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CHRIS BROKAW & GEOFF FARINA
 
Zwei Bleichgesichter haben den Blues
Chris Brokaw & Geoff Farina
"You might see your kids again, but it will be in another world" - großartige, aber irgendwie auch fürchterlich kaputte Zeilen wie diese aus dem Traditional "Stagger Lee" waren es, die die ausgewiesenen Indierocker Chris Brokaw und Geoff Farina, der eine einst bei Codeine und Come, heute bei Dirt Music und als Solist unterwegs, der andere früher Kopf von Karate und heute mit den Glorytellers aktiv, dazu bewegt haben, ein ganzes Album ausschließlich mit Blues-Nummern aufzunehmen, die ihren Ursprung allesamt in der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg haben. "The Angel's Message To Me" heißt das ebenso dezente wie musikalisch ausgereifte Werk des Duos, das die beiden US-Amerikaner im Oktober und November auch live in Deutschland vorstellen. Gaesteliste.de sprach in Berlin mit Chris Brokaw über die Platte, die bereits seit einigen Jahren auf den Webseiten der beiden Musiker angekündigt war, aber erst unlängst erschien.
"Es hat so lange gedauert, weil wir uns beide auf andere Projekte konzentriert haben", erklärt Chris. "Ich bin nicht sicher, ob uns das wirklich bewusst war, aber wenn du selbst Musik schreibst, bist du viel mehr daran interessiert, dieses Material zu veröffentlichen, anstatt Blues-Coverversionen die Priorität zu geben. In den letzten Jahren waren meine Interessen äußerst vielfältig, aber wenn du nicht gerade Free Jazz machst, wird es für gewöhnlich nicht als gute Idee betrachtet, sechs Platten pro Jahr zu veröffentlichen. Außerdem vergeht die Zeit für mich derzeit einfach wie im Fluge. Geoff und ich haben diese Platte im November 2007 fertiggestellt und sind einfach darauf sitzen geblieben. Ich habe sie drei Labels geschickt. Bettina Richards von Thrill Jockey mochte sie, wollte sie allerdings nicht selbst veröffentlichen. Sie bot aber an, sie zu vertreiben, wenn ich sie auf meinem Label herausbringe, und sie wollte auch die digitale Version übernehmen. Irgendwie war ich dann eine Weile durch andere Projekte abgelenkt, bis sich das englische Label Damnably bei uns meldete und anbot, zehn Shows für uns in England zu buchen sowie die Platte zu veröffentlichen. Dass jemand zu uns kam und wir uns nicht selbst darum kümmern mussten, hat sehr geholfen!"

Glücklicherweise, so erinnert sich Chris lachend, mochten die beiden die Platte noch, als sie sie zweieinhalb Jahre nach ihrer Fertigstellung noch einmal hörten, doch wie kam es eigentlich dazu, dass die beiden nicht nur eine gemeinsame Platte aufgenommen haben, sondern sich darauf auch noch des nicht unbedingt offensichtlichen Sujets des Blues annehmen? "Vor ungefähr fünf Jahren war ich als Vorprogramm für Karate in den USA unterwegs. Nach dieser Tournee fragte uns ein Hardcore-Label, dessen Namen ich inzwischen vergessen habe, ob Geoff und ich ein Split-Album machen wollten", erzählt Chris. "Natürlich sagten wir zu, fragten aber, ob wir die Songs auch gemeinsam aufnehmen könnten. Allerdings hatte ich zu dem Zeitpunkt überhaupt keine neuen Songs, also lud ich Geoff zu mir nach Hause ein, um das Ganze zu besprechen. Er kam zur Tür herein und sah als Erstes mein Blind Blake-Boxset. Er fragte, ob ich so etwas mag, ich bejahte und er erzählte mir, dass er derzeit nichts anderes hört! Also setzen wir uns hin und spielten einige dieser Songs für vielleicht zehn Minuten. Die Chemie war sofort da, und da schwante uns, dass wir womöglich gerade auf das Thema für unsere Platte gestoßen waren. Die nächsten anderthalb Jahre haben wir dann damit verbracht, die Platte in vielen kleinen Anläufen aufzunehmen, was besonders ironisch war, wenn man bedenkt, dass die meisten Blues-Platten, die uns als Vorbild dienten, vermutlich innerhalb einer Stunde aufgenommen worden sind."

Die entspannte Entstehungsphase hat ohne Frage dazu beigetragen, dass das Album trotz der Schwere vieler Texte oft geradezu leichtfüßig klingt. Bei vielen Songs ist zudem kaum auszumachen, wer was spielt, und selbst die Singstimmen der beiden Protagonisten ähneln sich. "Ich bin immer noch überrascht, wie gut die beiden Gitarren miteinander harmonieren", gesteht Chris. "Schließlich ist Geoff ein äußerst ordentlicher, lernbegieriger, wählerischer Mensch, was ich ganz toll finde. Er setzt sich hin und lernt täglich stundenlang alte Blues-Songs. Er wusste genau, dass es sich bei diesem oder jenem Song um die Version von 1928 handelt. Meine Herangehensweise war dagegen viel schlampiger, ich sagte immer: 'Lass es uns einfach auf unsere Weise machen!' Beides zusammen kann funktionieren, muss es aber nicht. Zum Glück hat es in unserem Fall geklappt! Dabei habe ich mich anfangs ehrlich gesagt schon gefragt, ob die Welt wirklich noch zwei Bleichgesichter braucht, die den Blues spielen, aber letztlich fühlte es sich wirklich gut an und das Publikum scheint es auch sehr zu mögen."

Während Geoff ein ausgewiesener Blues-Experte ist, der inzwischen sogar an der University of Maine Kurse zu diesem Thema leitet, hat sich Chris - von der Nähe seines Folk-Fingerpickings zum Blues einmal abgesehen - bisher eher auf anderen musikalischen Feldern ausgetobt. "Als ich in der Highschool war, hab ich mich ein, zwei Jahre sehr intensiv mit einigen Aspekten des Blues auseinandergesetzt", erinnert sich Chris. "Dann wurde ich vom Punkrock ergriffen und das Interesse am Blues verblasste. Als ich mir dann vor ungefähr acht Jahren eine Akustikgitarre zulegte, beschäftigte ich mich wieder mehr damit. In den letzten Jahren habe ich dann ein besonderes Faible für sehr primitive, sehr repetetive, oft sehr schlecht aufgenommene Musik entwickelt, für Leute wie Charley Patton und die ganze Welt des Delta-Blues, Black Metal und Suicide. Suicide haben ein Boxset mit 13 Liveshows von 1977 und 1978 veröffentlicht. Das habe ich zu meinem Geburtstag bekommen und es dann vier Monate ohne Pause gehört. Ich kann nicht erklären, was mich an dieser Musik so reizt, aber irgendwas geht dort vor sich!" Während auf "The Angel's Message To Me" vor allem bekannte Standards zu finden sind, die man auch schon von Künstler wie Bob Dylan, The White Stripes und einer Menge Bands aus der zweiten Reihe kennen könnte, sollen für das derzeit in Planung befindliche Nachfolgewerk deutlich obskurere Stücke aufgenommen werden.

Ausgezeichnet ist aber nicht nur die Musik, auch das Artwork fällt, besonders bei der auf dem Oberhausener Label Jellyfant veröffentlichten Vinylausgabe der Platte, sehr positiv auf. Geschossen wurden die Cover-Fotos von Chris selbst! Allerdings macht er seine Bilder in der Regel, ohne einen bestimmten Verwendungszweck im Hinterkopf zu haben. "Zumeist ist es in der Tat so, dass ich einfach fotografiere und zu einem späteren Zeitpunkt zu den Bildern zurückkehre", sagt Chris über seine Vorgehensweise. "Es gibt aber bestimmte Themenbereiche, zu denen ich eine große Menge Bilder geschossen habe, und je mehr ich davon mache, desto mehr habe ich im Hinterkopf, dass sich daraus eine Geschichte oder ein Projekt entwickeln könnte. Die Fotos für 'The Angel's Message To Me' habe ich ausgesucht, weil ich vermeiden wollte, dass bei dieser Art von Musik übliche sepiafarbene Cover zu haben. Zunächst hatte ich sogar vor, es wie eine Techno-Platte aussehen zu lassen. Deshalb sind die Farben jetzt auch so knallig. Die Fotos, die nun auf dem Cover zu sehen sind, zeigen Coney Island, was meines Erachtens sehr gut zur Platte passt: Ein alter Vergnügungspark, der aber immer noch viele Besucher zieht und in dem die Menschen immer noch ihren Spaß haben. Er ist schon irgendwie altmodisch, aber Kinder, die sich darüber keine Gedanken machen, können dort einfach Spaß haben. Darin sehe ich eine Analogie zu dem, was wir musikalisch auf der Platte machen. Ich hatte eine große Menge Fotos zur Verfügung, ausgesucht habe ich aber ausschließlich welche, die eine gewisse Sanftheit besitzen. George von Damnably hatte mir gesagt, dass er die Platte als trostspendend empfindet. Das gefiel mir sehr, weil das auf die Musik, die ich mache, nicht oft zutrifft, daher sollten die Cover-Fotos diesen Eindruck noch verstärken."

Chris Brokaw & Geoff Farina
Inzwischen ist nicht nur das Album erschienen, auch die bereits erwähnte Tournee in England im Frühjahr und ein einwöchiger Abstecher nach Italien im Juni wurden erfolgreich absolviert, bevor nun im Oktober und November eine mehrwöchige Tournee durch Deutschland und den Rest von Europa folgt. Zum Schluss unseres Gesprächs verrät Chris noch, was uns dort erwartet, denn natürlich ist das Programm nicht nur auf das Dutzend Songs von "The Angel's Message To Me" beschränkt. "Zum einen haben wir ein paar neue alte Songs gelernt, zum anderen haben wir bei den bisherigen Shows auch immer einige wenige unserer eigenen Songs in das Programm eingebaut. Im Herbst wird es wohl ein wenig anders aussehen. Vermutlich werden wir beide zunächst je 20 bis 30 Minuten alleine unsere eigenen Nummern spielen, anschließend dann ungefähr 30 oder 40 Minuten gemeinsam die Blues-Songs. Ich denke, das gibt uns nicht nur beiden die Chance, einigermaßen umfassend das zu präsentieren, was wir alleine machen, sondern es gibt uns vermutlich am Ende des Tages auch größere Befriedigung." Und das Publikum hat auch noch etwas davon: Egal, ob man vor allem Chris mag oder Geoff oder ihre gemeinsame Blues-Exkursionen: Am Schluss sollte jeder glücklich nach Hause gehen können.
Weitere Infos:
www.chrisbrokaw.com
www.geofffarina.com
www.damnably.com/geoff-farina-chris-brokaw
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Pressefreigaben-
Chris Brokaw & Geoff Farina
Aktueller Tonträger:
The Angel's Message To Me
(Damnably/Jellyfant)




Chris Brokaw & Geoff Farina

 
 

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