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CODEINE
 
Klare Vorstellungen in Zeitlupe
Codeine
Es war Ende der 80er-Jahre, als Codeine den Entschluss fassten, Indierock im Zeitlupentempo, aber dennoch mit viel, oft unterschwelliger Aggression zu spielen. Slowcore nannte man später das Genre, das sie damit erfanden. Nach zwei Alben und einer EP trennte sich die Band Mitte der 90er, doch nun wird das gesamte bahnbrechende Schaffen des New Yorker Trios von der Numero Group in erweiterten Vinyleditionen sowie in Form der aufwendigen Sechs-LP-und-drei-CD-Werkschau "When I See The Sun" wiederveröffentlicht. Außerdem bricht die Originalbesetzung mit Steve Immerwahr (Gesang, Bass), John Engle (Gitarre) und Chris Brokaw (Drums) am Pfingstwochenende zu einer extrem kurzen Reunion-Tournee auf, bei der die drei zum ersten Mal seit zwei Jahrzehnten die alten Songs wieder gemeinsam spielen werden. Gaesteliste.de blickt gemeinsam mit Chris Brokaw zurück.
Schaut man die alten Reviews und Kritiken durch, fällt auf, wie oft darin erwähnt wird, dass Codeine anders als alle anderen Bands ihrer Zeit klangen. Doch war die Band sich dieser Tatsache eigentlich bewusst? Ja, sagt Brokaw: "Wir wussten, dass wir etwas anderes machten. Wir hatten sehr spezielle Ideen, die wir umsetzen wollten. Steve hatte diese Vorstellung von, wie John es einmal umformuliert ausgedrückt hat, 'Musik, die ganz langsam vorbeizieht', im Kopf. Natürlich war das nicht alles. Ich hatte stets das Gefühl, dass die Vorstellung, zurückhaltend, ja fast gelähmt zu sein, ein wichtiger Teil dessen war, was wir machten. Außerdem war unsere Musik voll von Konfrontation, einer Art von Gewalt. Das zeigte sich besonders live, wo dies mit reichlich Intimität und Zerbrechlichkeit vereint wurde. Wir haben viel Zeit damit verbracht, eine Balance zu finden, aber wir wussten alle, auf was wir hinarbeiteten."

Deshalb ist es vielleicht auch nicht überraschend, wie hochentwickelt der Codeine-Sound bereits auf dem 1990 erschienenen Debüt "Frigid Stars LP" ist. Große klangliche Nachbesserungen waren auf den folgenden Platten kaum noch nötig. Das war allerdings keineswegs Zufall, denn nachdem Steve und John zu zweit bereits rund ein Jahr am Sound gefeilt hatten, bevor Brokaw zu ihnen stieß, arbeiteten die drei hinter verschlossenen Türen ein Jahr lang zunächst sporadisch an ihrer Musik, bevor sie im Jahr 1990 mehr und mehr Zeit investierten und im Sommer des Jahres ihre erste LP aufnahmen. "Die A-Seite der 'Frigid Stars LP' ist das 4-Spur-Demo, das wir für Glitterhouse aufgenommen haben. Ich finde, es gibt einen großen Unterschied zur B-Seite, die zwei Monate später aufgenommen wurde. In der Zwischenzeit veränderte sich eine Menge. Die B-Seite ist viel monolithischer und disziplinierter als die A-Seite. Wir hatten gelernt, wie man Codeine-Musik spielt."

Wenn man bedenkt, wie viele großartige Indierock-Bands Ende der 80er-Jahre in den USA unterwegs waren, ist es auf den ersten Blick erstaunlich, dass Codeine den Umweg über das kleine deutsche Label Glitterhouse nehmen mussten, um ihre Musik erstmals unter die Leute zu bringen. Dahinter steckten allerdings pragmatische Gründe. "Wir kannten niemanden, schon gar keine Labels", sagt Brokaw. "Bitch Magnet veröffentlichten auf Glitterhouse und Steve begleitete sie im Herbst 1989 als Sound-Mixer auf einer Tournee in Europa. Jeden Abend stand er für einen Song mit ihnen auf der Bühne, um den Codeine-Song 'Pea' zu singen. Am Ende der Tour nahmen Bitch Magnet die 'Valmead'-12" auf, die 'Pea' beinhaltete. Glitterhouse liebten den Song und wollten mehr davon hören. Abgesehen davon fand ich es schon immer witzig, dass ein deutsches Label eine Band unter Vertrag nahm, bei denen ein Herr 'Always true' den Bass und ein Herr 'Angel' die Gitarre spielten."

Der Verbindung zu Glitterhouse war es auch geschuldet, dass Codeine ihre erste längere Tournee in Europa unternahmen, denn "Frigid Stars LP" erschien erst ein Jahr nach der Veröffentlichung hierzulande in den USA auf Sub Pop. Die Band Bastro hatte Codeine zu einer gemeinsamen Gastspielreise eingeladen, die im Herbst des Jahres 1991 stattfand. Bald danach kam allerdings etwas Sand ins Getriebe des Trios. Während es für gewöhnlich heißt, das dritte Album einer Band sei das schwierigste, bekamen Codeine schon bei ihrem zweiten Werk Probleme. "Unsere zweite Platte sollte 'The White Birch' heißen, und dafür hatten wir bereits genügend Material aufgenommen, bevor wir es komplett verwarfen", erinnert sich Brokaw. "Einige dieser frühen Versionen erscheinen jetzt auf den Reissues, viele der Stücke wurden später mit Doug Scharin am Schlagzeug für die letztlich als 'The White Birch' erscheinende Platte neu aufgenommen. Wir hatten damals echte Probleme herauszufinden, was wir tun wollten!"

Als Kompromiss erschien 1992 die EP "Barely Real", die gewissermaßen die Orientierungslosigkeit von Immerwahr, Engle und Brokaw unterstrich. Darauf zu finden war nicht nur eine Coverversion, sondern auch ein Solostück des Bandfreundes David Grubbs. In Jazz-Kreisen wäre das womöglich nicht weiter aufgefallen, aber für eine Indierock-Band war das ein durchaus ambitioniertes Vorgehen. "Grubbs war auf dem besten Wege herauszufinden, was auf einer Indierock-Platte alles möglich sein würde. Uns kam das sehr gelegen", erklärt Brokaw. "'Barely Real' war nicht das, was uns ursprünglich vorgeschwebt hatte, deshalb waren wir offen für alles."

Kurz danach verließ Brokaw Codeine, um sich auf seine andere Band, Come, zu konzentrieren, wo er nicht nur Schlagzeuger war, sondern als Gitarrist auch ins Songwriting eingebunden war. Lieder für Codeine zu schreiben und dadurch mehr Einfluss zu gewinnen, war nie eine Option für ihn. "Nein, ich wollte nie Songs für Codeine schreiben", bestätigt er. "Steve schrieb die Songs und ich war ein großer Fan seines Schaffens - es war so einzigartig! Bei Codeine spielte ich bei der Ausführung der Musik eine sehr aktive Rolle, deshalb hab ich es nie für nötig erachtet, mich beim Songwriting zu beteiligen." Leichtgefallen ist dem Schlagzeuger die Entscheidung, Codeine den Rücken zu kehren, nicht. "Oh Mann, die Band zu verlassen, hat mir das Herz gebrochen", sagt er heute. "Die letzten sechs bis acht Monate in der Band waren ziemlich schwierig. Wir konnten einfach nicht herausfinden, was wir als Nächstes tun sollten. Trotzdem fiel es mir schwer, mich zu verabschieden. Wir sind Freunde geblieben und ich habe sie einige Male mit meinen Nachfolgern Josh und Doug gesehen. Die Jungs sind tolle Schlagzeuger, aber ich hatte das Gefühl, dass sie nicht wirklich zur Band passten. Allerdings bin ich vermutlich der Falsche, um diese Frage zu beantworten. Ich war einfach zu nah an der Musik dran und hatte sehr bestimmte Vorstellungen davon, wie sie gespielt werden sollte."

Kurz nach der Veröffentlichung der überarbeiteten Fassung von "The White Birch" trennten sich Codeine Mitte der 90er endgültig. Seitdem steigt die Zahl der Bands, die von dem Trio inspiriert wurden, ständig. Doch wann tauchte eigentlich die erste von Codeine beeinflusste Band auf? "Da gab es uns noch", erinnert sich Brokaw. "Wir spielten damals viel mit Sebadoh - die zu der Zeit noch ein Duo, bestehend aus Lou und Eric, waren und letztlich terroristische Performance-Kunst machten - und einige Zeit später sahen wir sie, und sie spielten einen wirklich langsamen, spartanischen Song, und am Ende rief das ganze Publikum: "COOOOOO-DEINE!". Daraufhin sagte Lou verlegen: 'Yeah, you're right, we know, we know...' Es ist rückblickend schwer zu quantifizieren, aber ich denke schon, dass wir der Musikkultur etwas hinzugefügt haben."

Sowohl das "When I See The Sun"-Boxset als auch die individuellen Vinyl-Wiederveröffentlichungen warten mit einer Menge unveröffentlichtem Extramaterial auf. Bedeutet das, dass sich Immerwahr, Engle und Brokaw zunächst einmal lange in feuchten Kellern herumdrücken mussten, um alte Bänder und Ähnliches zu finden? "Das haben wir bereits vor einigen Jahren gemacht", sagt Brokaw. "Es gab noch ein anderes Label, das eine ähnliche Wiederveröffentlichungsserie vorgeschlagen hatte. Letztlich wurde aber nichts daraus, aber damals haben wir eine Menge gesichtet. So konnten wir der Numero Group das komplette Material geben und das Ganze ein Stück weit kuratieren." Auch nach all den Jahren ist Brokaw noch zufrieden mit den ursprünglichen Platten, trotzdem freut er sich, dass andere Facetten der Band durch die Reissues zum Vorschein kommen. "Ich bin einfach ein großer Fan einiger der Songs, die damals nicht veröffentlicht wurden", gibt er zu. "'Skeletons', 'Summer Dresses', 'Kitchen', 'Corner Store' und besonders 'Median': großartige Songs! Ich freue mich außerdem sehr, dass auf diesem Wege einige unserer besten Performances das Licht der Welt erblicken."

Obwohl sich Brokaw nie im Streit von einer Band verabschiedete und deshalb über die Jahre immer mal wieder gemeinsame Sache mit alten Mitstreitern aus seinen diversen anderen Projketen machte, dauerte es rund zwei Jahrzehnte, bis Codeine nun für eine Handvoll Konzerte wieder zusammen auf der Bühne stehen. "Wir hatten einfach nicht das Gefühl, dass wir noch einmal spielen müssten. Wir waren fertig", erklärt Brokaw. "Die Macher des All Tomorrow's Parties-Festivals begannen vor ungefähr sieben Jahren, uns um einen Auftritt zu bitten, aber wir hatten nicht das Gefühl, dass es nötig wäre. Steve sagte mir mal: 'Als ich die Songs geschrieben habe, MUSSTE ich sie einfach singen. Jetzt ist das anders.' Dagegen ist nur schwer etwas einzuwenden. Der einzige Grund, warum wir jetzt wieder auftreten, sind die fabelhaften Reissues der Numero Group. Die Zeit und Mühe, die sie investiert haben, hat uns wirklich sehr geschmeichelt, und wir dachten uns, die Konzerte seien ein guter Weg, die Aufmerksamkeit auf die Veröffentlichungen zu lenken."

Bleibt noch die Frage, wie sich das Trio nach der langen Pause den alten Songs und den anstehenden Live-Konzerten genähert hat. Haben sie, soweit möglich, versucht, sich in die damalige Lage zurückzuversetzen, oder haben sie versucht, die Songs mit den Augen der Menschen zu sehen, die sie heute sind? "Ich sehe es weder auf die eine noch auf die andere Weise", erwidert Brokaw. "Wo ich damals stand und wo ich heute bin, hat nur wenig damit zu tun. Die Songs zu spielen und sich in sie einzufühlen, reicht vollkommen. Einige der Songs lassen natürlich alte Gefühle wieder hochkommen, aber das unterstreicht lediglich, dass die Songs nichts von ihrer Power eingebüßt haben. Das Wichtigste für mich ist, die Songs zu ehren, die Steve damals geschrieben hat. Ich denke, dass wir damals gute Entscheidungen getroffen haben und dass deshalb eine Neuausrichtung heute kaum nötig ist. Natürlich wurde viel über das Tempo diskutiert, und Steve und John sind zu dem Schluss gekommen, dass die Band im Endeffekt wirklich etwas zu langsam gespielt hat. Deshalb gibt es einen kleinen Unterschied zwischen dem, was die Band damals, vor allem ganz am Schluss gemacht hat, und wie wir die Songs nun präsentieren wollen." Und die Zukunft? Werden die für den Herbst geplanten Auftritte in Japan wirklich das allerletzte Lebenszeichen von Codeine sein? "Ja", sagt Brokaw bestimmt, "das ist der Plan!"
Weitere Infos:
heartofthunder.com/codeine
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Laura Larson-
Codeine
Aktueller Tonträger:
When I See The Sun (Boxset)
(Numero Group/Groove Attack)




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