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SONJA VAN HAMEL
 
Abenteuerlustige Spätentwicklerin
Sonja van Hamel
Nein, den Sprung über die nur rund 150 Kilometer entfernte niederländisch-deutsche Grenze hat "Transcendental Man", Sonja van Hamels in Holland bereits hochgelobtes Album, bisher nicht geschafft, denn hierzulande ist das von Künstlern wie Burt Bacharach, den Carpenters und Stereolab gleichermaßen inspirierte Werk bislang lediglich in Downloadportalen wie Amazon und Co. erhältlich. Trotzdem ist die holländische Musikerin, Zeichnerin und Grafikdesignerin im wahrsten Sinne des Wortes weit gereist: Nachdem sie in den 90ern als Gitarristin unterwegs war, kehrte sie vor rund zehn Jahren zum Klavier zurück und machte mit Berend Dubbe (Ex-Bettie Serveert) beim Duo Bauer für drei ausgezeichnete Alben gemeinsame Sache, bevor sie ihr Weg zuletzt sogar nach China führte, wo "Transcendental Man" vor wenigen Monaten als audiovisuelles Spektakel aus Musik und Background-Projektionen Live-Premiere feierte.
"Die Dutch Foundation For Literature hat mich zur Buchmesse nach Beijing eingeladen", erzählt Sonja, die wir nach ihrem Auftritt in Amsterdam Ende Oktober treffen, im Gaesteliste.de-Interview. "Wir waren Teil einer Delegation holländischer Autoren, die dort Lesungen veranstaltet haben. Mit meinen 'Draw Clips' hatten auch wir ein Storytelling-Element. Ich bin gemeinsam mit Ken Stringfellow, Annie Tangberg und Eddo Hartmann, der die Zeichnungen filmt und projiziert, aufgetreten." Damit ist bereits klar: Auch wenn Sonja inzwischen als Solistin firmiert - allein macht sie dennoch nicht Musik. Gemeinsam mit dem Tausendsassa JB Meijers (De Dijk), den zuletzt sogar der große Soloman Burke zu seinem Bandleader machte, waren Stringfellow als Co-Produzent und Allroundmusiker sowie Tangberg als Cellistin und Ideengeberin auch im Studio wichtige Helfer. Letztere hatte Sonja kennengelernt, als sie für das letzte Bauer-Album mit dem Metropole Orchestra, bei dem auch Tangberg mitwirkt, zusammengearbeitet hatte. "Sie ist nicht nur eine unglaublich kreative und talentierte Musikerin, sondern außerdem sehr abenteuerlustig", lobt Sonja ihre Mitstreiterin. "Sie spielt ausgezeichnet Cello, experimentiert aber auch viel mit Effekten, Hall-Pedalen oder Klammern auf den Saiten. Die Streicherarrangements für das neue Album habe ich alle mit ihr zusammen geschrieben." Ebenso wichtig waren die beiden Co-Produzenten, die Sonja bei den Sessions zur Seite standen: "Das Wichtigste bei den Aufnahmen waren die Energie und der 'Raum', die JB und Ken einbrachten, zum einen durch die großartigen Gitarren-, Bass- und Synthmelodien, die sie gespielt haben, aber auch durch die Art und Weise, wie sie alles aufgenommen haben. Zum Beispiel wurde fast alles, inklusive der Pianos und Synths, nicht direkt, sondern durch Röhrenverstärker aufgenommen. Damit konnten wir auch 'den Raum' mit einfangen. Das hat den Stücken eine magische, warme Note gegeben."
Keine Frage, Sonja ist rundum zufrieden mit ihrem ersten Soloalbum. Zwar erschien schon vor zwei Jahren der Soundtrack "Winterland" unter ihrem Namen, nach dieser Auftragsarbeit konnte sie bei "Transcendental Man" nun aber zum ersten Mal ganz ihrer inneren Stimme folgen. "Im Moment habe ich das Gefühl, dass ich genau das tue, was ich schon immer hätte machen sollen", erklärt sie. "Ich bin in den letzten zehn Jahren sowohl als Musikerin als auch als Grafikerin und Zeichnerin sehr gewachsen. Ich bin so etwas wie eine Spätentwicklerin, und ich habe eine Zeit gebraucht, bis ich da angekommen bin, wo ich nun bin. Aber nachdem ich nun dieses Album gemacht habe, fühle ich mich, als stünde ich am Start von etwas Neuem. Bauer war ja damals als Soloprojekt von Berend Dubbe gegründet worden, aber sobald ich als Keyboarderin dazustieß, begannen wir, zusammen Songs zu schreiben, und so wurde daraus ein Duo. Die drei Alben, die wir in unseren sieben gemeinsamen Jahren veröffentlicht haben, mischten 60s-Einflüsse wie The Beach Boys und The Free Design mit modernen Beats und Samples. Ich habe damals viel gelernt und meine Fähigkeiten als Songschreiberin und Arrangeurin ausbilden können. Berend war ein großartiger Mitstreiter, ein echtes Genie." Sein Wissen (und seine Plattensammlung) waren damals ein echter Quell der Inspiration für Sonja, und die just erwähnte musikalische Ausrichtung von Bauer zieht sich nun auch wie ein roter Faden durch Sonjas Solowerk. Trotzdem war es nach sieben Jahren Bauer Zeit für etwas Neues. "Ich wollte einfach sehen, zu was ich alleine in der Lage sein würde", erinnert sich Sonja. "Das Resultat war 'Winterland', der Soundtrack zum gleichnamigen Film von Dick Tuinder. Nach den vielschichtigen Platten mit Bauer suchte ich nach einem simpleren, transparenteren Sound, der auch zum Film passen würde. Folglich war mir danach wieder nach etwas Größerem, nach etwas, das produzierter, aber auch etwas schmutziger war. Ich hatte zuvor noch nie mit einem Produzenten gearbeitet, deshalb sah ich es als Herausforderung, es mal zu versuchen. JB und Ken erwiesen sich als perfekte Wahl und steuerten Können und Visionen bei, um die Songs auf das nächste Level zu heben. Die Platte zu machen war ein echtes Abenteuer, und einmal mehr merkte ich, dass Kollaborationen für mich der inspirierendste Weg sind, Musik zu machen."

Zur detailverliebten Produktion - Wurlitzer Orgel, Mellotron, Clavinet, Guitaret, Banjo und Triangel haben neben all dem üblichen Instrumentarium ihre Auftritte - und dem markanten retrofuturistischen Vibe von "Transcendental Man" passen auch die Science Fiction-Anspielungen, die nicht nur im Coverartwork auftauchen. "Ich liebe die Musik, die Filme und das Design der 50er-, 60er- und 70er-Jahre", gesteht Sonja. "Als Inspiration für meine Arbeit sammle ich seit vielen Jahren Bücher, Postkarten und Platten, aber ich versuche immer, diese alten Einflüsse mit Dingen aus dem Hier und Jetzt zu kombinieren. Das Thema Science-Fiction finde ich definitiv faszinierend. Der Albumtitel zum Beispiel basiert auf einer Dokumentation über den Sci-Fi-Autor Philip K. Dick. Er besaß eine sehr vorausschauende Sicht auf die Menschheit und beschrieb eine Welt, in der die Menschen nur mittels Technik kommunizieren, ansonsten aber auf verschiedenen Realitätsleveln leben. Diese Ideen thematisiere ich auch in meinen Songs."

Wenn Sonja auf der Bühne steht, dann geht es ihr allerdings um mehr als nur ihre Songs. Die eingangs bereits erwähnten - und auf Sonjas Website auch abseits der Konzerte anzusehenden - "Draw Clips" sorgen dabei für eine weitere Ebene und geben Sonja die Chance, die Talente als Zeichnerin und Grafikerin mit ihrer Liebe zur Musik zu verknüpfen. "Ich denke zwar, dass meine Musik auch für sich allein wirkt, aber die Visuals machen daraus ein echtes Erlebnis", glaubt Sonja. "Die 'Draw Clips' sind Live-Videos von Zeichnungen, die auf meinen Songs basieren. Sie werden während des Konzerts live abgefilmt und projiziert, insofern orientieren sie sich sehr stark an der musikalischen Performance. Das ist in gewisser Weise eine Art Storytelling, denn jeder Song wird mit dem Text des Stückes und den Bildern erzählt und bleibt trotzdem eine Einheit."

Welches ihrer Tätigkeitsfelder letztlich die Oberhand gewinnt, ist dabei sozusagen von der Tagesform abhängig. "Ich mache alles, ich liebe alles und ich werde mich nie nur für eines entscheiden, ganz einfach, weil dazu keine Veranlassung besteht", sagt Sonja bestimmt. "Es gibt Zeiten, in denen alle drei eine Einheit bilden - wie im Moment -, aber es werden auch Zeiten kommen, in denen eines in den Hintergrund rücken wird und ein anderes einen Schritt nach vorne machen wird, wie ein Schauspieler auf der Bühne. Letztlich sind sie aber alle Teil des gleichen Spiels!"

Weitere Infos:
www.sonjavanhamel.nl
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Pressefreigabe-
Sonja van Hamel
Aktueller Tonträger:
Transcendental Man
(Basta Music/Import)




Sonja van Hamel

 
 

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