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ROSE
 
Das Ringen um die Zukunft
Rose
In Frankreich zählt Keren Meloul - oder Rose, wie sie sich (nach dem Film mit Bette Midler) selbst nennt - zu den absoluten Senkrechtstarterinnen. Nachdem sie - nach einem Studium und einer Zeit als Lehrerin - von Freunden dazu gedrängt wurde, ihre selbst geschriebenen Songs live vorzutragen, ist sie in Frankreich kaum mehr zu bremsen. Das Debüt-Album "Rose" erreichte Doppel-Platin-Status und seither ist Rose nahezu pausenlos unterwegs. Nicht schlecht für eine Künstlerin, die von sich selbst sagt, dass sie nicht zu einem französischen Klischee entwickeln möchte, sondern stattdessen amerikanisch geprägte Musik bevorzuge.
Nach ihrer Heirat mit dem Songwriter-Kollegen Bensé (dem sie auf "Rose" den Song "Julien" widmete und die nicht sehr lange hielt) fand sie nun auch Zeit, zusammen mit Jérome Plasseraud und Thibaut Barbillon - zwei Musikern der Band 1973, die sie über das Internet kennen gelernt hatte - ihr zweites Album, "Les Souvenirs Sous Ma Frange" einzuspielen. Hier findet Rose musikalisch zu einer Balance zwischen frankophilem Charme (obwohl sie es mag, Englisch zu singen, schreibt sie ihre Songs auf Französisch) und Americana-Ästhetik, zu der sie - auf verschiedene Weise - besonders im letzten Drittel der CD findet. Und inhaltlich ist dieses ein ziemlich persönlich geratenes Konzept-Album geworden, auf dem Rose über ihre Familie, sich selbst und ihre Beziehung zu anderen singt - und zwar aus verschiedenen Perspektiven, poetisch verbrämt oder direkt, bezogen auf die Vergangenheit und die (mögliche) Zukunft - aber aus der Position der Gegenwart. Doch der Reihe nach: Mit den "Souvenirs Sous Ma Frange" meint Rose die Erinnerungen, die sie im Kopf hat, wie sie uns erklärt.

"Die 'franges' im Titel sind meine Haarspitzen", erklärt Rose, "und was die Erinnerungen betrifft, so sind das die Erinnerungen einer dreißigjährigen Frau. Es geht also in meinem Fall um dreißig Jahre Erinnerungen - aber genauer gesagt, die Erinnerungen an die Kindheit und die Jugend." So gibt es einen Song namens "Je suis 18 ans" auf der Scheibe."Genau", bestätigt Rose, "es handelt sich um ein Konzeptalbum und '18 ans' ist der Ausgangspunkt - Erinnerungen an die Zeit, in der man noch keine Verpflichtungen hatte und an die man sich klammert. Es gibt auch ein Gegenstück - der letzte Titel, 'Qui Peut Dire' ("...was so viel heißt wie") - auf dem ich mich mit dem Alter befasse - einer Zeit, in der die Erinnerungen dann schon auf dem Papier stehen. Ich singe hier von alten Leuten, die alleine sind und nachdenken. Der Kontrast besteht dann darin, sich einerseits an Erinnerung zu klammern und andererseits der Angst zu viele Erinnerungen zu haben, weil einfach zu viel Zeit vergangen ist." Nun ist die Sache mit dem Alter für Rose ja eher noch hypothetischer Natur. Was ist denn wichtiger: Die Vergangenheit oder die Zukunft? "Das ist eine gute Frage", überlegt Rose, "für mich ist einfach die Zukunft wichtiger. Und zwar deswegen, weil mir noch viele Sachen zum Glücklichsein fehlen, wenn ich mein Leben so betrachte. Deswegen betrachte ich lieber die Zukunft. Wenn ich meine Vergangenheit betrachte, kann ich auf eine intakte Familie und eine glückliche Jugend zurück blicken. Das ist mir als Wurzel sehr wichtig und deswegen beschäftige ich mich auch damit auf dem Album. Allerdings betrachte ich dies aus der Gegenwart. Einfach, weil ich an die Zukunft selbst nicht denke. Ich habe zwar gewisse Hoffnungen - zum Beispiel, dass das Schicksal etwas Gutes für mich bereit hält, aber die Songs spielen alle in der Gegenwart. Ein Blick in die Zukunft lässt sich da nicht unterbringen."

Auf der Scheibe gibt es ein Chanson mit englischem Titel: "Yes We Did" - das jedoch dann wieder in Französisch vorgetragen wird. "Ja, das stimmt. Vielleicht nehme ich den mal in Englisch auf. Der Titel bezieht sich aber aktuell auf das letzte Jahr - Barack Obama und so - es ist eine Bilanz. Ich betrachte mich hier als neutrale Zuschauerin und beschreibe einfach, was vorgefallen ist in Frankreich und sonst. Es gibt auch eine persönliche Note im Refrain, wo ich augenzwinkernd über mich selbst singe - 'die Ehrlichen heiraten die Dummen'. Das sind Leute wie ich, die an etwas glauben, was nicht eintrifft. Ich glaube zwar immer noch an das Gute und die Liebe - es gibt aber immer wieder Zeichen, dass das, was man tut, nicht gut für einen ist. Ich denke, dass die Leute, die mich kennen, das auch verstehen." Damit meint Rose doch gewiss ihre Ehe, oder? "Ja, ja, das war eine sehr schnelle Heirat - chick-chack, sehr impulsiv." Okay - aber warum ist denn der Titel nicht jetzt schon in Englisch auf der CD? "Ach herrjeh - das ist ein Problem", räumt Rose ein, "ich liebe es, Englisch zu singen - aber ich möchte auch meine eigenen Songs singen. Ich liebe Worte. Ich muss also noch besser Englisch lernen, damit ich in dieser Sprache ausdrücken kann, was ich auf Französisch sagen kann. Ich arbeite sehr hart an meinen Texten und korrigiere diese immer wieder - bis ich das, was ich sagen möchte, auch sagen kann. Das ist mir in Englisch noch zu schwierig. Aber ich liebe den Klang der englischen Sprache - einfach auch, weil dieser sehr universell ist." Wer sind denn die namentlich genannten Charaktere auf Roses neuem Album - "Hannah" etwa? "Oh, das ist meine kleine Schwester", erklärt Rose, "sie ist 22 und sie ist sehr stark und eigentlich das Gegenteil von mir. Wenn mir etwas Schlechtes passiert, dann bin ich immer sehr lange niedergeschlagen. Nicht so sie: Sie steht immer wieder sofort auf. Deswegen mag ich sie so. Und deswegen kommt sie in dem Song 'Chez Moi', in dem ich jedem Mitglied meiner Familie eine Strophe widme, auch noch ein Mal vor." Ein Song, der ein wenig heraus ragt, ist "De Ma Fenêtre" - "Vor meinem Fenster" -, auf dem Rose über andere Leute singt, die sie vor ihrem Fenster beobachtet. "Das ist ein bisschen verrückt, denn das ist der einzige Chanson, der konkret von einer Trennung handelt - aber ich habe ihn geschrieben, bevor mir das tatsächlich passiert ist. Es ist also so etwas wie eine Vorhersage. Ich beobachte hier einfach Leute, die an meinem Fenster vorbei gehen und ich stelle mir vor, was denen alles passiert ist oder passieren wird." Auch musikalisch sticht dieser Song hervor, denn Rose lässt sich hier von einem Kammerorchester begleiten, so dass die Musik fasst leichtfüßig daher kommt. "Das ist aber kein fröhlicher Song", bemüht sich Rose auszuführen, "es ist sogar der einzige, der mich zu Tränen rührt, wenn ich ihn singe. Ich wollte hier musikalisch so etwas haben wie 'Eleanor Rigby' - deswegen die Streicher. Als Arrangeur habe ich Bernard Arcadiaux ausgesucht - ein Herr distinguierten Alters, der mit 70 hunderte von Scheiben aufgenommen hat. Er kann einfach alles schreiben. Wenn ich dem irgendetwas sage oder vorsinge, hat er gleich immer die Partituren schreiben können. Ich habe ihm einfach sagen können, dass ich etwas möchte, das nach New Orleans klingt oder nach einem Zirkus oder nach den Beatles - und er hat sofort die musikalische Lösung dafür parat gehabt." Wichtig hierbei ist zu erwähnen, dass Rose ihm diese Anweisungen auch tatsächlich gegeben hat. "Ja, das stimmt", bestätigt sie noch ein Mal, "alle musikalischen Ideen stammen von mir." Dazu gehört auch das Arrangement des Chansons "Comme Un Marin" - "Wie ein Seemann". Ist das ein Schlaflied? "Ja - und zwar eines, das ich mir selber singe", bestätigt Rose, "ich habe da durch ein Diktaphon gesungen. Ich fand das amüsant. Es geht um jemanden, der Freiheit will, aber dann ein Gefangener dieser Freiheit ist. Ein Seemann eben." Im zweiten Teil kippt dieses Stück dann in eine Art Zirkusnummer um - inklusive angeschrägtem Blasorchester. "Oh - da wollte ich so etwas wie die Band Beirut machen, die ich sehr schätze. Das symbolisiert dann einen Sturm, der auch in meinem Leben passiert ist - deswegen auch das seltsame Ende, wo wir nach dem Fade Out noch einen Refrain drangehängt haben - das ist dann die Ruhe nach dem Sturm."
Rose
Der nächste Titel "Ma Corde Au Clou" beschäftigt sich auch mit diesem Sturm, oder? "In gewisser Weise ja. Der Titel ist ein Wortspiel. In Frankreich gibt es diese Redensart 'la corde au cou' - das sagt man, wenn jemand heiratet und sich bindet. Wenn man 'la corde au clou' sagt, will man nicht mehr verheiratet sein. Im Englischen heißt das 'no strings attached'." Wenn man das alles zusammen nimmt, ergibt sich inhaltlich tatsächlich ein von vorne bis hinten durchorganisiertes Konzeptalbum. Wie sieht das ganze denn musikalisch aus? Das neue Material ist weder durchgängig frankophil noch durchgängig Americana-inspiriert - sondern bietet von beidem etwas. Dabei ist der Song "La Mal De L'Aube" derjenige, der sich bislang am weitesten in Richtung Americana bewegt. Er klingt wie ein amerikanischer Alt-Country-Song (der nur eben auf Französisch gesungen wird). "Das ist richtig. Ich spiele hier elektrische Gitarre", erklärt Rose, "auf dem ersten Album wollte ich auch schon elektrische Gitarre spielen - es ist dann aber doch schon sehr akustisch geworden. Dieses Mal habe ich mir gesagt, dass ich das unbedingt mal machen müsste. Ich habe sogar noch mal Gitarrenstunden genommen. Schließlich habe ich alle Stücke auf der elektrischen Gitarre komponiert - auf einer Telecaster. Erst danach habe ich die Songs mit der akustischen Gitarre arrangiert. Ich bin recht stolz darauf und es wird hoffentlich in Zukunft mehr in dieser Art geben. Ich werde auch live mehr E-Gitarre spielen. 'Aube' ist die Art von Song, den ich ursprünglich immer schon machen wollte. Das passt auch thematisch - denn ich fühle mich von der Nacht und dem Nachtleben angezogen. Den Song habe ich geschrieben, nachdem ich wegen Stimmproblemen operiert werden musste. Es gibt sogar ziemlich viel Whisky in diesem Song..." Was hat Rose auf dem neuen Album also anders gemacht? "Eigentlich alles". überlegt sie, "das erste Album haben wir sehr schnell einspielen müssen. An einem Tag war ich eine Lehrerin, am nächsten stand ich im Studio und wurde gefragt, welche Songs ich hätte. Es war also sehr frisch und unbefangen - weil ich alles zum ersten Mal machte. Jetzt, beim neuen Album, wusste ich ja, was ich tat und konnte mehr drüber nachdenken. Und ich wusste ja jetzt auch, wie man live spielt. Somit konnte ich mit diesen Erfahrungen arbeiten, denn im Studio aufzunehmen ist etwas ganz anderes als live zu spielen - was ich damals noch nicht wusste."

Was ist Rose denn überhaupt am Wichtigsten? "Live zu spielen und auf der Bühne zu stehen", erklärt Rose, "das war immer schon so. Das Schwierigste ist für mich, die Songs fertigzustellen und zu schreiben, bevor wir ins Studio gingen. Das bedurfte enormer Anstrengungen. Diese Mühe zahlt sich dann auf der Bühne aus, wo man unbefangen von allem sprechen und singen kann." Das Schwierigste ist also das Songwriting? "Ja, denn ich orientiere mich immer an dem, was ich höre. Im englischsprachigen Raum gibt es enorme, unzählige Möglichkeiten. Im Französischen gibt es nicht so viele Möglichkeiten - das ist ein wenig bizarr. Ich liebe nun mal Rock und Blues - und den gibt es da nicht. Ich muss mir also alles mühsam erarbeiten." Das ist Rose indes sehr gut gelungen, denn "Souvenirs" ist eine perfekte Verbindung von klassisch französischen und Americana-Tugenden. Rose ist da in eine Nische gesprungen, die so noch nicht existierte, und das sollte sich eigentlich auch auszahlen.

Weitere Infos:
www.dasistrose.de
de.wikipedia.org/wiki/Rose_%28S%C3%A4ngerin%29
www.rose-lesite.fr
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Pressefreigaben-
Rose
Aktueller Tonträger:
Les Souvenirs Sous Ma Frange
(Pop U-Lab/EMI)




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