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Mal gucken
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Konstantin Gropper gibt sich wirklich Mühe. Es reicht ihm einfach nicht, tolle Songs mit großartigen Arrangements zu schreiben (und einzuspielen) - auch die Texte müssen von jedwedem Ruch der Banalität und Gewöhnlichkeit befreit werden. So gibt es hier mehr Zitate und Querverweise aus Philosophie, Literatur, Filmkunst und Poesie als in so mancher Kleinstadtbibliothek zu finden wären. Dazu gehört auch, dass das zweite GWS-Album einen Namen trägt, den selbst muttersprachliche Engländer in historischen Lexika nachblättern müssten: "Vexations" ist einerseits der Titel eines Klavierstückes von Eric Satie (das Gropper auch zitiert), das später von John Cage berühmt gemacht wurde, der dieses - nach Anweisung des Komponisten - 840 Mal wiederholte. "Vexation" ist aber auch - einfach übersetzt - eine altertümliche Variation des Begriffes "Ärgernis". In Bezug auf GWS ist das natürlich nicht so richtig ernst gemeint - denn weder übertreibt es Gropper hier mit Wiederholungen irgendwelcher Art, noch ist diese Scheibe wirklich ein Ärgernis. Eher schon ein Kunstwerk - zum Beispiel in dem Sinne, dass Kunst ja auch immer zum Nachdenken anregen sollte.
Was darin begründet ist, dass sich Konstantin dieses Mal diverse "Klöppel-Instrumente" als neues Stilmittel ausgesucht hat - Glockenspiel, Marimba, Xylophone, Vibraphone und was es da sonst noch so gibt. "'Klöppelinstrumente' finde ich nicht schlecht. Auf Englisch nennt man sowas 'Malletts', aber im Deutschen finde ich da auch keinen Begriff für. Ich habe mal so ein Ding rumstehen sehen und damit rumexperimentiert und dadurch habe ich einige Songideen bekommen. Das ist bei mir nämlich auch so, dass ich mal durch Instrumente Ideen für Songs bekommen kann. Das gehörte also von Anfang an dazu und war als stilprägendes Element geplant." Das Album beginnt mit einem gesprochenen Text, der ein wenig an Alice in Wunderland erinnert. "Ein bisschen war das auch so - es sollte eine Art Märchencharakter bekommen", führt Konstantin aus, "die Geschichte mit der Wurzel in diesem Text ist aber tatsächlich eher auf Sartre zurückzuführen." Philosophie ist bei Konstantin Gropper sicherlich auch einer jener Fixpunkte, an denen er seine Werke festmacht. Da interessiert es dann zum Beispiel, warum er und sein Chor in dem Song "We Are Ghosts" ausgerechnet "God Is Dead" skandieren. "Das ist eines der zahlreichen Zitate, die ich verwende, und auch das berühmteste. Deswegen habe ich es auch gewählt - damit man es als Zitat erkennt und nicht eine Aussage aus meinem Mund. Es handelt von der Aufklärung und allem, was danach kam. Das ist eines der radikalsten und exponiertesten Zitate und deswegen habe ich es verwendet. Mal gucken!"
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Wir halten fest: Konstantin Gropper kombiniert "Gott ist tot" mit "radikal", "exponiert" und "mal gucken". Das ist dann wohl angewandte Philosophie. Des Weiteren präsentiert sich Konstantin auf dieser Scheibe als Stoiker. Das ist eine altphilosophische Richtung, die im Wesentlichen besagt, dass man sich mit dem Schicksal abfindet. "Seneca war der ausschlaggebende Autor", erklärt Konstantin, "sein Buch ist mir über den Weg gelaufen und es hat tatsächlich zu meinem Text gepasst. 'Vexations' ist aber kein Konzeptalbum über Stoiker." Wie passt dann Werner Herzog da rein - auf den Konstantin auf "Vexations" Bezug nimmt. "Der passt tatsächlich genau zu diesem Thema", stellt Konstantin fest, "weil das der konsequenteste und zielstrebigste Künstler ist, der mir jemals begegnet ist. Er sagt: Wenn es um die Kunst geht, ist alles andere egal. Da ist dann auch das eigene Leben egal. Und es ist ja auch so, dass er bei fast jedem Film sein Leben auf das Spiel setzt und dann sagt, das sei egal, so lange nur das Ziel verfolgt werde. Das passt für mich schon gut zu dem Thema. Und wenn man ihn erlebt, ist er bei all dem Wahnsinn ein sehr ruhiger Mensch. Ich denke auch, wenn man mit Kinski fünf Filme macht, muss man ein Stoiker sein." Wird das auch in der Musik des neuen Albums reflektiert? "Also sagen wir mal so: Ich kann mich mit dem Stil von Herzog schon sehr gut identifizieren und ich finde mich da auch irgendwo wieder. Aber direkten Bezug darauf nimmt die Musik nicht. Wenn es so erscheint - umso besser." Gab es denn direkte musikalische Inspirationen? "Bei einzelnen Stücken auf jeden Fall", bestätigt Konstantin, "zumindest was die Instrumentierung angeht. Ich habe versucht, meinen Horizont zu erweitern. Zum Beispiel in Bezug auf die Klöppelinstrumente - wie zum Beispiel eine Steel-Drum, die nicht in diese Art von Musik gehört. Dann gibt es eine Art Mardi Gras Trauermarsch mit der Harmonie eines frühklassischen Stückes von Pergolesi. Dann das Stück 'Vexations' von Satie, das ich auch zitiere. Und ich habe viel Scott Walker gehört."
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Einige Songs haben unerwartete Brüche in Bezug auf Tempo und Melodie. "Ja, das ist absichtlich geschehen", bestätigt Konstantin, "ich würde sogar sagen, dass das so ein bisschen mein Ding ist. Ich mache es wegen des Kontrastes und man darf es auch gerne Brüche nennen. Ich mache das - wie bei "Angry Young Man" - weil es auch thematisch begründet ist. Es geht hier um einen Schwebezustand, der auch mit dem Thema 'Aggression' zu tun hat, dem ich mich aber eher theoretisch nähere, weil ich eher ein ruhiger Mensch bin. Ich mache so etwas also nicht, weil mir einfach das Stück zu langsam ist, sondern es hat einen Sinn. Wie hier zum Beispiel, um auszudrücken, dass, bevor es zu Aggressionen kommt, man davon laufen kann." Haben sich Konstantins Arbeiten an den Filmmusiken auch auf die Musik niedergeschlagen? "Mit Sicherheit - zunächst mal persönlich, die Arbeitsweise betreffend. Denn das hat auch alle negativen Seiten einer Auftragsarbeit mit sich gebracht. Etwa indem man viele Kompromisse eingehen muss und weil es ein langer Arbeitsprozess ist - was in der Natur der Sache liegt, weil man in Verhältnis zu den Auftraggebern steht. Von daher war die Arbeit am Album schon wieder eine große Befreiung. Bildreiche Musik zu machen, habe ich ja eigentlich immer schon versucht. Filmmusik ist nach wie vor ein großer Einfluss auf meine Musik." Auf der neuen GWS-Scheibe spielt auch Maike Rosa Vogel mit, auf deren Alben auch Konstantin zu hören ist. "Ja - wir haben eigentlich ein gemeinsames Projekt, das aber immer so ein bisschen auf Eis liegt. Wir haben uns während des Studiums kennengelernt und zusammen Musik gemacht. Es ist eher elektronische Musik und ich hoffe, dass wir mal wieder was zusammen machen können. Momentan haben wir aber beide viel zu tun und Maike hat auch gerade jetzt ein Kind bekommen." Was ist für Konstantin die größte Herausforderung? "Ich würde sagen, dass ich einen relativ hohen Anspruch an mich selbst habe. Dieses Mal gab es ja auch eine Erwartungshaltung von außen. Ich glaube, als Songwriter muss man aber an einen Punkt kommen, an dem einem das alles egal ist - die Zwänge von außen und von innen - womit wir wieder bei Herzog wären. Ich weiß es aber nicht genau, was eine Herausforderung für mich ist. Mit Regisseuren zusammen zu arbeiten ist vielleicht eine. Vielleicht sollte ich mir aber selbst mal die Frage stellen, was eine Herausforderung für mich ist." Nun, sollte Konstantin eine Antwort auf diese Frage gefunden haben, werden wir es sicherlich erfahren. In Form eines Albums mit Konzept, das aber kein Konzeptalbum ist.
Weitere Infos:
www.youwillgetwellsoon.com
www.myspace.com/youwillgetwellsoon
de.wikipedia.org/wiki/Get_Well_Soon
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Pressefreigaben-
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Aktueller Tonträger:
Vexations
(CitySlang/Universal)




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