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THE CHARLATANS
 
Winterreise
The Charlatans
"Who We Touch" haben The Charlatans ihr elftes Studioalbum getauft, eine Platte, mit der das britische Quintett, das im Zuge des Rave-Taumels der frühen 90er-Jahre mit dem unverwüstlichen Ohrwurm "The Only One I Know" auf der Bildfläche auftauchte, einmal mehr seine Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellt. Seit Langem zählen The Charlatans zu den führenden britischen Bands - und inzwischen auch zu den langlebigsten. Wenige Tage nach dem Charlatans-Auftritt beim Wickerman Festival im Südwesten von Schottland erreichten wir den ebenso charismatischen wie erfreulich bodenständigen Frontmann Tim Burgess auf der Isle Of Wight, um mit ihm über das ausgezeichnete neue Album zu sprechen.
"Für mich ist diese Platte eine Reise, auf die wir den Hörer mitnehmen", sagt Tim über "Who We Touch". "Etwas Ähnliches hatten wir in der Vergangenheit mit 'The Charlatans' bereits umgesetzt, während wir bei 'Wonderland' versucht hatten, die Stimmung einer bestimmten Stadt, nämlich Los Angeles, einzufangen. Dieses Mal ging es uns darum, ein Album zu kreieren, das die Atmosphäre eines europäischen Herbstes einfängt." Während andere Bands, die zwanzig Jahre im Geschäft sind, lieber zurückschauen und sich in kommerziell schwierigen Zeiten lieber auf bekanntem und damit vermeintlich sicherem Terrain tummeln, ging es Tim und seinen Mitstreitern Martin Blunt, Jon Brookes, Mark Collins und Tony Rogers auch dieses Mal wieder darum, nach vorne zu schauen und die Grenzen dessen, was The Charlatans darstellen, neu auszuloten.

Dennoch, ganz ohne Blick zurück kamen The Charlatans im 20. Jahr nach der Veröffentlichung ihres großartigen Debütalbums "Some Friendly" nicht aus. Zum einen wurde ihr Erstling im Frühjahr samt Bonus-Disc wiederveröffentlicht, zum anderen bestritt das Quintett wenige ausgewählte Auftritte, bei denen es "Some Friendly" noch einmal live präsentierte. "Es war nie meine Absicht, lange zurückzublicken", sagt Tim bestimmt. "Die Sache mit 'Some Friendly' kam durch eine Anfrage des Primavera-Festivals in Spanien ins Rollen. 2009 war ich dort als DJ zu Gast, und die Veranstalter haben mir dann den Floh ins Ohr gesetzt, beim diesjährigen Festival mit den Charlatans 'Some Friendly' komplett von Anfang bis Ende zu spielen, weil sie wussten, dass Beggars Banquet plante, das Album anlässlich des 20. Jahrestages der Veröffentlichung als 2-CD-Box neu aufzulegen. Wir hielten das für eine tolle Idee. Bald sprach sich das dann herum und wir wurden gebeten, einen Auftritt in London dranzuhängen. Für einen Moment bestand die Gefahr, dass das Ganze außer Kontrolle geraten würde, aber wir haben uns große Mühe gegeben, das zu vermeiden und daraus nicht eine komplette Tournee werden zu lassen, denn einige in der Band waren eh nicht ganz von der Idee überzeugt. Ich dagegen war der Meinung, dass man nur einmal die Chance hat, einen 20. Bandgeburtstag zu begehen, und weil es nur einige wenige ausgewählte Shows waren, fühlte es sich völlig okay an. Ich hatte bei den Konzerten jedenfalls meinen Spaß, nicht zuletzt deshalb, weil wir endlich wieder 'White Shirt' und 'Flower' gespielt haben, die wir zuletzt 1992 im Programm hatten, die ich aber immer für richtig starke Songs gehalten habe!"

Trotzdem glaubt auch Tim, dass sich die "Some Friendly"-Auftritte nur rechtfertigen ließen, weil die Band wusste, dass nur wenige Monate später mit "Who We Touch" ein Album veröffentlicht werden würde, mit dem die Band musikalisches Neuland betritt, mehr noch, mit einem Sound zurückkehrt, den man so von den Briten bisher noch nicht kannte. Mal ist der Sound geradezu soulig, dann wieder ungewohnt düster, die Inspirationen scheinen von Brian Eno bis Sonic Youth zu reichen, und auch die von Tim ins Spiel gebrachten Kategorien "europäisch" und "herbstlich" sind nicht unbedingt zwei Vokabeln, mit denen man The Charlatans auf Anhieb verbindet. "Ich hatte Bilder von herabfallenden Blättern und Platten wie 'Beatles For Sale' oder 'Trans Europe Express' von Kraftwerk im Kopf", erinnert sich Tim. "Aber obwohl ich beim Schreiben der Songs den europäischen Herbst vor Augen hatte, schrieb ich viele der Songs doch zu Hause in Los Angeles."

Aufgenommen wurde die Platte dann allerdings passend zur musikalischen Grundfärbung während der kalten Jahreszeit in England. "Deshalb haben wir für die Aufnahmen mit Britannia Row ein Studio ausgewählt, das tief in der britischen Musikgeschichte - Pink Floyd, New Order usw. - verwurzelt ist", erinnert sich Tim. "Außerdem hatten wir anschließend im State Of The Ark-Studio ein altes EMI-Mischpult zur Verfügung, mit dem schon die Rolling Stones aufgenommen hatten und in das Mick und Keith ihre Namen eingraviert hatten. Das Mixing in New York fand dann wiederum mit dem Mischpult statt, dass Led Zeppelin für 'Dazed And Confused' benutzt hatten. Mit unserer Platte lassen sich also eine Menge Anekdoten verbinden."

Tim ist und bleibt nun mal ein im positiven Sinne Musikverrückter, der nach all den Jahren und trotz der unbestrittenen Erfolge seiner eigenen Band immer noch zu seinen alten Idolen aufschaut und bei Facebook mit bisweilen fast kindlicher Begeisterung von seinen Streifzügen durch die Plattenläden seiner kalifornischen Wahlheimat berichtet. Dazu passt, dass sich The Charlatans für "Who We Touch" mit Youth bewusst einen "starken Mann" mit viel Renommee für den Platz hinter dem Mischpult gesucht haben, anstatt wie viele andere Bands, die ähnlich lange im Geschäft sind, die Produzentenrolle einfach selbst auszufüllen. "Ich bin der Meinung, dass du nie den Punkt erreichst, an dem du nichts mehr lernen kannst", ist sich Tim sicher. "Deshalb ist es immer toll, jemanden an deiner Seite zu haben, der eine echte Inspiration ist. In diesem speziellen Fall funktionierte das sogar in beide Richtungen, den Youth hat mir gesagt, dass er noch nie mit einem besseren Sänger zusammengearbeitet hätte. Ich wollte mich mit dieser Platte so weit wie irgend möglich vorwagen, deshalb versprach mir Youth zu Beginn der Aufnahmen, dass er mich zurückpfeifen würde, wenn es anfinge, albern zu werden, aber auch, dass er mich antreiben würde, wenn ich nicht mutig genug wäre. Das war genau das, wonach ich suchte, zumal wir nicht viel Zeit in die Aufnahmen investieren wollten. Letztlich haben wir 17 Songs in 15 Tagen aufgenommen! Es war mir besonders wichtig, dass Youth den Live-Charakter der Band einfängt, und das ist ihm sehr gut gelungen. Als Band findest du dich oft in Situationen wieder, in denen jemandem ein Fehler unterläuft und du gleich denkst, das ist das Ende der Welt. Da ist es schön, wenn du einen Produzenten an Bord hast, der sagt: "Nein, das ist gar kein Fehler, sondern nur etwas ungewöhnlich, und es macht den Song einzigartig, deshalb sollten wir das beibehalten."

The Charlatans
Kein Wunder, das Tim Youth als zentrale Figur bei der Entstehung von "Who We Touch" beschreibt. Ebenso wichtig war auch Henry Hirsch, der das Album abgemischt hat. Zu seinen früheren Kunden zählt Lenny Kravitz, doch auch davon ließ sich Tim nicht abschrecken. Er wusste einfach, dass Hirsch ein ausgezeichneter Mixer ist, und das Ergebnis gibt ihm recht. Doch noch an anderer Stelle erfuhren The Charlatans bei diesem Album Hilfe von außerhalb: Beim abschließenden Spoken-Word-Hidden-Track hat Crass-Legende Penny Rimbaud einen imposanten Gastauftritt. "Ich habe Crass schon geliebt, als ich noch ganz jung war. Ich habe sie, als ich 13 Jahre alt war, in einer Stadt namens Winsford live gesehen. Als ich Penny dann traf, konnte er sich sogar noch daran erinnern, denn das nächste Konzert fand in Manchester vor jeder Menge betrunkener Punks statt, in Winsford dagegen waren ausschließlich junge Kids im Publikum, die den Can-Can getanzt haben! Kennengelernt habe ich ihn durch einen gemeinsamen Freund, und ich wusste sofort, dass ich gemeinsam mit ihm einen Song aufnehmen musste. Ursprünglich dachte ich, dass daraus wohl eine Nummer für meine nächste Solo-Platte herauskommen würde, aber nach einigen Gesprächen kamen wir überein, dass eine Zusammenarbeit auf einer Charlatans-Platte viel effektiver sein würde. Es wäre einfach so abwegig, dass niemand damit rechnen würde!"

Geradezu abwegig war viele Jahre lang auch der Gedanke an Charlatans-Konzerte auf deutschem Boden. Fast zehn Jahre hatte sich das Quintett nicht in Deutschland blicken lassen, bevor es nach der Veröffentlichung seines letzten Werkes, "You Cross My Pass", gleich drei Abstecher in unsere Breiten machte. Auch dieses Mal beehren uns The Charlatans, wenngleich Anfang November erst einmal "nur" zwei Konzerte in Dortmund und München auf dem Programm stehen. Beginnen wird die Tournee übrigens bereits Mitte September in den USA, eine nur auf den ersten Blick ungewöhnliche Entscheidung für eine britische Band: "Wir haben zuletzt zwei USA-Tourneen hintereinander absagen müssen, einmal, weil wir's nicht hingekriegt haben, und einmal, weil Jon sich an der Schulter verletzt hatte. Deshalb empfanden wir es als eine große Verpflichtung, dieses Mal zuerst nach Amerika zu gehen - und ich denke, wir tun das Richtige!"

Weitere Infos:
www.thecharlatans.net
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Tom Sheehan-
The Charlatans
Aktueller Tonträger:
Who We Touch
(Cooking Vinyl/Indigo)




The Charlatans

 
 

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