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THE POSIES
 
Mit Herz, Verstand und Ambitionen
The Posies
Vor fünf Jahren starteten The Posies nach längerer Veröffentlichungspause mit dem Album "Every Kind Of Light" ihr Comeback, eine echte Renaissance erleben sie aber erst mit ihrem dieser Tage erscheinenden siebten Album "Blood/Candy": Wer sich für klassischen 90er-Jahre-Indierock und modernen Indietronic-Sound gleichermaßen begeistern kann, sollte das eindrucksvolle neue Werk des Quartetts aus Seattle auf gar keinen Fall verpassen. Anstatt lediglich ihren glorreichen (Power-Pop-)Sound der 90er neu aufzukochen, probieren die beiden auch solo aktiven Vordenker Jon Auer und Ken Stringfellow und ihre langjährigen Mitstreiter Darius Minwalla (Schlagzeug) und Matt Harris (Bass) auf "Blood/Candy" viel Neues aus. Mitunter kann man sogar von einer echten Neudefinition des Bandsounds sprechen, ohne dass sich alte Anhänger des Vierers deshalb verprellt fühlen müssten.
The Posies
Dabei liest sich die neue, verbesserte Rezeptur auf dem Papier vergleichsweise simpel: Des Öfteren wird ein 70s-Vintage-Soundteppich zur Spielwiese für dezent eingesetztes, modernes elektronisches "ear candy", statt rabiater Gitarren spielen immer häufiger komplex arrangierte Keyboard-Klänge eine zentrale Rolle. So finden sich neben eingängigen Rocksongs mit willkommenem Retro-Flair ("So Caroline", "Cleopatra Street") auch Songs wie das geradezu Prog-infizierte "Licences To Hide" (eine Mini-Rock-Oper im Vier-Minuten-Pop-Format mit Lisa Lobsinger von Broken Social Scene als Duettpartnerin) oder das herrlich vertrackte Pop-Epos "Accidental Architecture" auf der LP. Hochmelodischer, leidenschaftlicher Indierock, der Herz und Verstand gleichermaßen anspricht, hat selten besser geklungen.

Eine Einschätzung, mit der wir nicht allein stehen. Nachdem die Resonanz auf das Vorgängeralbum nicht wirklich den Hoffnungen der Band entsprochen hatte, sind The Posies anno 2010 allenthalben von positiven Schwingungen umgeben. Selbst die sonst der Band gegenüber so reservierten deutschen Printmedien kommen nicht umhin, "Blood/Candy" zu loben. Die Kollegen vom Visions sehen in der Platte ein "feinsinniges Album, das dazu anregt, Stringfellow/Auer in die Reihe der großen Songwriter-Duos Marke Lennon/McCartney einzuordnen", für Uncle Sally's sind es "schöne und kluge Kompositionen zwischen Elliott Smith und den Beatles" und "hinreißende Melodien", und das Gleis 22 in Münster, wo The Posies Mitte Oktober eines ihrer drei Deutschland-Konzerte absolvieren, freut sich in der Ankündigung auf "Die weltbeste Indierock-Band (neben Teenage Fanclub)". Ob des großen Interesses an ihrer Band sind die beiden kreativen Köpfe des Quartetts so in die Promotion eingebunden, dass wir sie beide "auf dem Sprung" erwischen. Stringfellow, gerade zurück aus Toulouse, nimmt sich in einem Café des Gare du Nord in seiner Wahlheimat Paris Zeit für Gaesteliste.de, Auer dagegen verspricht uns, einige Fragen per eMail auf dem Weg nach Singapur zu beantworten.

"Ich habe auch das Gefühl, dass 'Blood/Candy’ positiv aufgenommen wird", stimmt Auer unserer Einschätzung zu. "Die Menschen sind viel interessierter. Es fällt mir schwer, es zu sagen, denn es ist natürlich kein schöner Weg, um Aufmerksamkeit zu erlangen, aber haben wir eine ganze Menge Medieninteresse durch die Ereignisse um Big Star, der Verlust von zuerst Alex Chilton und dann Andy Hummel, erhalten. Das ist natürlich einerseits traurig, aber vermutlich hat es uns auch ein wenig geholfen. Im Großen und Ganzen ist die Bereitschaft der Leute, diese neue Platte zu hören, viel größer als bei der Veröffentlichung unseres letzten Albums. Das Timing ist einfach besser!"

Stringfellow sieht das ähnlich. Auch er glaubt, dass die schwächeren Reaktionen auf das letzte Album mitunter damit zu tun hatten, dass der Focus des öffentlichen Interesses auf dem Comeback der Band im Allgemeinen anstatt auf den Songs von "Every Kind Of Light" im Speziellen lag. Das ist dieses Mal anders. Einen Tag bevor The Posies nach Spanien aufbrachen, um die neue Platte in El Puerto da Santa Maria aufzunehmen, spielten sie alle zwölf neuen Songs live bei einem Konzert in Seattle, und noch ehe das Album fertig abgemischt und gemastert war, standen Auftritte bei prestigeträchtigen Festivals in den USA und Kanada auf dem Programm, bei denen die noch unveröffentlichten Songs ihre Feuertaufe erlebten. So konnte die Band das Interesse schon früh auf die neue Musik an sich lenken. Doch das ist für Stringfellow nicht der einzige Grund für die positive Stimmung, die The Posies derzeit umgibt: "Vielleicht macht sich jetzt auch einfach unsere harte Arbeit vor fünf Jahren bezahlt, nachdem sie seinerzeit nicht den Effekt hatte, den wir uns ob all unserer Bemühungen erwartet hatten. Vielleicht haben all die Tourneen damals doch eine größere Wirkung gehabt, als es zunächst schien. Immerhin sind wir dieses Jahr bereits zu einigen Veranstaltungen eingeladen worden, die für uns zuvor unerreichbar waren, und ich bin überzeugt davon, dass das ein Resultat der harten Arbeit ist, die wir 2005 und 2006 geleistet haben - abgesehen davon, dass wir anders als damals inzwischen ein ausgezeichnetes Team um uns herum haben. Es ist ja nie leicht, ein Abweichler zu sein, wenn es allgemeine Zustimmung gibt. Wenn sich die Dinge in die richtige Richtung bewegen, ist die Chance viel größer, dass die Leute sagen: 'Ah ja, die Band ist toll, ich hab sie schon immer gemocht!' Abgesehen davon denke ich, dass unsere neue Platte wirklich gut ist - viel besser als die letzte. Die letzte war cool, aber die neue ist durch eine gewisse Direktheit, eine Geradlinigkeit gekennzeichnet. Die letzte war eher diffus, die neue bewegt sich stärker auf ein Ziel zu. Vielleicht war die letzte sogar experimenteller, aber die neue wird von einer Aura des Lebendigen umgeben. Das hilft natürlich!"

Doch auch wenn das Timing unbestreitbar richtig zu sein scheint, stellt sich dennoch die Frage, warum seit dem Comeback fünf Jahre vergehen mussten, bis "Blood/Candy" nun erscheint. Der Autor dieser Zeilen erinnert sich an ein Gespräch in Zürich vor fast drei Jahren, bei dem Stringfellow die Hoffnung äußerte, schon 2008 ein neues The Posies-Album herauszubringen. "Wenn man aus unseren Neigungen ein Klischee machen würde, könnte man vielleicht sagen, dass ich schon enthusiastisch bin, bevor die Ressourcen zur Verfügung stehen, während Jon immer noch skeptisch ist, obwohl die Ressourcen schon lange bereitstehen. Die Schnittmenge daraus ist unser Bewegungsspielraum. Abgesehen davon hatte sich Jon, trotz seines Vorsprungs, ja sehr viel Zeit gelassen, bis er sein Soloalbum veröffentlichte, und er benötigte etwas Zeit, um die Platte auszuspielen. Während das passierte, hatte auch ich die Gelegenheit, etwas verlorene Zeit aufzuholen, und bin mit meinem letzten Soloalbum, das bereits 2004 erschienen war, auf Tournee gegangen. Dann traf ich auf The Disciplines, und 2008 wurde daraus ein interessantes und vergnügliches Projekt. An diesem Punkt war ich nicht wirklich daran interessiert, The Posies voranzutreiben, und ich denke, Jon war das auch recht!"

Letzten Endes waren es die Macher des Labels Rykodisc, die The Posies bei einem Treffen in New York letztes Jahr davon überzeugten, dass es nötig sei, so schnell wie möglich ein weiteres Album zu machen. "Plötzlich gab es für uns eine Art Verpflichtung, eine Platte zu machen, und das gefiel Jon nicht wirklich", erinnert sich Stringfellow. "Er möchte immer einen Fluchtplan in der Hinterhand haben. Ich dagegen benötige keinen. Jon hatte außerdem Bedenken, dass er zu beschäftigt sein könnte und nicht ausreichend Zeit hätte, um Songs zu schreiben, die gut genug für die neue Platte wären. Natürlich ist das ein wichtiger Faktor und ich hätte mich dieser Sichtweise anschließen können, aber letztlich habe ich einfach gesagt: 'Scheiß drauf, ich werde einen Weg finden, die nötigen Songs zu schreiben!' Vielleicht habe ich in dieser Hinsicht eine weniger realistische Sicht der Dinge als Jon, aber letzten Endes hat es für uns beide funktioniert. Ohne Jon der Spielverzögerung zu beschuldigen, kann man schon sagen, dass Jon im Allgemeinen die Dauer der Zeit, die wir zur Vorbereitung benötigen würden, überschätzt, weil er fürchtet, sonst nicht die nötige Qualität erreichen zu können, während ich sie in der Regel gerne unterschätze, um genügend Druck auf uns zu laden, damit wir die angestrebte Qualität erreichen."

The Posies
In einem Punkt sind sich die beiden allerdings einig. "Blood/Candy" ist die ambitionierteste Platte, die das Quartett je aufgenommen hat. Wie viel Arbeit es sein würde, aus den zwölf neuen Songs, die im April vor dem bereits erwähnten Auftritt in Seattle einstudiert worden waren, eine fertige Platte zu machen, war den Beteiligten allerdings nicht klar. Nachdem die Basis zu viert im Studio in Südspanien noch auf vergleichsweise traditionelle Art - sprich: die Band spielte größtenteils live im Studio - gelegt worden war, entwickelte sich die anschließende mehrwöchige Phase des Editierens und Abmischens zu einem wahren Albtraum. Das Ergebnis allerdings rechtfertigt die Mühen. "Wir haben einen enormen Arbeitsaufwand für 'Blood/Candy' betrieben und ich denke, das spürt man auch. Die Bemühungen und die Sorgfalt sind offenkundig", findet Auer. "Ich würde sagen, ein bisschen Schicksal oder Glück war sicherlich auch mit im Spiel - so sind beispielsweise die zwölf Songs der Platte die einzigen, die wir für dieses Album geprobt und aufgenommen haben. Es gibt kein zusätzliches Material, das der Rede wert wäre. Das ist ein bisschen Kismet, wenn du mich fragst."

Stringfellow führt die gelungene Neuausrichtung dagegen weniger auf die glückliche Fügung zurück: "Das mag nicht für Jon gelten, aber in meinem Fall hat mir die Arbeit an verschiedensten Projekten, meine langsam fortschreitende Akquirierung musikalischen Wissens und ganz generell die Wahrnehmung dessen, was es alles da draußen in der Welt gibt, die Chance gegeben, ein breiteres Spektrum abzudecken. Ich besitze nun einfach mehr Möglichkeiten, die Dinge anzugehen. Zum Beispiel hat die Tatsache, dass ich nun sehr viele Songs am Klavier schreibe, die Dynamik ein wenig verändert." Während Stringfellow allein durch die Wahl seines Instruments für sofort hörbare Unterschiede sorgte, sah sich Auer mit der Herausforderung konfrontiert, seinen auf der Gitarre entstandenen Songs ebenfalls neue Seiten abzugewinnen. "Ich denke, dass die Keyboards einen so großen Unterschied beim ersten Hören machen, liegt nicht zuletzt daran, dass wir in den Köpfen vieler Leute als Gitarrenband abgespeichert sind", glaubt Auer. "Man kann wohl behaupten, dass viel von dem charakteristischen Gitarrensound früherer Posies-Platten wie beispielsweise 'Frosting On The Beater' in erster Linie von mir stammte. Es stimmt zwar, dass Ken viel öfter Tasteninstrumente spielt, allerdings spiele ich sie auf den Platten häufiger, als viele vielleicht vermuten würden. Die Idee zu 'Love Comes' von 'Every Kind Of Light' stammt zum Beispiel von mir. Die Nummer habe ich am Klavier geschrieben und ich spiele sämtliche Keyboards, während Ken für alle Gitarrenparts verantwortlich ist. Bei den Auftritten ist es umgekehrt, weil es so schlichtweg einfacher zu spielen ist. Außerdem stammen ja auf 'Blood/Candy' zwei der wohl ungewöhnlichsten Songs, "Holiday Hours” und "Accidental Architecture”, von mir, und beide greifen sowohl auf Gitarren als auch Keyboards zurück. Letztlich sind Keyboards bei jedem einzelnen Song auf 'Blood/Candy' vertreten - bei einigen mehr, bei anderen weniger."

Dennoch ist es, wie Auer bereits angedeutet hat, unbestreitbar, dass The Posies auch heute noch in erster Linie als Gitarrenband wahrgenommen werden. Stringfellow bezeichnet es als "mühselige Aufgabe", die Zuhörer vom Gegenteil zu überzeugen. "Vielleicht sind wir einfach nur schwer festzunageln, um jemals leicht bekömmlich zu sein", vermutet er. "Abgesehen davon sind uns eine Reihe von Pfaden schlichtweg verstellt. Zum Beispiel sind wir weder jung noch britisch. Es wäre so schön einfach, wenn wir jung wären und aus, sagen wir mal, Shoreditch kämen. Leider stehen uns diese Optionen nicht offen. Allerdings zeigt uns die Geschichte von Big Star, dass es nicht schaden kann, alles, was du hast, in eine Platte zu investieren. Vielleicht finden deine Ideen später Anklang! Vielleicht ist dieser Zeitpunkt in unserem Fall jetzt! Natürlich gibt es keine Garantie dafür, aber es ist eine Möglichkeit! Es gibt so viele Zufälle in der Welt und es ist nicht vollkommen undenkbar, dass etwas, was wir machen - vor allem, wenn man bedenkt, in wie viele Richtungen wir arbeiten -, auf irgendeine Weise mit etwas anderem in Verbindung gerät, ein Schneeballeffekt einsetzt und wir plötzlich als kleiner Punkt auf dem Radar des Bewusstseins der breiten Öffentlichkeit auftauchen. Das liegt allerdings nicht in unseren Händen. Wir können nur dafür sorgen, dass wir nicht zum Klischee unserer selbst werden. Schließlich gibt es eine Menge Bands, die man einmal sehr mochte, aber wenn man sich ihre neueste Platte anhört, dann klingt sie beunruhigend vertraut - allerdings nicht so gut wie früher! Das ist furchtbar. Ich fänd es schrecklich, wenn ich an diesen Punkt käme, wenngleich ich es vermutlich nicht bemerken würde, denn so etwas macht man ja nicht absichtlich, sondern nur, weil einem die Ideen ausgehen."

Genau genommen sind The Posies diesem Punkt einmal bereits sehr nahe gekommen: mit dem 1998er-Album "Success", dem die kurzzeitige Trennung und eine siebenjährige Veröffentlichungspause folgten. Nie gab es zwischen zwei The Posies-Platten weniger hörbaren Fortschritt als zwischen eben jenem Album und seinem Vorgänger "Amazing Disgrace". "Wir hörten damals auf, uns zu entwickeln, weil einige von uns auf keinen Fall weitermachen wollten", bemerkt Stringfellow spitzbübisch lächelnd. "Einige von uns hatten andere Ideen, und deshalb konnten wir nicht weitermachen. Allerdings hatte 'Success' einige komplexere Songs zu bieten, die unsere früheren Produzenten nicht gemocht hatten, die trotzdem die Zeit überdauert haben. 'You're The Beautiful One' ist zum Beispiel sehr ambitioniert, weil die Nummer so langsam, aber stetig wächst. Wir spielen sie ja heute noch ständig. Allerdings gab es auf 'Success' auch eine Reihe Stücke, die wir damals live gespielt haben und danach nie wieder. Das waren einfach die Songs, die wir damals zur Verfügung hatten."

The Posies
"Blood/Candy" dagegen ist vollgestopft mit neuen Ideen, von denen das bereits erwähnte Duett mit Lisa Lobsinger nur die wohl auffälligste ist. Immerhin ist es das erste Mal, dass The Posies auf eine Frauenstimme zurückgreifen, wenn man einmal davon absieht, dass Brette Howard, die Tochter des damaligen Bassisten Joe Skyward, eine Zeile auf der wunderschönen 1996er-B-Seite "Sad To Be Aware" singt. "Sehr gut beobachtet", sagt Stringfellow lachend. "Wenn ich's mir recht überlege, es gibt noch eine weitere Ausnahme, den Song 'Christmas'. Auf unseren Alben gab es allerdings bisher in der Tat noch nie eine Frauenstimme, eigentlich noch nicht einmal echte Gäste, von dem Kurzauftritt der Cheap Trick-Jungs auf 'Amazing Disgrace' einmal abgesehen. Selbst 'Licences To Hide' von der neuen Platte hätte ich natürlich auch komplett alleine singen können, aber ich wollte daraus eine größere Geschichte machen, nicht unbedingt durch die Wahl des Sängers, aber ich wollte klarstellen, dass der Text nicht von mir und meinen Problemen handelt. Es ist kein per se autobiografischer Song. Es geht um eine allgemeine Idee, und dadurch, dass ich beide Seiten der menschlichen Gattung präsentiere, sollte die Geschichte auf eine breitere Basis gestellt werden."

Dabei ist die Broken Social Scene-Chanteuse längst nicht der einzige Gast auf "Blood/Candy". Kay Hanley von Letters To Cleo und Palmdale ist auf "The Glitter Prize" zu hören, und der frühere The Stranglers-Frontmann Hugh Cornwell hat einen Spoken Word-Part bei "Plastic Paperbacks". "Wenn man bedenkt, wie viele Musiker wir kennen oder gekannt haben und wie viele Kollaborationen wir mit Musikern in aller Welt eingegangen sind, ist es geradezu schockierend, dass dies nie in unserer eigenen Musik reflektiert wurde", sagt Stringfellow über die unerwartet vielen externen Mitstreiter. "Abgesehen davon sind diese Dinge rein vom technologischen Standpunkt her inzwischen natürlich viel leichter zu bewerkstelligen als früher." Das erklärt den Sinneswandel in puncto Gastauftritte, sagt aber noch nichts über die Auswahl der beteiligten Musikerinnen und Musiker. Immerhin zählen Auer und Stringfellow allein durch Social Networks wie Facebook oder MySpace einige Tausend hochkarätige Musiker zu ihrem Bekannten- oder gar Freundeskreis. "Ja, es hätten auch mehr Gäste sein können", gibt Stringfellow zu. "Einige waren schlicht glückliche Unfälle. In Lisa Lobsingers Fall zermarterte ich mir das Gehirn, wer die geeignete Sängerin sein würde. Da Darius eine Woche nach dem Ende der Aufnahmen in London mit Spiral Stairs als Support von Broken Social Scene spielen sollte, sagte er: 'Diese Lisa ist eine wirklich tolle Sängerin, soll ich sie vielleicht mal fragen?' Also machte ich mich ein wenig über sie schlau und stellte fest, dass sie in der Tat sehr gut ist, und wie der Zufall es wollte, einige Wochen später spielten wir gemeinsam mit Broken Social Scene auf einem Festival in Seattle, wir lernten uns kennen, verstanden uns blendend, und weil der Auftritt für einige Zeit ihr letzter war, hatte Lisa auch Zeit, ihren Beitrag aufzunehmen. Es passte einfach alles zusammen. Mit Hugh Cornwell war es ähnlich. Auch da wollte mir niemand einfallen, der für den Sprechgesang geeignet wäre, den ich mir bei dem Lied vorstellte. Ich hatte versucht, es selbst zu machen, aber ich habe einfach nicht die Stimme dafür. Ohne eins und eins zusammenzuzählen, erwähnte der Studiobesitzer Paco Loco dann, dass Hugh Cornwell bei ihm zu Gast sei, sobald wir mit unseren Aufnahmen fertig wären. Ich dachte: 'Moment mal, der Typ spricht seit Langem viele seiner Texte! Er wäre perfekt!' Er war sofort dazu bereit mitzumachen und wollte ja eh ins Studio gehen. Die Verbindung zu Kay Hanley kam rund zwei Tage vor dem Mastering über Jon zustande. Ihre alte Band Letters To Cleo war eine Zeit lang ziemlich populär in den Staaten, wir hatten sie allerdings einige Jahre früher bereits kennengelernt. Sie besuchten eine unserer Shows in Boston, und nach dem Auftritt beknieten sie uns, mit ihnen zu jammen. Also sind wir in ihren Proberaum gefahren und haben gemeinsam gerockt. Das war damals eine große Sache für sie, dass eine Band, die sie wirklich gut fanden, für einen Moment Teil ihrer Welt war. Ich habe sie danach ehrlich gesagt nie wiedergesehen, aber Jon ist in Kontakt geblieben. Kay schrieb ihm dann (via Twitter), weil sie wissen wollte, wie die Aufnahmen für unser Album vorankommen. Jon antwortete: 'Schick uns in fünf Minuten eine Gesangsspur!' - 'Ok!'"

Vielleicht war nicht zuletzt auch deshalb bei "Blood/Candy" der richtige Zeitpunkt gekommen, mit externen Musikern zusammenzuarbeiten, weil sich die derzeitige The Posies-Besetzung - trotz der vergleichsweise langen Veröffentlichungspausen - als die stabilste der langen Karriere des Quartetts herausgestellt hat. Seit fast zehn Jahren werden die beiden Bandgründer Auer und Stringfellow nun von Minwalla und Harris begleitet. Letzterer hatte sich auf den Tourneen der Jahre 2005/06 den Spitznamen "Hurricane Harris" durch diverse Ausfälle redlich verdient, und so mancher Beobachter hatte wohl damals das Gefühl, dass er die nächste Platte nicht mehr als Bandmitglied erleben würde. "Ich hatte in den Jahren ehrlich gesagt oft das Gefühl, dass er das Ende des Tages nicht mehr erleben würde", erinnert sich Stringfellow laut lachend. "Allerdings hat er nicht den Bon Scott gemacht und wir haben ihn auch nicht aus dem fahrenden Wagen geworfen! Er ist eine wertvolle musikalische Quelle. Wenn er's auf die Reihe kriegt, brennt er beim Spielen geradezu. Es gab allerdings auch Momente, in denen wir daran gedacht haben, ihn in Brand zu stecken!" Doch das ist inzwischen vergessen und die positive Resonanz auf das neue Album reflektiert auch die gute Stimmung innerhalb der Band. "Wir fühlen uns jetzt viel besser bei dem, was wir präsentieren und bei dem, was wir darstellen. Schließlich entscheidest du selbst, wie teuer du dich verkaufst. Wenn du rausgehst und sagst: 'Ich fühle mich wie ein Stück Dreck', werden dir die Leute zustimmen. Umgekehrt ist es genauso!", ist sich Stringfellow sicher. Auer ist über das derzeitige Bandklima sogar so erfreut, dass er am Ende unseres Interviews sogar die ihm von seinem Bandkollegen unterstellte Skepsis über Bord gehen lässt. "Ich könnte nicht glücklicher sein über die Art und Weise, wie sich die Dinge in der Posies-Welt gerade entwickeln. Ich bin so zufrieden, dass ich hoffe, sobald wie möglich eine weitere Platte zu machen. Ich habe wirklich das Gefühl, dass wir in kreativer und persönlicher Hinsicht einen neuen Höhepunkt erreicht haben, und ich möchte auf dieser Welle so lang wie möglich mitreiten." Nehmen wir's als Versprechen!

Weitere Infos:
www.theposies.net
www.myspace.com/theposies
en.wikipedia.org/wiki/The_Posies
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Christine Taylor-
The Posies
Aktueller Tonträger:
Blood / Candy
(Rykodisc/Warner Music)




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