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MY BRIGHTEST DIAMOND
 
Häuser für die Klänge
My Brightest Diamond
Shara Worden - alias My Brightest Diamond - ist zunächst mal sie selbst geblieben; obwohl sich in ihrem Leben doch so einiges geändert hat. So überzeugt das neue Album "All Things Will Unwind" sogleich mit der gewohnt anspruchsvoll inszenierten klanglichen Traumwelt, die Shara nun bereits zum dritten Mal in Tonform kanalisiert. Zwischen abenteuerlichen Melodiebögen und ehrfurchtgebietenden Strukturen hangelt sich Shara mit sanfter, aber nachdrücklicher Stimme durch ideenreiche Songgebilde, wie sie in dieser freigeistigen Art mittlerweile nur sie selbst zustande bringt und singt dabei offensichtlich über Gott und die Welt. Anything goes.
Der Unterschied - gerade zu ihrem letzten Werk "A Thousand Shark's Teeth" ist dann aber freilich doch offensichtlich, denn Shara arrangierte das ganze Album für das Avantgarde Kammermusik-Ensemble yMusic - das Freunde alternativer Musikfreuden auch schon von Acts wie Bon Iver, Antony & The Johnsons oder Rufus Wainwright kennen könnten. Shara nimmt sich als Instrumentalistin dieses Mal also eher zurück - lässt dafür ihrem Songwriting aber freien Lauf, denn die Themenvielfalt ist doch schon bemerkenswert: Vom "Liebeslied" über den "Protestsong" bis zum "Lullaby" ist quasi alles dabei - wobei allerdings die Anführungszeichen schon sehr wichtig sind. Das mag alles mit ihren veränderten Lebensumständen zusammen hängen - denn Shara zog mit ihrem Mann von New York nach Detroit und ist seit kurzem stolze Mutter eines Sohnes - dem sie natürlich auch den einen oder anderen Moment ihrer künstlerischen Aufmerksamkeit widmete.

Wurden die neuen Songs denn auf eine andere Art geschrieben, als jene, an denen Shara bislang doch eher alleine arbeitete? "Einige Songs begannen mit einem Beat", beantwortet Shara diese Frage eher indirekt, "und alle haben ein unterschiedliches Leitinstrument. Ich habe mir überlegt, wie ich in einem akustischen Umfeld und mit denselben Zutaten und Musikern, unterschiedliche Szenarien, Farbwechsel, Dynamiken und Formen erschaffen könnte. Wie variabel könnte ich wohl sein? Und dann ist es so, dass yMusic grandiose Improvisateure hat - den Klarinettisten etwa oder den Trompeter. Oder der Geiger, der Gitarre und Banjo spielt. So wollte ich für all diese Klangformen eigene Häuser bauen, in denen diese leben könnten. Es mag nicht immer offensichtlich sein, aber zum Beispiel habe ich mir bei 'Reaching Through To The Other Side' überlegt, wie ich den Flötisten präsentieren könnte - weil es sehr schwierig ist, einer Flöte im Kontext anderer Instrumente über einen längeren Zeitraum Gehör zu verschaffen. Solche Gedanken habe ich mir also gemacht." Inhaltlich streift Shara dabei allerlei Themen - von sozialer Ungerechtigkeit in ihrer neuen Heimatstadt Detroit über intime Schlaflieder für ihren Sohn bis hin zu universellen Themen wie den Anfang oder das Ende der Zeit. Was aus den Texten nicht eindeutig hervorgeht, ist allerdings die Antwort auf die Frage, ob Shara Lösungen anbietet oder nur den Stand der Dinge abwägt? "Ich denke, dass die Aussage des letzten Songs auf der Scheibe 'I Have Never Loved Someone' eine Botschaft an meinen Sohn ist - egal was auch passiert; ich liebe dich, und du wirst okay sein. Die Schlussfolgerung daraus ist - meiner Meinung nach - die Aufforderung, tapfer zu sein. Ich frage dann weiter, was meine Verantwortlichkeit ist und komme zu der Antwort, dass ich mich an die Arbeit machen muss. Das Fazit ist, dass von uns allen Mut verlangt wird. Das ist meine Lösung." An anderer Stelle sagt Shara "Love Will Bind The World" oder eben "All Things Will Unwind". Bei aller Skepsis sind das aber doch sehr positive Ausblicke, oder? "Nun, es gibt auch eine Inkarnation des Zweifels auf der Scheibe und die stammt von meinem lieben Freund DM Stith, der seit jeher mein Artwork macht und der auf jeder meiner Scheiben mitsingt", verrät Shara, "er hat mich herausgefordert, indem er mich damit konfrontierte, dass ich hier ständig davon singe, dass alles schon irgendwie okay sei und in Wohlgefallen auflösen werde. Er fragte mich, wieso ich so etwas sagen könne und ich sagte ihm, dass ich es einfach sagen müsste..."

An anderer Stelle geht Shara auf ihre neue Heimat, Detroit, ein? "Nun, ich bin nach Detroit umgezogen und habe dann von der Geschichte der Stadt erfahren. Ich habe versucht, die Probleme zu verstehen, die dort grassieren. Da gibt es natürlich die ganzen Probleme mit den Überschuldungen, der Arbeitslosigkeit und der der Kriminalität. Aber dann gibt es auch diese Situation, dass immer mehr schwarze Leute in ehemals weiße Wohngebiete ziehen, und dann dort von den Weißen attackiert werden, wobei die Schwarzen dann zur Verantwortung gezogen werden. Das macht keinen Sinn, ist aber das, was passierte. Dann liegen ganze Stadteile brach, die von den Auto-Firmen geräumt wurden und dann gibt es auch viel Kleinkriminalität wie Diebstähle und Überfälle. Auch bei uns wird viel eingebrochen. Ich lebe im Zentrum, wo früher die Fabrikarbeiter lebten." Hm - warum sind die Wordens dann überhaupt nach Detroit gezogen? "Nun, künstlerisch gesehen suchte ich neue Herausforderungen. Ich fühlte, dass ich eine etwas rauere Umgebung brauchte. New York ist doch ziemlich schick geworden - ich fühlte mich dort zu bequem. Und ich hatte die anderen beiden Scheiben in demselben Apartment gemacht - es ging alles irgendwie nicht weiter. Ich suchte nach einer Veränderung, nach Raum, einen Garten." Hat sich das musikalisch schon ausgewirkt? "Nun, es gibt eine lebendige Musikszene in Detroit", meint Shara, "aber ich habe mich dort noch nicht eingeklinkt." Wovon ließ sich Shara denn inspirieren? "Ach, von allem Möglichem", überlegt Shara, "der erste Song, 'We Added It Up', ist mit seinem Swing-Rhythmus zum Beispiel von der Art inspiriert, wie Violent Femmes energische Musik spielten, ohne laut dabei zu sein. Ella Fitzgerald ist eine Inspiration. Tom Waits ist ein Einfluss in der Art, in der er mit dem Jazz umgeht. Die Entscheidung, hier weitestgehend auf die Gitarre zu verzichten, hat mir zusätzlich mehr Möglichkeiten eröffnet, als ich vorher gedacht hätte." Wie hat Shara denn die Energie, die zweifelsohne von einer E-Gitarre ausgeht, mit anderen Mitteln ersetzt? "Ich denke, die Tempi in einigen Songs sind schneller. Wir haben auch einige Momente mit E-Gitarren versehen - aber an anderer Stelle spielte das gar keine Rolle. Die New Orleans-Vibes zum Beispiel kommen daher, dass ich mal in New Orleans gelebt habe. Dann gibt es einen Stil namens 'Jitting', der in Detroiter Clubs gespielt wird und der auf Swing-Musik basiert. Sachen in dieser Art."
My Brightest Diamond
Nun muss man ja mit einem Kammerorchester sicherlich anders singen, als mit einer konventionellen Rock-Instrumentierung, oder? "Mein Ziel als Sängerin ist, transparenter zu werden und mich mehr zu öffnen", erklärt Shara, "das soll sich auch auf den Scheiben widerspiegeln. Deswegen haben wir so viel wie möglich live aufgenommen und ohne allzu kritisch gegen uns selbst zu sein. Denn ich habe festgestellt, dass in der Vergangenheit - in dem Bemühen etwas besonders schön zu machen - alles ziemlich ähnlich klang. Ich wollte aber auch hier dieses Mal mehr Farbe und Menschlichkeit zeigen." Ist Drama dabei wichtig? "Ich weiß nicht, ob ich es als Drama bezeichnen würde, sondern lieber variantenreich. Ich möchte nicht immer das Gleiche machen." Was möchte Shara denn als nächstes machen? Auf "All Things Will Unwind" hat sie ja schon sehr viele Ideen umgesetzt. "Es gibt eine Menge Dinge, die ich tun möchte", führt sie an, "meine nächste Herausforderung ist, draußen aufzunehmen. Die Musik, die ich jetzt mache, lebt leichter drinnen als draußen. Es ist aber eine ganz andere physikalische Erfahrung, wenn man draußen in der Natur spielt. Nicht nur akustisch. Ich würde das gerne mal ausprobieren. Und dann gibt es noch so viele Dinge, die ich als Songwriter noch nicht erreicht habe - verschiedene Songtypen etwa. Ich würde gerne die Perspektive noch mehr erweitern - etwa indem ich nicht immer mit mir selbst als Startpunkt beginnen muss. Bei einigen dieser neuen Songs ist mir das schon gelungen, aber ich bin sicher, dass ich noch über viele Möglichkeiten verfüge, Geschichten zu erzählen. Ich trage aber immer diesen Zwiespalt in mir, der dazu beiträgt, dass ich einerseits immer alles so schön wie möglich machen möchte, der aber andererseits dafür Sorge trägt, dass ich immer diese Wut und diesen Punk in mir verspüre. Also werde ich immer diesen inneren Dialog führen und ein Großteil meiner Karriere wird in Reaktionen des einen auf den anderen Teil bestehen." All das oben gesagte führt natürlich auch dazu, dass sich die Stücke nach der Aufnahme weiterentwickeln - etwa beim Live-Vortrag. "Ja, ich habe das neue Material schon solo, mit Band, mit einem Orchester und mit elektronischen Elementen aufgeführt. Das ist natürlich auch immer ein bisschen riskant, aber so soll es ja auch sein." Was war denn insgesamt die größte Herausforderung? "Die größte Herausforderung?", überlegt Shara ziemlich lange, "ich versuche mich daran zu erinnern, was das war. Ich halte immer noch klassische Songwriter in Ehren und versuche - wie diese - etwas zu erschaffen, das die Zeiten überdauert. Ich denke, das ist die Herausforderung. Und dann habe ich dieses Mal gelernt, Musik in einem Computer zu schreiben - aber das hat auch unglaublich viel Spaß gemacht. Bislang habe ich immer alles von Hand aufgeschrieben und dieses Mal ein Notations-Programm verwendet." Wir sehen also: So vielseitig, komplex und Vielschichtig wie die Musik sind auch die Gedankengänge der Shara Worden. Nun - das wundert nicht wirklich, denn Shara Worden ist eine Musikerin, die noch nie den oft begangenen Weg wählte. Und da kann man als Künstlerin einfach nicht mit simplen Ansätzen und ein wenig Handwerk glücklich werden.
Weitere Infos:
www.mybrightestdiamond.com
www.myspace.com/mybrightestdiamond
www.facebook.com/mybrightestdiamond
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Pressefreigaben-
My Brightest Diamond
Aktueller Tonträger:
All Things Will Unwind
(Asthmatic Kitty/Soulfood)




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