen, tatsächlich irgend jemandes Manifestationen von Ideen und Träumen sind", fügt Emily hinzu, "ich denke, dass gerade unsere Generation es ein Mal so sehen sollte, dass alle Wände, die uns umgeben und sich uns entgegen stellen, in Wirklichkeit Türen oder Fenster sind. Und wenn dir jemand sagt, dass etwas nicht geht oder sich nicht ändern lässt, dann musst du dich einfach ein wenig mehr anstrengen... oder drücken oder vorwärts gehen. Das ist das Motto unserer Zeit."

Das neue Album stellt für Metric nicht unbedingt eine Rückkehr zu den musikalischen Wurzeln dar, aber es ist straighter und weniger rockig geworden, als der Vorgänger. Wie sind Metric denn das neue Material musikalisch angegangen? "Wir hatten uns zunächst vorgestellt, dass wir die neuen Songs erst einmal live ausprobieren wollten", erklärt Jimmy, "und als wir begannen, das neue Material zu schreiben, buchten wir eine Tour in den USA und spielten auch eifrig drauflos. Am Ende der Tour beschlossen wir aber, dass wir das neue Zeug nicht mochten und begaben uns wieder zum Zeichenbrett zurück. Tatsächlich haben nur sehr wenige Elemente diese erste Phase überlebt - vielleicht 'Stadium Love' und 'Satellite Mind' - das war es aber auch schon." Woher kommt es dann, dass die neuen Songs trotzdem klingen, wie aus einem Guss? "Ich denke, das hat mit den verschiedenen Stadien des Entstehungsprozesses zu tun", führt Emily aus, "wir haben unsere Inspirationen von den verschiedenen Umgebungen bezogen. Unsere erste Station war zum Beispiel dieses Farmhaus-Studio außerhalb von Seattle. Es gab dort den wüstesten Schneesturm, den sie dort je hatten. Wir waren dort total eingeschneit und haben da 'Gimme Sympathy' und 'Collect Call' geschrieben. Deswegen haben die Songs dieses Gefühl von Wärme und Geborgenheit - gerade wie diese schöne Scheune, in der wir da arbeiteten. Das haben wir einfach beibehalten und auf die folgenden Aufnahmen in Toronto übertragen, wo die Rock- und Dance-Elemente dazu kamen." "Gimme Sympathy" ist dabei zweifelsohne der sonnigste und sommerlichste Song des Albums. "Wieso das denn?", will Emily wissen, "weil es heißt 'Here Comes The Sun'? Das ist wegen des Beatles-Songs - darum geht es aber gar nicht." - "Ich finde aber auch, dass der Song ein Frühlings-Feeling hat", pflichtet Jimmy schließlich bei, "wir hatten jedenfalls Frühlingsgefühle im Studio." - "Das ist, was Kanadier machen", erklärt Emily, "sie überwinden das Wetter." Die neuen Songs entstanden in einem relativ langen Zeitraum und an verschiedenen Orten. Wie wichtig war das für den Entstehungsprozess? "Für uns ist das sehr wichtig", erklärt Emily, "ich bin zum Beispiel nach Buenos Aires gegangen, um dort Songs zu schreiben. Und zwar aus dem Grund, dass ich dort etwas erleben wollte, was ich ansonsten nicht erlebe und zwar an einem Ort, an dem ich zuvor noch nicht gewesen war und an dem ich keinen kannte. Der Trick war dabei, mich selbst glauben zu machen, dass ich gar nicht schreibe und die Umgebung auf mich wirken zu lassen. Gerade einfach nur zu leben - und das war die Idee bei dem ganzen Prozess."

Und was war die musikalische Messlatte dabei? "Wir haben uns darauf konzentriert, die ganze Komplexität und die Technik zurückzufahren. Es war uns wichtig, dass der emotionale Gehalt der Songs durch die Songs selbst deutlich wurde. Wenn es da Zweifel gab, dieser verloren zu gehen drohte oder man ihn nicht fühlen konnte, haben wir versucht, das herauszufinden und es zu beheben - und nicht etwa mit einem Gitarrenriff oder einem Synthie-Sound zu kaschieren." - "Das haben wir uns auch in Seattle einfallen lassen. Wir nannten das den 'Lagerfeuer-Test'. Das bedeutet, dass nur Jimmy und ich den Song spielten. Wenn das nicht funktionierte, dann haben wir das auch nicht auf der Platte versucht. Das ist vermutlich der Grund, warum die neue Scheibe geradliniger geworden ist, als die letzte." Ist die Musik auf dem neuen Album so etwas wie eine Band-Sache? "Es gibt verschiedene Arten, auf die Songs entstehen", beginnt Emily - doch Jimmy bringt es auf den Punkt: "Es ist eine Band-Geschichte in dem Sinn, dass jeder seine Rolle kennt und diese ausfüllt, und nicht in dem Sinn, dass alles auf vier gleiche Teile aufgeteilt wurde." Wie kommt es dann zum Beispiel, dass das neue Werk weit weniger gitarrenlastig ist, als noch das letzte, "Live It Out"? "Als wir 'Live It Out' mischten, haben wir einfach die Gitarren lauter gemacht", erklärt Jimmy, "die Songs klangen ganz gut, was sie aber letztlich funktionieren ließ, war die Gitarren aufzudrehen. Die neuen Songs brauchten das ganz einfach nicht. Ich denke, dass mehr melodische Dinge passieren und wir zum Beispiel verschiedene Bass-Formen ausprobierten." - "Und es ist eine ziemliche Synthie-Scheibe", räumt Emily ein, "was mich glücklich macht, weil ich ein Synthie-Guru bin." Wie wichtig ist dabei der Sound als solches? "Der ist nicht unbedingt Teil des Songwriting-Prozesses", überlegt Jimmy, "aber ein Teil der Ausführung. Die Aufgabe des Songs ist, die Emotion zu transportieren und mit der Produktion musst du den Zuhörer die ganze Zeit unterhalten ohne von dieser Emotion abzulenken." Wie fordert man sich dabei als Songwriter heraus? "Indem man weiter Songs schreibt", meint Jimmy. "Die Regel, die wir haben, ist dabei, dass keine unserer Scheiben klingen soll, wie die anderen", wird Emily etwas spezifischer, "und mein Trick ist, mich in ungewöhnliche und gefährliche Situationen zu begeben. Ich strenge mich ganz schön an, um zur zweiten Zeile eine Refrains zu gelangen. Ich glaube an erfahrungsorientiertes Songwriting."

Metric
Wie passen die Texte in dieses - bisher gezeichnete - Bild? Konzeptionell vermitteln Metric ja durchaus so einige Ideen und Konzepte. Wie sieht das denn in Bezug auf die Texte aus? "Nun, ich schreibe die Texte", wirft Emily ein, "und ich fühle mich nicht wie jemand, der eine Mission hat und versuche einfach über mein Leben zu reflektieren, mir das aber möglichst nicht bewusst zu machen. Natürlich schleichen sich Dinge in meine Arbeit ein. Auf unseren letzten Scheiben fühlte ich, dass ich einfach Stellung zu den acht dunklen Jahren nehmen musste, in denen wir uns schließlich befanden - mit dem Irak-Krieg, der Umweltzerstörung und der Korruption und all dem. Ich habe mir aber nicht vorgenommen, politisch zu sein, doch andererseits konnten wir vier ja nicht existieren, ohne davon betroffen zu sein. Ich habe also keine Mission - aber was ich zu sagen habe, das sage ich auch, egal, was die Konsequenzen sein mögen." Emily scheint in ihren Songs ja direkt oft zu jemandem zu singen. "Das ist Rock'n'Roll", schmunzelt Emily, "entweder ist es 'ich' oder 'du' oder 'wir'. Ich denke, dass ich da eine ganz gute Balance habe. Und manchmal kann es ja auch 'sie' heißen..." Worum geht es denn in den neuen Songs? "Nimm zum Beispiel den Song 'Gold Guns Girls'", erklärt Jimmy, "das ist ein Song über Exzesse und wo man die Grenzen ziehen sollte. Die Frage, ob wir unbedingt den ganzen Planeten übernehmen müssen..." - "Und wie man diesen Prozess auf die kleinen Dinge des Lebens überträgt", ergänzt Emily, "zu was sind die Leute bereit, um ihre Wünsche zu erfüllen? Und 'Gold Guns Girls' - das ist es, woran sich Scarface letztlich übernahm, nicht?" Und der letzte Song, "Stadium Love", der sich mittlerweile zu einem Live-Standard entwickelt hat? "Darum geht es um eine postapokalyptische Vision von der Natur, die sich selbst bekämpft. Alle Kreaturen stürzen sich in dieser riesigen, Colosseum-artigen Arena aufeinander, um sich aufzufressen. Die Leute stehen drumherum und wetten darauf, wer wen auffressen wird und die Leute sind nur Zuschauer und keiner ist ausgenommen." - "Wie eine apltraumhafte Arche", ergänzt Emily. Da brauchen wir ja wohl nicht zu fragen, ob es in "Sick Muse" wirklich um eine kranke Muse geht... "Was soll denn eine kranke Muse sein?", fragt Emily jetzt beinahe provozierend, "nein, Texte sollte man nicht in dieser Art analysieren. Ich möchte keineswegs irgendwelche Interpretationen ausschließen." - "Die besten Texte sollten sowieso offen für Interpretationen sein", ergänzt Jimmy noch abschließend.

Metric haben die neue Scheibe ja selbst produziert und finanziert. Ist das jetzt also eine Independent-Scheibe? "Ja, und zwar sogar sehr independent", bestätigt Jimmy noch mal, "wir haben die Scheibe selbst bezahlt und wir waren in der glücklichen Lage zu der Zeit nicht bei eine Label zu sein." - "Ja, und zwar, weil wir uns anderthalb Jahre in einem rechtlichen Ringkampf befunden haben", macht Emily noch deutlich.

Ein Punkt sollte noch erwähnt werden: Auch Metric-Songs tauchen immer öfter in Fernsehserien und Filmen auf. Die ganze Band hatte schließlich einen Cameo-Auftritt in dem Olivier Assays-Film "Clean". (Neben Metric waren auch noch andere Musiker involviert: Gallon Drunks James Johnston spielte eine Nebenrolle und Dean Wareham (Luna), der diese Rolle ursprünglich ein Mal spielen sollte, zeichnete für den Soundtrack mit verantwortlich.) Ist das vielleicht ein neues Standbein? "Das kam so zustande, wie diese Sachen meistens zustande kommen", erklärt Emily, "es ist so, dass uns diese Leute einfach finden. In diesem Fall war es Don McKellar, ein kanadischer Schauspieler, der uns Olivier vorstellte. Die Chemie stimmte sofort und als wir nach Paris gingen, um die Aufnahmen zu machen, fühlte es sich fast wie eine zweite Heimat an. Wir hatten eine ähnliche Erfahrung mit dem englischen Regisseur Edgar Wright ("Shaun Of The Dead"), der einen Film namens 'Scott Pilgrim vs. The World' machte, der demnächst in die Kinos kommt. Er fragte uns nach einem Song und wir hatten eine Komposition namens 'Black Sheep', die wir ihm vorspielten, und die genau das darstellte, nachdem er suchte, so dass es auf dem Soundtrack landete. Das ist insofern cool, als dass der Radiohead-Produzent Nigel Goodrich den Soundtrack betreute und der Film in Toronto geschossen wird. Er arbeitete also in unserem Studio, was wirklich cool war, denn jeder Musiker ist ein Nigel Goodrich-Fan."

Und was ist dann eine Herausforderung als Musiker? "Trompete in einer Big Band zu spielen", antwortet Jimmy wie aus der Pistole geschossen. "Das habe ich natürlich noch nicht gemacht - aber deswegen ist es ja auch eine Herausforderung." Nun mal ohne Flachs: Welche musikalischen Wünsche gibt es denn noch für Metric? "Wir wollen mal eine Heavy Metal-Scheibe machen," meint Jimmy. Eine harte Rockscheibe also? "Nein, eine richtige Heavy Metal-Scheibe mit allem drum und dran", macht Emily deutlich. Und das Beängstigende dabei ist, dass sie das ernst zu meinen scheint. Wie soll das denn mit dem Gesang klappen? "Not a problem, bro'!", meint Emily ohne mit der Wimper zu zucken, "das kriegen wir schon hin." - "Es sieht nicht so aus, als würden wir in Zukunft irgendwann aufhören zu arbeiten", ergänzt Jimmy noch, "und das kann alle möglichen Formen annehmen."
Weitere Infos:
www.ilovemetric.com
www.myspace.com/metricband
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Pressefreigaben-
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Aktueller Tonträger:
Fantasies
(Pias/Rough Trade)




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