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BERRY
 
Die Grenzen der Liebe
Berry
Wer oder was ist Berry? Assoziationen, die man möglicherweise haben könnte, laufen hier ins Leere. Fangen wir mal so an: Berry ist eine Gegend im Departement Indre in Frankreich, aus der die früh-feministische Schriftstellerin George Sand stammt, die Mitte des 19. Jahrhunderts für Aufruhr sorgte - nicht nur, weil sie sich einen Männer-Namen gab und Zigarren rauchend in Herren-Anzügen herumlief. Bekannt wurde sie durch Ihre Romane, politischen Schriften und eine Beziehung zu Fédéric Chopin und später zu Gustave Flaubert. Das hilft aber nicht in Bezug auf unser Problem weiter. Denn hier geht es um Berry, einer jungen französischen Songwriterin, die mit "Mademoiselle" nun auch hierzulande ihr in Frankreich immens erfolgreiches und populäres Debüt-Album herausbringt.
Auf das Problem angesprochen meint Berry - in charmant gebrochenem Englisch, denn sie weigert sich, französisch zu sprechen, um sich entsprechend zu üben - "Außerdem klingt Berry doch auch cool, oder?" Nun ja, tut es. Aber George Sand ist dennoch eine Inspirationsquelle für Mademoiselle, oder? "Ja, gewiss", bestätigt sie, "George Sand war die erste Feministin. Sie tat damals schockierende Dinge, wie in Männerklamotten herumzulaufen und öffentlich zu rauchen. Sie setzte sich für die Rechte der Frauen ein und interessierte sich für Musik und Kunst im Allgemeinen. Ich liebe auch ihre Romane und Gedichte. Und meine Familie stammt auch aus Berry." Berry - bzw. Elise Pottier, wie sie im richtigen Leben heißt - begann ihre Laufbahn keineswegs als Musikerin, sondern kam erst über das Theater und die Poesie zur Musik. "Ja, ich habe Theater gespielt, aber dann habe ich zwei gute Freunde von mir getroffen. Einer davon, Manou, ist ein bekannter Jazzer. Ich liebe seine Arbeit mit seinem Sextett und so habe ich begonnen, ein wenig mit ihm zu arbeiten. Das hat mein anderer Freund, Lionel Dudognon, gehört, der für mich Gitarre spielt und arrangiert. Er hat ein Studio in seinem Haus auf dem Land und hat uns eingeladen. Ich bin dann geradezu danach süchtig geworden, Songs zu schreiben und ich bin im Prinzip ein ganzes Jahr dort geblieben. Ich lebe in Paris, aber dieses Jahr habe ich mir eine Auszeit genommen, um Songs zu schreiben." Und die Schauspielerei ist damit vorbei? "Vielleicht werde ich wieder mal schauspielern", zögert Berry, "Angebote hätte ich schon. Aber momentan bin ich mit mir selbst vollkommen im Reinen und glücklich mit dem, was ich tue - vielleicht das erste Mal in meinem Leben. Ich möchte nicht damit aufhören. Ich liebe es, zu touren und ich möchte wirklich diesen neuen Job erlernen und eine neue Art zu leben obendrein."
Berry
Was ist bei der Zusammenarbeit mit den Musikern am Wichtigsten? Immerhin schreiben diese ja die Musik für Berry. "Es ist mir vor allen Dingen wichtig, dass es meine Freunde sind", meint Berry bestimmt, "ich habe viele Freunde, die auf meiner CD mit machen. Zum Beispiel Youss Banda, der den Rap auf 'Demain' singt. Er kommt aus dem Kongo und er war dort ein Philosoph, der ausgebürgert wurde. Er kam einfach zum Kaffee vorbei und wir arbeiteten an dem Song. Er fragte einfach, ob er mitsingen könne und das war dann so reizend, dass wir es einfach mit draufnehmen mussten." Es gibt auf der Scheibe einen Song, "Love Affair", den Berry auf Englisch singt. Warum denn das? "Oh, ich habe sogar drei englische Songs geschrieben, von denen es nur einer auf das Album geschafft hat", erklärt Berry, "das mache ich deswegen, weil meine anderen Songs ein wenig traurig und melancholisch sind. Ich wollte etwas Leichteres, Lustigeres auf Englisch machen - einfach so zum Spaß. Denn - ehrlich gesagt - verstehe ich gar nicht so richtig, was ich da singe. Das mache ich, um mich selbst zum Schmunzeln zu bringen." Nun sind aber Berrys Songs bzw. Texte zuweilen doch auch recht humorvoll und keineswegs immer traurig. "Das liegt daran, dass ich immer versuche, auch die schönen Momente einzufangen", führt Berry aus, "ich denke schon, dass das Leben schwierig ist. Aber deswegen muss doch nicht jeder Song melancholisch sein. Ich fasse da ja immerhin dreißig Jahre meines Lebens zusammen. Und da ist nicht immer alles traurig. Ich habe von allem etwas in mir."

Worüber singt Berry eigentlich? Es ist nicht so, dass man die Texte nicht verstehen könnte - denn Berry hat eine sehr saubere Diktion -, aber es handelt sich hier nicht um klassisches Storytelling, sondern Aneinanderreihungen von Bildern, Situationen und Szenen. Wer ist zum Beispiel das Fräulein im Titelsong? Ein bestimmtes Mädchen? Eine Freundin? Eine Lehrerin? "Vielleicht bin ich das?", schmunzelt Berry, "oder vielleicht sind es alle Frauen um die dreißig, die nicht einfach so weitermachen wollen und mal eine Auszeit nehmen möchten. Die mal durchatmen möchten, nach dem Sinn des Lebens suchen, eine große Liebe finden möchten." Dabei singt Berry auch von einem Geheimnis, das an ihr klebt, wie ein alter Kaugummi oder die Smith & Wesson an der Stirn eines Mannes? "Ach, dabei geht es um die Situation, dass man manchmal nicht genau weiß, ob man leben oder sterben möchte und was man in einer solchen Situation tun könnte. Am besten ist es ja, das Ganze hinter sich zu lassen und nach etwas Erfreulicherem zu suchen, nicht?" Gewiss. Es ist nicht eben so, dass Berrys Songs simpel und geradlinig sind - auch, wenn sie so leichtfüßig und unbeschwert daher kommen. Ganz im Gegenteil: Manche sind sogar regelrecht dramatisch. "Mein Lieblingssong auf dem Album ist 'Plus Loin', weil es da um den Tod einer Freundin geht", schwärmt Berry zum Beispiel, "ich möchte da über diesen Moment des Todes sprechen. Ich habe hart an dem Song gearbeitet, weil es sich dabei um einen sehr intensiven Moment handelt. Es geht um die Grenzen der Liebe, weil es hier um die Person geht, die ich auf der ganzen Welt am meisten gemocht habe." Welche Grenzen der Liebe sind denn hier genau gemeint? "Nun, mir wurde da bewusst, dass, wenn jemand, den du liebst, stirbt, ja auch die Liebe aufhört", erklärt Berry, "man ist dann ja nicht mehr in der Lage, den anderen weiter zu lieben, nicht wahr? Mir wurde da klar, dass das bei mir natürlich auch so ist. Wer wird mich denn jetzt lieben, wenn sie tot ist? Das ist doch eine Grenze, oder? Es ist auch so traurig, weil man ja immer von absoluter, reiner Liebe träumt. In der Realität gibt es das aber wohl nicht."

Dann gibt es einen versteckten Track auf der Scheibe, der von einer Fahrt in einem Automobil handelt. "Ich liebe Überraschungen in meinem Leben. Das Leben ist voller Überraschungen. Deswegen wollte ich auch eine kleine Überraschung auf meinem Album haben", lacht Berry. Das tut sie eigentlich ständig. "Es geht in dem Song um das Ende der Geschichte und ich fahre in einem Auto." So einfach ist das. Manchmal. Andere Berry-Songs sind einfach Hommages: "'Cheri' ist ein Chanson über den französischen Poeten Paul Verlaine, von dem ich das Gedicht 'Chanson Pour Elle' liebe. Das hat er gewiss über mich geschrieben - das kann nur so sein. Das habe ich in diesen Song eingebaut." Was möchte Berry beim Singen ausdrücken? "Ich möchte gar nichts ausdrücken, weil ich eigentlich ja von gar nichts eine Ahnung habe und selbst nichts verstehe", meint sie bescheiden, "ich möchte einfach nur im Moment sein und Liebe verströmen und empfangen. Wenn so etwas möglich ist. Schließlich haben wir alle dieselben Sorgen, Ängste, Nöten und Freuden. Darin sind wir uns alle gleich und darin kommen wir alle zusammen." Was macht der Musikerin Berry denn am meisten Spaß? "Das, was am meisten Spaß macht, ist der Moment, wenn die Leute mit mir singen, wenn ich sie erreiche. Das ist ein Moment, der größer ist als das Leben. Es ist jedes Mal ein einzigartiger Moment, der am Ende sogar magisch sein kann. Wir wissen nicht, wie er entsteht, aber wir suchen jedes Mal nach so etwas." Und was ist dann am Schwierigsten? "Die Songs überhaupt zu erschaffen", meinte sie, "das ist sehr schwierig mit den Herren Komponisten, weil wir ja den ganzen Tag zusammen arbeiten und dann schon mal verschiedener Meinung sind. Dann gibt es Krieg. Es ist schließlich sehr schwierig, mit Musik dasselbe Gefühl einheitlich auszudrücken. Es ist auch für zwei Leute schwierig, Texte und Musik auf diese Weise zusammenzuführen." Die Chansons wurde live im Studio eingespielt, nicht wahr? "Ja, wir hatten die Songs fertig, als wir ins Studio in Brüssel gingen. Da haben wir die Sachen dann live im Studio eingespielt - zusammen mit den Streichern, die Eumir Deodato (Björk) für uns arrangiert hatte."

Wie wird es denn musikalisch weitergehen für Berry? "Ich habe keine Pläne außer denen, dass ich weitere Songs mit meinen Freunden schreiben möchte. Ich habe schon einige Textzeilen und Melodien im Kopf. Ich weiß aber nicht, was wir damit machen können. Das wird sich im August zeigen. Danach gibt es eine kleine Tour in Deutschland und dann werden wir mal weiter sehen..." Die Tour findet im September, kurz nach der Veröffentlichung der CD statt. Wir werden am Ball bleiben...

Weitere Infos:
www.berry-music.de
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Pressefreigaben-
Berry
Aktueller Tonträger:
Mademoiselle
(Mercury/Universal)




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