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THE JAYHAWKS
 
Zielgerichtete Partnerschaft
The Jayhawks
Als The Jayhawks Mitte der 90er die beiden Alben "Hollywood Town Hall" und "Tomorrow The Green Grass" veröffentlichten, jubelten die Kritiker, doch die breite Masse strafte das Quintett aus Minneapolis, Minnesota, eher mit Gleichgültigkeit. Die mit herzergreifendem Harmoniegesang brillierende Cosmic American Music der Band hatte ihre Wurzeln zwar hörbar in den 70ern und war nicht per se neu, doch der Alternative-Country-Rock-Bewegung waren die Amerikaner ein gutes Stück voraus. 1996 zerbrach die Partnerschaft des kongenialen Songwriter-Duos Mark Olson und Gary Louris. Ersterer versuchte sich als Solist, während Letzterer die Jayhawks weiterführte, sich aber klanglich ein gutes Stück vom Sound der klassischen Phase entfernte. Jetzt kehrt die Mitt-90er-Besetzung der Band zurück. "Mockingbird Time" heißt ihr beeindruckendes neues Album, das mit spielerischer Leichtigkeit und blindem Verständnis den Geist der eingangs erwähnten Kult-Alben einfängt, aber auch mit jenen British-Invasion-Einflüssen kokettiert, die auf dem ersten Jayhawks-Werk nach der Olson-Phase, "Sound Of Lies" (1997), zu finden waren.
Wir treffen Olson und Louris, die trotz der Reunion ihre Interviews getrennt voneinander geben, vor dem Jayhawks-Auftritt im holländischen Hengelo Anfang August. Obwohl das neue Album noch unveröffentlicht und die Promomaschinerie noch gar nicht angelaufen ist, ist das Konzert praktisch ausverkauft. Die Zeit hat es gut gemeint mit den Jayhawks. Jetzt erntet die Band die Früchte ihrer Arbeit der 90er. Eine besondere Genugtuung für die beiden Songwriter, war es damals doch ihr größtes Ziel, zeitlose Songs zu schreiben. Aber nicht nur deshalb herrscht gute Stimmung im Jayhawks-Camp. In Zeiten der zusammenbrechenden Weltwirtschaft sind sich die Musiker mehr als je zuvor ihres Glücks bewusst, nicht nur Arbeit zu haben, sondern noch dazu eine, die ihnen viel Freude bereitet. "Früher haben wir dem ganzen Drumherum kaum Beachtung geschenkt", gesteht Louris. "Es war geradezu typisch für mich, dass ich nicht wusste, in welcher Stadt wir als nächstes spielen würden, bis ich im Bus das Tourbuch aufschlug, in dem unsere Reisepläne festgehalten waren. Jetzt achten wir viel mehr auf die Details, denn inzwischen wissen wir: Wir können aus der Sache genauso viel herausziehen, wie wir hineinstecken."

Der Grundstein für die Neuauflage der klassischen Mitt-90er-Jayhawks-Besetzung mit den beiden Sängern, Songwritern und Gitarristen Louris und Olson, ergänzt um Bassist Marc Perlman, Pianistin Karen Grotberg und Drummer Tim O'Reagan, wurde bereits vor vielen Jahren gelegt, genauer gesagt vor zehn Jahren, als Nachwirkung der Ereignisse des 11. September 2001. "Das war eine Zeit, in der viele Amerikaner überdacht haben, was im Leben wichtig ist", sagt Louris zurückblickend. "Ich erinnere mich daran, wie gesagt wurde, dass Familien nicht ihre Zeit mit Fußball oder Hockey oder sonst was zu vergeuden, sondern lieber zu Hause am Tisch sitzen und beim gemeinsamen Abendessen das Zusammensein genießen sollten, oder dass man sich die Zeit nehmen sollte, den Freund anzurufen, bei dem man sich eh schon länger melden wollte. Das haben Mark und ich getan." Daran, wieder gemeinsam als The Jayhawks auf der Bühne zu stehen, dachten die beiden damals allerdings noch nicht unbedingt. Vereinzelten Auftritten als Duo folgten einige gemeinsam geschriebene Songs, die auf Soloplatten veröffentlicht wurden. Olsen tingelte zunächst weiter mit seiner damaligen Gattin Victoria Williams durch die Bars und Clubs Europas, während Louris die poppige Seite der Jayhawks erforschte. Erst als die Band 2005 heimlich, still und leise aufs Abstellgleis bugsiert wurde, war der Weg frei für eine ernstere und dauerhaftere Kollaboration der alten Freunde. "Das Ganze hat sich über lange Zeit entwickelt", bestätigt Olson. "Irgendwann bekamen Gary und ich Angebote, zusammen auf Tournee zu gehen, dann machten wir unsere gemeinsame Akustikplatte ("Ready For The Flood", 2006), nach deren Veröffentlichung wir dann sehr viel live gespielt haben, und als dann all die Re-Issues unserer alten Alben auf den Markt kamen - viele der Platten waren ja zehn Jahre oder länger vergriffen -, schien es einfach an der Zeit zu sein, die alten Jayhawks-Songs wieder gemeinsam zu spielen. Es war wie sonst auch im Leben: Wenn dir eine Gelegenheit geboten wird, solltest du sie ergreifen!"

Doch nicht nur die Songs der just wiederveröffentlichten Klassiker "Hollywood Town Hall" und "Tomorrow The Green Grass", die derzeit bei den Auftritten der Band einen Großteil des Programms ausmachen, führten die Jayhawks zurück in die 90er. Das neue Album "Mockingbird Time" sollte nicht etwa an die letzte Platte der Olson-losen Jayhawks im Jahre 2003 ("Rainy Day Music") anknüpfen, sondern wurde als Nachfolgewerk für das letzte gemeinsame Werk der Olson-Louris-Besetzung von 1995 konzipiert. "Ja, wir haben uns gefragt: 'Was wäre wohl passiert, wenn Mark in der Band geblieben wäre?'", bestätigt Louris. "Dadurch, dass er jetzt zurückgekommen ist, war es vollkommen natürlich, auch ein Stück weit zu dem Sound zurückzukehren, den wir damals hatten." Olson drückt es noch ein wenig spezifischer aus: "Es war uns wichtig, dass wir beim neuen Album auf die Elemente zurückgreifen, die dafür gesorgt haben, dass unsere alten Platten die Zeit überdauert haben. Außerdem hatte die 'Ready For The Flood'-Tour Gary und mir gezeigt, was funktionieren würde und in welche Richtung wir uns zusammen würden bewegen können. Ich hatte nie das Gefühl, dass die Erfahrungen der dazwischenliegenden Zeit unseren gemeinsamen Bemühungen in irgendeiner Weise im Wege standen. Im Gegenteil, wir hatten so die Möglichkeit, uns für die neuen Songs in vielen verschiedenen Genres zu bedienen. Doch auch wenn wir die neue Platte mit dem erklärten Ziel angegangen sind, eine Art Nachfolger zu 'Tomorrow The Green Grass' zu machen, hat der Songwriting- und Aufnahme-Prozess natürlich auch immer etwas Mysteriöses, das man nicht kontrollieren kann." Das führte vor allem im Studio bei den Aufnahmen der Songs zu einigen unerwarteten Überraschungen. "Ich hätte eigentlich nicht erwartet, dass 'High Water Blues' und 'Hey Mister Man' es auf das Album schaffen", gesteht Olson. "Sie schienen mir zu verrückt, zu weit draußen zu sein. Erst als die fertigen Mixe davon vorlagen, merkte ich, dass sie funktionieren würden. Früher hatten wir nur sehr wenige Songs, die vergleichbar waren. 'Ten Little Kids' war ähnlich hektisch und verrückt, und auch der Song 'Tomorrow The Green Grass', der nie offiziell auf einem Album erschienen ist. Das brachte uns zurück zu unserer ersten Platte, auf der alles flott und wuselig war. Dass wir diese Stimmung auf der neuen Platte noch einmal eingefangen haben, war eine echte Überraschung für mich." Weniger überraschend war für Olson dagegen, dass die Teamarbeit mit Louris auch nach all den Jahren immer noch bzw. wieder funktioniert: "Ja, sie funktioniert ausgezeichnet, keine Frage! Ich denke, das hat mit unseren Persönlichkeiten zu tun, sie ergänzen sich gut. Außerdem sind wir sehr gut darin, auf ein Ziel hinzuarbeiten. Als wir uns getroffen haben, um in Minnesota die neuen Songs zu schreiben, haben wir nie nur einfach herumgesessen, sondern fokussiert an den Songs gearbeitet. So war es auch früher schon. Wenn du mich fragst, was ich an der Band am meisten schätze, dann ist es genau das: Unsere zielgerichtete Partnerschaft."
Die eigentliche Herausforderung war laut Louris der Prozess, der sich den vier Songwriting-Sessions der beiden Gitarristen anschloss: "Die Platte zu machen war schwieriger, als die Songs zu schreiben, denn wir waren keine funktionierende Band mehr. Wir hatten keinen Proberaum, keine PA, und deshalb mussten wir das Studio zum Proberaum umfunktionieren, da wir die Songs ja noch nie zuvor mit elektrischen Gitarren oder einem kompletten Drumkit gespielt hatten." Doch mithilfe eines für heutige Verhältnisse großzügigen Budgets, eines bestens ausgestatteten Studios und eines talentierten Tontechnikers stellten sich die Jayhawks dieser Herausforderung erfolgreich. Abgesehen davon waren die angesprochenen Hürden praktisch eine Grundvoraussetzung für das Gelingen des Comebacks der alten Jayhawks-Besetzung, denn auf diese Weise startete die Band gemeinsam neu durch. Olson war also nicht der einzige Rückkehrer. Im Studio ging es außerdem darum, eine Arbeitsweise und letztlich einen Sound zu finden, mit dem sich alle Beteiligten identifizieren konnten. Schließlich waren es nicht zuletzt die unvereinbaren Vorstellungen in puncto Produktion, die Olson und Louris damals entzweit hatten. Für "Mockingbird Time" machten beide Zugeständnisse. Der Purist Olson feilte erstmals seit Jahren wieder ernsthaft an seinen Parts, der Perfektionist Louris dagegen verzichtete auf einen allzu langen Studioaufenthalt: "Natürlich hätte ich mir gewünscht, allein auf die Vorproduktion zwei Wochen zu verwenden und das Studio mehr auszureizen, aber ich glaube an göttliche Vorsehung, und deshalb bin ich davon überzeugt, dass diese Platte genau so aufgenommen werden musste, wie es letztlich passiert ist." Louris ist anzumerken, wie wichtig es ihm ist, Olson die Jayhawks so schmackhaft wie möglich zu machen. Deshalb verzichtet er derzeit darauf, bei den aktuellen Konzerten Songs aus der Zeit ohne Olson zu singen, und kann sich, obwohl als ausgesprochener Fan elektrischer Rockmusik bekannt, sogar vorstellen, seinem eher traditionalistisch eingestellten Bandkollegen zuliebe ein Akusikset in die kommenden Shows - im März 2012 touren die Jayhawks wieder in Europa, wenngleich leider nicht in Deutschland - einzubauen. Außerdem ist Louris sehr darauf bedacht, dem freiheitsliebenden Olson, der sich nicht auf ein Projekt festlegen lassen möchte, seine Freiräume zu lassen. Kein Wunder, dass Louris sich zwar eine mittel-, wenn nicht gar langfristige Zukunft für die Jayhawks wünscht, Olson dagegen nicht zu weit nach vorne schaut, zumindest noch nicht: "Nun, ich freue mich wirklich auf das vor mir liegende Jahr, in dem ich vollkommen ausgelastet sein werde und in dem die Jayhawks mein Leben vollkommen bestimmen werden", sagt er abschließend. "Ich habe die ersten zwölf Jahre nach dem College mehr oder weniger mit der Band verbracht, im Anschluss hatte ich dann grob gesagt ähnlich lange Abstand von ihr, deshalb kann ich mich nun durchaus noch einmal ein Jahr lang auf sie konzentrieren - oder vielleicht auch länger, je nachdem, wie sich die Dinge entwickeln."
Weitere Infos:
www.jayhawksofficial.com
www.jayhawksfanpage.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Steven Cohen-
The Jayhawks
Aktueller Tonträger:
Mockingbird Time
(Universal)




The Jayhawks

 
 

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