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JIM O'ROURKE
 
Hansdampf in allen Gassen
Jim O'Rourke
Wann hat man schon mal die Gelegenheit, mit einem Produzenten zu sprechen? Noch dazu mit einem, der keinerlei Hemmungen, Grenzen und Einschränkungen kennt? Und noch dazu mit einem, der obendrein Musik macht? Und dies noch in mehreren Projekten? Nun, Jim O'Rourke aus Chicago ist so ein Wunderkind. Soeben hat er z.B. die letzte Platte von Smog produziert. Gerade arbeitet er mit Stereolab und hat sich für Interviews extra einen Tag frei genommen. Als nächstes geplant ist eine neue Sonic Youth Scheibe. Und dann soll es ggf. noch ein Video zu seiner aktuellen eigenen Veröffentlichung "Eureka" geben - einem wahrlich beeindruckenden Werk, welches klingt als sei es auf 300 Spuren aufgenommen (und immerhin tatsächlich auf ca. 100 kommt!). Es ist dies eine komprimierte Reise durch die Welt der Sounds according to Jim O'Rourke. Ach ja: Daneben ist er noch maßgeblich an dem Experimental-Projekt Gastr Del Sol beteiligt. Dies aber nur am Rande.
Warum macht ein so vielbeschäftigter Mensch denn überhaupt noch Musik?

"Nun, bei mir geht es immer darum, meine Grenzen auszuloten. Das ist auch der Grund, warum ich auf dieser Platte singe - das habe ich noch nie vorher getan", erläutert Jim, "daneben geht es natürlich auch immer um das Ausprobieren von Sounds und Stimmungen - und dem Lösen von technischen Problemen, z.B. wie man 100 Spuren auf 2 runtermischt. Wir haben lauter solche Sachen auf der Platte. Ich habe mit verschiedenen Schlagzeugern zusammengearbeitet, weil sie komplett verschiedene Stile draufhaben. Wußtest Du, daß das Orchester aus ganzen 2 Mann besteht? Sowas fasziniert mich. Und natürlich die Möglichkeit, scheinbar unvereinbare Sachen zu integrieren..."

Aus jedem dieser Konzepte haben andere ganze Karrieren aufgebaut. Da gibt's wirklich jede Menge zu entdecken, auf "Eureka". Und besser als Jim könnte man diese Platte wirklich nicht beschreiben: Homogen ineinanderfließend finden sich tatsächlich die unglaublichsten und scheinbar unvereinbarsten Versatzstückchen einträchtig nebeneinander. "Eureka" ist im positivsten Sinne ein Konzeptalbum, eine Rockoper.

"Es ist mir aber wichtig zu betonen, daß ich kein Konzept hatte", wirft Jim ein, "es war eher eine Entdeckungsreise. Natürlich half es mir, daß ich die Arbeit immer wieder unterbrechen mußte, wegen meiner zahlreichen Jobs. Sowas verschafft Überblick, wenn Du die Sachen zwischendurch mal ein wenig ruhen läßt."

Eine Sache, die man angesichts der (unaufdringlichen) Komplexität und Strukturen von "Eureka" kaum glauben mag, ist, daß dieses Material auch schon mal live aufgeführt wurde.

"Ja, das mache ich aber nicht nochmal. Ich war mit den Nerven total fertig, hatte quasi einen Zusammenbruch. Wir haben das Ding in Japan aufgeführt und es gab jede Menge zu organisieren und zu koordinieren. Ehrlich gesagt, ich kann mich an das Konzert kaum erinnern. Es war wohl okay..."

Jim O'Rourke scheint einer jener Leute zu sein, die ständig beweisen müssen, daß das, was andere als unmöglich bezeichnen, doch geht. Ein typischer Querdenker und Macher also. Kaum zu glauben, daß bei seiner Platte sogar sowas wie Pop-Appeal aufkommt.

Jim O'Rourke
"Ja, hörbar müssen die Sachen natürlich auch sein. Ich achte darauf, auch Melodien einzubringen. Der Opener z.B., "Women Of The World", ist sowas wie der heimliche Hit. Ich werde öfter darauf angesprochen - und zwar von allen möglichen Leuten, auch solchen, die mit Musik gar nichts zu tun haben. Insofern hat meine Musik auch was integrierendes. Aber egal: "Women" basiert auf einem vorhandenen Gedicht. Ich fand dieses Mantra ("Frauen der Welt, übernehmt die Macht, bevor alles den Bach heruntergeht") sehr interessant, weil es eben nicht an Sinn verliert, wenn man es wiederholt - wie andere Mantras. Deswegen ist das Stück auch so lang. Obwohl: Es ist noch eine kurze Version. Die die andere Versionen kennen, oder die Live Version, bedauern, daß es nicht länger ist."

Warum heißt die Scheibe eigentlich "Eureka"?

"Nun, weil ich wenigstens eine Platte herausbringen wollte, die nach einem Nicolas Roeg Film benannt ist" (Der Film "Eureka" von Nicolas Roeg ist eine wenig gesehene, bildgewaltige Allegorie über Gier und Macht, die im Goldgräber-Milieu spielt. Rutger Hauer und Gene Hackman spielen die Hauptrollen).

"Nein, Spaß beiseite", schränkt Jim ein, "ich wollte eine positive Formulierung wählen, etwas lebensbejahendes, was aber unverbindlich ist, damit jeder selber etwas damit assoziieren kann."

Wie mit Jim's Musik. Ein wenig interessiert aber doch seine Arbeit als Produzent. Hat er da ein Grundrezept?

"Nein. Ich lasse mich immer auf die Musiker ein. Bill Callahan von Smog z.B. weiß sehr genau, was er will und ich helfe ihm dann bei der technischen Umsetzung. Er sagte zum Beispiel: 'Das soll heavy klingen' und ich sagte - 'Was meinst Du mit 'heavy'? Und dann tasten wir uns langsam ran. Und dann half ich ihm noch mit den String-Arrangements usw. Stereolab hingegen laden mich ein, ein Teil der Band zu sein, Stücke zu schreiben - etwas was ich sonst nicht tue, aber wir sind gute Freunde, und ich fühle mich wohl dabei. Bei meinen eigenen Sachen bin ich schließlich für alle Entscheidungen verantwortlich. Es ist wirklich ganz verschieden."

Leider wird Jim die CD nicht live in deutschen Landen präsentieren (schließlich können wir ja auch keinen weiteren Nervenzusammenbruch verantworten). So bleibt also nur übrig, auf die Scheibe zu verweisen und darauf hinzuweisen, daß wo nicht Jim O'Rourke draufsteht, trotzdem Jim O'Rourke drin sein kann.

Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-

Aktueller Tonträger:
Eureka
(Zomba)


Jim O'Rourke

 
 

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