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THE DISCIPLINES
 
Keine Atempause
The Disciplines
Auch auf ihrem zweiten Album treten Sänger Ken Stringfellow, Gitarrist Björn Bergene, Bassist Baard Helgeland und Neu-Drummer Ralla Villnes alias The Disciplines das Gaspedal tief durch und lassen nicht einmal mehr erahnen, dass ihre vorherigen musikalischen Projekte - The Posies und Briskeby - für ganz besonders ausgetüftelte Songs berühmt waren. Deshalb ist "Virgins Of Menace" - wie schon das 2009er-Debüt "Smoking Kills" - eine "Tour de Force, hart am Rande des Hardrock bzw. Punk, aber - dank Stringfellows Erfahrung als Songwriter - immer noch mit Melodie und Pop-Appeal überraschend", wie der Kollege Ullrich Maurer es in seiner Rezension des Albums so treffend ausdrückte.
Doch so herrlich ungebremst die Band musikalisch auch daherkommt, veröffentlichungstechnisch haben sie sich für "Virgins Of Menace" doch etwas mehr Zeit gelassen, als ursprünglich geplant. Nachdem der Großteil der Aufnahmen für die Platte bereits zum Jahreswechsel 2009/2010 im Kasten war, sollte die Platte zunächst bereits im April 2010 erscheinen. Dass sich dieser Termin im Nachhinein als unrealistisch erwies, lag nicht zuletzt daran, dass Stringfellow mit verschiedensten anderen Projekten beschäftigt war. Als wir ihn kürzlich in seiner Wahlheimat Paris ans Telefon bekommen, ist das Jahr kaum fünf Wochen alt, und dennoch hat er bereits eine Karibik-Tournee plus Aufnahmesession mit seinem neuen Projekt Landing Strip Choir und Solokonzerte in Litauen absolviert, um am Tag nach unserem Gespräch zu Sessions mit seinem The Posies-Kollegen Jon Auer nach Nashville aufzubrechen, um das neue Brendan Benson-Album einzuspielen. "Es ist so, dass ich versuche, auf Nummer sicher zu gehen, indem ich mehrere Eisen im Feuer habe - zum Teil, weil es meinen Interessen entgegenkommt, zum Teil aber auch, weil ich weiß, dass ich mein Portfolio diversifizieren muss", erklärt er. "Ich würde sogar so weit gehen, dass sich die Art und Weise, wie mir 1998 The Posies unter den Füßen weggezogen wurden, so stark in mein Gedächtnis eingebrannt hat, dass das seitdem mein Denken bestimmt. Das war eine wirklich traumatische Erfahrung - und keinesfalls meine Entscheidung. Letztlich hat es irgendwie funktioniert, weil sich einige Dinge ergeben haben, aber seitdem bin ich sehr darauf bedacht, nicht mehr alles auf eine Karte zu setzen."

Sah es bisher zumindest für Außenstehende so aus, als würde Stringfellow The Disciplines als wichtiges neues Standbein betrachten, räumt er der Band bei unserem Gespräch erstaunlicherweise keine großen Karrierechancen ein. Seine drei Mitstreiter hätten mittelfristig berufliche Pläne abseits der Band, deshalb stehe allein der Spaß an der Freude bei der Zusammenarbeit im Vordergrund. Dass The Disciplines damit gewissermaßen aus drei hochmotivierten, äußerst talentierten Amateuren und einem Profi als Sänger bestehen, sieht er allerdings nicht als Problem. "Es wäre nur eins, wenn ich mir mehr davon erhoffen würde", sagt er. Dennoch ist unübersehbar, dass sich die Dinge im Bandgefüge seit der Gründung der Disciplines vor fünf Jahren etwas verschoben haben. "Ich kümmere mich jetzt um mehr Dinge als zu Beginn", bestätigt Stringfellow. "Anfangs habe ich mich damit zufriedengegeben, Björns Sprachrohr zu sein. Er hatte den Vibe der Band fest im Griff und war zunächst besser darin, alles zu simplifizieren. Inzwischen kann ich das selbst auch etwas besser - nicht zuletzt durch das Feedback auf unser Tun."

The Disciplines
Deshalb fällt es dem Frontmann inzwischen leichter, auch mehr beim Songwriting mitzumischen, obwohl oder gerade weil der Ansatz dabei ein ganz anderer ist als bei seinen Solowerken oder den Songs, die er für The Posies schreibt. "The Disciplines sind die einzige Band, bei der ich Songs nach einer gewissen Formel schreibe", bestätigt er. "Sich nach gewissen Parametern und Kriterien zu richten, ist perfekt für diese Band. Außerdem ist es geradezu befreiend, denn bisweilen ist es nicht verkehrt, ein paar Richtlinien zu haben. Wenn du inmitten eines großen weiten Feldes stehst und dir sagst: 'Okay, alles ist möglich', hast du nichts, an dem du dich reiben kannst. Genau dafür sind Abgrenzungen gut - wenngleich wir sie natürlich immer ein wenig verschieben können. Wir sind unserer Formel nicht zu 100 Prozent treu!" Doch wie schafft Stringfellow es, den Hebel umzulegen und die für ihn eigentlich völlig untypischen Texte der Disciplines-Songs zu schreiben? "Ich gehe einfach mit einer anderen Einstellung an die Arbeit heran”, erklärt er. "Ich weiß, dass alles ein wenig fokussierter sein muss. Bei den Posies benutze ich gewissermaßen eine Traumsprache, die oft sehr symbolisch, aber verschwurbelt und unklar ist, in etwa so wie ein Bild aus einem Traum, das sehr kraftvoll ist, auch wenn du keine Ahnung hast, was es aussagt. Alles hat seine Daseinsberechtigung, aber man muss ein wenig danach graben, ein bisschen wie bei Fellini. Diese Traumbilder funktionieren für The Disciplines aber nicht. Es geht mehr um eine direkte Bewusstwerdung und weniger ums Geschichtenerzählen, wenngleich auch Disciplines-Songs Fiktionales enthalten." Gewissermaßen klingen die Text wie Schnappschüsse von bestimmten Situationen, die - passend zur Musik - schnell am Hörer vorbeiziehen. "Ja, das könnte man so sagen", stimmt Stringfellow zu. "Bei den Disciplines entwickele ich den Hintergrund der Songs nicht so stark. Meine Solosachen und die Songs der Posies haben oft eine sehr tief gehende Hintergrundgeschichte, in etwa so, wie ein Schauspieler, der eine Rolle spielt, darüber nachdenkt, wo die Figur geboren worden sein mag, wie ihre Kindheit ausgesehen hat - auch wenn das nicht im Film vorkommt. Diese Anstrengungen unternehme ich bisweilen bei Posies-Songs, aber bei den Disciplines ist das nicht notwendig. In gewisser Weise könnte man sagen, die Disciplines-Songs handeln eher von mir selbst, aber letztlich wäre auch das eine irreführende Aussage!"
The Disciplines
Trotz der gewollten musikalischen Limitierungen, die einen beträchtlichen Teil des Charmes der Disciplines ausmachen, ist ausgerechnet die poppigste Nummer der LP, "Kill The Killjoy", die den ansonsten angenehm lärmigen Sound der Disciplines fast schon in Richtung Snow Patrol verschiebt, als erste Single ausgekoppelt worden - eine Analogie zum Debüt übrigens, bei dem auch der einzige ruhige Song, "Oslo", als Single ins Rennen geschickt wurde. Eine reine Verwirrungstaktik? "Unsere besten Chancen auf Aufmerksamkeit haben wir nun einmal in Norwegen, aber im norwegischen Radio hast du mit dem Rock-Zeug keine Chance, also sind wir ihnen etwas entgegengekommen", erklärt Stringfellow. "'Kill The Killjoy' wurde praktisch als Single maßgeschneidert. Als wir uns die Platte anhörten, stellen wir fest, dass sie durchweg 'voll auf die Zwölf' war, daher schien noch Platz für ein Stück in einem anderen Stil zu sein. Also fragten wir uns, welcher das sein könnte, und schrieben den Song, um die Frage zu beantworten!"

Die zweite große Überraschung auf "Virgins Of Menace" ist die Kollaboration mit Lydia Lunch, die bei "Fate's A Strong Bitch" einen Spoken-Word-Auftritt im Mittelteil hat. "Ich habe Lydia vor einigen Jahren getroffen, als ich an einer Spoken Word-Veranstaltung mit ihr und Slim Moon teilgenommen habe", verrät Stringfellow. "Ob der tollen Mitstreiter habe ich mir wirklich Mühe gegeben, mit etwas Coolem aufzuwarten - und es hat funktioniert! Ich habe mich mit Lydia von Anfang an gut verstanden und wir sind uns danach immer mal wieder über den Weg gelaufen. Sie ist sehr unvoreingenommen. Dass wir ob unserer verschiedenen Backgrounds vielleicht eine merkwürdige Paarung abgeben, würde ihr gar nicht in den Sinn kommen. Wenn sie sieht, dass jemand etwas Interessantes macht, unterstützt sie es. In dieser Hinsicht ist sie sehr wertvoll. Seitdem sie in Barcelona lebt, sehe ich sie ständig, weil ich so oft dort bin, und wir halten immer nach Dingen Ausschau, an denen wir gemeinsam arbeiten können." Deshalb wäre es übrigens auch kein Wunder, wenn Lydia als Duettpartnerin bei Stringfellows großartigem neuen Song "Doesn't It Remind You" auftauchen würde, der auf seinem nächsten Soloalbum erscheinen wird. Doch das ist eine andere Geschichte, die zu anderer Zeit erzählt werden wird. Die nächsten Monate gehören voll und ganz den Disciplines, und dass die vier nicht nur auf Platte eine unglaubliche Durchschlagskraft und Energie besitzen, beweisen sie im April dann auch wieder auf deutschen Bühnen!

Weitere Infos:
www.thedisciplines.com
www.myspace.com/disciplines
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Bootsy Holler-
The Disciplines
Aktueller Tonträger:
Virgins Of Menace
(Spark & Shine/Soulfood)




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